BERLINALE 2024 – FINALE

BERLINALE 2024 – FINALE

Das waren die 74. Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Eine insgesamt schwache Berlinale und gleichzeitig die letzte der glücklosen Doppelspitze Rissenbeek und Chatrian. 2025 geht es unter der (hoffentlich, wahrscheinlich, bestimmt) kundigeren Leitung von Tricia Tuttle weiter. Vor den offiziellen Preisträgern, hier noch schnell die Framerate-Top 5:

Und das waren die Flops:

Goldener Bär für den Besten Film

DAHOMEY

DAHOMEY

Das Thema ist hochaktuell: Im November 2021 verließen 26 Kunstschätze Paris und kehrten in ihr Herkunftsland Dahomey, das heutige Benin, zurück. 1892 wurden sie dort von französischen Kolonialtruppen geraubt. Doch wie geht man mit den Objekten um in einem Land, das sich während ihrer Abwesenheit stark verändert hat?

Als „Mesmerisieren” wird das in den Bann ziehen bzw. Hypnotisieren bezeichnet. Ein Archaismus, der heute kaum noch Anwendung findet. Außer in einer Berlinale-Pressekonferenz 2024. „Thank you for this mesmerizing experience“, bedankt sich ein Journalist bei Regisseur Mati Diop. Na gut, ins Deutsche übersetzt heißt „mesmerizing“ schlicht „faszinierend“. Und als Kurzfilm wäre DAHOMEY das auch. Scheinbar musste aber auf Teufel komm raus die Minimallänge eines Spielfilms erreicht werden. Und so arbeiten sich die Filmemacher mühsam mit vielen langen Auf- und Abblenden auf knappe 67 Minuten. Ein neuer Trend scheint das Unterlegen von Dingen (hier Statuen) und Tieren (bei PEPE ein Nilpferd) mit dröhnenden, tiefen Stimmen zu sein. Der beste Film? Eher ein Abschiedsgeschenk an Carlo, denn der hatte in seiner diesjährigen Filmauswahl den Fokus auf Afrika gelegt.

Großer Preis der Jury

A Traveler's Needs

Hong Sang-soo

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man eine Betriebsanleitung braucht. Worum geht‘s? IMDb fasst es perfekt zusammen: „Eine Französin trinkt in Korea Makgeolli, nachdem sie ihre Einkommensquelle verloren hat, und unterrichtet dann zwei Koreanerinnen in Französisch.“ Genau. Die Französin wird von Isabelle Huppert gespielt. Der in langen, statischen Videobildern gedrehte Film (eine Spezialität des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Situationskomik, lässt aber den unkundigen Zuschauer komplett ratlos zurück (eine weitere Spezialität des Regisseurs).

Erfrischende Ehrlichkeit. In seiner Dankesrede sagt Regisseur Hong Sang-soo an die Jury gewandt: „Thank you, I don’t know what you saw in my film.“ Neither did I.

Preis der Jury

L'Empire

Bruno Dumont

L'EMPIRE

In einem kleinen französischen Dorf geschehen seltsame Dinge. Die Menschen verneigen sich vor einem allmächtigen Baby und Köpfe werden mit Laserschwertern abgetrennt. Kein Wunder, haben sich doch Außerirdische in die Körper der Dorfbewohner eingenistet. Die ultimative Schlacht zwischen zwei verfeindeten Alien-Spezies steht kurz bevor.

Wie belieben? Na gut, es ist eine Berlinale in der Carlo-Chatrian-Ära, aber trotzdem. Der obskure Mix aus französischem Arthouse, STAR WARS und Pseudo-Lars von Trier ist für ungefähr 5 Minuten unterhaltsam. Bruno Dumonts Science-Fiction-Parodie ist schwer verdauliche Kost und seltsam im unguten Sinn. Preis der Jury? WTF.

