Nö! Nö! Nönö! Diet­rich Brüg­ge­manns Ruf hat seit sei­nem #al­les­dicht­ma­chen-Fi­as­ko hef­tig ge­lit­ten. Zu Recht. Ins­ge­samt ei­ne sel­ten däm­li­che Ak­ti­on, die al­len­falls die Ei­tel­keit der be­tei­lig­ten Per­so­nen vor­ge­führt hat. Nun al­so Brüg­ge­manns neu­er Film „Nö“. Ganz un­vor­ein­ge­nom­men be­spro­chen, denn Kunst und Künst­ler soll man ja be­kannt­lich von­ein­an­der tren­nen.

Zwi­schen ge­ni­al und di­let­tan­tisch wech­selnd, er­zählt die ro­man­ti­sche Tra­gi­ko­mö­die von ei­nem Paar, das über sie­ben Jah­re hin­weg ver­sucht, sei­ne Lie­be zu fin­den, be­zie­hungs­wei­se zu er­hal­ten. Der Arzt Mi­cha­el (Alex­an­der Khuon) und sei­ne Freun­din, die Schau­spie­le­rin Di­na (An­na Brüg­ge­mann), sind ei­gent­lich glück­lich mit­ein­an­der. Doch ei­nes Nachts über­legt Mi­cha­el, ob es nicht bes­ser wä­re, sich zu tren­nen. Kann das schon al­les ge­we­sen sein? Wei­ter so mit dem vor­ge­ge­be­nen Spieß­erle­ben oder aus­bre­chen?

Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on auf den Se­zier­tisch. Kaum je­mand zwi­schen 30 und 60, der sich nicht in min­des­tens ei­nem der vom Ge­schwis­ter­paar An­na und Diet­rich Brüg­ge­mann er­dach­ten Bil­der wie­der­fin­den wird. Die Vor­lie­be des Re­gis­seurs fürs Sur­rea­le er­zeugt schö­ne Mo­men­te, et­wa bei der zu ei­ner Se­kun­de fest­ge­fro­re­nen Un­ter­hal­tung zwi­schen ei­nem auf­ge­schnit­te­nem Pa­ti­en­ten auf dem OP-Tisch und sei­nem Arzt. An­de­res, wie die „Flucht“ aus ei­ner Ge­burts­kli­nik, die sich un­ver­se­hens in ei­ne Kriegs­höl­le ver­wan­delt (soll wohl für das ge­fähr­li­che Le­ben da drau­ßen ste­hen), er­hebt zu pe­ne­trant den Zei­ge­fin­ger und wirkt be­müht.

Wie schon Brüg­ge­manns Ber­li­na­le-Ge­win­ner „Kreuz­weg“ kommt „Nö“ fast oh­ne Schnit­te aus. Ka­me­ra­mann Alex­an­der Sass dreh­te die 15 Sze­nen größ­ten­teils sta­tisch in lan­gen One-shot-Ein­stel­lun­gen. Das ver­leiht dem Film ei­ne thea­ter­haf­te No­te. Und ähn­lich ei­nem Thea­ter­abend gibt es auch hier groß­ar­ti­ge und we­ni­ger ge­lun­ge­ne Mo­men­te auf der Büh­ne zu se­hen. So ist das sze­ni­sche Lie­bes­dra­ma am En­de ein biss­chen von al­lem: lus­tig und ernst zu­gleich, bis­wei­len auch an­ge­strengt und ba­nal.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2021
119 min
Re­gie Diet­rich Brüg­ge­mann
Ki­no­start 30. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © FLA­RE FILM / FILM­WELT Ver­lei­hagen­tur

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

Sag zum Ab­schied lei­se Ser­vus. Da­ni­el Craig hat die Schnau­ze voll, dies ist un­wi­der­ruf­lich sein letz­ter Bond. Mit et­was Glück wird aus dem Ab­schieds­schmerz im Lau­fe der Zeit Ver­mis­sen und dann ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung. Durch die zahl­rei­chen Ver­schie­bun­gen hat­ten die Bond-Fans knapp an­dert­halb Jah­re Zeit, in­ner­lich Ab­schied zu neh­men. Ur­sprüng­lich soll­te es be­reits im April 2020 ge­schüt­tel­te Mar­ti­nis ge­ben. We­nigs­tens für Da­ni­el Craig ei­ne Er­lö­sung, denn der woll­te sich nach sei­nem letz­ten Auf­tritt in „Spect­re“ „lie­ber die Puls­adern auf­schnei­den, als noch ein­mal als Bond vor der Ka­me­ra zu ste­hen“. Erst schma­le 50 Mil­lio­nen Pfund Ga­ge konn­ten ihn über­zeu­gen, ein al­ler­letz­tes Mal die Walt­her PPK zu zü­cken.

Hat sich das lan­ge War­ten ge­lohnt? Gro­ßes JA und klei­nes nein. Es ist na­tür­lich ein Er­leb­nis, den Film im Ki­no zu se­hen. Die ers­ten zwei Drit­tel sind auch wirk­lich toll. Es gibt zahl­rei­che char­man­te Hin­wei­se auf die letz­ten 24 Fil­me, der Hu­mor stimmt, Bil­der und Mu­sik sind groß. Al­les noch bes­ser als er­war­tet. Nur das letz­te Drit­tel ist, wie schon bei "Spect­re", der Schwach­punkt des Films und macht ihn ge­fühl­te 45 Mi­nu­ten zu lang.

Zum In­halt nur so viel: Ja­mes Bond kommt ei­nem ge­heim­nis­vol­len Bö­se­wicht auf die Spur, der im Be­sitz ei­ner brand­ge­fähr­li­chen neu­en Tech­no­lo­gie ist. Die Welt muss ein wei­te­res Mal ge­ret­tet wer­den. 

