Hinter guten Türen

HINTER GUTEN TÜREN

Hinter guten Türen

HINTER GUTEN TÜREN

HINTER GUTEN TÜREN ist Julia Beerholds Auseinandersetzung mit der eigenen Familie. Ihr Dokumentarfilm deckt schmerzhafte Erinnerungen auf.

Ab 30. Mai 2024 im Kino

Hinter guten Türen

Ein junges Mädchen steht mit Tränen in den Augen vor seinem Vater, einem erfolgreichen Unternehmer. Er schlägt ihr ins Gesicht, obwohl sie nicht weiß, was sie falsch gemacht hat. Anschließend holt der Vater die Kamera und fotografiert seine weinende Tochter – eine verstörende Erinnerung für das Familienalbum.

Die Abgründe hinter den Türen

Die Schauspielerin und Regisseurin Julia Beerhold hat einen Film über ihre Kindheit und Jugend in den 1960er und 70er-Jahren gedreht, in der Prügel für sie und ihren Bruder zum Alltag gehören. Vielleicht noch schlimmer als die körperliche Gewalt des Vaters ist die emotionale Kälte der Mutter. „Dann ward ihr da und dann war gut“, antwortet die alte Frau auf die Frage ihrer erwachsenen Tochter, warum sie trotz des Wunsches nach Kindern immer so distanziert war. „Ich habe mir gesagt, ich bin eine alte Mutter und nein, nein, die Kinder dürfen dich nicht zu sehr lieben. Wenn Du stirbst, ist das sonst zu schlimm für sie.“ Eine verdrehte Rechtfertigung der über 90-Jährigen. Die eigene Gefühllosigkeit tut sie als „Macke“ ab.

Hinter guten Türen

Wie oft denkt man selbst, man müsste ein Buch schreiben oder einen Film über das Leben der Eltern machen. Julia Beerhold hat es einfach getan. Ihre autobiografische Dokumentation schildert die Geschichte ihrer Kindheit, die von Liebe und Förderung ihrer Eltern geprägt ist, aber auch von Brutalität überschattet wird. Nicht ohne Konsequenzen: Mit elf Jahren beginnt sie zu trinken, später kommen Drogen dazu, drei Selbstmordversuche folgen.

Hinter guten Türen

HINTER GUTEN TÜREN erzählt keinen Einzelfall. Bei den meisten Familien würde sich ein Blick in die Abgründe hinter den Türen lohnen. Beerholds reduzierte Dokumentation ist zwar handwerklich simpel gemacht, dafür inhaltlich umso komplexer. Schicht um Schicht legt sie die Erinnerungen frei, ohne sich dabei selbst zu schonen. Am Ende muss sie erkennen, dass sie als Jugendliche ähnlich grausam wie ihre Eltern war und den Schmerz an ihre beste Freundin weitergegeben hat.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2023
79 min
Regie Julia Beerhold

Hinter guten Türen

alle Bilder © mindjazz pictures

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HUNTER FROM ELSEWHERE – A JOURNEY WITH HELEN BRITTON

HUNTER FROM ELSEWHERE – A JOURNEY WITH HELEN BRITTON

Ab 07. März 2024 im Kino

Der Schweizer Künstler Otto Künzli hat in den 1980er-Jahren ein sehr spezielles Schmuckstück erschaffen: In einem schwarzen Gummischlauch steckt eine goldene Kugel. Das Armband sieht schlicht aus, dass sich hinter dem billigen Material ein Edelmetall verbirgt, muss man dem Künstler glauben. Nur wenn man das Armband aufschneiden und es damit zerstören würde, könnte man sichergehen. Dass Dinge nicht unbedingt aus wertvollem Material bestehen müssen, um kostbar zu sein, findet auch Helen Britton. Die australische Allround-Künstlerin, Schmuckdesignerin und ehemalige Schülerin Urslis hat der spanischen Filmemacherin Elena Alvarez Lutz  erlaubt, ihr vier Jahre lang über die Schulter zu schauen.

HUNTER FROM ELSEWHERE ist eine faszinierende Reise durch die Welt einer freigeistigen und liebenswert schrulligen Künstlerin, die zeigt, dass erst bei genauer Betrachtung die Schönheit und Geschichten der Dinge offenbar werden. Brittons moderne Schmuckstücke, Skulpturen und Zeichnungen sind Teil einer Welt voller Geheimnisse. Der Film begleitet sie auf ihrer Reise zu vergessenen Handwerksbetrieben und stillgelegten Produktionsstätten, von den industriellen Anlagen ihrer Kindheit in Newcastle bis zu ihrem Münchner Atelier, wo sie kostbare und einfache Materialien zu zeitlosen Kunstwerken verbindet.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Schmuck viel mehr sein kann, als es auf den ersten Blick scheint. Elena Alvarez Lutz gelingt mit ihrem Dokumentarfilm ein intimer und lehrreicher Blick in die fabelhafte Welt der Helen Britton und ihr Universum voller Wunder.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2021
97 min
Regie Elena Alvarez Lutz

alle Bilder © W-FILM

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BECOMING GIULIA

BECOMING GIULIA

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Dokumentarfilm über die Solotänzerin Giulia Tonelli, die nach ihrer Mutterschaftspause darum kämpft, Beruf und Familie zu vereinbaren.

„Reicht ihr die Mutterrolle nicht aus? Muss sie auch noch so verdammt ehrgeizig sein?“ Nur zwei von vielen dummen Fragen, die sich berufstätige Mütter immer wieder anhören müssen. Für viele Frauen ist es ohnehin schwer genug, nach der Geburt eines Kindes in den alten Beruf zurückzukehren. Stillen, Wickeln, wenig Schlaf, da bleibt kaum Zeit (und Kraft) für anderes. Noch schwieriger ist das Ganze für eine professionelle Balletttänzerin.

Wickeltisch und Grand-plié schließen sich nicht aus

Mit Leidenschaft für ihren Beruf und Liebe zum Kind steht Giulia Tonelli vor der schwierigen Herausforderung, nur drei Monate nach der Entbindung wieder auf der Bühne am Opernhaus Zürich zu stehen. Sie kämpft gegen festgefahrene Rollenbilder und versucht, eine Balance zwischen der wettbewerbsorientierten und extrem anspruchsvollen Welt einer Elite-Ballettkompanie und ihrem neuen Familienleben zu finden.

„Ich hoffe, ich tanze noch, wenn er sich an mich erinnern kann.“, sagt Giulia über ihren kleinen Sohn. Denn meist endet für Profitänzerinnen die Karriere mit einer Schwangerschaft – doch Giulia denkt nicht daran, ihre beruflichen Träume aufzugeben. Wickeltisch und Grand-plié schließen sich nicht aus. Der Film begleitet die junge Mutter in den Jahren 2019 bis 2021 und wirft dabei einen einfühlsamen Blick auf eine Künstlerin auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Regisseurin Laura Kaehr, selbst ehemalige Tänzerin, verbringt mit ihrem Kamerateam viel Zeit in den Proberäumen des großen Opernhause, zeigt dabei die Schönheit des Balletts, aber auch die enorm harte Arbeit, die dahinter steckt.

