FOREVER YOUNG

FOREVER YOUNG

Ab 17. August 2023 im Kino

Der Film hat nichts mit dem gleichnamigen Alphaville-Gassenhauer zu tun, sondern heißt im Original LES AMANDIERS – was so viel wie „Die Mandelbäume“ bedeutet und im Zusammenhang mit einer Schauspielschule vielleicht noch verwirrender als der deutsch/​englische Titel ist.

Schau­spie­ler sind wie Ra­di­os: Im­mer auf Sen­den, nie auf Emp­fang. Be­son­ders an­ge­hen­de Jung­schau­spie­ler lö­sen mit ih­rer ex­al­tier­ten Art und dem Glau­ben, sie sei­en das Zen­trum des Uni­ver­sums oft Fremd­scham aus. Je­der Blick, je­de Ges­te scheint wich­tig und will ge­se­hen wer­den. Va­le­ria Bruni Te­de­schi hat mit FO­RE­VER YOUNG ei­nen Film über die­se be­son­de­re Spe­zi­es Mensch ge­macht, in dem sie ih­re ei­ge­ne Aus­bil­dungs­zeit er­in­nert.

Schau­spie­ler sind durch­ge­dreht, dro­gen­süch­tig und sex­be­ses­sen

En­de der 80er-Jah­re wer­den zwölf jun­ge Er­wach­se­ne (un­ter ih­nen das Al­ter-Ego der Re­gis­seu­rin) in die Thea­ter­schu­le "Eco­le du Thé­ât­re des Aman­diers" auf­ge­nom­men. Un­ter der Lei­tung von Pa­tri­ce Ché­reau pla­nen sie die Auf­füh­rung des Stücks "Pla­ta­now" von An­ton Tschechow. Den Bes­ten des Jahr­gangs ver­spricht der Re­gis­seur so­gar ei­ne Rol­le in der Ver­fil­mung des Stof­fes.

Va­le­ria Bruni Te­de­schi stellt mit Stel­la (aus­ge­zeich­net: Na­dia Te­reszkie­wicz) ei­ne ju­gend­li­che Ver­si­on ih­rer selbst in den Mit­tel­punkt die­ser nicht ganz kli­schee­frei­en Rei­se in die Ver­gan­gen­heit. An so ei­ner Thea­ter­schu­le geht es dem Film nach ge­nau­so zu, wie sich das Lies­chen Mül­ler vor­stellt: Al­le sind durch­ge­dreh­te Künst­ler (in­klu­si­ve der Leh­rer), dro­gen­süch­tig und sex­be­ses­sen.

Zum Glück be­steht ein Groß­teil der Sze­nen aus Vor­spre­chen und Pro­be­ar­bei­ten. Das ist um ei­ni­ges in­ter­es­san­ter, als den pri­va­ten Ir­run­gen der Mit­te Zwan­zig­jäh­ri­gen zu­zu­schau­en. Trotz ein paar Län­gen: FO­RE­VER YOUNG ist se­hens­wert. Denn die Re­gis­seu­rin hat ihr auf hüb­schem Re­tro-16mm ge­dre­hes Dra­ma mit­rei­ßend und vol­ler Elan in­sze­niert. Und wer die Ver­fil­mung von Tschechows "Pla­ta­now" (Ti­tel: HO­TEL DE FRANCE) des ech­ten Pa­tri­ce Ché­re­aus ge­se­hen hat, kann ra­ten, wel­chen der da­mals be­tei­lig­ten Schau­spie­ler Bruni Te­de­schi hier wie­der auf­er­ste­hen lässt.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Les Aman­diers“
Frank­reich 2022
126 min
Re­gie Va­le­ria Bruni Te­de­schi

al­le Bil­der © Neue Vi­sio­nen

LARS EIDINGER – SEIN ODER NICHT SEIN

LARS EIDINGER – SEIN ODER NICHT SEIN

Kinostart 23. März 2023

Ein eit­ler Fatz­ke. Ty­pi­scher Schau­spie­ler. Ein Ge­nie. Neu­tral ste­hen die we­nigs­ten Lars Ei­din­ger ge­gen­über. Dass er gut ist, dar­auf kön­nen sich fast al­le ei­ni­gen. Doch im­mer wie­der ver­stö­ren sei­ne emo­tio­na­len Auf­trit­te und sei­ne Sucht, im Mit­tel­punkt zu ste­hen. Oder ist das auch nur ein bö­ses Kli­schee? Nach sei­nem in­zwi­schen le­gen­dä­ren Trä­nen­aus­bruch bei ei­ner Ber­li­na­le-Pres­se­kon­fe­renz wur­de er mit Hass­kom­men­ta­ren und hä­mi­schen Ar­ti­keln im Feuil­le­ton über­schüt­tet. Da könn­te man schon fast Mit­leid be­kom­men, wenn nicht Ei­din­ger selbst in ei­nem In­ter­view ge­sagt hät­te, dass er sich stets der Ka­me­ras und Zu­schau­er be­wusst ist. „Ich bin gar nicht da, wenn mich kei­ner an­schaut.“ Al­so doch al­les nur Show?

Lars Ei­din­ger spielt Lars Ei­din­ger

Pri­vat sei er ganz an­ders, zu­rück­hal­tend und still, so sein Freund Tho­mas Os­ter­mei­er. Der holt ihn 1999 an die Schau­büh­ne. Spä­tes­tens mit Ham­let und Ri­chard III wird das Re­gie/­Schau­spiel-Duo welt­be­rühmt. Für Ei­din­ger fol­gen Rol­len­an­ge­bo­te in in­ter­na­tio­na­len Spiel­film­pro­duk­tio­nen. Heu­te ist er ei­ner der ge­frag­tes­ten deut­schen Schau­spie­ler.

Rei­ner Hol­ze­mer hat Lars Ei­din­ger neun Mo­na­te mit der Ka­me­ra be­glei­tet. Als Rah­men dient die Pro­ben­ar­beit für die Je­der­mann-In­sze­nie­rung bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len 2021. Hier kommt es auch zu ei­ner er­in­ne­rungs­wür­di­gen Sze­ne: Ei­din­ger ist ge­ra­de in ei­nen Mo­no­log ver­sun­ken, da wagt es Re­gis­seur Mi­cha­el Stur­min­ger lei­se mit ei­ner Kol­le­gin zu spre­chen. Ei­din­ger ras­tet kom­plett aus, die an­de­ren im Raum sen­ken be­tre­ten den Blick zu Bo­den, der Re­gis­seur ver­sucht sich zu recht­fer­ti­gen. Im In­ter­view ant­wor­tet Ei­din­ger spä­ter auf die Fra­ge, ob ihm bei dem Streit auch be­wusst war, dass die Ka­me­ra läuft mit ei­nem la­pi­da­ren „Ja“. So weit, so un­sym­pa­thisch. 

Lars Ei­din­ger spielt Lars Ei­din­ger, der Lars Ei­din­ger spielt. Sein Wer­de­gang von der Ernst Busch-Schu­le bis zum ge­fei­er­ten Schau­spiel­star und Hol­ze­mers Blick auf sei­ne oft un­kon­ven­tio­nel­le Ar­beits­wei­se sind in­ter­es­sant, doch am stärks­ten blei­ben die Thea­ter­mit­schnit­te, in de­nen Ei­din­ger das macht, was er am bes­ten kann: schau­spie­lern.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
92 min
Re­gie Rai­ner Hol­ze­mer

al­le Bil­der © FILM­WELT

DER BESTE FILM ALLER ZEITEN

Kinostart 30. Juni 2022

Die Fra­ge al­ler Fra­gen am En­de: Was bleibt von mir? Da Geld kei­ne Rol­le spielt, könn­te der 80-jäh­ri­ge Mil­li­ar­där Hum­ber­to Sua­rez ei­ne Brü­cke bau­en las­sen, die sei­nen Na­men trägt. Oder viel­leicht ei­nen Film pro­du­zie­ren? Aber nicht ir­gend­ei­nen, son­dern den bes­ten Film al­ler Zei­ten. Da­zu heu­ert er die be­rühm­te Re­gis­seu­rin Lo­la Cue­vas (Pe­né­lo­pe Cruz) und zwei noch be­rühm­te­re Schau­spie­ler an. Ein Clash der Egos: Hol­ly­wood-Star Fé­lix Ri­vero (An­to­nio Ban­de­ras) trifft auf Thea­ter­mi­men Iván Tor­res (Os­car Mar­tí­nez). Um ih­re bei­den Haupt­dar­stel­ler auf den Dreh vor­zu­be­rei­ten, hat sich die Re­gis­seu­rin ei­ne Rei­he von ex­zen­tri­schen Übun­gen aus­ge­dacht: un­ter an­de­rem lässt sie Iván und Fé­lix ih­re Tex­te le­sen, wäh­rend über ih­ren Köp­fen ein fünf Ton­nen schwe­rer Fels­bro­cken bau­melt.

Die im Ori­gi­nal ganz un­be­schei­den „Com­pe­ten­cia ofi­ci­al“ (Of­fi­zi­el­ler Wett­be­werb) ge­nann­te Sa­ti­re des Re­gie­du­os Du­prat & Cohn macht den Zu­schau­ern eben­so gro­ßen Spaß wie den Schau­spie­lern, die sich selbst und ih­re Ei­tel­kei­ten ge­hö­rig auf die Schip­pe neh­men. Der wah­re Su­per­star ist (ne­ben An­to­nio und der für im­mer schö­nen Pe­né­lo­pe) das An­we­sen, in dem ge­dreht wur­de. In sei­ner stren­gen Sach­lich­keit er­in­nert es an ein Love­child von Frank Gehry und Mies-van-der-Ro­he – Ar­chi­tek­tur­stu­den­ten wer­den feuch­te Au­gen be­kom­men. Schö­ne Men­schen, schö­ne Lo­ca­ti­on, schö­ne Bil­der: Ka­me­ra­mann Ar­nau Valls Co­lo­mer setzt den bis­si­gen In­halt in per­fekt kadrier­te, fa­bel­haf­te Bild­kom­po­si­tio­nen um.

Selbst­ge­sprä­che mit ei­nem Staub­sauger­rohr. „Der bes­te Film al­ler Zei­ten“ ist ein cle­ve­res Spiel mit fal­schen Fähr­ten. Was im Mo­ment noch ne­ben­säch­lich er­scheint, be­kommt erst spä­ter ei­ne tie­fe­re Be­deu­tung. Die Re­gis­seu­re wis­sen ge­nau, wie sie den Ge­dan­ken­fluss der Zu­schau­er ma­ni­pu­lie­ren kön­nen. Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Emo­tio­nal bleibt der Film un­ter­kühlt. Das liegt an sei­ner Struk­tur: Statt ei­ner Hand­lung rei­hen sich amü­san­te Sket­che an­ein­an­der, die oft ge­ni­al, aber manch­mal ein biss­chen zu vor­her­seh­bar sind.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Com­pe­ten­cia ofi­ci­al“
Spa­ni­en 2021
114 min
Re­gie Gas­ton Du­prat und Ma­ria­no Cohn

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

SYSTEMSPRENGER

MA­MAAAAA!!! AAAAAHHHHH! Kreisch, Stram­pel, Tob: der Film zum häus­li­chen Co­ro­na­kol­ler.
Ben­ni (He­le­na Zen­gel, Deut­scher Film­preis: Bes­te Haupt­dar­stel­le­rin) ist ein „Sys­tem­spren­ger“. So nennt man Kin­der, die durch al­le Ras­ter der deut­schen Kin­der- und Ju­gend­hil­fe fal­len. Die Neun­jäh­ri­ge schreit und prü­gelt sich schon nach kur­zer Zeit aus je­der Pfle­ge­ein­rich­tung raus. Ge­nau das ist ihr Plan, denn Ben­ni möch­te un­be­dingt mit ih­rer Mut­ter Bi­an­ca (Li­sa Hag­meis­ter) zu­sam­men­le­ben. Aber je­der au­ßer­plan­mä­ßi­ge Be­such be­ginnt mit Über­for­de­rung und en­det in Ge­walt. Zwi­schen all den Aus­brü­chen und Kämp­fen ist Ben­ni ein nied­li­ches Kind, das sich nach Zu­nei­gung sehnt.
Ent­schlos­sen, sie aus dem Kreis­lauf der dau­ern­den Zu­rück­wei­sun­gen her­aus­zu­ho­len, nimmt Er­zie­her Mi­cha (Al­brecht Schuch, Deut­scher Film­preis: Bes­ter Haupt­dar­stel­ler) die klei­ne Zeit­bom­be
 mit in ei­ne ein­sam ge­le­ge­ne Wald­hüt­te. Doch auch die­ser Ret­tungs­ver­such mit Er­leb­nis­päd­ago­gik ist zum Schei­tern ver­ur­teilt. 

No­ra Fing­scheidt ist ein bei­na­he do­ku­men­ta­ri­scher Film über ein schwie­ri­ges Kind in noch schwie­ri­ge­ren Um­stän­den ge­lun­gen. Als Zu­schau­er schwankt man zwi­schen Mit­leid, Ge­nervt­heit und Hass. Das Dau­er-Ge­schrei, aber auch die Un­ge­rech­tig­keit der Welt, geht an die Gren­zen des Er­trag­ba­ren. "Sys­tem­spren­ger" ist ein in­ten­si­ver Film mit ei­ner her­aus­ra­gen­den Haupt­dar­stel­le­rin.

FAZIT

Völ­lig zu Recht acht­fa­cher Ge­win­ner des Deut­schen Film­prei­ses 2020.

Deutsch­land 2019
118 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt
ab so­fort auf NET­FILX

SYSTEMSPRENGER

MA­MAAAAA!!! AAAAAHHHHH! Kreisch, Stram­pel, Tob: der Film zum Prenz­l­pan­ther.
Ben­ni (He­le­na Zen­gel) ist ein „Sys­tem­spren­ger“. So nennt man Kin­der, die durch al­le Ras­ter der deut­schen Kin­der- und Ju­gend­hil­fe fal­len. Die Neun­jäh­ri­ge schreit und prü­gelt sich schon nach kur­zer Zeit aus je­der Pfle­ge­ein­rich­tung raus. Ge­nau das ist ihr Plan, denn sie möch­te end­lich wie­der bei ih­rer leib­li­chen Mut­ter le­ben.

No­ra Fing­scheidt ist ein in­ten­si­ver, bei­na­he do­ku­men­ta­ri­scher Film über ein schwie­ri­ges Kind in noch schwie­ri­ge­ren Um­stän­den ge­lun­gen. Als Zu­schau­er schwankt man zwi­schen Mit­leid, Ge­nervt­heit und Hass. Das Dau­er-Ge­schrei, aber auch die Un­ge­rech­tig­keit der Welt, geht an die Gren­zen des Er­trag­ba­ren. Völ­lig zu Recht im Ren­nen um den bes­ten aus­län­di­schen Film bei den Os­cars 2020.

FAZIT

Gu­ter Film mit ei­ner her­aus­ra­gen­den Haupt­dar­stel­le­rin.

Deutsch­land 2019
118 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt
Ki­no­start 19. Sep­tem­ber 2019

GODZILLA II: KING OF THE MONSTERS

„God­zil­la 2“ ist das ge­fühlt tau­sends­te Re-Re-Re-Re-Re-Re­boot der Sa­ga vom jahr­tau­sen­de al­ten Su­per­mons­ter und gleich­zei­tig ei­ne Fort­set­zung des Kas­sen­er­folgs „God­zil­la“ von 2014. 

Die ja­pa­ni­sche Rie­sen­ech­se, die Atom­spreng­köp­fe fut­tert wie un­ser­eins Erd­nuss­flips, ist dies­mal rich­tig sau­er. Ghi­do­rah, ein drei­köp­fi­ger Dra­che, will God­zil­la den Rang als Kö­nig der Al­pha­ti­ta­nen ab­lau­fen (bit­te nicht fra­gen). Auf der gan­zen Welt krie­chen dar­auf­hin di­ver­se Mons­ter aus ih­ren Höh­len (ei­ne be­fin­det sich so­gar im bay­ri­schen Wald), um ge­mein­sam in den Krieg zu zie­hen. Die Vie­cher wol­len die Mensch­heit ver­nich­ten, denn die ist schuld an Krieg, Ar­ten­ster­ben und der Um­welt­zer­stö­rung ganz all­ge­mein – so ähn­lich wie die CDU. Das wird den Zu­schau­ern in ei­nem Re­zo-wür­di­gen Mo­no­log von der wie im­mer fa­bel­haf­ten Ve­ra Far­mi­ga lei­den­schaft­lich vor Au­gen ge­führt. Uh, Snap!

Wur­de dem ers­ten Teil noch vor­ge­wor­fen, er sei zu ge­schwät­zig und bie­te zu we­nig Mons­ter­ac­tion, geht der zwei­te Teil be­herzt den um­ge­kehr­ten Weg. Ei­ne Zeit lang ist es ja ganz un­ter­halt­sam, den Rie­sen bei der ge­nuss­vol­len Zer­stö­rung di­ver­ser Städ­te und Land­stri­che zu­zu­schau­en. Tech­nisch und vi­su­ell ist das meis­ter­haft ge­macht. Doch in 132 (!) Mi­nu­ten trifft herz­lich we­nig Sto­ry auf mons­trö­sen Dau­er­be­schuss. Das ist schlicht an­stren­gend.

Ge­gen all den Lärm ha­ben die Schau­spie­ler kaum ei­ne Chan­ce. Sie blei­ben Stich­wort­ge­ber und die­nen bes­ten­falls als Er­klär­bä­ren. Ih­re Haupt­auf­ga­be be­steht oh­ne­hin dar­in, mit of­fe­nem Mund und stau­nen­den Au­gen Ro­dan, Mo­thra (und wie sie al­le hei­ßen) bei ih­rem Zer­stö­rungs­werk zu­zu­schau­en.

FAZIT

Mehr Mons­ter geht nicht.

Ori­gi­nal­ti­tel "God­zil­la – King of the Mons­ters"
USA 2019
132 min
Re­gie Mi­cha­el Doug­her­ty
Ki­no­start 30. Mai 2019

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Van Gogh – An der Schwel­le zur Ewig­keit  ist ein Film, zu dem man ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung le­sen soll­te. Da bei frame​ra​te​.one der Ser­vice­ge­dan­ke an ers­ter Stel­le steht, bit­te­schön: Bei­na­he al­le Dia­lo­ge wer­den von den zen­tral ins Bild ge­setz­ten Schau­spie­lern di­rekt in die Ka­me­ra ge­spro­chen. War­um ist das so? Ka­me­ra­mann Be­noît Del­hom­me woll­te da­mit die Ein­stel­lun­gen wie al­te Por­trät­ge­mäl­de aus­se­hen las­sen. Gleich­zei­tig soll­te der Büh­nen­ef­fekt des „Durch­bre­chens der vier­ten Wand“, bei dem sich der Schau­spie­ler di­rekt ans Pu­bli­kum wen­det, der­art über­stra­pa­ziert wer­den, dass man sich mit der Zeit dar­an ge­wöh­nen und es als na­tür­lich emp­fin­den soll. Das ge­lingt je­doch nicht wirk­lich.
Nor­mal­sterb­li­che könn­ten sich auch fra­gen, war­um der Film so ver­wa­ckelt und hek­tisch hin und her ge­ris­sen aus­sieht. Die na­he­lie­gen­de Er­klä­rung: Die Ka­me­ra soll­te sich wie ein Pin­sel beim Ma­len ei­nes im­pres­sio­nis­ti­schen Bil­des be­we­gen. Doch auch hier fin­den Theo­rie und Pra­xis nicht zu­sam­men – die Dau­er­hand­ka­me­ra nervt ge­wal­tig. Un­nö­tig , weil die Bil­der ei­gent­lich schön sein könn­ten, denn es wur­de vor al­lem an Ori­gi­nal­mo­ti­ven in Süd­frank­reich ge­dreht.

Re­gis­seur Ju­li­an Schna­bel ist selbst Ma­ler und da­her nicht be­son­ders an ei­nem klas­sisch er­zähl­ten Bio­pic in­ter­es­siert. Sein Künst­ler­por­trait ist mehr ei­ne Samm­lung von im­pro­vi­sier­ten Sze­nen und phi­lo­so­phi­schen Ab­hand­lun­gen über das "Ma­ler­sein" an sich. Wie Vin­cent van Gogh sei­ner­zeit, ist das Film­team ein­fach los­ge­zo­gen, um die Stim­mun­gen und die be­rau­schen­den Far­ben der licht­durch­flu­te­ten Land­schaf­ten ein­zu­fan­gen. Wil­lem Da­foe gibt ei­nen glaub­wür­di­gen Vin­cent ab, ob­wohl er mit sei­nen 63 Jah­ren deut­lich äl­ter als der mit 37 ver­stor­be­ne Künst­ler ist. Dank Kos­tüm und Mas­ke sieht er dem Ma­ler aber nicht nur ver­blüf­fend ähn­lich, er be­herrscht den gan­zen Film mit sei­nem über­ra­gen­den Spiel.
Zu Recht gab's da­für ei­ne Os­car­no­mi­nie­rung.