Fast drei Stun­den Zeit nimmt sich Re­gis­seur Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga, die Ge­schich­te von Bond zu En­de zu er­zäh­len. Da­ni­el Craig, der die Rol­le des Su­per­spi­ons an­fangs mit düs­te­rer Bru­ta­li­tät ge­spielt hat, nä­hert sich auf sei­ne al­ten Ta­ge er­fri­schen­der­wei­se der ge­ho­be­nen Au­gen­brau­en-Iro­nie von Ro­ger Moo­re an. Im 25. Ka­pi­tel der Film­rei­he hat ne­ben ei­nem we­nig über­zeu­gen­den Ra­mi Ma­lek als Ober-Schur­ke auch der in „Spect­re“ sträf­lich un­ter­for­der­te Chris­toph "Blo­feld" Waltz ei­nen Kurz­auf­tritt. Die Lo­ca­ti­ons sind wie im­mer atem­be­rau­bend, die Stunts irr­wit­zig, die Bond-Frau­en schön (dass sie nicht mehr Bond-Girls hei­ßen, ist Mit-Dreh­buch­au­to­rin Phoe­be Wal­ler-Bridge zu ver­dan­ken) und die Sprü­che ge­wohnt läs­sig. In ei­ner Top 5 der Craig-Bonds wür­de „Sky­fall“ im­mer noch Platz 1 be­le­gen. Sil­ber für „Ca­si­no Roya­le“ und „No Time to Die“ di­rekt da­hin­ter. Ins­ge­samt ein ful­mi­nan­ter und wür­di­ger Ab­schied aus dem Ge­heim­dienst ih­rer Ma­jes­tät.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ja­mes Bond – No Time To Die“
GB / USA 2020
163 min
Re­gie Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga
Ki­no­start 30. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal

TED BUNDY: NO MAN OF GOD

TED BUNDY: NO MAN OF GOD

Als sie das Dreh­buch zu­ge­schickt be­kommt, fragt sich Re­gis­seu­rin Am­ber Sea­ley zu Recht: „War­um wol­len die noch ei­nen Ted-Bun­dy-Film ma­chen?!“, gibt es doch mitt­ler­wei­le un­zäh­li­ge Spiel- und Do­ku­men­tar­fil­me, die sich mit dem Le­ben des Se­ri­en­kil­lers aus­ein­an­der­set­zen. Bun­dy ver­ge­wal­tig­te und tö­te­te laut ei­ge­ner Aus­sa­ge mehr als 30 Frau­en und Mäd­chen. Bill Hag­mai­er, ei­ner der ers­ten Pro­fi­ler, die da­zu aus­ge­bil­det wur­den, psy­cho­lo­gi­sche Tä­ter­pro­fi­le von Se­ri­en­mör­dern zu er­stel­len, soll­te im Auf­trag des FBI den zum To­de Ver­ur­teil­ten zum Re­den brin­gen. Das In­ter­view zog sich über fünf Jah­re, die Ton­band­auf­zeich­nun­gen lie­fer­ten spä­ter die Vor­la­ge für den Best­sel­ler „Ted Bun­dy: Con­ver­sa­ti­ons wi­th a Kil­ler“.

„Ted Bun­dy: No Man of God“ ist ein Kam­mer­spiel: Die meis­ten Sze­nen fin­den im Ver­hör­raum statt. Bun­dy strahlt ei­ne sub­ti­le Bös­ar­tig­keit aus, der sich Hag­mai­er kaum ent­zie­hen kann. Ein we­nig er­in­nert das Katz- und Maus­spiel an Han­ni­bal Lec­ter und Cla­ri­ce Star­ling. Eli­jah Wood spielt Hag­mai­er mit ei­ner un­auf­dring­li­chen En­er­gie, sanft und groß­äu­gig. Lu­ke Kir­by, der dem ech­ten Bun­dy frap­pie­rend ähn­lich sieht, ver­kör­pert die Ma­nie­ris­men und Spra­che des Mör­ders her­vor­ra­gend. Ob­wohl sich ei­ni­ge der In­ter­view­sze­nen un­nö­tig in die Län­ge zie­hen, bleibt die Span­nung dank der schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen durch­weg er­hal­ten. Re­gis­seu­rin Am­ber Sea­ley ver­steht es, ih­re weib­li­che Sicht un­auf­dring­lich in den Film ein­zu­we­ben. Manch­mal ver­harrt die Ka­me­ra wie ne­ben­bei kurz auf ei­ner Frau am Ran­de ei­ner Ein­stel­lung – ei­ne Sta­tis­tin auf dem Bür­ger­steig, in ei­nem Au­to, in ei­nem Flur – als lei­se Er­in­ne­rung dar­an, dass in Fil­men über männ­li­che Se­ri­en­mör­der die Op­fer oft ver­ges­sen wer­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „No Man of God“
USA 2021
100 min
Re­gie Am­ber Sea­ley
Ki­no­start 23. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Cen­tral Film

SCHACHNOVELLE

SCHACHNOVELLE

Die gym­na­sia­le Ober­stu­fe kann sich freu­en: Wenn in Zu­kunft Ste­fan Zweigs Welt­best­sel­ler „Schach­no­vel­le“ durch­ge­nom­men wird und der Leh­rer den 4:3 Röh­ren­fern­se­her auf dem quiet­schen­den Roll­wa­gen ins Klas­sen­zim­mer fährt, dann wird (hof­fent­lich) nicht mehr die zä­he 1960er-Ver­fil­mung mit Curd Jür­gens und Ma­rio Adorf ge­zeigt, son­dern die­se fa­bel­haf­te Neu­ver­fil­mung von Phil­ipp Stölzl.