Beste Regie

Pepe

Nelson Carlos De Los Santos Arias

PEPE

Noch so ein Film, den man lieber verpasst hätte. Nelson Carlos De Los Santos Arias’ kaleidoskophafte Bildcollage (man könnte es auch eine unstrukturierte Materialsammlung nennen) erzählt die Geschichte von Pablo Escobars Nilpferden. Die Tiere wurden nach dem Tod des Drogenbarons auf dessen Anwesen gefunden. PEPE (der besser im künstlerisch anspruchsvollen Forum aufgehoben wäre) vereint inszenierte Spielsequenzen mit Zeichentrick, Dokfilm, viel Experimentellem und sehr oft simplem Schwarzbild – was sich bei den weichen Liegesesseln im CinemaxX-Kino als großes Problem erweist 💤 Irgendwie originell ist es ja trotzdem – oder wann erzählt einem schon ein Nilpferd auf Afrikaans seine philosophischen Gedanken zum Leben und Tod? Kein Film im Wettbewerb hat den Preis für die beste Regie weniger verdient als dieser.

Beste Hauptrolle

A DIFFERENT MAN

SEBASTIAN STAN

A DIFFERENT MAN

Schauspieler Edward leidet unter einer starken Gesichtsdeformation. Dank eines neuen Medikaments sieht er bald wie Hollywoodstar Sebastian Stan aus. Äußerlich ändert sich einiges in seinem Leben, und doch bleibt im Grunde alles gleich.

A DIFFERENT MAN hat ein paar hübsche schräge Ideen, mit Adam Pearson einen sehr charmanten scene-stealer und eine ganze Reihe Probleme. Die platte Message „Was nützt die schönste Fassade, wenn die inneren Werte nicht stimmen“ wird mit dem Holzhammer transportiert. Dazu führt das unausgewogene Tempo zu langatmigen Szenen, während der Wechsel zwischen Psycho-Drama und Möchtegern-Thriller auf Dauer anstrengt. Regisseur Aaron Schimberg präsentiert dem Zuschauer haufenweise Indie-Klischees und wenig Subtilität. Sebastian Stan – bester Hauptdarsteller? Ein schulterzuckendes Hm.

Beste Nebenrolle

EMILY WATSON

SMALL THINGS LIKE THESE

Die bange Frage: Ist der Eröffnungsfilm in diesem Jahr wieder besonders schlecht? Ganz im Sinne Chatrians geht’s mit schwerer Kost los. Als Lieferant für entsetzliche Geschichten ist die Kirche stets ein verlässlicher Quell: In SMALL THINGS LIKE THESE geht es nicht um Hexenverbrennung oder Kindesmissbrauch, sondern um ein unbekannteres Verbrechen. Das Drama beschäftigt sich mit den irischen „Magdalenen-Wäschereien“. Das waren Heime, die zwischen 1820 und Mitte der 1990er-Jahre von römisch-katholischen Institutionen betrieben wurden. Vorgeblich sollten dort „gefallene junge Frauen“ reformiert werden, in Wahrheit wurden sie misshandelt, ausgebeutet und ihrer Kinder beraubt. Der Kohlehändler Bill Furlong (Cillian Murphy) kommt eher unfreiwillig hinter die korrupten Machenschaften des Klosters und weckt dabei Erinnerungen an seine eigene traumatische Kindheit.

Zugegebenermaßen fällt es schwer, sich auf den Film zu konzentrieren, wenn nebendran ein dauerkaugummikauender, handybrummender, reißverschlußaufundzumachender Zuschauer sitzt. Da wünscht man sich den stillen Brüter Cillian Murphy als Platznachbarn, der weint sogar lautlos. Ist es zu früh zu prophezeien, dass er den Bären als bester Schauspieler bekommen könnte?

SMALL THINGS LIKE THESE ist erwachsenes, ernstes Kino, mit leichter Tendenz ins Zähe. Düster und ohne jede Leichtigkeit, aber herausragend gespielt und inszeniert.

