BOB MARLEY: ONE LOVE

BOB MARLEY: ONE LOVE

Ja, Mann! Bob Marley hätte einen besseren Film verdient als dieses flache Malen-nach-Zahlen-Biopic.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

Rei­nal­do Mar­cus Greens Film wen­det sich an ein Pu­bli­kum, das ent­we­der gar nichts über Bob Mar­ley weiß (Bob wer?) oder Fans, die ein­fach noch mal die Grea­test Hits des Reg­gae­mu­si­kers hö­ren wol­len. Schon der An­fang ist ent­spre­chend plump: Schrift­ta­feln in­for­mie­ren den Zu­schau­er ge­fühlt mi­nu­ten­lang, wer der Mann über­haupt war und in wel­cher Zeit er leb­te.

Mit dem Holzhammer erzählt

Wer es noch nicht wuss­te: Bob Mar­ley war ein ja­mai­ka­ni­scher Mu­si­ker und Ak­ti­vist, der als be­deu­tends­ter Ver­tre­ter und Mit­be­grün­der der Reg­gae-Mu­sik gilt. Ge­mein­sam mit sei­ner Band The Wai­lers hat­te er zahl­lo­se Hits. Mit nur 36 Jah­ren starb er am 11. Mai 1981 an Haut­krebs.

Ei­ne Ge­schich­te wie mit dem Holz­ham­mer er­zählt. Bei­spiels­wei­se so: Kaum hört Mar­ley (King­s­ley Ben-Adir) ein paar Tak­te des Sound­tracks zum Paul-New­man-Film EX­ODUS, schon greift er nach der Gi­tar­re und per­formt aus dem Stand den Welt­hit „Ex­odus“. Ja, so ge­ni­al war er wohl. Oder: Mar­ley und sei­ne Frau Ri­ta (Lasha­na Lynch) strei­ten sich, sie läuft wei­nend weg und – rich­tig – in der nächs­ten Sze­ne ist „No Wo­man, No Cry“ zu hö­ren. Wel­cher Song läuft wohl vor ei­ner Schie­ße­rei?

Re­gie und Dreh­buch mö­gen es oh­ne­hin sim­pel, ha­ken mehr ab, als ei­ne dra­ma­tur­gisch in­ter­es­san­te Sto­ry zu er­zäh­len. Kei­ne Sze­ne, in der nicht ir­gend­was Maß­geb­li­ches be­spro­chen oder Ge­nia­les kom­po­niert wird. Das mag zwar al­les so ge­we­sen sein, ei­ne tie­fer­ge­hen­de Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re bleibt bei die­sem "Best of ei­nes Le­bens" aus. Tech­nisch ist das gut ge­macht und auch schau­spie­le­risch gibt es nichts zu me­ckern, nur das Dreh­buch hat die Ele­ganz ei­nes Wi­ki­pe­dia­ein­trags.

Mu­si­ker-Bio­pics sind ein hit-or-miss-Spiel: Ver­klei­de­te Schau­spie­ler, die zum Play­back per­for­men, er­rei­chen nie die Kraft und den Zau­ber des Ori­gi­nals. Für je­de BO­HE­MI­AN RA­HAP­SO­DY gibt es ei­nen RO­CKET­MAN, für je­den EL­VIS ei­nen MA­ES­TRO. In die­sem Fall ist nicht nur haar­tech­nisch ge­se­hen GIRL YOU KNOW IT’S TRUE der bes­se­re Ras­ta­zopf-Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Bob Mar­ley: One Love“
USA 2024
105 min
Re­gie Rei­nal­do Mar­cus Green

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

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PRISCILLA

PRISCILLA

Ab 04. Januar 2024 im Kino

Was vom Mythos übrigblieb – die wahre Geschichte von Elvis Presleys besserer Hälfte.

Text: An­ja Besch

Wohl je­der kennt die Sto­ry von Pri­scil­la Be­au­lieu, die als 14-Jäh­ri­ge auf ei­nem deut­schen Ar­my-Stütz­punkt El­vis ken­nen­lernt und ihm aus Lie­be in den gol­de­nen Kä­fig Grace­land nach Mem­phis folgt. Statt el­ter­li­cher Auf­sichts­pflicht gilt es nun, die kru­den re­li­giö­sen und mo­di­schen Le­bens­re­geln des El­vis Aa­ron Pres­ley aka „El­vis the Pel­vis“ zu be­fol­gen. Der hüft­schwin­gen­de Su­per­star und Pin Up Boy ei­ner gan­zen krei­schen­den Back­fisch­ge­ne­ra­ti­on ent­puppt sich im über­la­de­nen Heim als pil­len­ko­ma­tö­ser Sex­muf­fel, der sie­ben Jah­re lang al­len­falls Hand an die Op­tik sei­ner spä­ter An­ge­trau­ten legt. Vier­zehn Jah­re und ein über­ra­schen­des Kind spä­ter ver­lässt Pri­scil­la den King und schreibt 1985 ih­re Me­moi­ren „El­vis und Ich“, auf de­nen die 20 Mil­lio­nen US-Dol­lar teu­re Pro­duk­ti­on von Re­gis­seu­rin So­phia Cop­po­la be­ruht.

Lehr­stück in Make-up, Fri­su­ren­sty­ling und Raum­aus­stat­tung

PRI­SCIL­LA ist zwar auf­wen­di­ger als ein Pri­vat­fern­se­hen-Bio­pic, doch kei­nes­wegs in­ter­es­san­ter, auf­schluss­rei­cher oder sub­ti­ler. Was die Kö­ni­gin des Mu­sik-Mer­chan­di­se-Mar­ke­tings zu eben die­ser mach­te (Le­bens­auf­ga­be seit El­vis Tod 1977 – ne­ben ta­lent­frei­en Schau­spiel­ver­su­chen in DAL­LAS oder DIE NACK­TE KA­NO­NE – Ver­wal­te­rin der Pil­ger­stät­te Grace­land), ist al­len­falls ein Lehr­stück in Make-up, Fri­su­ren­sty­ling und Raum­aus­stat­tung.

Na­tür­lich zieht der Na­me der be­kann­tes­ten Ex-Ehe­frau der Welt, doch ist nicht je­des ver­meint­li­che VIP-Op­fer gleich ei­ne ver­fil­mungs­wür­di­ge Iko­ne. Um die Be­zie­hung des My­thos‘ El­vis zu sei­ner Kinds­braut zu ver­ste­hen, hät­te es mehr als die über­di­men­sio­nier­ten 40 cm Grö­ßen­un­ter­schied der bei­den Haupt­dar­stel­ler Cai­lee Spae­ny und Ja­cob Elor­di ge­braucht. Der Zu­schau­er bleibt au­ßen vor und lei­det bei Trän­chen der chro­nisch Un­ter­lieb­ten – de­ren Na­mens­pa­tro­nin be­zeich­nen­der­wei­se ei­ne vor­christ­li­che Mär­ty­re­rin ist – al­len­falls mit ih­rer Wim­pern­tu­sche. Zum Trost gibt es nicht ein­mal ein Wie­der­hö­ren mit ge­fühls­ver­stär­ken­den El­vis-Songs, da aus recht­li­chen Grün­den der Score von Cop­po­las Ehe­mann Tho­mas Mars und des­sen Poprock­band „Phoe­nix“ stammt.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Pri­scil­la“
USA 2023
113 min
Re­gie So­fia Cop­po­la

al­le Bil­der © MU­BI

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GIRL YOU KNOW IT'S TRUE

GIRL YOU KNOW IT'S TRUE

Ab 21. Dezember 2023 im Kino

Sie verkauften 14 Millionen Alben, wurden zu Stars – gesungen haben andere. Ist die Geschichte von Milli Vanilli knapp 30 Jahre später noch relevant genug, um daraus einen Kinofilm zu machen?

Der ko­me­ten­haf­te Auf­stieg und der kras­se Ab­sturz der bei­den Back­ground­tän­zer Ro­bert Pi­la­tus und Fa­bri­ce Mor­van, bes­ser be­kannt als Mil­li Va­nil­li, ist 1993 der größ­te Skan­dal, den die Mu­sik­ge­schich­te bis da­to er­lebt hat. Ver­gleich­bar in et­wa, wenn heu­te raus­kä­me, dass Tay­lor Swift seit Jah­ren die Lip­pen zum Play­back ei­ner an­de­ren Sän­ge­rin be­wegt. Mil­li Va­nil­li sind in­ter­na­tio­na­le Stars aus Mün­chen. Num­mer eins Hits welt­weit, ver­göt­tert in Ame­ri­ka und Ge­win­ner des Gram­mys als Best New Ar­tists. Doch dann lässt Pro­du­zent Frank Fa­ri­an bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz die Bom­be plat­zen: Rob und Fab ha­ben nicht ei­nen Ton auf ih­rem mil­lio­nen­fach ver­kauf­ten Al­bum selbst ge­sun­gen. Al­les Lug und Trug. Ih­re Plat­ten wer­den öf­fent­lich von ent­täusch­ten Fans mit Bull­do­zern zer­malmt.

Ei­ne al­ber­ne deut­sche Kla­mot­te auf RTL-Ni­veau?

Wenn Men­schen, die es gut mit ei­nem mei­nen, hö­ren, dass man sich bei strö­men­dem Re­gen zur Pres­se­vor­füh­rung ei­nes Mil­li Va­nil­li-Bio­pics mit Mat­thi­as Schweig­hö­fer (!) auf­macht, ern­tet man Mit­leid. War­um tust Du dir das an? Die ei­ge­ne Lust ist auch nicht ge­ra­de groß, schließ­lich sieht der Trai­ler ver­bo­ten schlecht aus. Ei­ne al­ber­ne deut­sche Kla­mot­te auf RTL-Ni­veau über zwei Fake-Mu­si­ker – wer braucht das? Und dann die gro­ße Über­ra­schung: Nicht nur nervt Schweig­hö­fer nicht, der Film ist rich­tig gut. Un­ter­halt­sam, wit­zig und vor al­lem auf den Punkt be­setzt. Ti­jan Njie und Elan Ben Ali se­hen den Ori­gi­na­len un­fass­bar ähn­lich und kön­nen auch noch spie­len.

Die Rah­men­hand­lung zeigt die bei­den auf dem Hö­he­punkt ih­rer Kar­rie­re. In ei­nem lu­xu­riö­sen Ho­tel­zim­mer auf die Couch ge­fläzt, er­zäh­len sie ih­re Ge­schich­te. Da­bei durch­bricht Re­gis­seur Ver­hoe­ven, wie auch spä­ter bei an­de­ren Sze­nen, die vier­te Wand. Die Dar­stel­ler spre­chen di­rekt zu den Zu­schau­ern. Nur ei­ne von vie­len gu­ten Ideen, die den Film auch vi­su­ell in­ter­es­sant ma­chen. Schön wi­der­lich ist die Aus­stat­tung. Wer da­bei war, er­in­nert sich: so ge­schmack­los sah En­de der 80er-Jah­ren die Mo­de wirk­lich aus. Ne­ben der ei­gent­li­chen Skan­dal­ge­schich­te gibt es Wis­sens­wer­tes über die Ab­grün­de des Mu­sik­busi­ness (der gro­ße Hit „Girl you know it’s true“ war ge­klaut – Fa­ri­an selbst nennt es ei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on) und die fa­mi­liä­ren Hin­ter­grün­de der bei­den ge­fal­le­nen Stars.

Wie so oft, fin­det auch GIRL YOU KNOW IT’S TRUE kein En­de. Es gibt da ei­ne be­stimm­te Sze­ne mit ei­nem Walk­man, die das per­fek­te Schluss­bild für die­sen un­er­war­tet gu­ten Film ge­we­sen wä­re. Aber das ist nur ein klei­nes Man­ko – die un­glaub­lich wah­re Ge­schich­te von Mil­li Va­nil­li ist ei­ne echt ge­lun­ge­ne Über­ra­schung zu Weih­nach­ten.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
124 min
Re­gie Si­mon Ver­hoe­ven

al­le Bil­der © LEO­NI­NE Stu­di­os

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MUNCH

MUNCH

Ab 14. Dezember 2023 im Kino

Biopic über den Vater des Expressionismus, Edvard Munch. Sein Gemälde „Der Schrei“ ist eines der berühmtesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

MUNCH ist ei­ne Tour de Force durch das See­len­le­ben ei­nes un­er­gründ­li­chen Künst­lers. Von sei­nen Kol­le­gen miss­ver­stan­den, vom Kunst­be­trieb ab­ge­lehnt, von Me­lan­cho­lie ge­plagt und von der Al­ko­hol­sucht ge­quält – Re­gis­seur Hen­rik Mar­tin Dah­ls­bak­ken zeich­net ein nu­an­cier­tes Por­trät des nor­we­gi­schen Ma­lers.

Nur we­ni­ge wa­ren pro­duk­ti­ver

Das 19. Jahr­hun­dert ist nur ein Han­dy­klin­geln vom Tech­no­club ent­fernt. MUNCH schafft den Be­zug zum Heu­te, in­dem er Sze­nen frech ins Ber­lin der Jetzt­zeit ver­legt. Dort sorgt 1892 die ers­te Aus­stel­lung des jun­gen Ma­lers für ei­nen Skan­dal. Ei­ne von vie­len künst­le­risch mu­ti­gen Ideen, die das Bio­pic zu ei­nem re­le­van­ten, mo­der­nen Stück Ki­no ma­chen. So wird der grei­se Munch bei­spiels­wei­se von der nor­we­gi­schen Thea­ter­schau­spie­le­rin An­ne Krigs­voll ge­spielt, ei­ne über­ra­schen­de Be­set­zung, die her­vor­ra­gend funk­tio­niert.

Der gro­ße Ruhm setzt auch bei Ed­vard Munch erst lan­ge nach sei­nem Tod ein: 2012 wird „Der Schrei“ für un­fass­ba­re 120 Mil­lio­nen US-Dol­lar ver­stei­gert. Wie in den bei­den an­de­ren ak­tu­el­len Ma­ler­bio­pics DA­LI­LAND und DER SCHAT­TEN VON CA­RA­VAG­GIO spie­len auch bei MUNCH die Kunst­wer­ke selbst nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Die See­len­qua­len (und da­mit In­spi­ra­ti­ons­quel­len) des Künst­lers ste­hen mehr im Mit­tel­punkt als sein Werk. Ver­ständ­lich, denn für ei­nen Spiel­film bie­ten ab­ge­film­te Ge­mäl­de nur ei­nen über­schau­ba­ren Un­ter­hal­tungs­wert. Wer das im Ki­no trotz­dem se­hen möch­te, für den gibt es am En­de von MUNCH ei­ne tol­le, mehr­mi­nü­ti­ge Se­quenz, die ein Best of sei­ner be­rühm­tes­ten Bil­der zeigt. Es sind vie­le. Munch hin­ter­ließ der Nach­welt mehr als 1.700 Ge­mäl­de.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Munch“
Nor­we­gen 2023
104 min
Re­gie Hen­rik Mar­tin Dah­ls­bak­ken

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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ELVIS

Kinostart 23. Juni 2022

Er war Su­per­star
Er war po­pu­lär
Er war so ex­al­tiert
Be­cau­se er hat­te Flair
Er war der wah­re King, der größ­te Rock’n Roll Star al­ler Zei­ten.
Bis heu­te hat kein So­lo­künst­ler mehr Mu­sik­trä­ger ver­kauft als El­vis Pres­ley.

Baz Luhr­mann ist ei­ner der Re­gis­seu­re, de­ren Hand­schrift man schon nach we­ni­gen Ein­stel­lun­gen er­kennt. Dies­mal dau­ert es nicht ein­mal ei­ne Se­kun­de, denn schon das dia­man­ten­fun­keln­de 3D-Lo­go von War­ner Brot­hers zeigt, wo­hin die Rei­se geht. Ge­treu dem Li­be­r­ace-Mot­to „Too much of a good thing is won­derful“ schöpft der Re­gis­seur aus dem Vol­len. Al­les ist über­in­sze­niert, ge­fil­tert und auf ma­xi­ma­le Wir­kung in­sze­niert. Wer Luhr­manns Ar­bei­ten kennt, weiß, dass bei ihm Form vor In­halt geht. Das sieht al­les er­war­tungs­ge­mäß toll aus, Ca­the­ri­ne Mar­tins Kos­tü­me und das Pro­duk­ti­ons­de­sign sind ei­ne Hom­mage an Pres­leys Blü­te­zeit von den 1950er bis zu den 1970er-Jah­ren.

Doch un­ter all dem Gla­mour und Glit­ter ver­birgt sich ei­ne kom­ple­xe Ge­schich­te. Der Film be­leuch­tet das Le­ben und die Mu­sik des Su­per­stars durch das Pris­ma sei­ner schwie­ri­gen Be­zie­hung zu sei­nem be­rüch­tig­ten Ma­na­ger Co­lo­nel Tom Par­ker, mit reich­lich Fett­pro­the­sen schön ölig von Tom Hanks ge­spielt.

Egal, ob man Luhr­manns trai­ler­ar­ti­ges Schnitt­ge­wit­ter nun mag oder nicht, sein opu­len­tes Bio­pic ist vor al­lem eins: A su­per­star in the ma­king. Aus­tin But­ler gibt mit se­xu­el­ler Dy­na­mik al­les, shakes, ratt­les and rolls mit so viel Hin­ga­be, dass er nach En­de der Dreh­ar­bei­ten für zwei Wo­chen mit Er­schöp­fungs­sym­pto­men ins Kran­ken­haus muss­te. All die Mü­he hat sich ge­lohnt, denn so­gar El­vis-Wit­we Pri­scil­la ist be­geis­tert: Kein an­de­rer Film ha­be „El­vis je­mals bes­ser dar­ge­stellt“ als die­ser.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „El­vis“
USA 2022
159 min
Re­gie Baz Luhr­mann

al­le Bil­der © War­ner Bros. En­ter­tain­ment Inc.

KING RICHARD

KING RICHARD

Kinostart 24. Februar 2022

„Das ge­fähr­lichs­te Le­be­we­sen auf Er­den ist ei­ne Frau, die ih­ren Ver­stand ein­setzt.“
Ri­chard Wil­liams weiß, dass sei­ne Töch­ter klu­ge Mäd­chen sind und er hat ei­nen Plan: Mit viel Lie­be, har­tem Trai­ning und un­kon­ven­tio­nel­len Me­tho­den will er Ve­nus und Se­re­na zu Welt­klas­se-Ten­nis­spie­le­rin­nen auf­bau­en.

Doch die nicht nur klei­dungs­tech­nisch sehr wei­ße Sport­art emp­fängt den Va­ter aus dem Get­to lan­ge Zeit mit ver­schränk­ten Ar­men. Im­mer wie­der wei­sen ihn po­ten­zi­el­le Trai­ner und För­de­rer ab: ei­ne Kar­rie­re im Ten­nis braucht den rich­ti­gen Back­ground – al­so Geld, Her­kunft und Ver­bin­dun­gen.

Ve­nus und Se­re­na Wil­liams: Bei­de be­leg­ten Platz 1 der Welt­rang­lis­te, bei­de ge­wan­nen un­zäh­li­ge Ti­tel im Ein­zel und Dop­pel. Der in­ter­es­san­te Twist: „King Ri­chard“ rückt den (un)-berühmten Va­ter der über­er­folg­rei­chen Ten­nis­spie­le­rin­nen in den Mit­tel­punkt sei­ner Ge­schich­te. Statt ei­ner na­he­lie­gen­den, klas­si­schen Bio­gra­fie, die die Kar­rie­re-Sta­tio­nen der Schwes­tern ar­tig ab­han­delt, er­zählt Re­gis­seur Green das Hel­den­epos vom Va­ter, der trotz al­ler Wid­rig­kei­ten nie­mals auf­gibt. Un­klar, ob das in Wirk­lich­keit so glor­reich ab­ge­lau­fen ist oder Ri­chard Wil­liams nicht auch sei­ne ei­ge­nen Ei­tel­kei­ten be­dient hat. Ve­nus und Se­re­na Wil­liams sind Mit-Pro­du­zen­tin­nen – könn­te schon sein, dass da ein paar Kan­ten glatt ge­schlif­fen wur­den und ei­ni­ges idea­li­siert dar­ge­stellt wird.

Wie bei ei­nem Film über den Auf­stieg zwei­er Ten­nis­stars nicht an­ders zu er­war­ten, gibt es je­de Men­ge Sze­nen auf dem Platz. Auch wenn das für sich ge­nom­men span­nend ist (we­nigs­tens für Ten­nis­fans) sind aus­ge­rech­net dies die un­in­ter­es­san­tes­ten Mo­men­te des Films. „King Ri­chard“ ist ein Schau­spie­ler­film: Will Smith ist in Best­form, spielt auf dem Ni­veau sei­ner os­car­no­mi­nier­ten Leis­tun­gen in „Das Stre­ben nach Glück“ und „Ali“. Ne­ben ihm ei­ne Rei­he aus­ge­zeich­ne­ter New­co­mer, al­len vor­an Sa­ni­y­ya Sid­ney als Ve­nus und De­mi Sin­gle­ton als Se­re­na.

„King Ri­chard“ ist ein fes­seln­des, gut ge­mach­tes Dra­ma mit erst­klas­si­ger Be­set­zung. Se­hens­wert, auch wenn man Ten­nis nichts ab­ge­win­nen kann.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „King Ri­chard“
USA 2022
140 min
Re­gie Rei­nal­do Mar­cus Green

al­le Bil­der © Te­le­pool

RESPECT

RESPECT

Als Are­tha Frank­lin 1967 kom­plett be­sof­fen von der Büh­ne fällt, hat sie end­gül­tig ih­ren per­sön­li­chen Whit­ney-Hous­ton-Tief­punkt er­reicht. Der über­mäch­ti­ge Va­ter, der bru­ta­le Ehe­mann, die Sucht, das ewi­ge Un­glück­lich­sein trotz des über­ra­gen­den Ta­lents: es gibt vie­le Ähn­lich­kei­ten zum Le­bens­lauf an­de­rer Pop- und Soul­di­ven. Ti­na Tur­ner kann da­von ein Lied sin­gen. Wie der Rock­röh­re aus Nutbush/​Tennessee ha­ben die 1980er-Jah­re auch Are­tha Frank­lin ein Come­back be­schert. „Re­spect“ lässt die­sen Teil des Kar­rie­re-Herbs­tes aus, kon­zen­triert sich ganz auf die Ju­gend- und frü­hen Er­folgs­jah­re der Queen of Soul.

Was für ein Le­ben: Schon als Klein­kind wird Are­tha nachts vom Va­ter aus dem Bett ge­zerrt, um On­kel Du­ke (El­ling­ton) und Tan­te Del­la (Ree­se) ein Lied vor­zu­sin­gen. Bei dem pro­mi­nen­ten Um­gang kein Wun­der, dass die klei­ne Ree pro­fes­sio­nel­le Sän­ge­rin wird. Die ge­lieb­te Mut­ter stirbt früh, mit 12 wird Are­tha das ers­te Mal schwan­ger. Mit An­fang 20 hei­ra­tet sie Ted White, die Ehe ist von Miss­hand­lung und Bru­ta­li­tät ge­prägt. Ihr oft di­ven­haf­tes Ver­hal­ten, Suff und ver­pass­te Ter­mi­ne füh­ren schließ­lich zum Ab­sturz. Ret­tung bringt erst der Weg (zu­rück) zum Her­ren, ge­krönt von ih­rem le­gen­dä­ren Gos­pel-Live­kon­zert 1972 in Los An­ge­les. Hal­le­lu­ja!

Kein R‑E-S-P-E-C‑T vom Feuil­le­ton: Das wirft dem Bio­pic vor, es sei zu „so­a­pig“ ge­ra­ten. Wenn das ei­ne Um­schrei­bung für „zu un­ter­halt­sam“ sein soll, dann stimmt die Kri­tik aus­nahms­wei­se. Die 145 Mi­nu­ten sind er­staun­lich kurz­wei­lig. Na­tür­lich gab es die­se Art Künst­ler­bio­gra­fie schon hun­dert Mal, auch hier wer­den al­le Sta­tio­nen der Kar­rie­re ar­tig ab­ge­ar­bei­tet, da be­tritt der Film kein Neu­land.