Die Ma­cher ha­ben sich ent­schie­den, aus der 1942 von Zweig im Exil ge­schrie­be­nen Ge­schich­te lie­ber ein Stück pral­les Ki­no als lang­wei­li­ges Art­house zu ma­chen. Die Bil­der von Ka­me­ra­mann Tho­mas W. Ki­en­na­st sind groß und ci­ne­as­tisch, der Schnitt von Sven Bu­del­mann vir­tu­os und In­go Lud­wig Fren­zels Sound­track kann lo­cker mit je­der Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on mit­hal­ten. Und erst die Schau­spie­ler: Oli­ver Ma­suc­ci trägt den Film, spielt die viel­schich­ti­ge Fi­gur des Dr. Bar­tok prä­zi­se, wech­selt mü­he­los zwi­schen iro­nisch-süf­fi­san­tem Wie­ner Schmäh und bis zum Irr­sinn ge­quäl­tem Op­fer. Sein Kon­tra­hent Al­brecht Schuch zeigt in ei­ner Dop­pel­rol­le er­neut, dass er zu den bes­ten Schau­spie­lern der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on ge­hört.

Stölzl und Dreh­buch­au­tor El­dar Gri­go­ri­an in­ter­es­sie­ren sich nicht für ei­ne ar­ti­ge Buch­ver­fil­mung, sie ver­mi­schen und ord­nen die Ge­schich­te neu. Das mo­na­te­lan­ge Ver­hör Bar­toks im Ho­tel Me­tro­pol durch den Ge­sta­po-Lei­ter Böhm, in dem der An­walt ge­hei­me Num­mern­kon­ten preis­ge­ben soll, ist la­by­rin­thisch mit der Schiffs­rei­se Bar­toks von Eu­ro­pa nach New York ver­wo­ben. Als Zu­schau­er kann man bald nicht mehr zwi­schen Rea­li­tät, Ein­bil­dung, Wahr­heit und Wahn­sinn un­ter­schei­den. Ein sur­rea­ler Psy­cho­thril­ler, ein gro­ßer Wurf.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
111 min
Re­gie Phil­ipp Stölzl
Ki­no­start 23. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT

HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT

Was wä­re wenn?
Was wä­re, wenn sich das Mäd­chen kein blau­es Fahr­rad zu Weih­nach­ten ge­wünscht hät­te? Was wä­re, wenn der net­te Herr nicht sei­nen Platz in der Bahn an­ge­bo­ten hät­te? Wie harm­lo­se Nich­tig­kei­ten ei­ne Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen kön­nen, die in ei­ner Ka­ta­stro­phe noch lan­ge nicht en­det, er­zählt der Film „Hel­den der Wahr­schein­lich­keit“.

Als er bei ei­nem Zug­un­glück sei­ne Frau ver­liert, kehrt der grim­mi­ge Ar­mee­of­fi­zier Mar­kus (mit Ras­pel­kurz­haar­schnitt und Voll­bart kaum wie­der­zu­er­ken­nen: Mads Mik­kel­sen) nach Hau­se zu­rück, un­fä­hig, sei­nen Kum­mer zu ver­ar­bei­ten oder gar sei­ner Toch­ter Trost zu spen­den. Mar­kus ist wü­tend und kennt für Pro­ble­me nur zwei Lö­sun­gen: zu­schla­gen oder er­schie­ßen. Auf­tritt Ot­to: Der Sta­tis­ti­ker (fa­mos: Ni­ko­laj Lie Kaas) und sei­ne zwei schrä­gen Kol­le­gen Lenn­art und Em­men­tha­ler be­haup­ten, das Un­glück sei in Wahr­heit ein At­ten­tat ge­we­sen. Mar­kus sieht Rot und be­ginnt ei­nen Ra­che­feld­zug.

Ja, das klingt wie der drei­hun­dert­sie­ben­und­neun­zigs­te Liam Nee­son-Re­ven­ge-Thril­ler. Ist es aber nicht. Es wird zwar auch hier viel ge­schos­sen und ge­tö­tet, doch „Rit­ter der Wahr­schein­lich­keit“ ist kei­ne US-Kon­fek­ti­ons­wa­re, son­dern ei­ne dä­ni­sche Pro­duk­ti­on mit Mads Mik­kel­sen in der Haupt­rol­le – und das sind schon zwei Fak­to­ren, die spä­tes­tens seit „Der Rausch“ nur Gu­tes ver­hei­ßen. „Hel­den der Wahr­schein­lich­keit“ hat ei­nen doo­fen deut­schen Ver­leih­ti­tel, ist aber ei­ne in­tel­li­gen­te und sehr ko­mi­sche Ach­ter­bahn­fahrt durch ver­schie­de­ne Gen­res. Ein Film über Ver­lust, Ra­che­ge­lüs­te und un­be­wäl­tig­te Trau­ma­ta mit groß­ar­tig ge­zeich­ne­ten Fi­gu­ren und Tief­gang. Re­gis­seur An­ders Tho­mas Jen­sen ist ei­ne düs­te­re, blu­ti­ge Ac­tion-Ko­mö­die ge­lun­gen, die be­wegt und oft laut La­chen lässt. Gu­ter Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ret­fær­dig­he­dens ryt­te­re“
Dä­ne­mark 2020
116 min
Re­gie An­ders Tho­mas Jen­sen
23. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Neue Vi­sio­nen Film­ver­leih und Sple­ndid Film 

TOUBAB

TOUBAB

Das ist mal echt Pech: Bab­tou ist ge­ra­de aus dem Knast ent­las­sen wor­den, sei­ne Kum­pels ver­an­stal­ten ei­ne spon­ta­ne Will­kom­mens­par­ty und Zack – ein dum­mer Spruch, Schlä­ge­rei, Po­li­zei. Die Kon­se­quen­zen sind dra­ma­tisch: Bab­tou soll in den Se­ne­gal ab­ge­scho­ben wer­den, ob­wohl er in Deutsch­land ge­bo­ren wur­de und in Frank­furt auf­ge­wach­sen ist. Sei­ne ein­zi­ge Chan­ce: die Hei­rat mit ei­ner Deut­schen. Da sich auf die schnel­le kei­ne wil­li­ge Kan­di­da­tin fin­den lässt, springt Freund Den­nis ein. Die neue „schwu­le“ Lie­be sorgt im Hoch­haus Ghet­to für Är­ger und Ver­wir­rung.

