DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT

Kinostart 02. Juni 2022

In ei­ner der schöns­ten Sze­nen in die­sem an schö­nen Sze­nen rei­chen Film knipst Ju­lie ei­nen Licht­schal­ter um, und plötz­lich bleibt die gan­ze Welt (oder zu­min­dest Os­lo) ste­hen. Ju­lie kann un­ge­hin­dert durch die Stra­ßen zu dem Mann lau­fen, den sie liebt und ihn küs­sen. Hach. Lie­be. Über­haupt – die Lie­be! „Der schlimms­te Mensch der Welt“ ist ei­ner der bes­ten Lie­bes­fil­me der letz­ten Jah­re, wenn nicht gar… Und wer sich als Zu­schau­er nicht un­sterb­lich in die Haupt­dar­stel­le­rin Re­na­te Reins­ve ver­liebt, der trägt ein Herz aus Stein in der Brust.

Re­gis­seur Joa­chim Trier er­zählt die Ge­schich­te ei­ner jun­gen Frau, die ver­sucht, ih­ren Platz im Le­ben zu fin­den. Gar nicht so ein­fach, denn Ju­lie, die ge­ra­de 30 Jah­re alt ge­wor­den ist, stürzt sich mit gro­ßer Be­geis­te­rung in im­mer neue Be­rufs­zie­le und Be­zie­hun­gen. Me­di­zin­stu­di­um? Zu kör­per­lich. Psy­cho­lo­gie­stu­di­um? Zu geis­tig. Fo­to­gra­fin? War­um nicht? Oder doch lie­ber in ei­nem Buch­ge­schäft ar­bei­ten? Mit dem 14 Jah­re äl­te­ren Co­mic­zeich­ner Ak­sel lebt sie ei­ni­ger­ma­ßen glück­lich zu­sam­men, doch mit des­sen „er­wach­se­nen“ Freun­den wird sie nicht warm. Ei­nes Ta­ges schleicht sie sich heim­lich auf ei­ne Hoch­zeits­par­ty und lernt dort den le­bens­lus­ti­gen, gleich­alt­ri­gen Eivind ken­nen.

„Der schlimms­te Mensch der Welt“ ist ein wun­der­ba­rer nor­we­gi­scher Film, der al­les in sich ver­eint, was ei­nen Film se­hens­wert macht: Gran­dio­se Schau­spie­ler, ei­ne zu Her­zen ge­hen­de Ge­schich­te, Ernst­haf­tig­keit, Mensch­lich­keit und Fan­ta­sie. In ei­nen Pro­log, 12 Ka­pi­tel und ei­nen Epi­log un­ter­teilt, zeigt der Film Schlüs­sel­mo­men­te in Ju­lies Le­ben – Mo­men­te, die über ih­ren wei­te­ren Weg ent­schei­den, auch wenn sie das in die­sem Au­gen­blick selbst noch nicht rea­li­siert.

Joa­chim Trier, der ge­mein­sam mit Es­kil Vogt (Re­gis­seur von „The In­no­cent“ – noch so ein groß­ar­ti­ger skan­di­na­vi­scher Film) das Dreh­buch ge­schrie­ben hat, um­schifft ge­konnt al­le gän­gi­gen Lie­bes­film-Kli­schee-Klip­pen und bleibt von der ers­ten bis zur letz­ten Sze­ne wahr­haf­tig. Ei­ne klu­ge, char­man­te Ko­mö­die, ei­ne ero­ti­sche Ro­man­ze, ein bit­ter­sü­ßes Dra­ma – so viel Film fürs Geld. Wenn es die deut­sche Syn­chro­ni­sa­ti­on nicht wie­der ka­putt­macht, schon jetzt ei­ner der bes­ten Fil­me des Jah­res.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ver­dens vers­te men­nes­ke“
Nor­we­gen 2021
121 min
Re­gie Joa­chim Trier

al­le Bil­der © Koch Films

DAS STARKE GESCHLECHT

Kinostart 26. Mai 2022

Män­ner haben's schwer, nehmen's leicht
Au­ßen hart und in­nen ganz weich

Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen kein be­son­ders ori­gi­nel­ler An­satz, den 80er-Jah­re-Hit für ei­ne Film­kri­tik über ei­nen Män­ner­film zu zi­tie­ren. Aber hat Her­bert Grö­ne­mey­er da­mals nicht schon al­les Wis­sens­wer­te über das star­ke Ge­schlecht in sei­nem Lied ge­sagt?