Bestes Drehbuch

Sterben

MATTHIAS GLASNER

STERBEN

Matthias Glasner kehrt zum ersten Mal seit 2006 in den Berlinale Wettbewerb zurück. Sein grandioses Familienepos STERBEN handelt natürlich genau vom Gegenteil, nämlich dem Leben in all seinen furchtbaren und furchtbar schönen Facetten. Die über dreistündige Drama-Komödie erforscht die Intensität des Lebens angesichts des Todes mit einer Mischung aus Zartheit, Brutalität, absurder Komik und trauriger Schönheit, die die Grenzen zwischen bitter und lustig verschwimmen lässt.

Im Fokus der Handlung steht Familie Lunnies: Lissy (Corinna Harfouch) ist Mitte 70 und froh, dass ihr dementer Mann endlich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Eidinger), ein Dirigent, arbeitet zusammen mit seinem depressiven Freund Bernard an der Komposition „Sterben“. Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) hat ein Alkoholproblem und beginnt eine wilde Liebesgeschichte mit dem verheirateten Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld).

Die in Kapitel gegliederte Geschichte hängt zwischendrin ein bisschen durch: Die Episode um Tochter Ellen ist die schwächste und fühlt sich an, als sei sie aus einem anderen Film. Ansonsten ist STERBEN voller guter Szenen – die vielleicht beste zeigt Lars Eidinger und Corinna Harfouch im schmerzhaft wahrsten Mutter-Kind-Gespräch der Kinogeschichte. Wahnsinnig komisch und todtraurig zugleich. Allein dafür lohnt es sich.

Herausragende Künstlerische Leistung

DES TEUFELS BAD

MARTIN GSCHLACHT - KAMERA

DES TEUFELS BAD

Schlimmer geht immer. Wenn man sich mal so richtig die gute Laune verderben lassen will, dann ist DES TEUFELS BAD eine echte Empfehlung. Die auf historischen Gerichtsprotokollen basierende Geschichte, angesiedelt in einem Wald im Oberösterreich des 18. Jahrhunderts, handelt von Agnes. Die junge Frau fühlt sich nach der Hochzeit mit Wolf fehl am Platz, kein Wunder, steht ihr Mann doch eher auf Burschen. Die tief religiöse und hochsensible Frau zieht sich immer mehr zurück, versinkt in Melancholie.

Kotze, Blut, Dreck – es war ein unappetitliches Leben 1750. Der österreichische Wettbewerbsfilm ist eine Symphonie in grau und beige, hat aber wenigstens so etwas wie eine Geschichte. Man ist ja schon dankbar für die kleinen Dinge bei dieser Berlinale. Das Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala legt mit DES TEUFELS BAD vielleicht einen authentischen, aber in großen Teilen drögen und schwer auszuhaltenden Film vor, der trotz aller Freudlosigkeit bisweilen hart an die folkloristische Kitschgrenze schrammt.

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BERLINALE 2024 – TAG NEUN

BERLINALE 2024 – TAG NEUN

Zum Abschluss noch ein wenig spirituelle Sinnsuche aus Nepal. Eine der Hauptfiguren im Film SHAMBHALA heißt "Karma". Will uns das scheidende Führungsduo damit zum Abschied etwas sagen? Wir freuen uns jedenfalls auf bessere Zeiten und wünschen Mariëtta und Carlo beruflich alles Gute für die Zukunft. Heute Abend gibt's die Preise, die Ergebnisse dann morgen hier zum Finale.

Wettbewerb

SHAMBHALA

SHAMBHALA

In SHAMBHALA macht sich die junge Pema auf die Suche nach einem ihrer Ehemänner. Ehemänner? Plural? Schlauer werden mit Berlinale-Filmen: Im Tsum-Tal im Himalaya dürfen Frauen mit mehreren Männern gleichzeitig verheiratet sein. Pema ist daher nicht nur Tashis Ehefrau, sondern auch die seiner beiden Brüder Karma und Dawa.