Klingt nach al­ber­ner Ko­mö­die, ist aber ein über­ra­schend gu­ter Film. Na­tür­lich las­sen sich ein paar Kli­schees nicht ver­mei­den – so sind die bei­den deut­schen Be­am­ten, die dem jun­gen Glück ei­ne Schein­ehe nach­wei­sen wol­len, ein biss­chen sehr dick auf­ge­tra­gen. Und auch auf die pe­ne­tran­ten „Ja Mann, Dig­ger, Alter“-Dialoge könn­te man gut ver­zich­ten. Aber die Ge­schich­te hat Herz, vie­le gu­te Mo­men­te und vor al­lem ei­ne tol­le Be­set­zung. Farba Dieng und Ju­li­us Nit­sch­koff spie­len die bes­ten Freun­de er­fri­schend un­ver­krampft und mit dem rich­ti­gen Ti­ming für Läs­sig­keit und Tief­grün­dig­keit. Für ih­re schau­spie­le­ri­sche Leis­tung wur­den die bei­den mit dem Baye­ri­schen Film­preis aus­ge­zeich­net. Re­gis­seur Flo­ri­an Diet­rich woll­te ei­nen Film ma­chen, „der nicht eli­tär ist und trotz­dem ei­ne kla­re po­li­ti­sche Bot­schaft hat: ein bun­ter, star­ker, auf­rech­ter Mit­tel­fin­ger so­zu­sa­gen.“ Das ist ge­glückt.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Se­ne­gal 2021
96 min
Re­gie Flo­ri­an Diet­rich
Ki­no­start 23. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Ca­mi­no

JE SUIS KARL

JE SUIS KARL

Ge­nau so könn­te es in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft kom­men: Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on hat es gründ­lich satt und tut sich zu­sam­men, um ein “neu­es Eu­ro­pa” zu grün­den. Dass das schein­bar nur mit rechts­po­pu­lis­ti­schen Pa­ro­len geht, ist die Kehr­sei­te der Me­dail­le.

Ma­xi ist nach ei­nem Ter­ror­an­schlag, bei dem ih­re Mut­ter und ih­re bei­den Brü­der ums Le­ben kom­men, trau­ma­ti­siert. Als sie auf den gut­aus­se­hen­den Karl trifft, ahnt sie noch nicht, mit wem sie sich da ein­lässt. Karl hat gro­ße Plä­ne, will ganz Eu­ro­pa ver­än­dern. “Was wä­re für dich das Schlimms­te?”, fragt sie ihn. “Sinn­los zu ster­ben”, ant­wor­tet er. “Und das Bes­te?” “Sinn­voll”. Ma­xi ver­liebt sich Hals über Kopf in den cha­ris­ma­ti­schen Neo­na­zi und folgt ihm blind auf sei­ner Tour durch Eu­ro­pa.

Das neue Un­heil ver­birgt sich hin­ter hüb­schen Ge­sich­tern und ist im So­cial Net­work prä­sent.
Chris­ti­an Scho­ch­ow zeigt, wie die next ge­ne­ra­ti­on der rech­ten Sze­ne ih­re Fol­lower ver­führt: Kon­zer­te, In­fluen­cer-Live­be­rich­te, auf­wie­geln­de Re­den und ein paar free T‑Shirts un­ters Volk ge­schmis­sen. Ba­by-Hit­ler ist ein Rock­star.
“Je Su­is Karl” er­zählt ei­ne in­ter­es­san­te, doch ein biss­chen zu ge­hetzt ab­ge­spul­te Ge­schich­te. Vor al­lem Ma­xis Ra­di­ka­li­sie­rung fin­det im Zeit­raf­fer­tem­po statt. Der Stoff hät­te lo­cker für ei­ne Mi­ni­se­rie ge­reicht. Ge­gen En­de sind Dreh­buch­au­tor Tho­mas Wend­rich dann die Pfer­de durch­ge­gan­gen – die Zu­fäl­le häu­fen sich, die Hand­lung wirkt zu­se­hends kon­stru­ier­ter. Wirk­lich toll sind die Schau­spie­ler: Jan­nis Nie­wöh­ner kauft man das ma­ni­pu­la­ti­ve Neo­na­zi-Arsch­loch voll und ganz ab. Die Schwei­ze­rin Lu­na Wed­ler hat mit ih­ren 21 Jah­ren schon mehr­fach mit­tel­mä­ßi­ge Fil­me auf­ge­wer­tet. Und es ist schön, den un­ter­schätz­ten Mi­lan Pe­schel end­lich mal nicht in ei­ner Kla­mot­te zu se­hen.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Tsche­chi­sche Re­pu­blik 2021
126 min
Re­gie Chris­ti­an Schwo­chow
Ki­no­start 16. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Pan­do­ra Film

A‑HA: THE MOVIE

A‑HA: THE MOVIE

Fans müs­sen jetzt ganz tap­fer sein: Ob­wohl der hoch­tra­ben­de Ti­tel klingt, als han­de­le es sich um ein in­sze­nier­tes Bio­pic à la „Bo­he­mi­an Rhap­so­dy“ ist „a‑ha: The Mo­vie“ doch nur ein kon­ven­tio­nel­ler Do­ku­men­tar­film.