Der Ab­lauf ist im­mer der glei­che: acht Män­ner – al­le sit­zen vor neu­tral schwar­zem Hin­ter­grund – wer­den in Ein­zel­in­ter­views zu ih­rer Se­xua­li­tät be­fragt. Da­zu müs­sen sie zu­nächst ei­nen Text le­sen, in dem an­de­re Män­ner (an­onym be­fragt) über ih­re se­xu­el­len Wün­sche und Er­leb­nis­se be­rich­ten. Da geht es un­ter an­de­rem um Ver­ge­wal­ti­gungs­fan­ta­sien, Un­ter­wer­fung und Ähn­li­ches. Ein Zwit­ter aus Do­ku­men­tar­film und Ver­suchs­an­ord­nung: Die Ka­me­ra zeigt zu­nächst die Re­ak­ti­on der acht Män­ner auf das Ge­le­se­ne. Da­nach tra­gen sie den Text vor und wer­den an­schlie­ßend vom Re­gis­seur (der nur als Stim­me aus dem Off zu hö­ren ist) zu ih­ren ei­ge­nen Er­fah­run­gen be­fragt. Un­si­cher, was Frau­en wirk­lich wol­len, sind sie al­le, so viel sei schon mal ge­spoi­lert.

Ein leich­ter Bei­geschmack von „biss­chen zu ge­spielt“ stellt sich zwi­schen­durch ein. Die Red­ner sind un­ge­wöhn­lich sou­ve­rä­ne Selbst­dar­stel­ler, die sich oh­ne vie­le "ähs" in druck­rei­fer Spra­che aus­drü­cken kön­nen. Ei­ne Goo­g­le­su­che er­gibt: al­le acht Män­ner sind ent­we­der Schau­spie­ler, Re­gis­seu­re, Au­toren oder zu­min­dest me­di­en­er­fah­ren. Mög­li­cher­wei­se fan­den sich schlicht kei­ne ver­un­si­cher­ten Nor­ma­los, die das Aus­lo­ten ih­rer männ­li­chen See­le in ver­ständ­li­che Wor­te fas­sen konn­ten.

In­ter­es­sant wä­re zu er­fah­ren, wer sich für die­sen Film ein Ki­no­ti­cket kauft: Mehr Män­ner oder mehr Frau­en? Es wer­den hof­fent­lich vie­le sein. End­lich mal ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on, die kei­ne Droh­nen­flü­ge über exo­ti­sche Land­schaf­ten oder das Paa­rungs­ver­hal­ten aus­ge­stor­be­ner Pan­da­bä­ren zeigt, son­dern ein auf­schluss­rei­ches Ex­pe­ri­ment wagt. Das soll­te an der Ki­no­kas­se be­lohnt wer­den.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2021
102 min
Re­gie Jo­nas Roth­laen­der

al­le Bil­der © miss­ing­FILMs

ALLES IN BESTER ORDNUNG

Kinostart 26. Mai 2022

Es ist über 20 Jah­re her, da leb­te in der Wil­mers­dor­fer Stra­ße ei­ne leicht ver­schro­be­ne, äl­te­re Da­me, die ei­ni­gen Ber­li­nern als Mo­de­ra­to­rin beim Of­fe­nen Ka­nal be­kannt war. „Ich zei­ge Ih­nen Blu­men“ oder „Da ist noch ei­ne Kat­ze in der Fens­ter­bank“ ge­hör­ten zu ih­ren be­rühm­tes­ten Zi­ta­ten, die so­gar von der Band Kis­so­gram in ei­nem Lied ver­ewigt wur­den. Was kaum je­mand wuss­te (bis auf den Au­toren die­ser Zei­len, der in den 1990er-Jah­ren ihr Woh­nungs­nach­bar war): Frau S. war ein Hams­te­rer – oder wie der Ame­ri­ka­ner sagt: Hoar­der. Die Gren­ze zwi­schen Sam­meln und krank­haf­tem Mes­sie­tum sind flie­ßend, in wel­che Ka­te­go­rie Frau S. fiel, lässt sich nicht sa­gen, denn ih­re Woh­nung durf­te nie­mand be­tre­ten. Nur ein­mal muss­te sie dem Hei­zungs­mon­teur Ein­lass ge­wäh­ren, der da­nach fas­sungs­los von me­ter­ho­hen Zei­tungs­sta­peln be­rich­te­te. Trotz­dem stan­den im­mer wie­der er­staun­lich gro­ße Mö­bel­stü­cke im Trep­pen­haus, die Frau S. dann bei ei­nem kur­zen Plausch als „viel zu scha­de zum Weg­schmei­ßen“ er­klär­te und noch ir­gend­wo zwi­schen der sonn­tag­mor­gens ge­spiel­ten Ham­mond­or­gel und all den an­de­ren Schät­zen in ih­rer Woh­nung un­ter­brach­te.