BECOMING GIULIA ist das unaufgeregte, intime Porträt der außergewöhnlichen Frau Tonelli, die inzwischen zweifache Mutter ist. Beim Zürcher Filmfestival gab’s dafür den Publikumspreis.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Becoming Giulia“
Schweiz 2022
103 min
Regie Laura Kaehr

alle Bilder © W-FILM Distribution

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HEAVEN CAN WAIT

HEAVEN CAN WAIT

Ab 12. Oktober 2023 im Kino

Was ist besser als Sterben? Singen zum Beispiel. Eine Gruppe Hamburger Senioren findet ihr spätes Glück in einem Chor.

Ein lauer Sommerabend in Heidelberg. Beim Spaziergang durch den Plöck ist ganz leise, dann immer lauter ein überirdisch klingender Gesang zu hören. „Shallow“, der Hit aus A STAR IS BORN, nicht von Lady Gaga und Bradley Cooper, sondern von einem gemischten Chor gesungen. Ein Moment des Glücks. Sofort will man googeln, ob sich eventuell auch ein Verein in Berlin findet, bei dem man Mitglied werden könnte. Wie so oft – der Moment verfliegt aber vielleicht irgendwann einmal …

Still alive - 2.000 Jahre live on stage

Dass Singen glücklich macht, ist keine neue Erkenntnis. Sogar im hohen Alter sorgt es noch für einen Endorphin-Ausstoß. Bei Europas ältestem Castingchor ist das Mindestalter 70. Nach oben gibt es keine Grenze. Manche der Sängerinnen und Sänger haben schon die 90 hinter sich gelassen. Ein ganz besonderer Chor der Alten, der unter der gut gelaunten Führung von Jan-Christof Scheibe sogar Auftritte im traditionsreichen St. Pauli-Theater absolviert. 

Auf perfekten Gesang kommt es ihm dabei nicht an, vielmehr auf echtes Gefühl. Schöne Töne kann mit Übung jeder treffen, doch es geht dem Chorleiter um mehr – trotz dritter Zähne sollen die jugendlichen Texte glaubhaft transportiert werden. Das Repertoire ist das eines Schülerchors: Songs von Juli, Sido, Jan Delay, Fettes Brot, Deichkind und Udo Lindenberg stehen auf dem Programm.

Sven Halfar stellt in seinem lebensbejahenden und überaus reizenden Film einige der Chorsängerinnen und Sänger vor – privat und auf der Bühne. Seit 10 Jahren gibt es den Gesangsverein. Zur Zeit sind die Hamburger Senioren mit der treffend bezeichneten Show „Still alive – 2.000 Jahre live on stage“ auf Tour. Sollte jemand planen, aus der Geschichte einen Spielfilm zu machen: Gute Idee – nicht nur als ABM für greise Darsteller. Dank geriatrischer Niedlichkeit und Herzenswärme wäre der Erfolg garantiert. Und wegen verblüffender Ähnlichkeit steht eine Rollenbesetzung auch schon fest: Christian Berkel als Chorleiter.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2023
103 min
Regie Sven Halfar

alle Bilder © mindjazz pictures

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ANSELM – DAS RAUSCHEN DER ZEIT

ANSELM – DAS RAUSCHEN DER ZEIT

Ab 12. Oktober 2023 im Kino

Anselm Kiefer-Freunde aufgepasst: Wim Wenders Dokumentarfilm über den Jahrhundertkünstler ist ein Muss für Fans.

Im südfranzösischen Städtchen Barjac, eine gute Autostunde von Avignon entfernt, hat der Bildhauer und Maler Anselm Kiefer auf einer 40 Hektar großen Fläche eine Kunstwelt erschaffen, die es so nirgend woanders gibt. Seine riesigen, raumsprengenden Skulpturen und Bilder finden sich dort in eigens errichteten Hallen oder einfach mitten in die Natur gestellt. Kiefers begehbare Installationen haben oft etwas Kulissenhaftes und könnten ebenso Bühnenbilder einer düsteren Theater- oder Filminszenierung sein. Wim Wenders hat dieses atemberaubende Gesamtkunstwerk mit seinem in 3D gedrehten Film ANSELM – DAS RAUSCHEN DER ZEIT zum Greifen nah eingefangen. 

Geniale Übersetzung der Werke Kiefers auf die Leinwand

Beide sind 1945 geboren, beide verbindet seit über 30 Jahren eine enge Freundschaft. Wenders schafft mit großen Bildern (Kamera Frank Lustig) und einem Soundtrack aus klassischer Musik, Gedichten und Flüsterstimmen eine geniale Übersetzung Kiefers ins Filmische. Die Collage aus nachgestellten Kindheitsszenen, alten Fernsehbeiträgen und einer schwebend losgelösten Kamera ist weit mehr als eine oberflächliche Wiedergabe, sie dringt tief in die Gedankenwelt des Künstlers ein.

Neben den fantastischen Aufnahmen der gleichermaßen bedrückenden wie schönen Kunstwerke zeigt ANSELM – DAS RAUSCHEN DER ZEIT auch den Schaffensprozess – oder einfacher gesagt: Kiefer bei der Arbeit. Der nutzt ganz pragmatisch entweder ein Fahrrad oder einen Gabelstapler, um in seinen riesigen Atelierhallen von einem Werk zum anderen zu gelangen. Mit Flammenwerfer (plus löschbereitem Assistenten mit Wasserschlauch daneben) und übergroßen Pinseln bearbeitet der Meister seine teils haushohen Bilder. Ein Berserker, der genau weiß, was er da tut. Am Ende des Films hätte man große Lust, in den nächsten Flieger zu steigen und sich leibhaftig in die faszinierende, morbide Welt des Anselm Kiefers zu begeben. Grandios.

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Deutschland 2023
93 min
Regie Wim Wenders

alle Bilder © DCM

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SIEBEN WINTER IN TEHERAN

SIEBEN WINTER IN TEHERAN

Ab 14. September 2023 im Kino

Winter is coming. Die Tage werden kürzer und auch im Kino ist Schluss mit lustig.

SIEBEN WINTER IN TEHERAN ist ein Dokumentarfilm über schreiendes Unrecht. Die 19-jährige Reyhaneh Jabbari sitzt 2007 in Teheran in einem Eiscafé. Ein älterer Mann spricht sie an, er habe mitgehört, dass sie als Designerin für Messestände arbeite. Er hätte einen Auftrag für sie, seine Praxis für Schönheitschirurgie solle neu gestaltet werden. Die junge Frau ist begeistert, begleitet den Mann zu einer Besichtigung der Räume. Schnell wird ihr klar, dass sie in eine Falle geraten ist. Der Mann schließt die Tür ab, beginnt Reyhaneh anzugrapschen, will sie auf dem Sofa vergewaltigen. Sie greift in ihrer Not nach einem Küchenmesser, tötet den Mann. Kurz darauf wird sie wegen Mordes verhaftet.