Tho­mas Robs­ahm und As­laug Holm rei­hen die Sta­tio­nen des Wer­de­gangs der nor­we­gi­schen Band brav und vi­su­ell eher ideen­los an­ein­an­der: Schü­ler­band. Hung­rig und mit­tel­los in der Groß­stadt. Ers­te Flops. Durch­bruch. In­ter­na­tio­na­ler Er­folg. Streit. Auf­lö­sung. Re­uni­on. Auf­lö­sung. Re­uni­on.

Einst für ih­re bahn­bre­chen­den Vi­deo­clips ge­fei­ert, le­ben a‑ha heu­te da­von, mit ih­ren zahl­rei­chen Hits auf Tour zu ge­hen oder ein dr­ölf­tes Best-of-Al­bum zu ver­öf­fent­li­chen. Kaum je­mand hat schon so oft ei­ne „Fi­nal Tour“ an­ge­kün­digt wie a‑ha – au­ßer viel­leicht Ro­land "Lun­gen­flü­gel" Kai­ser oder Ho­ward Car­penda­le.

Mor­ten Har­ket, Ma­gne Fu­ru­hol­men und Pål Wa­ak­ta­ar-Sa­voy schei­nen auch nach 40 Jah­ren noch im Selbst­fin­dungs­pro­zess zu ste­cken. Die Kon­flik­te in­ner­halb der Band sind bis heu­te nicht bei­gelegt, oder wie es Lau­ren Sa­voy, die Ehe­frau von Pål for­mu­liert: „Die drei brau­chen ei­ne Psy­cho­the­ra­pie. Je­der für sich und ge­mein­sam als Band.“

„Fuck Fa­me“, stellt Mor­ten ge­gen En­de des Films la­ko­nisch fest. Die Ant­wort auf die Fra­ge, wes­halb die Band wei­ter tourt, ob­wohl sie sich seit Jah­ren wei­gert, ge­mein­sam in ein Plat­ten­stu­dio zu ge­hen, lässt der Film of­fen ($). a‑ha ha­ben zwar zahl­rei­che Hits ver­öf­fent­licht, sind aber bis heu­te ih­ren Fans das ei­ne per­fek­te Al­bum schul­dig ge­blie­ben. Man möch­te sie ger­ne schüt­teln, die gan­zen klein­li­chen Strei­te­rei­en, wer was zu wel­chem Song bei­getra­gen hat, ver­ges­sen las­sen. Die ein­zi­ge nor­we­gi­sche Band, die es zu Welt­ruhm ge­bracht hat, soll­te lie­ber noch mal ei­nen neu­en Ci­ne­ma­sco­pe­song ver­öf­fent­li­chen, statt sich wei­ter be­lei­digt an­zu­zi­cken.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „a‑ha – The Mo­vie“
Nor­we­gen / Deutsch­land 2021
108 min
Re­gie Tho­mas Robs­ahm & As­laug Holm
Ki­no­start 14. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Edi­ti­on Salz­ge­ber

DUNE

DUNE

Wer Vi­sio­nen hat, soll­te zum Arzt ge­hen. Wenn an Alt­kanz­ler Schmidts Rat­schlag et­was dran ist, kann man nur hof­fen, dass "Dune" pri­vat ver­si­chert ist. Der Film ist ei­ne ein­zi­ge Vi­si­on. Die meis­ten der an­ge­te­as­ten Zu­kunfts­träu­me wer­den wohl erst im zwei­ten Teil von De­nis Ville­neu­ves Neu­ver­fil­mung des un­ver­film­bars­ten Ro­mans al­ler Zei­ten ein­ge­löst.

Wä­re "Dune" ei­ne TV-Se­rie, die man gu­ten Freun­den ans Herz le­gen möch­te, dann wür­de man sie wahr­schein­lich mit den Wor­ten „Du musst die ers­ten drei Fol­gen durch­hal­ten, dann wird es gut...“ emp­feh­len. "Dune" ist ei­ne Ein­lei­tung, ein Vor­spiel zu et­was Grö­ße­rem. Re­gis­seur Ville­neuve lässt sich viel Zeit, sei­ne Wel­ten und Cha­rak­te­re zu ent­fal­ten. Bis es rich­tig los­geht, ist schon mehr als die Hälf­te des 155-Mi­nu­ten-Werks ver­gan­gen.

Auch wenn es zwi­schen­durch mal zäh wird, "Dune" sieht wahn­sin­nig gut aus. Je­des Ein­zel­bild könn­te man sich aus­ge­druckt an die Wand hän­gen. Hübsch an­zu­se­hen ist auch die Be­set­zung: Ti­mo­thée Cha­l­a­met hat nicht nur be­nei­dens­wert lan­ge Wim­pern und ei­ne ma­kel­lo­se Haut, er ist zum Glück auch ein aus­ge­zeich­ne­ter Schau­spie­ler und ver­leiht der Rol­le des jun­gen Hel­den Paul Atrei­des die not­wen­di­ge Tie­fe und Glaub­wür­dig­keit. Über­haupt ist das al­les schau­spie­le­risch auf höchs­tem Ni­veau. Os­car Isaac, Re­bec­ca Fer­gu­son, Char­lot­te Ram­pling, Josh Bro­lin, Ja­vier Bar­dem – was soll da schon schief ge­hen? Und so­gar der ewi­ge Bro Ja­son „Aqua­man“ Mom­oa funk­tio­niert hier als sym­pa­thi­scher Co­mic Re­li­ef und Han So­lo-Er­satz. Von des­sen Leich­tig­keit hät­te der Film mehr ver­tra­gen kön­nen, denn Ville­neuve nimmt die epi­sche Ge­schich­te vom Kampf um den Spi­ce sehr ernst. Hu­mor hat da nichts ver­lo­ren. "Dune" ist mehr ma­chia­vel­li­sches Shake­speare-Dra­ma als Star-Wars-En­ter­tain­ment.