Auch Mar­len (Co­rin­na Har­fouch) be­wahrt ein gan­zes Le­ben in ih­ren vier Wän­den auf. Das Ent­sor­gen von selbst hoff­nungs­los ka­put­ten Ge­gen­stän­den ist für sie un­denk­bar, denn sie hat „Mit­leid mit Din­gen“. Da nie­mand ei­nen Film über ei­ne ver­schmutz­te „Ka­the­dra­le aus Kot“ se­hen will (höchs­tens im Pri­vat­fern­se­hen, wo einst ein Ba­de­zim­mer mit die­sen blu­mi­gen Wor­ten be­schrie­ben wur­de), ist in Nat­ja Brunk­horsts Spiel­film­de­büt al­les viel net­ter als im ech­ten Le­ben. Mar­lens Woh­nung er­in­nert eher an ein ge­müt­lich ver­wun­sche­nes Se­cond-Hand-Mö­bel­la­ger.

Ganz an­ders sieht es bei Fynn (Da­ni­el Strä­ßer) aus, dem rei­chen 100 Din­ge zum Le­ben (der durch­schnitt­li­che Eu­ro­pä­er be­sitzt 10.000). In der spar­ta­ni­schen Be­hau­sung des Ma­the­ge­nies, di­rekt über Mar­lens Woh­nung, tropft der Heiz­kör­per. Selbst ist der Mann: Ein­mal mit der Rohr­zan­ge nach­zie­hen, schon steht al­les un­ter Was­ser. Und weil dar­auf­hin die Hand­wer­ker wo­chen­lang den Bo­den tro­cken­le­gen müs­sen, zieht Fynn kur­zer­hand bei Mar­len ein (in Köln scheint es kei­ne Ho­tels zu ge­ben). Der Kon­troll­freak und die Mes­sie­frau. Die Zu­sam­men­füh­rung der ge­gen­sätz­li­chen Cha­rak­te­re wirkt zwar et­was kon­stru­iert, doch das ers­te kri­ti­sche Be­schnup­pern und der zag­haf­te Ver­such, sich ge­gen­sei­tig aus den fest­ge­zurr­ten Ver­hal­tens­mus­tern zu hel­fen, ist char­mant und leicht­fü­ßig um­ge­setzt.

„Al­les in bes­ter Ord­nung“ ist ein rei­zen­der klei­ner Film über zwei Au­ßen­sei­ter, die sich am En­de per­fekt er­gän­zen. Schön, dass es mal kei­ne al­ber­ne Rom­com, son­dern ei­ne in­tel­li­gen­te deut­sche Ko­mö­die mit tol­len Schau­spie­lern ins Ki­no schafft.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2021
96 min
Re­gie Nat­ja Brunck­horst

al­le Bil­der © Film­welt

DIE TÄUSCHUNG

Kinostart 26. Mai 2022

„Die Täu­schung“ hat im Ori­gi­nal den schön schrul­li­gen Ti­tel „Ope­ra­ti­on Mince­me­at“. Mince­me­at? Klingt wi­der­lich, ist es auch. Wi­ki­pe­dia weiß: „Mince­me­at ist ei­ne Mi­schung aus klein ge­hack­tem Tro­cken­obst, Wein­brand und Ge­wür­zen, die manch­mal auch Rin­der­nie­ren­fett, Rind­fleisch und Wild­bret ent­hält.“ Ja, das hört sich nicht be­son­ders le­cker an. Aber war­um soll­te ei­ne Ak­ti­on, bei der ei­ne ver­wes­te Was­ser­lei­che die Haupt­rol­le spielt, auch ei­nen ap­pe­tit­li­chen Na­men ha­ben?

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ent­wi­ckeln die bei­den Ge­heim­dienst­of­fi­zie­re Ewen Mon­ta­gu und Charles Chol­mond­e­ley ei­nen raf­fi­nier­ten Plan: Ein an der spa­ni­schen Küs­te an­ge­schwemm­ter To­ter soll „ge­hei­me“ Do­ku­men­te bei sich tra­gen, in de­nen ein be­vor­ste­hen­der An­griff der Al­li­ier­ten über Grie­chen­land er­wähnt wird. Die Pa­pie­re sol­len den Na­zis in die Hän­de ge­lan­gen, um vom tat­säch­li­chen An­griffs­ort Si­zi­li­en ab­zu­len­ken und so die Deut­schen auf die fal­sche Fähr­te zu lo­cken.