Es ist eine echte Premiere im doppelten Sinn: SHAMBHALA feiert nicht nur seine Welturaufführung bei der Berlinale, es ist zudem der erste nepalesische Film jemals im Wettbewerb. Regisseur Min Bahadur Bham hat in der höchstgelegenen Siedlung der Welt gedreht, 6.000 Meter über dem Meeresspiegel. In solchen Höhen ist die Luft dünn, der wenige Sauerstoff macht müde. Genau wie dieser Film. Trotzdem ist SHAMBHALA erkenntnisreich: So verfügen Nepalesen offenbar über einen schier unbegrenzten Vorrat an Schaltüchern, die sie zu jeder Gelegenheit hervorzaubern, um sie dann um irgendwas oder irgendwen zu legen. Die Besetzung besteht hauptsächlich aus Laiendarstellern, ein großer Schauspielerfilm ist SHAMBHALA daher nicht. Unter normalen Umständen vielleicht ein meditatives, nach neun Tagen und vielen zähen Filmen ein eher einschläferndes Erlebnis.

INFOS ZUM FILM

Nepal / Frankreich / Norwegen / Hongkong, China / Türkei / Taiwan / USA / Katar 2024
150 min
Regie Min Bahadur Bham
Bild © Aditya Basnet / Shooney Films

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BERLINALE 2024 – TAG ACHT

BERLINALE 2024 – TAG ACHT

Alarm! Laut einer Umfrage des Tagesspiegels interessieren sich 87% der Leser nicht für die Berlinale. Dabei gibt es zum Ende noch zwei gute Filme im Wettbewerb …

Wettbewerb

VOGTER

VOGTER

Auf die Skandinavier ist eben Verlass. VOGTER ist ein nordisch-düsterer Psychothriller, angesiedelt in einem dänischen Gefängnis. Als der neue Häftling Mikkel eingeliefert wird, lässt sich Wärterin Eva zur Verwunderung ihrer Kollegen in den Hochsicherheitstrakt versetzen, wo der Neue einsitzt. Was niemand weiß: Die beiden verbindet ein Geheimnis aus der Vergangenheit.

Gustav Möllers Film THE GUILTY  wurde 2021 mit Jake Gyllenhaal für den US-Markt neu verfilmt. Es wäre keine Überraschung, wenn es auch bald ein Remake von VOGTER gäbe – dann aber hoffentlich mit ebenso herausragender Besetzung: Die vor allem aus der Serie BORGEN bekannte Sidse Babett Knudsen spielt den in sich gekehrten Racheengel Eva zwischen selbstzweifelnd und eiskalt. Ihr Widersacher ist eine echte Entdeckung: Sebastian Bull als Häftling mit millimeterkurzer Zündschnur strahlt physische und psychische Bedrohung aus, jeder Blick ist tödlich. VOGTER muss man weniger wegen seiner teils konstruiert wirkenden Handlung, sondern vor allem wegen seiner tollen Schauspieler gesehen haben.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Sons“
Dänemark / Schweden 2024
100 min
Regie Gustav Möller
Bild © Nikolaj Moeller

Wettbewerb

MÉ EL AïN

MÉ EL AÏN

Es ist Tag 8, die Müdigkeit groß, und als der Wecker klingelt, ist man schwer versucht, einfach liegen zu bleiben. Weiche Daunenkissen oder ein Film aus Tunesien? Fast wäre es passiert und man hätte ein kleines Highlight des Wettbewerbs verpasst. MÉ EL AÏN erzählt auf beeindruckende Art eine Geschichte von Mutterliebe, Verlust und Angst. Aïcha lebt auf einem Hof im Norden Tunesiens. Ihre ältesten Söhne Mehdi und Amine sind in den Krieg gezogen. Als Mehdi mit einer geheimnisvollen schwangeren Frau nach Hause zurückkehrt, senkt sich eine bedrohliche Dunkelheit über die Familie und bald das ganze Dorf.