Die 4 Ster­ne wä­ren lo­cker 5 ge­wor­den, gin­ge es al­lein um die hand­werk­li­che Um­set­zung. Ka­me­ra, Sound, Vi­su­al Ef­fects, Aus­stat­tung – das ist al­les vom Feins­ten. Für sol­che Fil­me wur­de Ki­no er­fun­den. Al­so un­be­dingt auf der gro­ßen Lein­wand an­schau­en! Das Spek­ta­kel ist ein vi­su­el­les Fest (und klingt auch toll), bleibt aber emo­tio­nal leicht un­ter­kühlt. So ge­se­hen ist noch Luft nach oben. Da "Dune" en­det, als es ge­ra­de erst rich­tig los­geht, be­steht die Hoff­nung, dass der nächs­te Teil schnel­ler zur Sa­che kommt und die Ge­schich­te pa­cken­der wird. Bei Star Wars war die Fort­set­zung des Ori­gi­nals ja auch der bes­se­re Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Dune“
USA 2021
155 min
Re­gie De­nis Ville­neuve 
Ki­no­start 16. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © War­ner Bros. En­ter­tain­ment Inc.

BECKENRAND SHERIFF

BECKENRAND SHERIFF

Drei Pro­du­zen­ten pla­nen ei­nen Film:

Mir hobn noch bay­ri­sche För­dergöl­da zum aus­i­gebn, hobt’s ihr a Idee?
Wie wä­re es mit ei­ner Ko­mö­die? Ko­mö­die geht im­mer!
Ge­nau! Was Lus­ti­ges, so wie Di­di Hal­ler­vor­den!
Oder wie Lou­is de Funès? NEIN! DOCH! OHH!
Gut, aber es muss auch was fürs Herz sein…
Mit Dra­ma und gro­ßen Ge­füh­len…
Und die jun­ge Ziel­grup­pe müs­sen wir an­spre­chen...
Die Al­ten aber auch...
Am bes­ten mit Hu­mor von frü­her, in Rich­tung Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne.
Aba des is jo ned bay­risch, wos issn mitm Ger­hard Polt?
Gu­te Idee. Po­li­tisch und mit ak­tu­el­lem Be­zug zur Welt­la­ge...
Lebt die Schnee­ber­ger noch?
Viel­leicht was mit Flücht­lin­gen? 
Und wer führt Re­gie?
Der Dietl wär' su­per, aber der is ja schon tot.
Dann fragt's den Ro­sen­mül­ler, der mocht’s b'stimmt!

FAZIT

Kla­mauk mit fla­chen Wit­zen, gro­ßen Ge­füh­len, Mi­lan de Pe­schel, Gi­se­la Schnee­ber­ger, ak­tu­el­lem Be­zug und ein paar lus­ti­gen Sze­nen.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
114 min
Re­gie Mar­cus H. Ro­sen­mül­ler
Ki­no­start 09. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Leo­ni­ne

SAW: SPIRAL

SAW: SPIRAL

De­tec­ti­ve Eze­kiel “Ze­ke” Banks und sein Part­ner sol­len ei­ne Rei­he bru­ta­ler Mor­de auf­klä­ren. Im Lau­fe der Er­mitt­lun­gen wer­den die bei­den im­mer tie­fer in das mor­bi­de Spiel ei­nes rach­süch­ti­gen Kil­lers hin­ein­ge­zo­gen. Le co­chon qui rit ist zu­rück. „Saw Spi­ral“ ist be­reits Teil 9 der mitt­ler­wei­le leicht ab­ge­stumpf­ten Sä­ge­se­rie, da tut ei­ne Schleif­kur drin­gend not.

Des­halbt gibt's auch kei­ne her­kömm­li­che Hor­ror­film-Fort­set­zung, son­dern eher ein Crime-Dra­ma mit Splat­ter­ele­men­ten. Das Farb­sche­ma hat sich seit „Se­ven“ nicht ver­än­dert: Se­ri­en­mord trägt auch in die­sem Jahr wie­der grün-gelb. Und auch sonst sind die Zu­ta­ten sehr ver­traut. Ein C‑Picture mit pro­mi­nen­ter Be­set­zung: Chris Rock kann auch ernst und Sa­mu­el L. Jack­son ist in zu we­ni­gen Sze­nen kom­plett un­ter­for­dert.

Wä­ren da nicht die wi­der­li­chen Tor­tur­e­porn-Sze­nen, in de­nen Men­schen bei le­ben­di­gem Leib z. B. die Fin­ger aus­ge­ris­sen wer­den (für SAW-Ver­hält­nis­se al­ler­dings noch harm­los), könn­te „Saw Spi­ral“ auch als ganz okayes Cop­mo­vie durch­ge­hen. Va­ter-Sohn-Kon­flikt, kor­rup­te Po­li­zis­ten, Ver­tu­schung, Mord: Ge­nug Dra­ma für ei­ne gan­ze Se­rie neu­er Fil­me wä­re vor­han­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Spi­ral: From the Book of SAW“
USA 2020
93 min
Re­gie Dar­ren Lynn Bous­man
Ki­no­start 09. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

CURVEBALL – WIR MACHEN DIE WAHRHEIT

CURVEBALL – WIR MACHEN DIE WAHRHEIT

Krie­ge sind sinn­los. Vor al­lem, wenn sie auf­grund von Un­wahr­hei­ten ge­führt wer­den.
Ein be­son­ders gro­tes­kes Bei­spiel aus der jün­ge­ren Mensch­heits­ge­schich­te ist der Krieg USA ge­gen Irak. Bush hat Bag­dad in Grund und Bo­den ge­bombt, ob­wohl dort nie Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ge­fun­den wur­den.