Erschütternd und schwer auszuhalten

Wenn zum Unglück auch noch Pech dazu kommt. Nicht nur ist das „Opfer“ ein gut vernetzter Mitarbeiter des Geheimdienstes, im Iran gilt vor Gericht außerdem das Blutrecht. Die Angehörigen des Vergewaltigers fordern – Auge um Auge, Zahn um Zahn – das Leben Reyhanehs als Preis für den eigenen Verlust. Zustände wie im Mittelalter, aber leider immer noch Realität in einem Land, gar nicht so weit weg von uns.

Herzstück von Steffi Niederzolls aufwühlender Dokumentation sind heimlich im Iran gedrehte Aufnahmen, ergänzt durch Interviews mit den Angehörigen. Die Kamera gibt einen ansonsten unmöglichen Einblick, bewegt sich fast tastend durch Miniatur-Nachbauten der wichtigsten Stationen: vom Ort des Verbrechens, über den Gerichtssaal bis zum Gefängnis. Aus dem Off liest dazu eine Schauspielerin Reyhanehs Briefe aus der Haft.

Am 25.10.2014 wird Reyhaneh Jabbari hingerichtet. Bis zu ihrem Tod bleibt ihr Lebenswille ungebrochen, bis zum Schluss besteht sie auf Gerechtigkeit. Eine von der Familie des Vergewaltigers angebotene Vergebung, so sie sich schuldig bekenne, lehnt sie ab. Tragischer Tiefpunkt ist eine live mitgedrehte Handyaufnahme, in der Reyhanehs Mutter erfährt, dass ihre Tochter soeben hingerichtet wurde. Das zu sehen erschüttert, ist schwer auszuhalten. Inzwischen lebt die Familie in Berlin, nur dem Vater wird die Ausreise verweigert. Reyhanehs Schwestern und vor allem ihre Mutter kämpfen weiter gegen das Unrecht, das iranischen Frauen bis heute angetan wird. SIEBEN WINTER IN TEHERAN ist vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen im Iran ein wichtiger und gleichzeitig wenig Hoffnung machender Film.

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Deutschland / Frankreich 2023
97 min
Regie Steffi Niederzoll 

alle Bilder © Little Dream Pictures 

ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED

ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED

Ab 25. Mai 2023 im Kino

Dok-Film über die Leiden der Starfotografin Nan Golding

Ihr Leben beginnt furchtbar und wird von da an immer schlimmer. Der Selbstmord der depressiven Schwester. Das Schweigen der Eltern. Der Lebensgefährte, der sie fast totschlägt. Die zahllosen Freunde, die ab den 1980er-Jahren der AIDS-Epidemie zum Opfer fallen. Dazwischen Jobs als Tänzerin in einem Stripclub, später als Prostituierte in einem Puff.

Sie ist ein Star in der modernen Kunstwelt

Der Titel legt es nahe: Neben Schönheit ist Blutvergießen das bestimmende Thema in Nan Goldings Leben. Die amerikanische Fotografin ist ein Star in der modernen Kunstwelt. Verwurzelt in der New Yorker No-Wave-Underground-Bewegung, hat sie die Fotografie revolutioniert. Mit ihrem herausragenden Gespür, den richtigen Moment einzufangen, widmen sich ihre Arbeiten Themen wie Sexualität, Sucht und Tod – voll schonungsloser Direktheit. 

Der Medikamentenhersteller Purdue Pharma treibt seit Mitte der 90er-Jahre Millionen Amerikaner in die Sucht. Eine davon: Nan Goldin. Nach einer Operation wird sie vom Schmerzmittel Oxycontin abhängig. Im Gegensatz zu vielen anderen schafft sie den Ausstieg. Seitdem setzt sie sich unermüdlich als Aktivistin gegen die Familie Sackler ein, die als Besitzer von Purdue Pharma maßgeblich für die Opioid-Epidemie verantwortlich ist (mehr dazu in der herausragenden Miniserie DOPESICK). Allerdings zählen die Sacklers auch zu den bedeutendsten Mäzenen weltweit, auf deren Unterstützung viele Künstler angewiesen sind. Das hält Golding aber nicht davon ab, durch couragierte Aktionen bekannte Museen dazu zu bringen, sich von den Sacklers zu distanzieren.

Sucht, Krankheit, Tod: Regisseurin Laura Poitras konzentriert sich in ihrem Dokumentarfilm stark auf Nan Goldings Leidensstationen, die Arbeiten der Fotografin bleiben fast Nebensache. So viel geballtes Unglück erfordert Durchhaltevermögen, auch vom Zuschauer.

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Originaltitel „All the Beauty and the Bloodshed“
USA 2022
117 min
Regie Laura Poitras

alle Bilder © PLAION PICTURES

SHE CHEF

SHE CHEF

Ab 18. Mai 2023 im Kino

Schon als Teenager wollte sie statt einer neuen Handtasche lieber eine Pastamaschine. Kann sich Agnes Karrasch ihren Platz in der Männerdomäne der Sterneküche erkämpfen?

Es bricht einem das Herz. Nur weil in China ein kranker Affe ins Essen spuckt, macht die verheißungsvolle Karriere der jungen Kochweltmeisterin Agnes eine Vollbremsung. Gerade arbeitet sie sich in Barcelona in die komplizierte Molekularküche des „Disfrutar“ ein, da wird die Welt dank Covid in die Knie gezwungen.

Perfektion erfordert klare Hierarchien. Oder?

SHE CHEF lebt vor allem von der leicht sperrigen und deshalb umso sympathischeren Agnes Karrasch. Nach einem Praktikum im Sternerestaurant Vendôme führen sie ihre Lehr- und Wanderjahre über Barcelona nach Dänemark. Melanie Liebheit und Gereon Wetzel begleiten die 25-jährige Österreicherin auf ihrem Weg zur Spitzenköchin. Dabei wird dem Zuschauer ein ungewöhnlich offener Blick hinter die Kulissen der Spitzengastronomie erlaubt. Dominiert wird diese Welt immer noch von Männern. Die clevere Agnes macht sich zwischendurch ihre ganz eigenen Gedanken zu Karriere, Familie und Frausein. Neugierig und selbstbewusst lernt sie von den Besten, um vielleicht irgendwann ein eigenes Restaurant zu eröffnen. 

