HATCHING

Kinostart 28. Juli 2022

Ei­ne Krä­he fliegt ins Wohn­zim­mer. Wie mit Ab­sicht fegt sie sämt­li­che Va­sen vom Re­gal, schmeißt Lam­pen um und lässt zu gu­ter Letzt so­gar den Kris­tall­lüs­ter auf den Glas­tisch stür­zen. Die Stra­fe folgt auf den Fuß: Mut­ter zer­quetscht dem Fe­der­vieh den Kopf mit blo­ßen Hän­den. Der Ka­da­ver wird fach­ge­recht in der Bio­ton­ne ent­sorgt. Doch am nächs­ten Mor­gen ist er ver­schwun­den. Die 12-jäh­ri­ge Toch­ter Tin­ja fin­det den jäm­mer­lich kräch­zen­den Vo­gel im Wald. Da­ne­ben liegt ein ver­wais­tes Ei im Nest, das das Mäd­chen mit nach Hau­se nimmt und zur Brut un­ter ih­ren Stoff­bä­ren legt. Nach ein paar Ta­gen ist das Ei auf Gym­nas­tik­ball­grö­ße an­ge­wach­sen. Et­was Un­ge­heu­er­li­ches bricht sich durch die Scha­le.

Der De­büt­film der fin­ni­schen Re­gis­seu­rin Han­na Berg­holm ist ein schrä­ges klei­nes Crea­tu­re-Fea­ture. Aus dem Ei schlüpft ein gru­se­lig an­zu­se­hen­der Vo­gel­mensch, ei­ne mons­trö­se Schi­mä­re, die die un­ter­be­wuss­ten Ge­dan­ken des Mäd­chens mit bru­ta­ler Ge­walt in die Tat um­setzt. Die Blut­gier stei­gert sich: Zu­nächst muss der bel­len­de Hund der Nach­barn dran glau­ben, an­schlie­ßend steht Tin­jas ner­vi­ger klei­ner Bru­der auf der Ab­schuss­lis­te.

Doch das wah­re Mons­ter in „Hat­ching“ ist Tin­jas Mut­ter. Bit­te recht freund­lich – in ih­rem Vi­deo­blog „Love­ly Ever­y­day Life“ spielt die blon­de Per­fek­tio­nis­tin ih­ren Fol­lo­wern ei­ne hei­le Welt vor, die es in Wahr­heit nicht gibt. Ih­ren Mann be­trügt sie vor des­sen Na­se, für ih­ren Sohn emp­fin­det sie kei­ne Lie­be und Tin­ja muss als ge­pei­nig­te Pro­fi­tur­ne­rin die un­er­füll­ten Träu­me ih­rer Mut­ter aus­le­ben. Ein düs­te­rer Blick auf die Ge­sell­schaft – so wi­der­lich ist es, wenn Mut­ti In­fluen­ce­rin spielt.

Vi­su­ell macht "Hat­ching" gro­ßen Spaß: Die Ef­fek­te sind schön ana­log, er­in­nern an Jim Hen­sons Fi­gu­ren aus "The Dark Crys­tal". Das ani­ma­tro­ni­sche Mons­ter wird aus­ge­spro­chen wir­kungs­voll ein­ge­setzt, und auch die lang­sa­me Ver­wand­lung vom ske­lett­ar­ti­gen Vo­gel zur mensch­li­chen Dop­pel­gän­ge­rin des Mäd­chens ist mit viel Lie­be zum ek­li­gen De­tail rea­li­siert.

Bo­dy-Hor­ror meets Co­ming-of-Age: Die Fa­bel von der Vo­gel­brut und dem pu­ber­tie­ren­den Men­schen­mäd­chen hat vie­le gu­te Mo­men­te, wenn auch das Dreh­buch et­was zu plump die Me­ta­phern­keu­le schwingt. Das aus Lie­be und Wut er­schaf­fe­ne Mons­ter als Sym­bol für den Groll der Toch­ter ge­gen­über der emo­tio­na­len Miss­ach­tung ih­rer Mut­ter – oder so ähn­lich. Ech­ter Hor­ror will sich da nicht ein­stel­len, aber ein per­ma­nen­tes Ge­fühl von Be­dro­hung und ein paar wahr­lich ab­scheu­li­che Über­ra­schun­gen hält „Hat­ching“ be­reit.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Pa­han­hau­to­ja“
Finn­land / Schwe­den 2022
87 min
Re­gie Han­na Berg­holm

al­le Bil­der © Ca­pe­light Pic­tures

MONSTER HUNTER

MONSTER HUNTER

Paul W.S. An­der­son ist der Ed Wood des 21. Jahr­hun­derts. Wie es der hoch­gra­dig un­ta­len­tier­te Re­gis­seur schafft, wie­der und wie­der Fil­me fi­nan­ziert zu be­kom­men, bleibt ein Rät­sel un­se­rer Zeit. 

Mil­la Jo­vo­vich, die Ehe­frau des Re­gis­seurs, über­nimmt dies­mal die Rol­le von Na­ta­lie Ar­te­mis, ei­ner toug­hen per­sön­lich­keits­lo­sen U.S. Ar­my Ran­ge­rin. Auf der Su­che nach ei­ner ver­miss­ten Ein­heit wer­den sie und ihr Ka­no­nen­fut­ter-Team aus un­se­rer Welt in die „New World“ trans­por­tiert, wo sie ge­gen rie­si­ge Mons­ter kämp­fen müs­sen.

Das Furcht­erre­gends­te an „Mons­ter Hun­ter“ ist die gro­tes­ke Do­nald-Trump-Ge­dächt­nis-Pe­rü­cke auf Ron Perl­manns Kopf. Das muss ein Witz sein. Der Film hat kei­ne er­wäh­nens­wer­te Ge­schich­te, da­für Cha­rak­te­re, die nicht wis­sen, was sie hier ei­gent­lich ver­lo­ren ha­ben. Kei­ne der Fi­gu­ren hat Tie­fe – wie auch oh­ne ir­gend­ei­ne Back­ground­sto­ry. Das Schau­spiel be­schränkt sich aufs Gri­mas­sie­ren und die Dia­lo­ge hät­te sich ein Sup­pen­huhn aus­den­ken kön­nen. Ef­fek­te und CGI sind höchst durch­schnitt­lich, das Dreh­buch nicht exis­tent, die Ac­tion­sze­nen so schlecht und hek­tisch zu­sam­men­ge­schnit­ten, dass man nie Ge­fahr läuft, sich in ir­gend­ei­ner Form für das Ge­sche­hen auf der Lein­wand zu in­ter­es­sie­ren.

FAZIT

Schrott.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Mons­ter Hun­ter“
Deutsch­land, Ja­pan, USA, Chi­na, Ka­na­da 2020
103 min
Re­gie Paul W.S. An­der­son
Ki­no­start 01. Ju­li 2021

al­le Bil­der © Con­stan­tin Film

A QUIET PLACE 2

A QUIET PLACE 2

Die Fort­set­zung (die dan­kens­wer­ter­wei­se nicht „A Quieter Place“ heißt) knüpft naht­los an den Über­ra­schungs­hit von 2018 an. Wo­bei, nicht ganz: der Film be­ginnt zu­nächst mit ei­nem Rück­blick auf den ers­ten Tag der Ka­ta­stro­phe – und der hat es in sich. Sel­ten sah man ein Ki­no­pu­bli­kum syn­chron so in den Sit­zen hoch­schre­cken.

Wer bis jetzt nur Bahn­hof ver­stan­den hat – hier ei­ne kur­ze "Was bis jetzt geschah"-Zusammenfassung: Nach der In­va­si­on von au­ßer­ir­di­schen Mons­tern ist die Mensch­heit stark de­zi­miert. Die bit­ter­bö­sen Vie­cher tö­ten je­den, der ih­nen in die Que­re kommt. Ihr ex­trem gut aus­ge­präg­ter Ge­hör­sinn ist Fluch und Se­gen zu­gleich. Ei­ner­seits darf nie­mand, der über­le­ben will, ei­nen Mucks ma­chen, an­de­rer­seits las­sen sich die Mons­ter mit hoch­fre­quen­ten Tö­nen halb­wegs in Schach hal­ten. Fa­mi­lie Abott – Va­ter, Mut­ter, zwei ge­hör­lo­se Kin­der – sind auf der Flucht. Ganz lei­se ver­steht sich. Am En­de des ers­ten Teils hat die Mut­ter – in ei­ner ner­ven­zer­rei­ßend stil­len Sze­ne – ein Ba­by zur Welt ge­bracht und ein Fa­mi­li­en­mit­glied muss­te sein Le­ben las­sen.

"A Quiet Place 2" steht dem ers­ten Teil in nichts nach. Dreh­buch­au­tor und Re­gis­seur John Kar­s­in­ski (im wah­ren Le­ben der Ehe­mann von Haupt­dar­stel­le­rin Emi­ly Blunt) ist ein ex­trem span­nen­der Film ge­glückt. Thril­ler in­sze­nie­ren kann er. Was ihm nicht so liegt, sind Dia­log­sze­nen. Die sind in ih­rer tra­ni­gen Lab­rig­keit er­mü­dend, da hängt der Film durch. Zum Glück gibt’s da­von nicht all­zu vie­le und der nächs­te Jump-Sca­re lau­ert schon um die Ecke.

FAZIT

Mehr Mons­ter, mehr Stil­le, mehr Span­nung. Ge­lun­ge­ne Fort­set­zung.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „A Quiet Place 2“
USA 2020
100 min
Re­gie John Kras­in­ski
Ki­no­start 24. Ju­ni 2021

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

"Sca­ry Sto­ries to tell in the Dark" wird zwar als „der neue Film von Guil­ler­mo del To­ro“ be­wor­ben – tat­säch­lich fun­gier­te der Os­car­ge­win­ner dies­mal aber nur als Pro­du­zent, die Re­gie über­nahm An­dré Øv­re­dal. Der Nor­we­ger ist zu­letzt mit dem ge­lun­ge­nen Hor­ror-Thril­ler „The Au­to­psy of Ja­ne Doe“ po­si­tiv auf­ge­fal­len.

In der US-Klein­stadt Mill Val­ley kom­men vier Teen­ager auf die schlech­te Idee, aus­ge­rech­net an Hal­lo­ween das ver­las­se­ne Haus der Fa­mi­lie Bel­lows aus­zu­kund­schaf­ten. Im Kel­ler fin­den die Ju­gend­li­chen ein mys­te­riö­ses Buch, in dem sich wie von Zau­ber­hand je­de Nacht neue Ge­schich­ten schrei­ben. Mit blu­ti­ger Tin­te ver­fasst, wer­den dar­in die schlimms­ten Alb­träu­me der Le­ser zum Le­ben er­weckt.

Die Hand­lung spielt 1968 und dan­kens­wer­ter­wei­se mal nicht in den zu To­de re­tro-zi­tier­ten 1980er Jah­ren. Auch wenn sich die Aus­stat­tung be­müht hat – rich­tig glaub­wür­dig kommt das nicht rü­ber, die Fi­gu­ren sind im Aus­se­hen und Ver­hal­ten zu mo­dern. Doch all­zu wich­tig ist das für die Ge­schich­te nicht – Haupt­sa­che, kei­ner hat ein Mo­bil­te­le­fon zur Hand und kann da­mit um Hil­fe ru­fen. 

Spuk­häu­ser und von Mons­tern ge­jag­te Teen­ager: das ist zwar nicht son­der­lich neu und ori­gi­nell, funk­tio­niert aber als amü­san­te Geis­ter­bahn­fahrt ganz aus­ge­zeich­net. Wäh­rend die Ste­phen King Ver­fil­mung „ES“ un­ver­ständ­li­cher­wei­se ein glo­ba­ler Ki­no­hit wur­de, ver­steht es die­ses the­ma­tisch ver­wand­te B‑Picture um ei­ni­ges bes­ser, ei­ne un­heim­li­che At­mo­sphä­re und Span­nung zu er­zeu­gen.

FAZIT

Kurz­wei­li­ger, gut ge­mach­ter Gru­sel­film.

Ori­gi­nal­ti­tel „Sca­ry Sto­ries to tell in the Dark“
USA 2019
108 min
Re­gie An­dré Øv­re­dal
Ki­no­start 31. Ok­to­ber 2019