Die ein­zi­ge Recht­fer­ti­gung für den An­griff wa­ren die Aus­sa­gen von Ra­fid Al­wan, Code­na­me „Cur­ve­ball". Der ehe­ma­li­ge ira­ki­sche Che­mie­in­ge­nieur tisch­te dem BND Mär­chen über ge­fähr­li­che An­thrax-Fa­bri­ken auf. Da­für be­kam er ei­nen deut­schen Pass und lie­fer­te den Be­hör­den ge­nau das, was sie hö­ren woll­ten.

Am 5. Fe­bru­ar 2003 be­zog sich Co­lin Powell in ei­ner Re­de vor dem UN-Si­cher­heits­rat auf Ge­heim­dienst­in­for­ma­tio­nen von ei­nem ira­ki­schen In­ge­nieur, der Be­wei­se für mo­bi­le Bio­waf­fen-La­bo­re auf Lkw ge­lie­fert hat. Im Saal wur­de ei­ne Gra­fik ge­zeigt, die auf der krit­ze­li­gen Kin­der­zeich­nung ba­sier­te, die Ra­fid für den BND an­ge­fer­tigt hat­te.

Ob­wohl den Re­gie­run­gen be­kannt war, dass die In­for­ma­tio­nen von Cur­ve­ball er­fun­den wa­ren, wur­de ver­tuscht. Das hat­te fa­ta­le Fol­gen: Der Krieg im Irak for­der­te meh­re­re 100.000 To­te.

„Cur­ve­ball – Wir ma­chen die Wahr­heit“ ist ein sa­ti­ri­scher Film über ei­ne un­glaub­li­che, aber lei­der wah­re Ge­schich­te. Re­gis­seur Jo­han­nes Na­ber er­zählt sei­ne Far­ce mit tro­cke­nem Hu­mor, im Stil er­in­nert das oft an ein Werk der Coen-Brü­der. Schön ab­surd.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
108 min
Re­gie Jo­han­nes Na­ber
Ki­no­start 09. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Film­welt Ver­lei­hagen­tur

EIN NASSER HUND

EIN NASSER HUND

Der 16-jäh­ri­ge Ira­ner Soheil zieht mit sei­nen El­tern nach Ber­lin-Wed­ding. Schnell freun­det er sich beim Ki­cken mit ein paar Mi­gran­ten­jungs an, ver­liebt sich in das tür­ki­sche Mäd­chen Sel­ma. Was Soheil sei­nen neu­en Freun­den ver­schweigt: Er ist kein Mus­lim, son­dern Ju­de. Als er sich ge­zwun­ge­ner­ma­ßen outet, ist der Beef (#Ju­gend­spra­che) vor­pro­gram­miert. Krass an­ti­se­mi­tisch! Ja, Mann!

Der Wed­ding ist nicht nur im Kom­men (seit über 50 Jah­ren), son­dern auch Hei­mat für Ara­ber, Kur­den, Tür­ken, Pa­läs­ti­nen­ser – al­les ei­ne gro­ße Fa­mi­lie. Doch we­he, ein Ju­de ver­irrt sich hier­hin, dann ist es mit der To­le­ranz vor­bei. „Für die Deut­schen bin ich ein Ka­na­ke, für die Tür­ken ein Ju­de und für die Is­rae­lis ein Ter­ro­rist“, stellt Soheil re­si­gniert fest. Wie soll es da je­mals Welt­frie­den ge­ben?

Viel zu viel reißt der Film in zu kur­zer Zeit an: Die Haupt­fi­gur Soheil ver­än­dert sich im Sau­se­schritt vom gu­ten Jun­gen zum ge­fei­er­ten Spray­er, dann zum bö­sen Dea­ler, Mes­ser­ste­cher, un­frei­wil­li­gen Va­ter, Ban­den­op­fer, Fach­mann für Nah­ost­kon­flik­te und schließ­lich zum is­rae­li­schen Sol­da­ten. Je­der Er­in­ne­rungs­fet­zen aus der Buch­vor­la­ge von Arye Sharuz Shali­car wird un­mo­ti­viert zu ei­ner Film­sze­ne ver­wurs­tet, egal, ob das ei­nen grö­ße­ren Zu­sam­men­hang er­gibt oder nicht. Mög­lich, dass der Film erst am Schnei­de­tisch zer­hack­stückt wur­de, aber flüs­sig er­zählt geht an­ders.

Da­mir Lu­kače­vić ver­folgt das heh­re Ziel, ei­nen po­li­ti­schen Film über Hass und Ge­walt, To­le­ranz und das schwie­ri­ge Zu­sam­men­le­ben ver­schie­de­ner Kul­tu­ren zu ma­chen. Das ist nur teil­wei­se ge­glückt. Die jun­gen (Laien)-Darsteller ma­chen ih­re Sa­che or­dent­lich, doch ei­ni­ge Sze­nen, be­son­ders die mit Ki­da Kho­dr Ra­ma­dan (un­ver­meid­lich), be­we­gen sich auf ge­ho­be­nem Schü­ler-Thea­ter-Ni­veau.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2021
102 min
Re­gie Da­mir Lu­kače­vić
Ki­no­start 09. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

RÄUBERHÄNDE

RÄUBERHÄNDE

Für ei­ne gan­ze Schü­ler­ge­nera­ti­on ge­hört der 2007 er­schie­ne­ne Ro­man „Räu­ber­hän­de“ von Finn-Ole Hein­rich mitt­ler­wei­le zur Pflicht­lek­tü­re. Dem drei Jah­re spä­ter ver­öf­fent­lich­ten "Tschick" nicht un­ähn­lich, geht es auch hier um zwei Jung­män­ner, die sich auf ei­ne Rei­se be­ge­ben, um mehr über sich selbst und das Le­ben her­aus­zu­fin­den.