Der Spaß an die­sem wahn­wit­zi­gen Täu­schungs­ma­nö­ver ist die Vor­be­rei­tung: Der To­te wird auf­wen­dig mit ei­ner er­fun­de­nen Bio­gra­fie aus­ge­stat­tet, Fo­tos und Brie­fe von sei­ner nicht exis­ten­ten Freun­din ste­cken in der In­nen­ta­sche sei­nes Ja­cketts. Wenn die schon sehr mit­ge­nom­me­ne Lei­che in Uni­form für ein Pass­fo­to­shoo­ting in Po­se ge­setzt wird, dann hat das „Weekend wi­th Bernie“-Qualität. Die Top Se­cret Un­ter­la­gen, die un­be­dingt in die Hän­de der Deut­schen ge­lan­gen sol­len, wer­den was­ser­dicht in ei­ner Ak­ten­ta­sche ver­staut, die dem To­ten ans fau­li­ge Hand­ge­lenk ge­ket­tet wird. Dass der in Wahr­heit ein de­pres­si­ver Selbst­mör­der war, der sich Wo­chen zu­vor mit Rat­ten­gift um­ge­bracht hat­te, muss na­tür­lich un­ter al­len Um­stän­den ge­heim blei­ben.

Was soll da schon schief ge­hen? Ein feist pro­du­zier­ter bri­ti­scher Spio­na­ge­thril­ler, ba­sed on a true sto­ry – und dann noch mit Co­lin Firth in der Haupt­rol­le. „Die Täu­schung“ ist an­ge­nehm alt­mo­di­sche, per­fekt ge­mach­te Ki­no-Un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ope­ra­ti­on Mince­me­at“
GB 2021
128 min
Re­gie John Mad­den

al­le Bil­der © War­ner Bros.

TOP GUN: MAVERICK

Kinostart 26. Mai 2022

36 Jah­re spä­ter setzt sich Tom Crui­se noch ein­mal die Ray-Ban auf die Na­se, bleckt die Zäh­ne und steigt – pünkt­lich zu Chris­ti Him­mel­fahrt – mit sei­nem Kampf­jet in die Stra­to­sphä­re auf.

Der ewi­ge Test­pi­lot Pe­te "Ma­verick" Mit­chell wird nach ei­nem Streit mit sei­nem Vor­ge­setz­ten an sei­ne al­te Aus­bil­dungs­stät­te straf­ver­setzt. Dort soll er die zehn bes­ten Top-Gun-Ab­sol­ven­ten auf ei­ne ge­fähr­li­che Spe­zi­al­mis­si­on vor­be­rei­ten. An­griff auf den To­des­stern: Für ih­ren Ein­satz müs­sen die Pi­lo­ten ei­ne lang­ge­zo­ge­ne Schlucht in ei­ner ma­xi­ma­len Hö­he von 30 Me­tern durch­flie­gen, um dann ein un­ter­ir­di­sches Ur­an­la­ger in die Luft zu ja­gen, und zwar schnell ge­nug, be­vor ir­gend­je­mand sie be­merkt und ab­schießt.

Nach meh­re­ren co­vid­be­ding­ten Ver­schie­bun­gen ist "Top Gun: Ma­verick" end­lich start­klar und ent­täuscht nicht. Chee­sy 80er-Jah­re-Syn­thie­pop (Ha­rold Fal­ter­mey­er hat den Sound­track kom­po­niert), ech­te Hel­den (plus ei­ne Quo­ten­hel­din) und gro­ßes Pa­thos – die ver­bes­ser­te Ko­pie des Ori­gi­nal­films hat al­les, was die Fans be­geh­ren.

Mar­vel-Su­per­hel­den-Fil­me sei­en „wie ein Be­such im Ver­gnü­gungs­park“ , me­cker­te Mar­tin Scor­se­se vor Kur­zem – die­se ver­meint­li­che Kri­tik trifft hier ins Schwar­ze: „TG:M“ ist ei­ne 130 Mi­nu­ten lan­ge Ach­ter­bahn­fahrt mit je­der Men­ge Ner­ven­kit­zel und Ad­re­na­lin. Die Ge­schich­te ist zwar vor­her­seh­bar – das Ur­an­la­ger ist nur ein klas­si­scher MacGuf­fin, um mög­lichst spek­ta­ku­lä­re Ac­tion­sze­nen zu recht­fer­ti­gen – und na­tür­lich sieht das gan­ze za­cki­ge Sa­lu­tie­ren wie ein Wer­be­por­no für die US-Na­vy aus, doch das tut dem Spaß kei­nen Ab­bruch.