Während unsereins vorne schlemmt und am Ende freudig den Zaster aus der Börse zückt, läuft im Hintergrund eine perfekt geölte Maschinerie ab. Vom sorgfältigen Dampfbügeln der Tischdecken bis zu den pinzettengezupften Kräutern. So viel Perfektion erfordert klare Hierarchien. Oder? Dass es auch anders geht, erfährt Agnes erst im „Koks“, einem entlegenen Sternerestaurant auf den Färöer Inseln, das aussieht, als habe sich der Herr der Ringe mit einem Koch zusammengetan und ein Lokal in Mittelerde aufgemacht. Bucket List: Da will ich auch mal hin.

SHE CHEF ist ein herrlich unaufgeregter Dokumentarfilm über Qual und Erfüllung in der Spitzengastronomie. Inspirierend und vom Chefkoch empfohlen.

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Österreich / Deutschland 2022
105 min
Regie Melanie Liebheit & Gereon Wetzel

alle Bilder © Camino Filmverleih

LARS EIDINGER – SEIN ODER NICHT SEIN

LARS EIDINGER – SEIN ODER NICHT SEIN

Kinostart 23. März 2023

Ein eitler Fatzke. Typischer Schauspieler. Ein Genie. Neutral stehen die wenigsten Lars Eidinger gegenüber. Dass er gut ist, darauf können sich fast alle einigen. Doch immer wieder verstören seine emotionalen Auftritte und seine Sucht, im Mittelpunkt zu stehen. Oder ist das auch nur ein böses Klischee? Nach seinem inzwischen legendären Tränenausbruch bei einer Berlinale-Pressekonferenz wurde er mit Hasskommentaren und hämischen Artikeln im Feuilleton überschüttet. Da könnte man schon fast Mitleid bekommen, wenn nicht Eidinger selbst in einem Interview gesagt hätte, dass er sich stets der Kameras und Zuschauer bewusst ist. „Ich bin gar nicht da, wenn mich keiner anschaut.“ Also doch alles nur Show?

Lars Eidinger spielt Lars Eidinger

Privat sei er ganz anders, zurückhaltend und still, so sein Freund Thomas Ostermeier. Der holt ihn 1999 an die Schaubühne. Spätestens mit Hamlet und Richard III wird das Regie/Schauspiel-Duo weltberühmt. Für Eidinger folgen Rollenangebote in internationalen Spielfilmproduktionen. Heute ist er einer der gefragtesten deutschen Schauspieler.

Reiner Holzemer hat Lars Eidinger neun Monate mit der Kamera begleitet. Als Rahmen dient die Probenarbeit für die Jedermann-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2021. Hier kommt es auch zu einer erinnerungswürdigen Szene: Eidinger ist gerade in einen Monolog versunken, da wagt es Regisseur Michael Sturminger leise mit einer Kollegin zu sprechen. Eidinger rastet komplett aus, die anderen im Raum senken betreten den Blick zu Boden, der Regisseur versucht sich zu rechtfertigen. Im Interview antwortet Eidinger später auf die Frage, ob ihm bei dem Streit auch bewusst war, dass die Kamera läuft mit einem lapidaren „Ja“. So weit, so unsympathisch. 

Lars Eidinger spielt Lars Eidinger, der Lars Eidinger spielt. Sein Werdegang von der Ernst Busch-Schule bis zum gefeierten Schauspielstar und Holzemers Blick auf seine oft unkonventionelle Arbeitsweise sind interessant, doch am stärksten bleiben die Theatermitschnitte, in denen Eidinger das macht, was er am besten kann: schauspielern.

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Deutschland 2023
92 min
Regie Rainer Holzemer

alle Bilder © FILMWELT

ENNIO MORRICONE – DER MAESTRO

ENNIO MORRICONE – DER MAESTRO

Kinostart 22. Dezember 2022

Meist genügt nur ein Takt, um zu erkennen, dass die Filmmusik von ihm stammt. Mundharmonika, überirdischer Frauengesang – Ennio Morricone wertet mit seinem unverkennbaren Sound zahllose Spaghettiwestern auf. Der Mann war schon zu Lebzeiten eine Legende. Höchste Zeit für einen Dokumentarfilm über den genialen Komponisten. Regisseur Giuseppe Tornatore arbeitet die faszinierende Karriere seines langjährigen Freundes in „Ennio Morricone – Der Maestro“ chronologisch ab. Das ist zwar konventionell gemacht, aber auch angenehm unaufgeregt.

In gleichermaßen anrührenden wie erhellenden Interviewszenen erinnert Morricone sein Leben von der Kindheit bis zum sehr späten Oscargewinn für „The Hateful Eight“. Dazwischen gestreut kommen in kurzen O-Tönen – etwas zu hektisch aneinandergereiht – Weggefährten wie Quentin Tarantino, Bernardo Bertolucci, Joan Baez, Hans Zimmer, Bruce Springsteen oder Clint Eastwood zu Wort.

Tatsächlich ist die größte Überraschung, wie viele eingängige Schlager-Hits Morricone zu Beginn seiner Karriere in den 50er und 60ern geschrieben hat. Auch dass er vor seinen Welterfolgen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Es war einmal in Amerika“ unzählige Filmmusiken für heute längst vergessene italienische Filme komponiert hat, dürfte den Wenigsten bekannt sein.

Morricone ist während seiner gesamten Karriere bereit, zu experimentieren, sich neu zu erfinden. Filmen verleiht er mit seiner Musik eine Dimension, die mancher Regisseur selbst noch gar nicht begriffen hat. Bei so viel aufregender Kreativität braucht es keine filmischen und erzählerischen Tricks. „Ennio Morricone – Der Maestro“ ist zwar ein etwas artig gemachter, aber trotzdem spannender Film über einen genialen Ausnahmekünstler.

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Originaltitel „Ennio“
Italien / Belgien / Japan / Niederlande 2021
156 min
Regie Giuseppe Tornatore

alle Bilder © PLAION PICTURES

INVISIBLE DEMONS

Kinostart 03. November 2022

Delhi ist die Hölle auf Erden. Ganze Parks und Straßenzüge werden mit giftigen Chemikalien eingenebelt, um die brütenden Moskitos zu killen. Das Atmen der Luft ist so ungesund wie das Rauchen einer Schachtel Zigaretten pro Tag. Die ehemalige Lebensader der Stadt, der Fluss Yamuna, ist nur noch eine stinkende Kloake, dick mit weißem Schaum bedeckt. Kein Wunder, denn die Industrie leitet ihre Abwässer direkt und ungefiltert ein. Auf Müllbergen suchen die Ärmsten der Stadt nach verwertbaren Resten im Abfall, daneben kämpfen zwei Kühe um eine Plastiktüte. Dreck fressen, um zu überleben. Als ob das nicht genug wäre, spielt auch noch das Wetter verrückt: Sengende Hitze mit Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius wechselt sich mit sintflutartigen Regengüssen ab, die das ganze Land überschwemmen.