Herausragende Kamera und Sounddesign machen Meryam Joobeurs eindringlichen Film vor allem handwerklich zu einem echten Bärenkandidaten. „Atmosphärisch dicht“, wenn irgendwann die oft benutzte Phrase gepasst hat, dann hier. Ein fieberhafter Traum, poetisch und beängstigend zugleich.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Who Do I Belong To“
Tunesien / Frankreich / Kanada / Norwegen / Katar / Saudi-Arabien 2024
117 min
Regie Meryam Joobeur
Bild © Tanit Films, Midi La Nuit, Instinct Bleu

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BERLINALE 2024 – TAG SIEBEN

BERLINALE 2024 – TAG SIEBEN

Siebter Berlinale-Tag. Der Kopf ist leer, der Körper geschwächt. Zeit für ein bisschen Sport: Mit Berlinale Meets Fußball nimmt das Filmfestival am Kulturprogramm zur Fußball-Europameisterschaft 2024 teil. „Fußball und Kino sind ein gutes Match, da an beiden Orten Menschen zusammen Spaß haben“, sagt Spaß-Experte Carlo Chatrian.

Wettbewerb

GLORIA !

GLORIA!

Scusate, di nuovo solo due punti. Non è colpa mia se la Berlinale presenta film così brutti. GLORIA! è una grande schmonzetta. Oder um es auf Deutsch zu sagen: GLORIA! ist riesengroßer Schmalz. Es würde niemanden wundern, wenn so was am Sonntagabend um 20.15 Uhr auf dem ZDF laufen würde – aber im Wettbewerb eines der renommiertesten Filmfestivals der Welt? 

Den Inhalt wiederzugeben ist ungefähr so müssig, wie eine Tiefenanalyse des neusten Rosamunde-Pilcher-Romans zu versuchen. In Kürze: Es geht um junge Frauen in einem italienischen Kloster im Jahre 1800. Die musikalisch Hochbegabten planen, dem neuen Papst ein unvergessliches Konzert zu geben. Einzig origineller Ansatz des Films: Die Frauenband spielt ganz unzeitgemäß moderne Musik, die so auch auf dem Schlagerfestival von San Remon laufen könnte. Da zücken die Anwälte von Sofia Coppola die Notizblöcke, denn die hat „History meets Popmusic“ schon 2006 um einiges besser in MARIE ANTOINETTE gemacht. Am Ende der Pressevorführung gab es verdientermaßen Buh-Rufe – überraschenderweise zum ersten Mal in diesem Jahr.

INFOS ZUM FILM

Italien / Schweiz 2024
100 min
Regie Margherita Vicario
Bild © tempesta srl

Wettbewerb

Black Tea

BLACK TEA

Einfach mal „Nein“ sagen, zum Beispiel auch zu diesem Film – oder zum Verlobten vor dem Traualtar. Weil ihr Zukünftiger einen Tag vor der Hochzeit fremdgeht (Originaldialog: „So sind die Männer, da sind wir Frauen machtlos“) beginnt die Afrikanerin Aya (Nina Mélo) ein neues Leben in Guangzhou, China. Dort wird sie von dem älteren Caï (Han Chang) in die zauberhafte Welt des Tees eingeführt. Töpfern oder Tee, Hauptsache irgendwas, bei dem der Mann von hinten mitgrabbeln kann.
Halb Afrika gehört mittlerweile den Chinesen, da ist es Zeit für ein bisschen Werbung in eigener Sache. Kein Smog, kein Dreck, keine spuckenden Einheimischen. Selten sah man China sauberer. Es könnte glatt eine Traumschiff-Episode sein, gleich biegt der Flori um die Ecke. Schöne Bilder von bestens gelaunten, immer gut frisierten Menschen in schöner Umgebung, die Belanglosigkeiten austauschen. Dazu perlen Gitarre und Klavier um die Wette. BLACK TEA ist purer Edelkitsch.

INFOS ZUM FILM

Frankreich / Mauretanien / Luxemburg / Taiwan / Côte d’Ivoire 2024
111 min
Regie Abderrahmane Sissako
Bild © Olivier Marceny

Berlinale Special Gala

SPACEMAN

SPACEMAN

Die Erwartungen an die Netflix-Produktion SPACEMAN sind hoch: Johan Renck ist Regisseur der sensationellen HBO-Serie CHERNOBYL. Max Richter hat die Musik komponiert. Und wenn es schon Adam Sandler sein muss, dann bitte in einer ernsten Rolle, so wie hier.