Al­les rich­tig ge­macht, „Top Gun: Ma­verick“ ist ein klas­si­scher Ac­tion­film nach al­ter Schu­le. Wenn schon Se­quels, dann bit­te schön so. Selbst ein­ge­fleisch­te Pa­zi­fis­ten dürf­ten an der wag­hal­si­gen Luft­num­mer ih­re Freu­de ha­ben.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Top Gun: Ma­verick“
USA 2021
130 min
Re­gie Jo­seph Kos­in­ski

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

ONE OF THESE DAYS

Kinostart 19. Mai 2022

Nichts Ge­rin­ge­res als das in der US-ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung ver­an­ker­te Stre­ben nach Glück („Pur­su­it Of Hap­pi­ness“) steht im Mit­tel­punkt ei­ner Pro­duk­ti­on, die – Co­ro­na sei schuld – erst zwei Jah­re nach ih­rem Ber­li­na­le-Er­folg ins re­gu­lä­re Ki­no kommt: „One Of The­se Days“ – ein ein­dring­li­ches Film­dra­ma um ei­ne ku­rio­se Kom­pe­ti­ti­on, das auf wah­ren Be­ge­ben­hei­ten ba­siert.

Al­le Jah­re wie­der ver­an­stal­tet ein Au­to­haus in der te­xa­ni­schen Pro­vinz sei­nen be­lieb­ten Aus­dau­er­wett­be­werb, bei dem zwan­zig Men­schen buch­stäb­lich Händ­chen hal­ten müs­sen – mit ei­nem Pick-up. Der Ge­winn ist zum Grei­fen nah, denn eben die­ser Truck ge­bührt dem Aus­dau­ernds­ten, was du­bio­se Glücks­rit­ter an­zieht, Spät­hip­pies oder ver­zwei­fel­te Un­der­dogs wie den jun­gen Fa­mi­li­en­va­ter Kyle (Joe Co­le). Ein klas­si­scher An­ti­held, der im Durch­hal­ten um je­den Preis sei­ne ein­zi­ge Chan­ce auf ein ver­meint­lich bes­se­res Le­ben sieht.

Die deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Ko-Pro­duk­ti­on ist spä­tes­tens dann mehr als nur sta­ti­sches Kam­mer­spiel auf ei­nem Park­platz, wenn die Ka­me­ra die Prot­ago­nis­ten auch in ih­re Pin­kel­pau­sen be­glei­tet oder ins trau­te Heim. Wie das von Mitt­fünf­zi­ge­rin Jo­an Ri­ley (Car­rie Pres­ton), die als un­er­müd­li­ches Miss­ing Link zwi­schen Teil­neh­mern und Pu­bli­kum des PR-Rum­mels fun­giert – und in jeg­li­cher Hin­sicht als rech­te Hand ih­res ver­hei­ra­te­ten Chefs.

Mit ei­nem her­vor­ra­gend be­setz­ten En­sem­ble­film zeigt Wahl­ame­ri­ka­ner Bas­ti­an Gün­ther in Rea­li­ty­for­mat mensch­li­che Tra­gö­di­en von gren­zen­lo­ser Gier und So­zi­al­dar­wi­nis­mus im Stil von „Nur Pfer­den gibt man den Gna­den­schuss“. Zu­nächst chro­no­lo­gisch er­zählt, springt die Hand­lung zu­letzt in die jün­ge­re Vor­ver­gan­gen­heit zu­rück, was dem Un­hap­py En­ding des Films ei­ne bit­ter-sü­ße No­te ver­leiht und die ab­ge­dro­sche­ne Weis­heit, der Weg sei das Ziel, un­wi­der­ruf­lich ad ab­sur­dum führt.

An­ja Besch

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „One Of The­se Days“
Deutsch­land / USA 2022
120 min
Re­gie Bas­ti­an Gün­ther

al­le Bil­der © Welt­ki­no Film­ver­leih

DOG

Kinostart 19. Mai 2022

Chan­ning Tat­um legt mit „Dog“ sei­ne ers­te Re­gie­ar­beit vor. Be­son­ders mu­tig ist er da­bei nicht, denn sein Film ist ein sim­pel ge­strick­tes Road­mo­vie.

Ex-Ar­my Ran­ger Jack­son Briggs (Tat­um) und Lu­lu (ein bel­gi­scher Schä­fer­hund) ha­ben es ei­lig, sie müs­sen es recht­zei­tig zur Be­er­di­gung ei­nes Ka­me­ra­den und Lu­lus Herr­chen schaf­fen. Die bei­den ha­ben oh­ne­hin nichts Bes­se­res vor: Briggs ist ar­beits­los, lei­det un­ter den Fol­gen ei­ner Kriegs­ver­let­zung und Lu­lu steht kurz da­vor, ein­ge­schlä­fert zu wer­den. Die für Kriegs­ein­sät­ze trai­nier­te Hün­din hat sich seit dem Tod ih­res Herr­chens in ein beiß­wü­ti­ges Un­ge­heu­er ver­wan­delt, das am bes­ten mit Maul­korb in ei­nen Kä­fig ge­sperrt bleibt. Briggs und Lu­lu ge­hen sich – wie es sich für ei­ne klas­si­sche Rom­com ge­hört – zu­nächst ge­hö­rig auf die Ner­ven. Wäh­rend ih­rer Rei­se tref­fen die bei­den dann auf al­ler­lei skur­ri­le Mit­men­schen, die ei­ner nach dem an­de­ren da­zu bei­tra­gen, dass sich Hün­din und Herr­chen nä­her kom­men. SPOI­LER: Am En­de des Road­trips sind die bei­den zu un­zer­trenn­li­chen best bud­dies ge­wor­den.

„Dog“ er­zählt die Ge­schich­te zwei­er vom Krieg trau­ma­ti­sier­ter Le­be­we­sen. Doch das un­aus­ge­wo­ge­ne Dreh­buch wird dem The­ma nicht ge­recht. Be­son­ders stö­rend ist der oft un­an­ge­brach­te Hu­mor. Chan­ning Tat­um über­zeugt zwar mit je­der Men­ge Charme, doch die Sto­ry bleibt zu ober­fläch­lich und zu al­lem Übel hat Hund Lu­lu trotz des Na­mens kei­ner­lei Lo­bi-Qua­li­tä­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel "Dog"
USA 2021
97 min
Re­gie Chan­ning Tat­um & Reid Ca­ro­lin

al­le Bil­der © Leo­ni­ne

X

Kinostart 19. Mai 2022

„Lus­tig!“ ist viel­leicht nicht die Ant­wort, die die Mit­ar­bei­te­rin des Ver­leihs auf ih­re Fra­ge, wie der Film ge­fal­len ha­be, hö­ren woll­te. Viel­leicht: Scho­ckie­rend? Un­heim­lich? Düs­ter? All das ist „X“ na­tür­lich auch. Aber wenn sehr al­te Men­schen wäh­rend ei­nes Por­no­drehs zu blut­rüns­ti­gen Kil­lern wer­den, dann ist das eben auch lus­tig.

Te­xas, En­de der 1970er-Jah­re. Ein In­de­pen­dent-Film­team will auf ei­ner ab­ge­schie­de­nen Farm in the midd­le of nowhe­re ei­nen Film für Er­wach­se­ne dre­hen: „The Framer’s Daugh­ter“. Doch schon die Be­grü­ßung vor Ort fällt aus­ge­spro­chen feind­se­lig aus: Mit ge­la­de­nem Ge­wehr zei­gen die grei­sen Ver­mie­ter deut­lich ih­re Ab­nei­gung ge­gen die „Städ­ter“. Als das un­heim­li­che Ehe­paar dem por­no­gra­phi­schen Trei­ben sei­ner Gäs­te auf die Spur kommt, hat das blu­ti­ge Kon­se­quen­zen.

„X“ ist so­wohl ei­ne Hom­mage als auch ei­ne ge­lun­ge­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on klas­si­scher Slas­her- und Hor­ror­fil­me mit ei­ner ge­hö­ri­gen Pri­se Art­house. Dank zu­rück­ge­nom­me­nem Er­zähl­tem­po kann sich die Span­nung im­mer wei­ter auf­bau­en, be­vor das un­ver­meid­li­che Ge­met­zel be­ginnt. Die Ge­walt­sze­nen sind zwar blu­tig, aber nicht so wi­der­lich, dass sen­si­ble Zu­schau­er schrei­end den Saal ver­las­sen müs­sen. Im­mer wie­der gibt es Mo­men­te der Ko­mik, was den Film wohl­tu­end von den üb­li­chen Schlach­te­plat­ten des Gen­res ab­hebt. Wem der Sinn nach gut ge­mach­tem Re­tro­s­plat­ter steht, soll­te sich „X“ nicht ent­ge­hen las­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „X“
USA 2022
105 min
Re­gie Ti West

al­le Bil­der © Ca­pe­light Pic­tures

STASIKOMÖDIE

Kinostart 19. Mai 2022

Es sind schon mehr als drei Jahr­zehn­te ver­gan­gen, seit in Ber­lin-Lich­ten­berg die Ak­ten ge­schred­dert wur­den. Zeit ge­nug, sich über die Sta­si lus­tig zu ma­chen? Ja, doch, durch­aus – fin­det Le­an­der Hauß­mann und be­en­det (hof­fent­lich) sei­ne durch­wach­se­ne DDR-Tri­lo­gie, die er mit „Son­nen­al­lee“ und „NVA“ vor über 20 Jah­ren be­gann.

Lud­ger ist ein ge­wis­sen­haf­ter jun­ger Mann. Wenn das Am­pel­männ­chen Rot zeigt, dann heißt das: War­ten. Auch wenn weit und breit kein Au­to am Le­nin­platz zu se­hen ist. Dass das Be­ach­ten der Ver­kehrs­re­geln ein Ge­hor­sams­test der Sta­si ist, ahnt Lud­ger an die­sem son­ni­gen Mor­gen noch nicht. Er soll als ver­deck­ter Er­mitt­ler in die Künst­ler­sze­ne am Prenz­lau­er Berg ein­ge­schleust wer­den. Aus­hor­chen, un­ter­wan­dern und sei­nen Vor­ge­setz­ten Be­richt er­stat­ten – so sein Auf­trag. In ei­ner Rah­men­hand­lung er­in­nert sich der äl­te­re Lud­ger – mitt­ler­wei­le ein er­folg­rei­cher Schrift­stel­ler – an sei­ne Ver­gan­gen­heit und muss ent­schei­den, wie viel Wahr­heit sei­ne Fa­mi­lie ver­trägt.

Aus heu­ti­ger Sicht sind „Son­nen­al­lee“ und „NVA“ Kla­mot­ten mit gu­ten Dar­stel­lern – mehr nicht. Im­mer­hin hat Thea­ter­mann Hauß­mann ein Händ­chen fürs Vi­su­el­le, auch „Stas­iko­mö­die“ lässt Stau­nen: Sa­gen­haft, wie echt das al­les aus­sieht. Man fühlt sich glatt ins Ost­ber­lin der 1980er ver­setzt, na­tür­lich in ei­ne künst­le­risch ver­klär­te Ver­si­on der ehe­ma­li­gen Haupt­stadt der DDR. Der Trab­bi knat­tert durch die Dun­cker­stra­ße, vor­bei an un­sa­nier­ten Alt­bau­ten und im Hin­ter­grund er­hebt sich der Was­ser­turm im Abend­licht. Be­set­zung, Aus­stat­tung, Kos­tü­me, Set­bau – da gibt's nichts zu me­ckern.

Schau­spie­ler gut, Bil­der gut – was al­so stimmt nicht? Es ist wie im­mer Hauß­manns un­an­ge­brach­ter Hang zum Volks­thea­ter-Hu­mor. Die al­ber­ne Wit­zig­keit ist zum Fremd­schä­men. 🎶 Dou-li­ou Dou-li­ou Dou-li­ou Saint-Tro­pez – Hauß­mann stellt sei­ne Sta­si­of­fi­zie­re zwar als ge­nau­so gro­ße Voll­trot­tel wie Lou­is de Funès und sei­ne Flics dar, doch mit der schreck­li­chen Wahr­heit hat das nichts zu tun. Fa­ta­les Re­sü­mee: Am En­de war al­les halb so schlimm, und wir sind doch al­le ein biss­chen Sta­si.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2022
116 min
Re­gie Le­an­der Hauß­mann

al­le Bil­der © Con­stan­tin Film

MEINE SCHRECKLICH VERWÖHNTE FAMILIE

Kinostart 12. Mai 2022

Die drei Kin­der des Ge­schäfts­man­nes Fran­cis Bar­tek glän­zen durch Faul­heit und ver­schwen­de­ri­schen Le­bens­stil. Statt et­was aus sich zu ma­chen, wer­fen sie lie­ber das Geld aus dem Fens­ter, das ihr Va­ter hart er­ar­bei­tet hat. Zeit, der Brut ei­ne Lek­ti­on zu er­tei­len.

Ta­lent bor­rows, ge­ni­us ste­als – wuss­te schon Os­car Wil­de. So ge­se­hen ist die fran­zö­si­sche Ko­mö­die „Mei­ne schreck­lich ver­wöhn­te Fa­mi­lie“ ein ge­nia­les Werk.