Von Hoffnung keine Spur, der Mensch ist an der ganzen Misere schuld

Die deutsch-indisch-finnische Koproduktion „Invisible Demons“ reiht ein Untergangsszenario ans nächste. Die Welt steht am Abgrund. Politik und Wirtschaft versprechen Besserung, doch auf die leeren Worte folgen keine Taten. Alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann, trotzdem tut keiner etwas dagegen.

Von Hoffnung keine Spur, der Mensch ist an der ganzen Misere schuld. Wer es nicht schon vorher war, wird nach diesem Film endgültig zum Misanthropen. Aber vielleicht braucht es einen fatalistischen Blick auf den Zustand unserer Umwelt und das Versagen der Menschheit, um sich (mal wieder) das ganze Ausmaß der Tragödie vor Augen zu halten. Rahul Jain beschränkt sich in seinen 66 Minuten Dystopie ausschließlich auf Negatives, Lösungen oder zukunftsorientierte Umweltprojekte – Fehlanzeige. Dabei gibt es die in Indien sicher auch.

Im Kino dürfte es der Dokumentarfilm aufgrund seiner Länge (irgendwo zwischen Kurz- und Spielfilm) schwer haben. Als aufrüttelnde Mahnung wären ihm trotzdem viele Zuschauer zu wünschen.

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Originaltitel „Invisible Demons“
Indien / Deutschland / Finnland 2021
66 min
Regie Rahul Jain

alle Bilder © GMfilms

ALLES ÜBER MARTIN SUTER. AUSSER DIE WAHRHEIT.

Kinostart 06. Oktober 2022

Die große Zeit des Martin Suter scheint vorbei, nach ein paar genialen Werken um die Jahrtausendwende waren seine letzten Bücher zunehmend banal und enttäuschten sowohl Leser als auch Kritiker. Nun hat Regisseur André Schäfer dem Schweizer Romancier ein filmisches Denkmal gesetzt, in dem – der von Suter selbst erfundene Titel lässt es erahnen – alles und nichts über den Autoren verraten wird.

In der fiktionalen Dokumentation kommen Suter und seine Weggefährten zu Wort, vermischt mit nachgestellten Szenen aus den Romanen „Small World“ und „Die dunkle Seite des Mondes“. Der Autor selbst taucht dabei als stiller Beobachter auf, sozusagen als Schöpfer, der Teil seines Werks wird. Bei der visuellen Umsetzung wird dabei nicht gerade auf die Fantasie der Zuschauer vertraut. Heißt es im von Andreas Fröhlich gesprochenen Off-Text beispielsweise: „Er zündete sich eine Zigarette an und blickte aus dem Fenster“, dann – ja genau – sieht man eben das. Meta ist das nicht. Auch von den Zwängen und Mechanismen des Autorendaseins erfährt man nicht allzu viel. Die fast fiktiv wirkende Figur des brillantinefrisierten „Mannes von Welt“ Suter bleibt so unnahbar wie eine erfundene Figur in einem Roman. Nur in wenigen Szenen, wie der mit seiner Adoptivtochter oder bei den gemeinsamen Bühnenauftritten mit Musikerfreund Stephan Eicher blitzt der Mensch Martin Suter durch.

Schwer zu sagen, ob „Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit“ ein adäquates Bild des Bestsellerautors zeichnet, immerhin ist es eine unterhaltsame Annäherung an das Phänomen Suter. Dass man am Ende des Films noch mal einen der frühen Romane des Autors lesen möchte, ist ja nicht das schlechteste Zeichen.

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Deutschland / Schweiz 2022
90 min
Regie André Schäfer

alle Bilder © DCM

DER BAUER UND DER BOBO

Kinostart 29. September 2022

2014 missachtet eine deutsche Touristin in den österreichischen Bergen die goldenen Top 10 der „Verhaltensregeln für den Umgang mit Weidevieh“ (Absatz 3: Mutterkühe beschützen ihre Kälber, Begegnung von Mutterkühen und Hunden vermeiden!) und muss ihren Fehler mit dem Leben bezahlen. Eine Kuh fühlt sich vom angeleinten Hund der Touristin bedroht und trampelt die Frau zu Tode. Im nachfolgenden Schadensersatzprozess wird der Halter der Kuh zu einer Geldstrafe verurteilt. Richtig so, findet seinerzeit der Journalist Florian Klenk und schreibt einen entsprechenden Artikel im Wiener „Falter“. Das wiederum bringt den Bergbauern Christian Bachler derart auf die Palme, dass er seiner Wut in einem Facebook-Video Luft macht. Frei nach dem Motto: Das bourgeoise Pack in der Großstadt hat eh keine Ahnung und sollte sich mal lieber vor Ort ein Bild vom problematischen Bauerndasein machen. Diese Einladung zum „Praktikum“ nimmt Florian Klenk umgehend an und macht sich auf den Weg zum höchstgelegenen Biobauernhof in der Steiermark.

Besetzung ist das A und O, um mal eine berühmte deutsche Regisseurin zu zitieren. Kurt Langbein hat für seinen lehrreichen und zugleich unterhaltsamen Dokumentarfilm zwei Topcharaktere gefunden: Christian Bachler (der Bauer) hat einen ausgeprägten Sinn für bisweilen derben Humor, trägt sein Herz dabei wahlweise auf der Zunge oder gedruckt auf einem seiner scheinbar unendlich vielen Motto-Shirts. Florian Klenk (der Bobo – österreichischer Slang für einen bourgeoisen Bohemien) ist ein gescheiter Mann, der Bachler mit einer Crowdfundingaktion sogar Haus und Hof retten hilft. Aus den scheinbar gegensätzlichen Männern sind schnell Freunde fürs Leben geworden. Heute kämpfen sie Seite an Seite gegen EU-Regulierungswahnsinn und Klimawandel.

Der ideale Chefredakteur, der die Arbeit aller Mitarbeiter wohlwollend kommentiert und Verbesserungsvorschläge macht, oder die Dorfgemeinschaft, die eine ausgewogene Stammtischdiskussion über das Für und Wider der neuen Zeiten in der Bergwelt führt: Ein paarmal beschleicht einen bei Kurt Langbeins Film das Gefühl, inszenierten Szenen zuzuschauen. Aber manches muss wohl für die Kamera vereinfacht nachgestellt werden. Von diesen kleinen Unstimmigkeiten abgesehen, ist „Der Bauer und der Bobo“ ein mit Leichtigkeit erzählter Film, der empathische Zuschauer trotz aller Komik an der Gier und Ignoranz der Menschheit verzweifeln lassen wird. Es kann gar nicht genug solcher Filme geben.