THE SILENCE

Hor­ror­film­schu­le, ers­tes Se­mes­ter: stei­ge­re lang­sam die Span­nung, zei­ge dein Mons­ter nicht zu früh. Bei „The Si­lence“ dau­ert es gan­ze drei Mi­nu­ten, bis die „Avis­pas“ ih­ren ers­ten Auf­tritt ha­ben. Die häss­li­chen Vö­gel sind ei­ne Mi­schung aus Gum­mi­f­le­der­maus, Ali­en und go­ti­schem Was­ser­spei­er. Kaum, dass sie ei­ner un­ter­ir­di­schen Höh­le nach meh­re­ren Mil­lio­nen Jah­ren Ge­fan­gen­schaft ent­fleucht sind, fal­len sie in Hitchcock'scher Ma­nier blut­gie­rig über die Mensch­heit her. Die Vie­cher sind blind, ver­fü­gen aber über ein aus­ge­zeich­ne­tes Ge­hör. Des­halb heißt es ab so­fort: Ru­he! Wie pas­send, dass Haupt­fi­gur Al­ly (Ki­er­nan Ship­ka) ge­hör­los ist. Aus die­ser Be­hin­de­rung macht der Film zwar nichts wei­ter, aber da­durch be­herrscht Al­lys Fa­mi­lie per­fekt die Ge­bär­den­spra­che. Das er­leich­tert die ge­räusch­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on er­heb­lich. (Wä­re stumm nicht noch bes­ser ge­we­sen?)

Wem die Ge­schich­te vom ge­räusch­emp­find­li­chen Mons­ter ir­gend­wie be­kannt vor­kommt – letz­tes Jahr lief „A Quiet Place“ in den Ki­nos. Al­ler­dings war der um Klas­sen bes­ser und hat sei­ne Mons­ter klu­ger­wei­se nicht ge­zeigt, was ih­re Be­droh­lich­keit er­heb­lich ge­stei­gert hat.

„The Si­lence“ ver­sagt auf vie­len Ebe­nen. John R. Leo­net­tis Film ist größ­ten­teils un­span­nend, un­be­hol­fen in­sze­niert und stüm­per­haft zu­sam­men­ge­hackt. Man­ches wirkt ir­ri­tie­rend zu­sam­men­hang­los, als stamm­ten Sze­nen aus ei­nem an­de­ren Film – sie be­gin­nen oh­ne Ein­füh­rung und en­den oh­ne Auf­lö­sung. Wich­ti­ge Tei­le, die ei­gent­lich dem Ver­ständ­nis dien­ten, schei­nen er­satz­los der Sche­re zum Op­fer ge­fal­len zu sein. Mög­lich, dass es ir­gend­wann mal ei­ne län­ge­re, bes­se­re, oder so­gar noch viel schlech­te­re Ver­si­on des Films gab.

FAZIT

Das Le­ben ist teu­er und sonst ver­läss­lich gu­te Schau­spie­ler ma­chen zwi­schen­durch auch mal Schrott­fil­me fürs Geld. „The Si­lence“ – sel­ten sah man Stan­ley Tuc­ci schlech­ter.

USA 2019
90 min
Re­gie John R. Leo­net­ti
Ki­no­start 16. Mai 2019

Hellboy – Call of Darkness

In der neu­en Ver­fil­mung der Co­mic­buch­rei­he "Hell­boy" muss der Halb­dä­mon (Da­vid Har­bour) ge­gen die Pest ver­brei­ten­de He­xe Ni­mue (Mil­la Jo­vo­vich) und ei­nen Hau­fen an­de­rer Mons­ter und Mu­tan­ten kämp­fen.

Men­schen wer­den wie Stoff­pup­pen zer­ris­sen, Kopf­haut wird ab­ge­zo­gen und Lei­ber wer­den mit Pfäh­len auf­ge­spießt. Bluts­bur­ger Pup­pen­kis­te auf LSD – das klingt al­ler­dings bes­ser, als es tat­säch­lich ist. Bei der vi­deo­spiel­haft-künst­li­chen Um­set­zung kommt nicht mal ge­schei­tes Splat­ter­fee­ling auf – oder sonst ir­gend­ein Ge­fühl. Egal, ob gut oder bö­se – wen interessiert’s? Al­le Prot­ago­nis­ten sind glei­cher­ma­ßen ner­vig und un­sym­pa­thisch. Da­zu Dia­lo­ge, als hät­te sie ein 13-Jäh­ri­ger ver­fasst: „Schei­ße, Mann. Ich hab’ Mi­grä­ne – das ist wie n Au­to­un­fall im Kopf.“

Ge­nau wie die­ser Film.

FAZIT

Viel pu­ber­tä­res Ge­flu­che, blöd­sin­ni­ge Sto­ry.
Schlech­ter Film.

USA 2019
121 min
Re­gie Neil Mar­shall
Ki­no­start 11. April 2019