Jakub befindet sich auf einer monatelangen Weltraummission. Er ist einsam und spürt, dass sich seine auf der Erde zurückgelassene Frau von ihm entfremdet. Erst die philosophischen Gespräche mit der großen, haarigen Spinne Hanuš erinnern ihn daran, was wirklich wichtig ist im Leben. Klingt nach Horror, ist aber eine nicht ganz ernst zu nehmende Mischung aus INTERSTELLAR, 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM und SOLARIS. Da das Ganze auf „Spaceman of Bohemia: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ von Jaroslav Kalfar basiert, wird es am Ende sogar noch märchenhaft: DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL IM WELTRAUM sozusagen. Adam Sandler als trauriger Astronaut geht in Ordnung, auch wenn er mit den emotionalen Szenen etwas überfordert ist und man jede Sekunde einen zotigen Witz aus seinem Mund erwartet. Die simple Botschaft hat nach 106 Minuten wirklich jeder verstanden – das haben Rosenstolz seinerzeit in nur 3 Minuten kompakter zusammengefasst: Liebe ist alles.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
106 min
Regie Johan Renck
Bild © 2023 Netflix, Inc.

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BERLINALE 2024 – TAG SECHS

BERLINALE 2024 – TAG SECHS

„Super!“, „Naja“ und „Scheisse“. Diese drei Antwortmöglichkeiten gibt es auf die montagmorgens gestellte Frage, wie man gestern den TATORT fand. Warum in dieser Woche die gleiche Frage am Mittwoch gestellt wird, steht weiter unten in der Besprechung zum Panorama-Beitrag VERBRANNTE ERDE.

Wettbewerb

Des Teufels Bad

DES TEUFELS BAD

Schlimmer geht immer. Wenn man sich mal so richtig die gute Laune verderben lassen will, dann ist DES TEUFELS BAD eine echte Empfehlung. Die auf historischen Gerichtsprotokollen basierende Geschichte, angesiedelt in einem Wald im Oberösterreich des 18. Jahrhunderts, handelt von Agnes. Die junge Frau fühlt sich nach der Hochzeit mit Wolf fehl am Platz, kein Wunder, steht ihr Mann doch eher auf Burschen. Die tief religiöse und hochsensible Frau zieht sich immer mehr zurück, versinkt in Melancholie.

Kotze, Blut, Dreck – es war ein unappetitliches Leben 1750. Der österreichische Wettbewerbsfilm ist eine Symphonie in grau und beige, hat aber wenigstens so etwas wie eine Geschichte. Man ist ja schon dankbar für die kleinen Dinge bei dieser Berlinale. Das Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala legt mit DES TEUFELS BAD vielleicht einen authentischen, aber in großen Teilen drögen und schwer auszuhaltenden Film vor, der trotz aller Freudlosigkeit bisweilen hart an die folkloristische Kitschgrenze schrammt.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Devil’s Bath“
Österreich / Deutschland 2024
121 min
Regie Veronika Franz und Severin Fiala
Bild © Ulrich Seidl Filmproduktion / Heimatfil

Wettbewerb

Pepe

PEPE

Noch so ein Film, den man lieber verpasst hätte. Nelson Carlos De Los Santos Arias’ kaleidoskophafte Bildcollage (man könnte es auch eine unstrukturierte Materialsammlung nennen) erzählt die Geschichte von Pablo Escobars Nilpferden. Die Tiere wurden nach dem Tod des Drogenbarons auf dessen Anwesen gefunden. PEPE (der besser im künstlerisch anspruchsvollen Forum aufgehoben wäre) vereint inszenierte Spielsequenzen mit Zeichentrick, Dokfilm, viel Experimentellem und sehr oft simplem Schwarzbild – was sich bei den weichen Liegesesseln im CinemaxX-Kino als großes Problem erweist 💤 Irgendwie originell ist es ja trotzdem – oder wann erzählt einem schon ein Nilpferd auf Afrikaans seine philosophischen Gedanken zum Leben und Tod?

INFOS ZUM FILM

Dominikanische Republik / Namibia / Deutschland / Frankreich 2024
122 min
Regie Nelson Carlos De Los Santos Arias
Bild © Monte & Culebra

Panorama

VERBRANNTE ERDE

Dass Thomas Arslans solider Film wie ein Sonntagabendkrimi wirkt, der sich ins Kino verirrt hat, liegt vor allem am (neudeutsch ausgedrückt) „Look and Feel“, beziehungsweise an der sehr konventionellen, eben TV-gerechten Inszenierung. Mišel Matičević spielt den wortkargen Berufskriminellen Trojan. Der soll ein wertvolles Caspar-David-Friedrich-Bild klauen, doch der akribisch geplante Coup läuft aus dem Ruder.

Ein paar Dinge unterscheiden VERBRANNTE ERDE dann doch von einem echten Tatort: Der Film ist 11 Minuten zu lang (ein Problem, das sich durch Entfernen einiger unfreiwillig komischer Dialoge beheben ließe), es gibt kein Ermittlerteam und am Ende fehlt der Schnitt auf die blaue Tafel mit weißem Fadenkreuz. Daaa daaa daaa daaa ….

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Scorched Earth“
Deutschland 2024
101 min
Regie Thomas Arslan
Bild © Reinhold Vorschneider / Schramm Film

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BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

Zeit für Pressetext-Poesie. Diesmal der Forums-Beitrag LA HOJARASCA: „Drei Frauenleben ohne Versorger, körperlich erzählte Lebensstrategien, inszeniert-beobachtend-erinnernd. Ruhe stellt sich ein, im Hintergrund der Vulkan.“ Und weil’s so schön ist, hier noch RESONANCE SPIRAL: „Die Mediateca Onshore in Malafo, einem Dorf in Guinea-Bissau, ist Archiv und Klub agro-poetischer Praxen. Vom Tonband spricht Amílcar Cabral über Feminismus, das Regie-Duo in den Mangroven über die Widersprüche des Außenblicks auf die Gemeinschaft.“ Leider beide Filme verpasst…

Wettbewerb

Architecton

ARCHITECTON

Stein: der Mensch sprengt ihn, verarbeitet ihn zu Beton, baut Häuser damit, die er bald darauf mit Bomben oder Baggern zerstört. Die tote, kaputte Baumasse wird dann auf Schutthalden der Natur zurückgegeben. Über 40 Jahre nach KOYAANISQATSI beeindrucken Slow-Motion-Bilder mit dramatischer Musik noch immer. Dazwischen lässt sich ein alter Zausel einen Steinkreis im Garten legen. Am Ende werden die ganz großen Fragen gestellt: Warum hat die Menschheit vor tausenden von Jahren Gebäude erschaffen, die heute noch existieren, während wir in der Moderne Häuser bauen, die nur 40 Jahre halten? Da erhebt sich der Zeigefinger: Unsere Ressourcen sind begrenzt!

INFOS ZUM FILM

Deutschland / Frankreich / USA 2024
98 min
Regie Victor Kossakovsky
Bild © 2024 Ma.ja.de. Filmproduktions GmbH, Point du Jour, Les Films du Balibari

Wettbewerb

A Traveler's Needs

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man eine Betriebsanleitung braucht. Worum geht‘s? IMDb fasst es perfekt zusammen: „Eine Französin trinkt in Korea Makgeolli, nachdem sie ihre Einkommensquelle verloren hat, und unterrichtet dann zwei Koreanerinnen in Französisch.“ Genau. Die Französin wird von Isabelle Huppert gespielt. Der in langen, statischen Videobildern gedrehte Film (eine Spezialität des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Situationskomik, lässt aber den unkundigen Zuschauer komplett ratlos zurück (eine weitere Spezialität des Regisseurs).

Die Berlinale bringt Hong Sang-soo Glück: Seine letzten Filme „The Woman Who Ran“ (2020), „Introduction“ (2021) und „Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall“ wurden allesamt mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Yeohaengjaui Pilyo“
Südkorea 2024
90 min
Regie Hong Sang-soo
Bild © 2024 Jeonwonsa Film Co.