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Österreich 2022
96 min
Regie Kurt Langbein

alle Bilder © 24 Bilder

WER WIR GEWESEN SEIN WERDEN

Kinostart 14. Juli 2022

Oh weh, ganz dünnes Karma-Eis: Darf (soll) man ein Obituary wie einen Spielfilm kritisieren? „Wer wir gewesen sein werden“ ist ein Nachruf auf einen geliebten Menschen, eine sehr persönliche Form der Trauerbewältigung – da verbietet sich eine Sternebewertung eigentlich. In drei Kapitel aufgeteilt – „Das Leben davor“, „Das Leben danach“ und „Das Hier und Jetzt“ – erzählt der Film in einer Collage aus privaten Videoaufnahmen, Fotos und Textnachrichten die alltägliche Geschichte der jungen Bierbrauerin Angelina Zeidler und des angehenden Filmemachers Erec Brehmer, die sich im Dezember 2015 auf Tinder kennenlernen.

Nach vier Jahren Beziehung wird Angi urplötzlich aus dem Leben gerissen. Der Frontalzusammenstoß mit einem Auto endet für die 29-Jährige tödlich. Erec überlebt den Unfall schwer verletzt und muss sich seiner Trauer stellen. Hätte er den Unfall verhindern können? Ist ein Leben ohne Angelina noch sinnvoll? War er der Freund, den sie verdient hat?

Die geniale britische Dramedy-Serie „After Life“ behandelt ein ähnliches Thema, nur dass Ricky Gervais die Trauer seiner Figur mit viel schwarzem Humor erzählt. Wer die Serie kennt, wird die Szenen erinnern, in denen Tony immer wieder Homevideos seiner verstorbenen Frau auf dem Laptop anschaut. Life imitates art: Dank Social Media und allgegenwärtiger Smartphones kann auch Regisseur Erec Brehmer die Zuschauer auf eine digitale Erinnerungsreise in die Vergangenheit mitnehmen, auf die Suche nach seiner verstorbenen Freundin und in seine eigenen Abgründe. „Wer wir gewesen sein werden“ ist eine filmische Therapiesitzung: ehrlich, manchmal quälend intim, oft tieftraurig und berührend.

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Deutschland 2022
81 min
Regie Erec Brehmer

alle Bilder © Erec Brehmer

SHIVER – DIE KUNST DER TAIKO TROMMEL

Kinostart 23. Juni 2022

Schnell die Koffer packen und sich auf eine Reise nach Japan begeben. Genauer nach Sado. Wild, ursprünglich und faszinierend schön sieht die von dramatischem Ozeanwellen umgebene Insel in Toyoda Toshiakis Film aus.

Schönheit beflügelt Kreativität. In „Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel“ bildet Sado die Kulisse für ein außergewöhnliches Experiment: Der japanische Elektro-Musiker Koshiro Hino trifft auf das Taiko Performing Arts Ensemble Kodo. Die Gruppe besteht seit über 40 Jahren und erzeugt mit einer Vielzahl exotischer Schlaginstrumente ihren mittlerweile weltberühmten Sound.

Aus der Kollaboration zwischen Hino und Kodo entstand ein faszinierendes audiovisuelles Ereignis, das ganz ohne Dialoge auskommt. Zwischen Kontemplation und purer Kraft: Der Dokumentarfilm „Shiver“ ist ein verrücktes, magisches und philosophisches Event.

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Originaltitel „Senritsu seshimeyo“
Japan 2020
89 min
Regie Toyoda Toshiaki 

alle Bilder © Rapid Eye Movies

DAS STARKE GESCHLECHT

Kinostart 26. Mai 2022

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Außen hart und innen ganz weich

Zugegebenermaßen kein besonders origineller Ansatz, den 80er-Jahre-Hit für eine Filmkritik über einen Männerfilm zu zitieren. Aber hat Herbert Grönemeyer damals nicht schon alles Wissenswerte über das starke Geschlecht in seinem Lied gesagt?

Der Ablauf ist immer der gleiche: acht Männer – alle sitzen vor neutral schwarzem Hintergrund – werden in Einzelinterviews zu ihrer Sexualität befragt. Dazu müssen sie zunächst einen Text lesen, in dem andere Männer (anonym befragt) über ihre sexuellen Wünsche und Erlebnisse berichten. Da geht es unter anderem um Vergewaltigungsfantasien, Unterwerfung und Ähnliches. Ein Zwitter aus Dokumentarfilm und Versuchsanordnung: Die Kamera zeigt zunächst die Reaktion der acht Männer auf das Gelesene. Danach tragen sie den Text vor und werden anschließend vom Regisseur (der nur als Stimme aus dem Off zu hören ist) zu ihren eigenen Erfahrungen befragt. Unsicher, was Frauen wirklich wollen, sind sie alle, so viel sei schon mal gespoilert.

Ein leichter Beigeschmack von „bisschen zu gespielt“ stellt sich zwischendurch ein. Die Redner sind ungewöhnlich souveräne Selbstdarsteller, die sich ohne viele „ähs“ in druckreifer Sprache ausdrücken können. Eine Googlesuche ergibt: alle acht Männer sind entweder Schauspieler, Regisseure, Autoren oder zumindest medienerfahren. Möglicherweise fanden sich schlicht keine verunsicherten Normalos, die das Ausloten ihrer männlichen Seele in verständliche Worte fassen konnten.

Interessant wäre zu erfahren, wer sich für diesen Film ein Kinoticket kauft: Mehr Männer oder mehr Frauen? Es werden hoffentlich viele sein. Endlich mal eine Dokumentation, die keine Drohnenflüge über exotische Landschaften oder das Paarungsverhalten ausgestorbener Pandabären zeigt, sondern ein aufschlussreiches Experiment wagt. Das sollte an der Kinokasse belohnt werden.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2021
102 min
Regie Jonas Rothlaender

alle Bilder © missingFILMs

GEFANGEN IM NETZ

GEFANGEN IM NETZ

Da kann der RTL 2-Zuschauer nur müde gähnen: Schon vor mehr als 10 Jahren schickte der Schmuddelsender Ex-Bundesverteidigungsministergattin Stephanie zu Guttenberg auf die Jagd nach Kinderschändern: „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ hieß das trashige Reality-TV-Format.

Im Gegensatz zur reißerischen Schnappatmigkeit des deutschen Fernsehversuchs nähert sich der tschechische Dokumentarfilm „Gefangen im Netz“ dem schwierigen Thema Cybergrooming um einiges behutsamer an. Wie bei einer aufwändigen Spielfilmproduktion findet zunächst ein Casting statt. Drei mädchenhaft aussehende, aber volljährige Frauen sollen sich im Internet als 12-jährige Kinder ausgeben. Schon diese Szene zu Beginn des Films hat es in sich: da erzählen die jungen Schauspielerinnen, wie sie selbst als Jugendliche belästigt und im Netz gemobbt wurden. Die Grenze zwischen Inszenierung und Realität verwischt von Anfang an.