Die Par­al­le­len zu „Schitt’s Creek“ sind nicht zu über­se­hen. Der Un­ter­schied: In der preis­ge­krön­ten US-Se­rie ver­schlägt es ei­ne ehe­mals stein­rei­che Fa­mi­lie in ei­ne länd­li­che Klein­stadt, nach­dem sie tat­säch­lich ihr gan­zes Ver­mö­gen ver­lo­ren hat. Bei "Mei­ne schreck­lich ver­wöhn­te Fa­mi­lie" ist die un­frei­wil­li­ge Be­geg­nung mit (igitt) Ar­beit und (igitt­igitt) nor­ma­len Men­schen ei­ne in­sze­nier­te Leh­re fürs Le­ben. Der Va­ter dreht sei­nen drei schnö­se­li­gen Kin­dern den Geld­hahn nur vor­über­ge­hend zu. We­ni­ger Fall­hö­he, ei­ne Light-In­ter­pre­ta­ti­on von „Schitt’s Creek“ so­zu­sa­gen.

Ni­co­las Cu­ches Ko­mö­die ist sehr, sehr leich­te Kost und kippt oft ins Kla­mau­ki­ge. Die gu­ten Mo­men­te wer­den un­ter ei­nem Berg mä­ßig ko­mi­scher Flach­wit­ze ver­gra­ben. Im­mer­hin gibt die son­nig-süd­fran­zö­si­sche At­mo­sphä­re schon mal ei­nen klei­nen Vor­ge­schmack auf den Som­mer.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Pour­ris gâ­tés“
Frank­reich 2021
95 min
Re­gie Ni­co­las Cu­che

al­le Bil­der © TE­LE­POOL

SUN CHILDREN

Kinostart 05. Mai 2022

Ali und sei­ne Freun­de schuf­ten den lie­ben lan­gen Tag, um sich und ih­re Fa­mi­li­en zu er­näh­ren. Der All­tag ist von Ge­le­gen­heits­jobs und klei­nen Gau­ne­rei­en be­stimmt – Haupt­sa­che, schnel­les Geld ver­dient. Ei­nes Ta­ges wird Ali vom lo­ka­len Dro­gen­ba­ron mit ei­ner eher un­ge­wöhn­li­chen Mis­si­on be­auf­tragt: Un­ter der Sun School soll sich ein Schatz ver­ber­gen, den es zu fin­den und zu he­ben gilt. Der 12-Jäh­ri­ge re­kru­tiert sei­ne Jungs (in dem Fall wört­lich zu neh­men: Die drei sind ech­te Milch­bu­bis), schreibt sich in der Schu­le ein und be­ginnt, in den Un­ter­richts­pau­sen im Kel­ler­ge­wöl­be un­ter dem Ge­bäu­de zu bud­deln. Doch die il­le­ga­len Ak­ti­vi­tä­ten blei­ben nicht un­be­merkt.

Das In­ter­es­san­tes­te an Fil­men wie „Sun Child­ren“, ist der Ein­blick, den sie in frem­de Kul­tu­ren ge­wäh­ren. Dies­mal er­fährt der Zu­schau­er ei­ni­ges über Kin­der­ar­beit und das ira­ni­sche Schul­sys­tem. Wie­der was ge­lernt. Re­gis­seur Ma­jid Ma­ji­di wid­met sei­nen Film den Mil­lio­nen Kin­dern, die welt­weit als il­le­ga­le Ar­beits­kräf­te ein­ge­setzt wer­den. Lo­bens­wert, dass er das nicht mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger macht: die Ge­schich­te er­in­nert an den Co­ming-of-Age-Klas­si­ker „Goo­nies“ aus den 80er-Jah­ren. Ma­ji­di ver­bin­det die Aben­teu­er­sto­ry mit ei­nem erns­ten The­ma und schafft so ei­ne über­ra­schend un­ter­halt­sa­me Er­zäh­lung mit An­spruch für Kin­der und Er­wach­se­ne.

„Sun Child­ren“ plä­diert für das Recht auf Bil­dung, un­ab­hän­gig von Her­kunft und fi­nan­zi­el­lem Back­ground. Da dies kei­ne Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on ist, lö­sen sich die viel­fäl­ti­gen an­ge­deu­te­ten So­zi­al­pro­ble­me nicht in Wohl­ge­fal­len auf. Je­der Fun­ken Hoff­nung ver­glimmt, der Film be­ginnt ge­nau­so düs­ter wie er en­det. Kein Hap­py End.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Khor­s­hid"
Iran 2020
99 min
Re­gie Ma­jid Ma­ji­di

al­le Bil­der © MFA+ Film­Dis­tri­bu­ti­on