Ja­nik (heißt so, sieht so aus) und Sa­mu­el ma­chen ge­ra­de Ab­itur. In ih­rer Frei­zeit hän­gen die bei­den 18-Jäh­ri­gen in ih­rer Gar­ten­hüt­te ab, kif­fen, knut­schen mit Mäd­chen und pla­nen ei­nen gro­ßen Trip nach Is­tan­bul. Sa­mu­el hofft dort sei­nen ver­schol­le­nen Va­ter wie­der­zu­fin­den. Doch kurz vor der Rei­se wird die Freund­schaft auf ei­ne har­te Pro­be ge­stellt. Die Din­ge ent­wi­ckeln sich an­ders als ge­plant.

Al­ter, zieh dein T‑Shirt aus – So lässt sich die Ver­fil­mung von „Räu­ber­hän­de“ gut zu­sam­men­fas­sen. Ne­ben der et­was be­müh­ten Ju­gend­spra­che, die je­den Satz mit „Al­ter“ be­gin­nen lässt (we­nigs­tens nicht mit Dig­ger), müs­sen die bei­den Haupt­dar­stel­ler in er­staun­lich vie­len Sze­nen ih­re Ober­tei­le aus­zie­hen. Wes­halb das so ist, bleibt das Ge­heim­nis des Re­gis­seurs. Emil von Schön­fels und Mek­yas Mu­lu­ge­ta be­mü­hen sich halb­nackt, den ra­scheln­den Dreh­buch­sei­ten-Dia­lo­gen Le­ben ein­zu­hau­chen.

Trotz teils kramp­fi­ger Spra­che – die At­mo­sphä­re des ju­gend­li­chen Auf­bruchs, die Zeit, in der al­les egal und die Welt of­fen zu ste­hen scheint, ist ge­konnt ein­ge­fan­gen. Und „Räu­ber­hän­de“ sieht gut aus. Ka­me­ra­frau Ju­dith Kauf­mann hat für die Co­ming-of-age-Ge­schich­te in­ti­me, un­ge­küns­tel­te Bil­der ge­fun­den, das trös­tet über so man­che In­sze­nie­rungs­schwä­che hin­weg.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
92 min
Re­gie İlk­er Ça­tak
Ki­no­start 02. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Edi­ti­on Salz­ge­ber

BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL

BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL

Pa­ris um 1900. Fe­lix Krull (Jan­nis Nie­wöh­ner) ar­bei­tet als Lift­boy in ei­nem Luxus­hotel. Bei den Gäs­ten, vor al­lem den weib­li­chen, ist der at­trak­ti­ve jun­ge Mann sehr be­liebt. Als er sich ei­nes Abends mit dem un­glück­lich ver­lieb­ten Mar­quis Lou­is de Ven­os­ta (Da­vid Kross) über das Le­ben un­ter­hält, kom­men die bei­den auf die Idee, ih­re Iden­ti­tä­ten zu tau­schen. Nur so kann der Mar­quis fern al­ler fa­mi­liä­ren und ge­sell­schaft­li­chen Zwän­ge mit sei­ner An­ge­be­te­ten, Za­za (Liv Li­sa Fries) zu­sam­men­le­ben. Für Fe­lix be­deu­tet der Rol­len­tausch ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Auf­stieg, der ihn bis an den Hof des por­tu­gie­si­schen Kö­nigs führt.

Die Ver­fil­mung von Tho­mas Manns letz­tem Ro­man ge­hört zu den ge­lun­ge­ne­ren Spät­wer­ken Det­lev Bucks. Das Dreh­buch hat (mit viel künst­le­ri­scher Frei­heit) der all­ge­gen­wär­ti­ge Da­ni­el Kehl­mann ver­fasst. Kind­heit und Ju­gend Krulls hat der Au­tor stark ver­nach­läs­sigt, die Kon­zen­tra­ti­on auf den er­wach­se­nen Hoch­stap­ler be­kommt dem kom­pak­ten Ki­no­for­mat gut. Ka­me­ra­mann Marc Achen­bach fängt die zur Jahr­hun­dert­wen­de spie­len­de Ge­schich­te in üp­pi­gen Bil­dern ein. Bei Aus­stat­tung, Kos­tü­men und Set­bau wur­de ge­klotzt, das hat ho­hes Ni­veau.

Schau­spie­le­risch ist die gan­ze Band­brei­te ver­tre­ten: Liv Li­sa Fries setzt ih­re Ba­by­lon Ber­lin-Rol­le in an­de­ren Kos­tü­men fort, ge­wohnt frech und frei Schnau­ze. Da­vid Kross ist wie im­mer ver­läss­lich gut und spielt den et­was zu grin­se­ba­cki­gen Jan­nis Nie­wöh­ner lo­cker an die Wand.

Da­ne­ben gibt es noch ein Tref­fen der Tat­ort-Kom­mis­sa­re: In ei­ner Ne­ben­rol­le als Pro­fes­sor Ku­ckuck zeigt Joa­chim Król was für ein aus­ge­zeich­ne­ter Schau­spie­ler er ist, wäh­rend Ma­ria Furtwäng­ler in der Rol­le der lie­bes­hung­ri­gen Ma­dame Hou­pflé schnell an ih­re dar­stel­le­ri­schen Gren­zen ge­rät.

Cham­pa­gner zieht sich als ro­ter Fa­den durch die Ge­schich­te, nicht von un­ge­fähr, schließ­lich ist Fe­lix der Sohn ei­nes Schaum­wein­fa­bri­kan­ten. Wenn die 1957er-Ver­fil­mung mit Horst Buch­holz Cham­pa­gner, die deutsch/​französische Mi­ni­se­rie aus den 1980er-Jah­ren Cré­mant ist, dann geht der neue Buck als gu­ter Sekt durch. Hei­ter, be­schwipst, hin­ter­lässt aber kei­nen blei­ben­den Ein­druck.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
114 min
Re­gie Det­lev Buck
Ki­no­start 02. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny