PERFECT DAYS

PERFECT DAYS

Ab 21. Dezember 2023 im Kino

Nach ANSELM der nächste gute Film von Wim Wenders in diesem Jahr. Eine Liebeserklärung an Tokio, die Einfachheit der Dinge und – Toilettenhäuschen.

Selbst Ge­nies wie Lou Reed ha­ben ein Fai­ble für die schlich­ten Freu­den des Le­bens: Ein per­fek­ter Tag kann aus ei­nem Schluck San­gria im Park, ei­ner Füt­te­rung der Tie­re im Zoo und ei­nem Ki­no­be­such be­stehen. Ganz ähn­lich – auf der an­de­ren Sei­te des Glo­bus – glei­tet der Ja­pa­ner Hi­ra­ya­ma durch sei­nen ei­ge­nen Ta­ges­ab­lauf: ein Bal­lett der Rou­ti­ne, vom mor­gend­li­chen Ra­sie­ren bis hin zur Pfle­ge sei­ner Pflan­zen, ge­krönt von ei­ner ge­wöhn­li­chen, aber akri­bisch und lie­be­voll aus­ge­führ­ten Ar­beit – dem Rei­ni­gen von öf­fent­li­chen Toi­let­ten­häus­chen. Hi­ra­ya­ma, des­sen Le­ben von Mu­sik und Li­te­ra­tur durch­drun­gen ist, wird durch un­er­war­te­te Be­geg­nun­gen mit sei­ner ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit kon­fron­tiert. Die Hand­lung, die sich lang­sam ent­fal­tet, zeigt, dass selbst im schein­bar Ge­wöhn­li­chen ver­bor­ge­ne Ge­schich­ten ste­cken kön­nen. 

Ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an To­kio

An­fang 2022 er­hält Wim Wen­ders ei­nen Brief aus To­kio: „Hät­ten Sie In­ter­es­se, nach To­kio zu kom­men und sich ein höchst in­ter­es­san­tes so­zia­les Pro­jekt an­zu­schau­en? Es han­delt sich um ein gu­tes Dut­zend öf­fent­li­cher Toi­let­ten, die al­le­samt von gro­ßen Ar­chi­tek­ten ge­baut wur­den.“ Der Re­gis­seur ist be­geis­tert und be­schließt, zu­sam­men mit Co-Au­tor Ta­ku­ma Taka­sa­ki ein Dreh­buch rund um die wun­der­schö­nen Mi­nia­tur­bau­ten zu schrei­ben.

Die Ent­schei­dung, den Film in nur 16 Ta­gen zu dre­hen, er­weist sich als krea­ti­ver Glücks­fall, denn al­les wirkt spon­tan und au­then­tisch, fast do­ku­men­ta­risch. Wen­ders' Blick auf To­kio ist ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an die Stadt. PER­FECT DAYS ent­führt die Zu­schau­er auf ei­ne poe­ti­sche Rei­se durch das schein­bar ge­wöhn­li­che Le­ben ei­nes schein­bar ge­wöhn­li­chen Man­nes. Dass da­hin­ter mehr steckt, wird nur zart an­ge­deu­tet und da­mit der Fan­ta­sie des Zu­schau­ers über­las­sen. Ko­ji Ya­kus­ho bril­liert in der Haupt­rol­le als Hi­ra­ya­ma und wur­de zu Recht mit dem Preis als Bes­ter Dar­stel­ler bei der Welt­pre­mie­re in Can­nes aus­ge­zeich­net.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Per­fect Days“
Ja­pan 2023
123 min
Re­gie Wim Wen­ders

al­le Bil­der © DCM

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HOW TO HAVE SEX

HOW TO HAVE SEX

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

How to have sex – hopefully not like this.

Was ist schlim­mer, als ei­ne Hor­de be­sof­fe­ner US-Teen­ager zum Spring­break? Ei­ne Hor­de be­sof­fe­ner Teen­ager aus Eng­land auf ei­ner Mit­tel­meer­in­sel. Die 17-jäh­ri­ge Ta­ra und ih­re Freun­din­nen ma­chen auf ih­rem Mä­del­strip kei­ne Ge­fan­ge­nen. Nach den Schul­prü­fun­gen wol­len sie vor al­lem drei Din­ge: Sau­fen bis zum Ko­ma, Par­ty & Sex. Prak­tisch: Auch bei den Jungs im Apart­ment ne­ben­an ha­ben die Hor­mo­ne das Den­ken über­nom­men. Je lau­ter und zü­gel­lo­ser, des­to bes­ser. Was dann in die­ser ei­nen Nacht pas­siert, bleibt zu­nächst va­ge. Erst ge­gen En­de wird klar: Ta­ra hat­te Sex ge­gen ih­ren Wil­len.

Sau­fen, Par­ty & Sex

HOW TO HAVE SEX ist pro­vo­kant, ex­zes­siv und trotz me­di­ter­ra­nen Son­nen­scheins düs­ter. Re­gis­seu­rin Mol­ly Man­ning weiß ge­nau, wie man die Stim­mung für ei­ne mo­der­ne Co­ming-of-Age-Ge­schich­te ein­fängt. Ihr Film ist ein au­then­ti­sches, kli­schee­frei­es Stück über das Er­wach­sen­wer­den. Sou­ve­rän auch ih­re Schau­spiel­füh­rung: Ta­ra wird von Mia McKen­na-Bruce ge­spielt, ei­ner 26-jäh­ri­gen Bri­tin, die si­cher noch ei­ne gro­ße Kar­rie­re vor sich hat. Ei­ne Ent­de­ckung.

Neid auf Can­nes. Wie vie­le gu­te Fil­me lau­fen da ei­gent­lich je­des Jahr? Die Ber­li­na­le schaut be­schämt zu Bo­den. Man kann dar­auf wet­ten: Al­les was her­aus­ra­gend ist, trägt im Vor­spann den Palm­we­del des fran­zö­si­schen Film­fes­ti­vals. Auch die­ses auf­re­gen­de Erst­lings­werk wur­de in Can­nes 2023 ge­fei­ert und ge­wann in der Sek­ti­on „Un Cer­tain Re­gard“ den Haupt­preis.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „How to have sex“
GB 2023
98 min
Re­gie Mol­ly Man­ning

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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WIE WILDE TIERE

WIE WILDE TIERE

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Das kennt man aus Brandenburg: Die einen wollen nichts wie weg – hin in die Großstadt. Die anderen haben Lärm und Prenzlpanther satt und ziehen aufs Land. Doch in den verwaisen Dörfern lauern oft Ablehnung und offener Hass auf die Zugezogenen.

Das fran­zö­si­sche Paar An­toine (De­nis Mé­no­chet) und Ol­ga (Ma­ri­na Foïs) lebt seit zwei Jah­ren in ei­ner klei­nen Ge­mein­de im Lan­des­in­ne­ren Ga­li­zi­ens. Die bei­den pas­sen sich an, so gut es geht, ar­bei­ten hart, be­trei­ben Acker­bau und er­näh­ren sich von dem, was sie er­wirt­schaf­ten. Doch die Ein­hei­mi­schen blei­ben un­ter sich, be­geg­nen den öko­lo­gisch be­wuss­ten Neu­bau­ern mit Arg­wohn und Ab­leh­nung. Be­son­ders mit dem Nach­barn Xan (be­ängs­ti­gend fies: Lu­is Za­he­ra) gibt es im­mer wie­der Streit.

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che und frü­her oder spä­ter wird es zur Ka­ta­stro­phe kom­men. Als es dann so weit ist, wech­selt der Film von der männ­li­chen in die weib­li­che Per­spek­ti­ve. Das macht WIE WIL­DE TIE­RE viel­schich­tig und un­ge­mein span­nend. Dass die Ge­schich­te von wah­ren Be­ge­ben­hei­ten in­spi­riert ist, lässt die Ver­zweif­lung über die elen­de Spe­zi­es Mensch noch wach­sen. War­um nur gibt es so viel Neid und Ver­bohrt­heit auf der Welt? Aber so ein­fach ist es nicht. In ei­ner der bes­ten Sze­nen des Films ver­su­chen die Kon­tra­hen­ten ei­ne An­nä­he­rung. Bei ei­ner Fla­sche Wein macht je­der sei­nen Stand­punkt klar. Das führt zwar zu kei­ner Lö­sung, doch als Zu­schau­er wird man sich sei­nes ei­ge­nen Schwarz-Weiß-Den­kens be­wusst und be­ginnt fast Mit­ge­fühl für die ver­meint­lich "Bö­sen" zu emp­fin­den.

Seit der Welt­pre­mie­re in Can­nes 2022, wo WIE WIL­DE TIE­RE als Sen­sa­ti­on ge­fei­ert wur­de, ist sein Er­folg un­ge­bro­chen. Bei der Ver­lei­hung der Go­yas 2023 räum­te er neun Prei­se ab, un­ter an­de­rem für Bes­ter Film, Bes­te Re­gie so­wie Bes­ter Haupt­dar­stel­ler.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „As Bes­tas“
Spa­ni­en / Frank­reich 2023
137 min
Re­gie Ro­dri­go Sor­ogo­ye

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

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ANATOMIE EINES FALLS

ANATOMIE EINES FALLS

Ab 02. November 2023 im Kino

Sandra Hüller Superstar. Deutschlands beste Schauspielerin überzeugt in Justine Triets Gerichtsdrama. Ist der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wirklich so gut?

Ja.

Spoi­ler gibts na­tür­lich kei­ne, ist schließ­lich ein Ge­richts­dra­ma. Im Ge­gen­satz zu US-Fil­men und Se­ri­en mit ähn­li­chen Su­jets geht es in ANA­TO­MIE EI­NES FALLS nicht in ers­ter Li­nie dar­um, ob die An­ge­klag­te schul­dig ist oder nicht. Re­gis­seu­rin Jus­ti­ne Triet in­ter­es­siert sich mehr für das Zwi­schen­mensch­li­che, die Dy­na­mi­ken in ei­ner Fa­mi­lie.

Ein High­light des Ki­no­jah­res

Schuld ist ein be­stim­men­der Fak­tor in der Be­zie­hung von San­dra (San­dra Hül­ler) und Sa­mu­el (Sa­mu­el Theis). Die Deut­sche und der Fran­zo­se le­ben in ei­nem Cha­let in den Ber­gen. Sie ist er­folg­rei­che Schrift­stel­le­rin, er wä­re es ger­ne, ist aber nach ei­nem Un­fall, bei dem sein Sohn das Au­gen­licht ver­liert, von Selbst­vor­wür­fen zer­fres­sen. Ei­nes un­schö­nen Ta­ges liegt Sa­mu­el mit klaf­fen­der Kopf­wun­de tot im Schnee. Ist er ge­stürzt? War es Selbst­mord? Hat San­dra ihn er­schla­gen und über das Ge­län­der ge­sto­ßen? ANA­TO­MIE EI­NES FALLS ist ex­akt das, was der Ti­tel ver­spricht. Der Fall wird mi­nu­ti­ös aus­ein­an­der­ge­nom­men, all die Um­stän­de, die Streits, die see­li­schen Ver­let­zun­gen, die zu­vor in der Fa­mi­lie ge­sche­hen sind, wer­den mit schar­fem Skal­pell se­ziert.

Ein biss­chen Ge­duld soll­te man mit­brin­gen. Mit 150 Mi­nu­ten Lauf­län­ge und we­nig bis kei­ner Ac­tion, da­für non-stop Dia­lo­gen in Fran­zö­sisch und Eng­lisch ist das Dra­ma kei­ne leich­te Kost. Da­von soll­te man sich nicht ab­schre­cken las­sen. ANA­TO­MIE EI­NES FALLS ist ein High­light des Ki­no­jah­res und wür­de – so es noch Ster­ne bei Frame­ra­te gä­be – lo­cker die Höchst­be­wer­tung be­kom­men. San­dra Hül­ler ist nie schlecht, egal ob sie in ei­ner Ko­mö­die (TO­NI ERD­MANN, SI­SI UND ICH) oder ei­nem Dra­ma (EXIL, IN DEN GÄN­GEN) mit­spielt. Aber sie war viel­leicht noch nie so gut wie hier. Ih­re Fi­gur San­dra spielt sie mit ei­ner nu­an­cier­ten Mi­schung aus sym­pa­thisch, zor­nig und ver­letzt. Das ist je­den Film­preis wert, der in die­sem Jahr ver­ge­ben wird. Das ge­sam­te En­sem­ble glänzt – her­aus­ra­gend auch Mi­lo Macha­do Gra­ner als seh­be­hin­der­ter Sohn Da­ni­el. Im­mer wie­der er­staun­lich, wie ver­rückt ta­len­tiert Kin­der­schau­spie­ler sein kön­nen.

Am En­de – das sei ver­ra­ten – blei­ben wie bei al­len gu­ten Ge­richts­dra­men Fra­gen un­be­ant­wor­tet. Für je­den ver­meint­li­chen Be­weis gibt es min­des­tens zwei ein­leuch­ten­de Er­klä­run­gen. War sie es, oder war sie es nicht? Schuld ist auch sub­jek­tiv. Der Zu­schau­er muss selbst ent­schei­den. ANA­TO­MIE EI­NES FALLS – un­be­dingt an­se­hen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ana­to­mie d’une chu­te“
Frank­reich 2023
151 min
Re­gie Jus­ti­ne Triet

al­le Bil­der © PLAI­ON PIC­TURES

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DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG

DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG

Kinostart 06. April 2023

Wäh­rend un­ser­eins in jun­gen Jah­ren viel­leicht da­von träumt, mal in Ox­ford oder Cam­bridge zu stu­die­ren, ist für ei­nen ech­ten Mus­lim die Az­har-Uni­ver­si­tät in Kai­ro das höchs­te der Ge­füh­le. Adam (Taw­feek Bar­hom), Sohn ei­nes ein­fa­chen Fi­schers, hat es ge­schafft: Er er­hält ein Sti­pen­di­um für das re­nom­mier­te In­sti­tut. Kaum ist er dort ein­ge­trof­fen, stirbt das Ober­haupt der Uni­ver­si­tät, der Groß­i­mam. Es be­ginnt ein Kampf um sei­ne Nach­fol­ge. Der du­bio­se Re­gie­rungs­be­am­te Ibra­him (Fa­res Fa­res) re­kru­tiert Adam als In­for­man­ten für die ägyp­ti­sche Sta­si, denn der Ge­heim­dienst will sei­nen Wunsch­kan­di­da­ten zum neu­en Groß­i­mam wäh­len las­sen. Adam ge­rät nicht nur zwi­schen die Fron­ten der re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Eli­ten des Lan­des, son­dern bald auch in Le­bens­ge­fahr.

Mehr Art­house- als Ac­tion­ki­no

Ver­rat! In­tri­ge! Mord! Al­le Zu­ta­ten für ei­nen hand­fes­ten Thril­ler sind vor­han­den. Und doch ist „Boy from He­a­ven“ (so der Ori­gi­nal­ti­tel) ganz an­ders als die üb­li­che Kri­mi­kost. Die Ge­schich­te er­in­nert an ei­ne nah­öst­li­che In­ter­pre­ta­ti­on von Ecos „Der Na­me der Ro­se“: Ein jun­ger, nai­ver Lehr­ling und sein Zieh­va­ter ver­su­chen ei­nen mys­te­riö­sen Kri­mi­nal­fall zu lö­sen.

Ta­rik Sa­lehs span­nen­der Po­lit­thril­ler hat ei­nen rei­ße­ri­schen deut­schen Ti­tel, gibt aber ei­nen ru­hi­gen, fast do­ku­men­ta­ri­schen Ein­blick in ei­ne dem west­li­chen Au­ge ver­schlos­se­ne Welt. Das ist mehr Art­house- als Ac­tion­ki­no. Im Wett­be­werb des Fes­ti­vals de Can­nes 2022 ge­wann „Die Kai­ro Ver­schwö­rung“ den Preis für das „Bes­te Dreh­buch“.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Boy from He­a­ven“
Schwe­den / Frank­reich / Finn­land 2022
125 min
Re­gie Ta­rik Sa­leh

al­le Bil­der © X Ver­leih

TRIANGLE OF SADNESS

Kinostart 13. Oktober 2022

Man neh­me ei­ne bunt zu­sam­men­ge­wür­fel­te Crew aus Neu­rei­chen, Gut­ge­bau­ten und Un­ter-Deck-Ma­lo­chern, schütt­le das Gan­ze bei ei­nem Wir­bel­sturm or­dent­lich durch und er­hal­te ei­nen über­lan­gen Über­le­bens­film.

Wo­bei der Ti­tel „Tri­ang­le of Sad­ness“ kei­nes­wegs die eu­ro­päi­sche Ent­spre­chung des Ber­mu­da-Drei­ecks ist, son­dern ein Aus­druck der Schön­heits­chir­ur­gie für das Bo­tox-Are­al zwi­schen den Au­gen. Plas­tisch wird es spä­tes­tens dann, wenn selbst dem Fä­kal­pro­fi beim Ab­sau­fen des Alp­traum­schiffs das Wür­gen kommt und man die Tü­te am Vor­der­sitz sucht.

Für die we­ni­gen Schiff­brü­chi­gen ver­kehrt sich im letz­ten Drit­tel auf ei­ner ret­ten­den In­sel die bis­he­ri­ge hier­ar­chi­sche Ord­nung: Die pa­ten­te Klo­frau (Dol­ly De Le­on) wird zur Her­rin der Flie­gen, die das Män­ner­mo­del (Har­ris Dick­in­son) mit Salz­stan­gen ge­fü­gig macht und das Kom­man­do über al­le (u.a. Charl­bi De­an, Iris Ber­ben) scham­los ge­nießt.

Fünf Jah­re nach „The Squa­re“ ver­sucht Re­gis­seur Ru­ben Öst­lund an sei­ne schrä­ge Kunst­sa­ti­re an­zu­knüp­fen, das Er­geb­nis ist ei­ne slap­stick­ar­ti­ge Dra­mö­die mit alt­be­kann­ten Ste­reo­ty­pen und de­mo­kra­tisch ver­teil­ter Hä­me. Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen auch mit ei­ner wirk­lich wort­wit­zi­gen Sze­ne, in der sich der ewig be­trun­ke­ne mar­xis­ti­sche Ka­pi­tän des Lu­xus­li­ners (Woo­dy Har­rel­son) ein ideo­lo­gi­sches Re­de­du­ell mit ei­nem eben­so be­sof­fe­nen rus­si­schen Olig­ar­chen (Zlat­ko Bu­rić) lie­fert.

War­um aus­ge­rech­net „Tri­ang­le of Sad­ness“ er­neut die Gol­de­ne Pal­me von Can­nes ge­wann, ist al­len­falls durch frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung der Ju­ry für selbst­er­nann­te Ge­sell­schafts­kri­tik zu er­klä­ren. Wirk­lich be­dau­er­lich ist je­doch der frü­he Tod von Haupt­dar­stel­le­rin Charl­bi De­an, der sym­pa­thischs­ten Fi­gur des Films, die im Au­gust un­er­war­tet mit 32 Jah­ren ver­starb.

An­ja Besch

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Tri­ang­le of Sad­ness“
Schwe­den, Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en 2022
147 min
Re­gie Ru­ben Öst­lund

al­le Bil­der © Ala­mo­de Film

CORSAGE

Kinostart 07. Juli 2022

Bald 70 Jah­re post Ro­my Schnei­ders Dar­stel­lung für die Ewig­keit fei­ert die ös­ter­rei­chi­sche Kai­se­rin Si­si me­dia­le Wie­der­auf­er­ste­hung. Nach der RTL-Se­rie, de­ren zwei­te Staf­fel ge­ra­de pro­du­ziert wird, kommt nun Ma­rie Kreut­zers un­ge­wöhn­li­cher Can­nes­bei­trag in die Ki­nos.

Eli­sa­beth („Si­si“) be­geht bald ih­ren 40. Ge­burts­tag. Da­mit ge­hört sie of­fi­zi­ell zum al­ten Ei­sen, denn in dem Al­ter hat­ten Frau­en En­de des 19. Jahr­hun­derts ih­re Le­bens­er­war­tung er­reicht. Noch wird sie ver­göt­tert, für ihr strah­len­des Aus­se­hen an­ge­him­melt, doch die Uhr tickt. Si­si ist ei­ne le­bens­hung­ri­ge Frau, die es Leid ist, je­den Tag ih­re Tail­le zu schnü­ren und sich al­len Ge­nüs­sen zu ver­wei­gern. Ihr Wi­der­stand ge­gen ihr öf­fent­li­ches Bild wird im­mer grö­ßer – sie be­ginnt, sich aus dem hö­fi­schen Kor­sett zu be­frei­en.

Die Lu­xem­bur­ge­rin Vicky Krieps spielt Kai­se­rin Eli­sa­beth schön sprö­de und ge­heim­nis­voll. Und die wie im­mer her­aus­ra­gen­de Ka­me­ra­ar­beit Ju­dith Kauf­manns ist ein wei­te­rer gro­ßer Plus­punkt des Films. Die Ma­rot­te, his­to­ri­sche Stof­fe be­wusst mit mo­der­nen Ele­men­ten zu ver­mi­schen, wirkt da­ge­gen an­ge­strengt. Abends singt der Hof­staat bri­ti­sche Pop­songs zur Har­fe und der Schloss­platz sieht aus, als sei der Rei­se­bus ge­ra­de aus dem Bild ge­fah­ren. Ist na­tür­lich Ab­sicht, ge­nau­so wie die sicht­lich an­ge­kleb­ten Ba­cken­bär­te. Die Über­set­zung in die Pop­kul­tur wirkt hier al­ler­dings un­ent­schie­den, das hat die Net­flix-Soap „Bridger­ton“ oder So­fia Cop­po­la mit „Ma­rie An­toi­net­te“ bes­ser und mu­ti­ger durch­ge­zo­gen.

Das Ge­küns­tel­te kann man na­tür­lich auch als „mär­chen­haft“ schön­re­den, wo­mit sich dann der Kreis zu Ro­mys Si­si wie­der schließt. Denn auch die war in ih­rer Hei­mat­film-Kit­schwelt mei­len­weit von der Rea­li­tät ent­fernt.

INFOS ZUM FILM

Ös­ter­reich / Lu­xem­burg / Deutsch­land / Frank­reich 2022
113 min
Re­gie Ma­rie Kreut­zer

al­le Bil­der © Ala­mo­de Film

DRIVE MY CAR

DRIVE MY CAR

Kinostart 23. Dezember 2021

Ein ro­ter Sa­ab 900 Tur­bo, ein be­tro­ge­ner Ehe­mann und Tschechows On­kel Wan­ja – Das sind die er­staun­li­chen Zu­ta­ten ei­ner 40-sei­ti­gen Kurz­ge­schich­te von Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi.

Oto ar­bei­tet als Dreh­buch­au­to­rin beim Fern­se­hen, ihr Mann Yu­suke Ka­fu­ku ist ein re­nom­mier­ter Büh­nen­schau­spie­ler und Re­gis­seur. Die bei­den ha­ben vor vie­len Jah­ren ih­re Toch­ter ver­lo­ren – Lun­gen­ent­zün­dung im Kin­des­al­ter – seit­dem sucht Oto im­mer wie­der Sex mit an­de­ren Män­nern. Ka­fu­ku nimmt die Un­treue sei­ner Frau sto­isch hin. Ei­nes Ta­ges stirbt Oto an ei­nem Hirn­an­eu­rys­ma, ein­fach so. Pe­lo­ton hat nichts da­mit zu tun.

Ein un­ge­wöhn­lich lan­ges In­tro: Bis zum Vor­spann sind schon 40 Mi­nu­ten ver­gan­gen. Zwei Jah­re spä­ter: Ka­fu­ku wil­ligt ein, das Tschechow-Stück "On­kel Wan­ja" in Hi­ro­shi­ma zu in­sze­nie­ren. Aus ver­si­che­rungs­tech­ni­schen Grün­den darf er sei­nen ge­lieb­ten Sa­ab wäh­rend die­ser Zeit nicht selbst fah­ren, die jun­ge Chauf­feu­rin Misa­ki wird ihm zu­ge­wie­sen. Auf ih­ren lan­gen ge­mein­sa­men Au­to­fahr­ten nä­hern sich die bei­den zö­ger­lich ein­an­der an.

„Dri­ve my Car“ ist Kon­tem­pla­ti­on als Film. Ob­wohl es um schwe­re The­men geht, bleibt die Span­nungs­kur­ve oh­ne grö­ße­re Aus­schlä­ge nach oben oder un­ten in ei­nem 3 Stun­den wäh­ren­den ru­hi­gen Fluss. In ei­ner Sze­ne er­wischt Ka­fu­ku sei­ne Frau da­bei, wie sie ihn mit ei­nem jun­gen Mann in der ge­mein­sa­men Woh­nung be­trügt. Es gibt kei­nen Streit, kei­ne Kon­fron­ta­ti­on, kei­nen Bruch. Ka­fu­ku ist nicht ein­mal sau­er. Er be­ob­ach­tet das Ge­sche­hen kurz und schleicht sich dann lei­se aus dem Zim­mer. Aus den dra­ma­ti­schen Ge­scheh­nis­sen hät­te ei­ne US-Pro­duk­ti­on ei­nen rühr­se­li­gen Te­ar­jer­ker fa­bri­ziert, auf ja­pa­nisch rauscht das Un­glück so sanft da­hin wie ein Wind­stoß durch ei­ne Tee­plan­ta­ge beim Son­nen­auf­gang.

Ei­ne Ad­ap­ti­on, die funk­tio­niert: Das Über­tra­gen von Mu­ra­ka­mis prä­zi­sem, un­auf­ge­reg­tem Schreib­stil auf die Lein­wand ist auf den Punkt. Re­gis­seur Ry­u­suke Ha­ma­guchi ge­lingt ein viel­schich­ti­ges Werk über Trau­er, Lie­be, Ver­rat und Kunst. Sein raf­fi­nier­tes Spiel um Spra­che und Sprach­lo­sig­keit ge­wann den Preis für das bes­te Dreh­buch in Can­nes.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Do­rai­bu mai kâ“
Ja­pan 2021
179 min
Re­gie Ry­u­suke Ha­ma­guchi

al­le Bil­der © Ra­pid Eye Mo­vies

TITANE

TITANE

Al­les ein­stei­gen, da­bei sein, die nächs­te Fahrt geht rück­wärts! Ein Film wie ei­ne Ach­ter­bahn­fahrt. Der Ver­such, den In­halt von "Ti­ta­ne" zu be­schrei­ben: Die klei­ne Al­e­xia über­lebt schwer­ver­letzt ei­nen Au­to­un­fall. Im Kran­ken­haus wird ihr ei­ne Ti­tan­plat­te in den Schä­del ge­schraubt. Dar­auf­hin ent­wi­ckelt sie ei­ne sehr in­ni­ge Be­zie­hung zu Au­tos, Mar­tin Win­ter­korn hät­te das ge­fal­len. Na­he­lie­gend, dass sie sich im Er­wach­se­nen­al­ter ih­ren Le­bens­un­ter­halt als Ero­tik-Tän­ze­rin bei Mo­tor­shows ver­dient. Ei­nes Abends ver­langt ein Fan mehr als ein Au­to­gramm, sei­ne Zu­dring­lich­keit muss er mit dem Le­ben be­zah­len. Um un­ter­zu­tau­chen, nimmt Al­e­xia die Iden­ti­tät ei­nes vor zehn Jah­ren ver­schol­le­nen Jun­gens an. Des­sen Va­ter, Feu­er­wehr­kom­man­dant Vin­cent, ak­zep­tiert den ver­meint­lich zu­rück­ge­kehr­ten Sohn oh­ne Zö­gern. Das selt­sa­me Paar ent­wi­ckelt ei­ne ganz be­son­de­re El­tern-Kind-Be­zie­hung.

So weit, so weird. Viel­leicht soll­te noch er­wähnt wer­den, dass Al­e­xia ei­ne Se­ri­en­mör­de­rin ist und nicht in son­dern von ei­nem Au­to ge­schwän­gert wird. Statt Blu­tun­gen und Milch­ein­schuss son­dert ihr Kör­per Mo­tor­öl ab. Ja ge­nau, so ei­ne Art Film ist das. Re­gis­seu­rin Ju­lia Du­cour­n­au mag Da­vid Cro­nen­berg, Bo­dy-Hor­ror und Bru­ta­li­tät. Ein selbst zu­ge­füg­ter Na­sen­bein­bruch ist nur ei­ner von vie­len "Aua, ich kann nicht hinschauen"-Momenten des Films. „Ti­ta­ne“ ist un­sin­nig, ab­surd, un­ter­halt­sam, ver­rückt und poe­tisch. Der What-the-Fuck-Fak­tor ist un­ge­fähr so groß wie sei­ner­zeit bei Dar­ren Aro­nof­skys „Mo­ther!“. Das könn­te je nach Ge­schmack zwi­schen null und fünf Ster­ne be­kom­men. Ei­ni­gen wir uns al­so auf die gol­de­ne Mit­te. Eins ist das pro­vo­kan­te Gen­der-Ver­wirr­spiel aber mit Si­cher­heit nicht: lang­wei­lig.

Von der Kri­tik fast ein­hel­lig als Meis­ter­werk und so­gar als „Neu­erfin­dung des Ki­nos“ ge­fei­ert, ge­wann der Film die­ses Jahr die Gol­de­ne Pal­me in Can­nes.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ti­ta­ne“
Frank­reich / Bel­gi­en 2021
108 min
Re­gie Ju­lia Du­cour­n­au
Ki­no­start 07. Ok­to­ber 2021

al­le Bil­der © Koch Films

PARASITE

Fa­mi­lie Kim haust in ei­ner ver­siff­ten Kel­ler­woh­nung. Erst als Sohn Ki-woo ei­nen Job als Nach­hil­fe­leh­rer bei den stein­rei­chen Parks er­gat­tert, wen­det sich das Blatt. Schnell ka­piert er, dass vor al­lem Frau Park aus­ge­spro­chen leicht­gläu­big ist. Durch Trick­se­rei­en ge­lingt es ihm, sei­ne Schwes­ter als Kunst­er­zie­he­rin, sei­nen Va­ter als Chauf­feur und spä­ter sei­ne Mut­ter als Haus­häl­te­rin in die Fa­mi­lie ein­zu­schleu­sen. Bald sind die Kims un­ver­zicht­bar für ih­re neu­en Herr­schaf­ten. Doch statt ser­vi­ler „Down­ton Abbey“-Dienerschaft nis­tet sich ei­ne pa­ra­si­tä­re Ver­bre­cher­ban­de ins Haus der Parks ein.

An­ge­sichts des Ti­tels könn­te das neue Werk von Bong Joon Ho („The Host“, „Snow­pier­cer“, „Ok­ja“) auch ein Hor­ror-Film sein. Doch der Pa­ra­sit ist in die­sem Fall kein schlei­mi­ges Ekel­vieh, son­dern der Mensch selbst. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik, ver­packt in ei­ne Me­ta­pher: Die ar­men Kims le­ben buch­stäb­lich ganz un­ten in ei­nem wan­zen­ver­seuch­ten Loch, wäh­rend die rei­chen Parks ganz oben in ei­nem Traum aus Glas und Be­ton re­si­die­ren. Wer am En­de der wah­re Pa­ra­sit ist, bleibt In­ter­pre­ta­ti­ons­sa­che.

„Pa­ra­si­te“ steckt vol­ler Über­ra­schun­gen: Cle­ve­re Gau­ner­ge­schich­te, biss­si­ge Ge­sell­schafts­sa­ti­re und span­nen­der Thril­ler. Als Zu­schau­er weiß man nie ge­nau, wo­hin sich der Film ent­wi­ckelt. Wie schon die vor­he­ri­gen Ar­bei­ten des Re­gis­seurs, ist auch "Pa­ra­si­te" wun­der­schön fo­to­gra­fiert und mit viel Stil­ge­fühl aus­ge­stat­tet.

FAZIT

Die bril­lan­te Gen­re­mi­schung ist zu Recht der Gol­de­ne Pal­me Ge­win­ner von Can­nes 2019.

Ori­gi­nal­ti­tel "Gis­aeng­chung"
Süd­ko­rea 2019
131 min
Re­gie Bong Joon Ho
Ki­no­start 17. Ok­to­ber 2019