Aus im Studio nachgebauten Zimmern, von Kameras und einem Team Seelsorger begleitet, chatten die “Mädchen” dann mehrere Wochen mit Männern aller Altersgruppen. Dabei gilt es, die zuvor festgelegten Regeln zu beachten: So muss gleich zu Beginn auf das Alter hingewiesen werden, es darf nicht selbst angerufen werden und es darf nicht geflirtet, verführt oder provoziert werden.

Trotzdem fordern fast alle Männer die Mädchen früher oder später dazu auf, sich nackt vor der Kamera zu präsentieren oder zumindest explizite Fotos hochzuladen. Einige der Männer versuchen nach Erhalt, die Mädchen zu erpressen (die versendeten Nacktbilder sind im Photoshop entstanden).

Um das Aussehen der Täter zu verfremden, wurde ihnen in der Postproduktion eine runde, milchige Maske über das Gesicht gelegt, nur Augen- und Mundpartie bleiben klar zu erkennen. Ein gespenstischer Effekt, der die Täter noch bedrohlicher wirken lässt.

FAZIT

Finsteres, gut gemachtes Dokuexperiment. Mit über einer halben Millionen Zuschauern war “Gefangen im Netz” in Tschechien die erfolgreichste Kinoproduktion des Jahres 2020.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „V síti – caught in the net“
CR 2020
100 min
Regie Barbora Chalupová & Vít Klusák
Kinostart 24. Juni 2021

alle Bilder © Filmwelt

GLITZER UND STAUB

Die eine Hand am Sattelknauf, die andere elegant über den Kopf gehalten, wie um die Augen vor dem Sonnenlicht zu schützen. Einziges Ziel ist es, das Gleichgewicht zu halten. Ein kurzer, brutaler Tanz – wer herunterfällt, hat verloren.

Bullenreiten ist ein unerfreulicher Sport. In seiner Sinnlosigkeit rückt er in die Nähe des spanischen Stierkampfs. Tiere leiden zum Amüsement des Zuschauers. Zum Glück hat „Glitzer und Staub“ mehr zu bieten als Bilder von gequälten Tieren, denen mit der Spore in die Seite getreten wird. Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen vier Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren, die der Traum verbindet, ein echtes Cowgirl zu werden. Mit dem Klischee vom rosa gekleideten, mit Puppen spielenden Mädchen wird dabei gründlich aufgeräumt.

Die Filmemacherinnen Anna Koch und Julia Lemke erzählen vom Mut und Ansporn, sich in einem gefährlichen, männerdominierten Sport zu beweisen. „Never scared“ steht auf dem Gürtel von Ariyana Escobedo. Eine toughe Aussage für ein kleines Kind. „Jetzt erst recht“ könnte das trotzige Motto von Maysun lauten. Die 10-Jährige saß schon auf einem Pferd, bevor sie laufen konnte. Ihr Vater, der sich eigentlich einen Sohn gewünscht hätte und daraus auch keinen Hehl macht, glaubt, dass die Zuschauer „krasse Typen auf einem krassen Bullen sehen wollen“ – keine besonders ermutigenden Worte für seine Tochter.

Bullenreiten, praktiziert von kleinen Mädchen: eine Nische in der Nische. Die Neugierde der Zuschauer wird sich in Grenzen halten – schade, denn „Glitzer und Staub“ ist ein sehenswerter, exzellent fotografierter Dokumentarfilm über eine verborgene, seltsame Welt im Wilden Westen.

Deutschland 2020
93 min
Regie Anna Koch und Julia Lemke
Kinostart 29. Oktober 2020

alle Bilder © Port au Prince Pictures GmbH

FRAGEN SIE DR. RUTH

Kaum jemand hat den prüden US-Amerikanern seit Mitte der 1970er-Jahre so viel Wissen über ihr Intimleben vermittelt, wie die kleinwüchsige jüdische Immigrantin Ruth Westheimer. 
„Ich bin Feministin, aber keine Radikale“, um diesen Satz aus der berühmten Sexualtherapeutin zu kitzeln, bedarf es einiger Argumentationskunst ihrer Enkeltochter. Als klassische Feministin hat sich die 1928 in Frankfurt am Main geborene Karola Ruth Siegel nie gesehen. Sollen andere ihre BHs verbrennen, sie beantwortet lieber mit einnehmender Offenheit verklemmte Fragen rund um das Thema Sex.

„Ich habe meine Mutter noch nie weinen gesehen“, sagt ihre Tochter Miriam – ein Wunder, angesichts der schon in jungen Jahren erlittenen Schicksalsschläge. Der frühe Verlust der Eltern im Holocaust, die von Angst und Unsicherheit geprägte Kindheit in einem Schweizer Waisenhaus – Tragödien haben die 1,40 m kleine Ruth zu innerer Größe heranwachsen lassen. Nach den gescheiterten ersten beiden Ehen – „legalisierte Liebesbeziehungen“, wie sie es nennt, findet sie das große Glück erst in der dritten Ehe mit Manfred Westheimer.

„Sex für Dummies“, „The Art of Arousal“, „10 Geheimnisse für richtig guten Sex“: Seit den 1980er-Jahren veröffentlicht Dr. Ruth über 40 Sachbücher zum Thema Sex, unterrichtet an Universitäten, ist Star ihrer eigenen Radio- und TV-Sendungen und Dauergast bei allen populären Talkshows.
Regisseur Ryan White nutzt in seiner filmgewordenen Liebeserklärung neben Interviews mit Weggefährten und zahllosen TV-Ausschnitten, originellerweise auch Zeichentricksequenzen, um einschneidende Erlebnisse in Ruth Westheimers Leben nachzuerzählen.

Funfact: Seit vielen Jahren gehört neben Liliane Bettencourt (angeblich 2017 verstorben) auch Dr. Ruth Westheimer zum engsten Freundeskreis der Lobi AG. Regelmäßig finden Kaffee- und Champagnerkränzchen zwecks Austausch des neusten Klatsches statt. 

FAZIT

Heiterer und bewegender Dokumentarfilm über die einzigartige „Grandma Freud“.

Originaltitel „Ask Dr. Ruth“
USA 2019
100 min
Regie Ryan White
Kinostart 27. August 2020

DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME

Literaturkritiker Denis Scheck sagt über das gleichnamige, 2015 erschienene Buch: „Ein (…) unprätentiöses Sachbuch, das daran erinnert, warum es kein besseres Medium für den Transfer von Wissen gibt als das Buch.“

Da ist was dran. Ein Dokumentarfilm zum Thema Bäume schadet zwar auch nicht, fraglich allerdings, ob man sich diesen hier im Kino ansehen muss. 

Regisseur Jörg Adolph handelt die einzelnen Kapitel des Bestsellers uninspiriert ab und findet dabei weder eine stringente noch besonders aufregende Bildsprache für sein eigentlich interessantes Sujet. Die 96 Minuten sind mit ein paar Zeitrafferaufnahmen, elegischer Musik und sehr, sehr viel Peter Wohlleben gefüllt. Der Autor ist zwar eloquent und unterhaltsam, doch das Best-of all seiner Talkshowauftritte, Vorträge und Interviews trägt zur Vertiefung des Themas wenig bei. Hauptanliegen scheint eher Peter Wohllebens Vermarktung als das Wohl des Waldes zu sein. 

FAZIT

Wie so oft: Lieber das Buch lesen. Oder gleich festes Schuhwerk und Regenjacke anziehen und einen Waldspaziergang machen.

Deutschland 2020
96 min
Regie Jörg Adolph
Kinostart 23. Januar 2020

KROOS

Toni Kroos – Sportler, Mensch, Stifter. So steht es grenzkitschig auf der offiziellen Homepage. Der Mann scheint keine Fehler zu haben. Selbst ehemalige Kritiker müssen mittlerweile eingestehen, dass Kroos ein brillanter Jahrhundertfußballer ist. Beim Megaverein Real Madrid bestimmt er seit 2014 als vorausschauender Logiker das Spiel. „Dirigent“, so bezeichnen ihn Kollegen und Trainer voller Bewunderung.

Der perfekte Toni wird 1990 in Greifswald geboren. Schon als Kleinkind ist sein Talent unverkennbar. Nach einer Karriere als Juniorspieler bei Hansa Rostock landet er 2006 für acht Jahre beim FC Bayern München. Für jeden anderen Spieler der Gipfel des Erfolgs, die Erfüllung aller Fußballträume. Nicht für Toni Kroos. Der „Mia san mia“-Verein und der kühle, rationale Spieler passen nicht zusammen. Dass er es trotzdem so lange aushält, spricht für seine Leidensfähigkeit.

Regisseur Manfred Oldenburg lässt sportliche Weggefährten, Freunde und vor allem die Familie zu Wort kommen. Die haben natürlich nur das Allerbeste über Toni zu sagen. Ein paar lustig skurrile Beobachtungen und die O-Töne von den Großeltern Kroos, Robbie Williams und Marcel Reif bewahren den Film vor allzu viel Pathos.

Uli Hoeneß, dem selbst eine Haftstrafe keinerlei Demut beibringen konnte, ist dann auch der einzige Interviewpartner, der eine nicht ganz so glänzende Meinung von Kroos hat. Bei aller bayrischen Arroganz – zwischendurch ist es erfrischend, wenigstens eine kritische Stimme zu hören. Der Rest ist Jubel, schließlich geht es hier um Legendenbildung.

FAZIT

„Toni Kroos“ ist ein gut gemachter Werbefilm – und trotz Dauerlobhudelei sehr unterhaltsam. Auch für Fußballignoranten sehenswert.

Deutschland 2019
113 min
Regie Manfred Oldenburg 
Kinostart 04. Juli 2019

Lampenfieber

Da, wo es die unbequemste Bestuhlung Berlins gibt, spielt der neue Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner: im Friedrichstadt-Palast. Die Filmemacherin wirft einen Blick hinter die Kulissen der mit 2.854 m² Spielfläche größten Theaterbühne der Welt. (Isch schwöre, stimmt wirklich!)
Die Herausforderungen bei der Produktion der Kinder- und Jugendshow „Spiel mit der Zeit“ werden artig chronologisch abgearbeitet: vom ersten Casting, über die intensive Probenzeit, bis zur bejubelten Premiere. Dazwischen gestreut gibt’s die üblichen Besuche zu Hause und ein paar Interviews.
„Rhythm is it!“ (2004) oder die Langzeitdoku „Adrians großer Traum“ (2010) hatten da deutlich mehr Tiefe und waren mutiger gemacht. Immerhin sind die sechs angehenden Kinderstars, deren persönliche Entwicklung, Frust und Freude der Film zeigt, gut ausgewählt. Von unbedarft über herzerwärmend bis altklug ist alles dabei. Heimlicher Star ist jedoch die Tanzlehrerin Christina Tarelkin – so patent, mit der möchte man abends mal ein Bier trinken gehen.

FAZIT

Interessantes Thema, konventionell gemachter Film.

Deutschland 2019
92 min
Regie Alice Agneskirchner
Kinostart 14. März 2019

Fahrenheit 11/9

⭐️⭐️⭐️⭐️

Haha, ach so: 11/9, nicht 9/11, weil da ja auch eine Katastrophe historischen Ausmaßes geschehen ist: die Wahl zum aktuellen amerikanischen Präsidenten.

Die welterschütternde Nachricht, dass Donald Trump entgegen aller anderslautenden Vorhersagen zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde, bildet aber nur die Rahmenhandlung des neuesten Dokumentarfilms von Michael Moore. Interessanter ist die eher nebenbei erzählte Geschichte des Skandals von Flint. Flint? Nie gehört? Da wurde auf Anweisung des mit Trump befreundeten Gouverneurs Rick Snyder bleiverseuchtes Trinkwasser in die Leitungen gepumpt und so die Einwohner der US-Kleinstadt – und vor allem deren Kinder – vergiftet. Gipfel des Zynismus: die im Ort ansässigen GM-Werke wurden weiterhin mit klarem, unbelasteten Wasser versorgt. Die hohe Bleikonzentration wäre zu schädlich für die Autokarosserien gewesen.

„Real power is fear“, sagt US-Journalist Bob Woodward. Auf dieser Erkenntnis basiert das System „Donald Trump“. Aber auch die Angst lässt irgendwann nach. Mittlerweile sorgen das Twitterdauerfeuer und die fortwährenden Grenzüberschreitungen des guten Geschmacks bei den meisten nur noch für  fatalistisches Schulterzucken. Deshalb schadet es nichts, hier nochmals all die minderheitsfeindlichen und rassistischen Unverschämtheiten hintereinanderweg im Originalton zu hören. Das ist in dieser Geballtheit wirklich erschütternd. Nicht überraschend, dass der verrückte Ex-Immobilienmogul klar dem Feindbild von Michael Moore entspricht. Erstaunlich aber, dass diesmal auch die vermeintlich Guten ihr Fett wegkriegen: überraschenderweise Michael Moore selbst in ungewohnter Selbstkritik, Hillary Clinton, die Demokraten ganz allgemein, The New York Times und sogar Barack Obama werden bloßgestellt. Niemandem ist wirklich zu trauen, so die Aussage des Filmemachers.

Michael Moore, ein Künstler im Vermischen von provokanten Facts und Fiction, setzt wie immer gekonnt seine eigene Wahrheit aus Bildschnipseln und Soundbites zusammen; man kann gar nicht anders, als das schnelle Ende der Welt, oder zumindest das der Menschheit, diesem korrupten Haufen, herbeizusehen. Auch so funktioniert Manipulation.

FAZIT

Trotz handwerklicher Schludrigkeit, Erkenntnis eröffnende zwei Stunden.

USA, 2018
Regie Michael Moore
128 min
Kinostart 17. Januar 2019