„Re­spect“ ist vor al­lem Jen­ni­fer Hud­sons Film, mit dem sie sich nach ih­rem Os­car­erfolg „Dream­girls“ und vie­len mit­tel­mä­ßi­gen Fil­men wie­der in schau­spie­le­ri­scher Best­form zeigt. Ab­ge­se­hen von ih­rer groß­ar­ti­gen Sing­stim­me spielt sie Fran­k­lins Qua­len und Selbst­zwei­fel so ge­konnt, dass ein paar Dreh­buch- und In­sze­nie­rungs­schwä­chen nicht wei­ter ins Ge­wicht fal­len.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Re­spect“
USA 2021
145 min
Re­gie Liesl Tom­my
Ki­no­start 25. No­vem­ber 2021

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Van Gogh – An der Schwel­le zur Ewig­keit  ist ein Film, zu dem man ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung le­sen soll­te. Da bei frame​ra​te​.one der Ser­vice­ge­dan­ke an ers­ter Stel­le steht, bit­te­schön: Bei­na­he al­le Dia­lo­ge wer­den von den zen­tral ins Bild ge­setz­ten Schau­spie­lern di­rekt in die Ka­me­ra ge­spro­chen. War­um ist das so? Ka­me­ra­mann Be­noît Del­hom­me woll­te da­mit die Ein­stel­lun­gen wie al­te Por­trät­ge­mäl­de aus­se­hen las­sen. Gleich­zei­tig soll­te der Büh­nen­ef­fekt des „Durch­bre­chens der vier­ten Wand“, bei dem sich der Schau­spie­ler di­rekt ans Pu­bli­kum wen­det, der­art über­stra­pa­ziert wer­den, dass man sich mit der Zeit dar­an ge­wöh­nen und es als na­tür­lich emp­fin­den soll. Das ge­lingt je­doch nicht wirk­lich.
Nor­mal­sterb­li­che könn­ten sich auch fra­gen, war­um der Film so ver­wa­ckelt und hek­tisch hin und her ge­ris­sen aus­sieht. Die na­he­lie­gen­de Er­klä­rung: Die Ka­me­ra soll­te sich wie ein Pin­sel beim Ma­len ei­nes im­pres­sio­nis­ti­schen Bil­des be­we­gen. Doch auch hier fin­den Theo­rie und Pra­xis nicht zu­sam­men – die Dau­er­hand­ka­me­ra nervt ge­wal­tig. Un­nö­tig , weil die Bil­der ei­gent­lich schön sein könn­ten, denn es wur­de vor al­lem an Ori­gi­nal­mo­ti­ven in Süd­frank­reich ge­dreht.

Re­gis­seur Ju­li­an Schna­bel ist selbst Ma­ler und da­her nicht be­son­ders an ei­nem klas­sisch er­zähl­ten Bio­pic in­ter­es­siert. Sein Künst­ler­por­trait ist mehr ei­ne Samm­lung von im­pro­vi­sier­ten Sze­nen und phi­lo­so­phi­schen Ab­hand­lun­gen über das "Ma­ler­sein" an sich. Wie Vin­cent van Gogh sei­ner­zeit, ist das Film­team ein­fach los­ge­zo­gen, um die Stim­mun­gen und die be­rau­schen­den Far­ben der licht­durch­flu­te­ten Land­schaf­ten ein­zu­fan­gen. Wil­lem Da­foe gibt ei­nen glaub­wür­di­gen Vin­cent ab, ob­wohl er mit sei­nen 63 Jah­ren deut­lich äl­ter als der mit 37 ver­stor­be­ne Künst­ler ist. Dank Kos­tüm und Mas­ke sieht er dem Ma­ler aber nicht nur ver­blüf­fend ähn­lich, er be­herrscht den gan­zen Film mit sei­nem über­ra­gen­den Spiel.
Zu Recht gab's da­für ei­ne Os­car­no­mi­nie­rung.

FAZIT

Van Gogh ver­mit­telt die Zer­ris­sen­heit und den Wahn des Künst­lers ein­drucks­voll und nach­fühl­bar. Aber wie das mit Wahn­sinn so ist – man muss ihn auch er­tra­gen kön­nen. Art­house Ki­no, nicht un­an­stren­gend.

USA/​Frankreich 2018
111 min
Re­gie Ju­li­an Schna­bel 
Ki­no­start 18. April 2019