FAZIT

Van Gogh ver­mit­telt die Zer­ris­sen­heit und den Wahn des Künst­lers ein­drucks­voll und nach­fühl­bar. Aber wie das mit Wahn­sinn so ist – man muss ihn auch er­tra­gen kön­nen. Art­house Ki­no, nicht un­an­stren­gend.

USA/​Frankreich 2018
111 min
Re­gie Ju­li­an Schna­bel 
Ki­no­start 18. April 2019

The Mule

Ein me­xi­ka­ni­sches Dro­gen­kar­tell will He­ro­in schmug­geln. Da liegt es na­he, den neun­zig­jäh­ri­gen Blu­men­züch­ter Earl zu fra­gen, ob er even­tu­ell so nett wä­re, die Wa­re von A nach B zu fah­ren. Schließ­lich hat er noch nie ei­nen Straf­zet­tel be­kom­men, das ist Qua­li­fi­ka­ti­on ge­nug.
Auf­tritt Clint East­wood.
Die Ge­schich­te vom al­ten wei­ßen Mann, der ganz un­ver­mit­telt zum ge­frag­ten und gut be­zahl­ten Dro­gen­schmugg­ler wird, ist leid­lich un­ter­halt­sam er­zählt. Ei­ne Ku­rier­fahrt folgt auf die Nächs­te – es plät­schert so vor sich hin. Die Ent­schleu­ni­gung passt, denn im Her­zen ist The Mu­le kein Ac­tion­film, son­dern ein Ap­pel an den Fa­mi­li­en­sinn. Für den alt­ge­dien­ten Ko­rea-Ve­te­ran sind die bis un­ter die Au­gen­brau­en tä­to­wier­ten Me­xi­ka­ner-Gangs­ter kei­ne Be­dro­hung. Sein größ­ter Wunsch ist es, sich auf sei­ne al­ten Ta­ge mit sei­ner Toch­ter aus­zu­söh­nen. 

Zum ers­ten Mal seit Gran To­ri­no (2009) steht Clint East­wood wie­der gleich­zei­tig vor und hin­ter der Ka­me­ra. Als Re­gis­seur ist der 88-Jäh­ri­ge be­rühmt da­für, ex­trem ef­fi­zi­ent zu ar­bei­ten und Sze­nen oft nur ein­mal zu dre­hen. Das hat über vie­le Jah­re gut funk­tio­niert, er­weist sich hier aber als pro­ble­ma­tisch. Sel­ten wirk­ten die bei­den Os­car­ge­win­ner Brad­ley Coo­per und Dia­ne Wiest ver­lo­re­ner und ha­ben we­ni­ger Ein­druck hin­ter­las­sen.
Aus­ser den pro­mi­nen­ten, aber blas­sen Ne­ben­dar­stel­lern gibt es noch reich­lich Alt­män­ner­fan­ta­sien zu be­wun­dern: so klebt die Ka­me­ra mi­nu­ten­lang ge­nüss­lich an den halb­nack­ten Hin­tern von tan­zen­den, na­tür­lich jun­gen Mäd­chen, die sich be­gie­rig an Clint East­wood rei­ben. Und – viel­leicht zu viel In­for­ma­ti­on – auch der grei­se Earl hat noch re­gel­mä­ßig Sex (be­vor­zugt flot­te Drei­er).

FAZIT

The Mu­le ist ein halb­ga­res Al­ters­werk mit ei­nem un­aus­ge­reif­ten, un­glaub­wür­di­gen Dreh­buch. Nicht ge­ra­de ein High­light in Clint East­woods Ge­samt­werk.

USA, 2018
117 min
Re­gie Clint East­wood
Ki­no­start 31. Ja­nu­ar 2019