Wettbewerb

LANGUE ÉTRANGÈRE

LANGUE ÉTRANGÈRE

Unbekannte Krankheiten, Teil 12: Fanny leidet an Pseudologia Phantastica, das heißt, sie ist eine notorische Geschichtenerfinderin. Oder weniger euphemistisch: Das Mädchen lügt. In der Schule wird sie nur noch „Blablabla“ genannt. Das ist Mobbing und deshalb leidet die 17-jährige Französin. Gut, dass sie als Austauschschülerin für ein paar Wochen nach Leipzig darf. Dort wohnt sie bei der gleichaltrigen, politisch engagierten Lena. Um sie zu beeindrucken, erfindet die fade Fanny eine Schwester, die bei Demos im schwarzen Block mitläuft. Natürlich verlieben sich die Mädchen – Keine Jugendgeschichte ohne LGBTQ-Element. Außerdem sind die Teens für Umweltschutz, die Antifa, gegen patriarchale Strukturen usw. usf. Gähn.

Claire Burgers Coming-of-age-Story funktioniert zwischendurch als zarte Liebesgeschichte und sogar in Maßen als Komödie. Ansonsten wäre die oberlehrerhafte mdr-Arte-Coproduktion besser in der Sektion Generation 14plus aufgehoben. Die aufregenderen Stars sind in den Mütterrollen zu sehen: Nina Hoss als leicht paranoide Deutsche und Chiara Mastroianni als von der eigenen Tochter genervte Französin. Einen Film mit den beiden in den Hauptrollen hätte man sich lieber angeschaut.

INFOS ZUM FILM

Frankreich / Deutschland / Belgien 2024
105 min
Regie Claire Burger
Bild © Les Films de Pierre

Panorama

BETWEEN THE TEMPLES

Ein Mann in der Krise: Chorleiter Ben (Jason Schwartzman) kämpft mit dem Verlust seiner Stimme und möglicherweise seines jüdischen Glaubens. Seine Welt wird vollends auf den Kopf gestellt, als seine Musiklehrerin aus Grundschulzeiten (Carol Kane) auftaucht, um seine Bat-Mizwa-Schülerin zu werden.

Mit improvisierten Dialogen und absurdem Humor erinnert BETWEEN THE TEMPLES stellenweise an Larry Sanders’ CURB YOUR ENTHUSIASM. Doch Silvers Komödie funktioniert nicht durchgehend und verstolpert sich öfters in einem Mischmasch aus Ideen und Stilexperimenten. Charmant wird es, wenn sich der Film auf die Beziehung von Ben und Carla konzentriert, vor allem dank der Chemie zwischen Schwartzman und Kane.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
112 min
Regie Nathan Silver
Bild © Sean Price Williams

Generation 14plus

COMME LE FEU

COMME LE FEU läuft in der Reihe Generation 14plus und wendet sich somit an ein jugendliches Publikum. Der Film beginnt mit einer ungefähr zehnminütigen Szene, in der ein Auto durch die Landschaft fährt. Dazu hört man eine auf einem Ton gehaltene Musik. Viel interessanter wird es nicht. Die Geschichte von zwei Filmemachern, die sich mit ihren Familien in einer abgeschiedenen Blockhütte treffen, hat viel Dialog und wenig Handlung. Das Ganze dauert 155 Minuten und man fragt sich, welcher Teenager sich das freiwillig anschauen soll.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Who by Fire“
Kanada / Frankreich 2024
155 min
Regie Philippe Lesage
Bild © Balthazar Lab

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BERLINALE 2024 – TAG VIER

BERLINALE 2024 – TAG VIER

"Kunst kommt von Kopfschmerz" lautet auch in diesem Jahr das Berlinale-Motto. Selten war so viel Anstrengendes und Freudloses in den Sektionen vertreten. Da kann Panorama-Chef Michael Stütz bei der Vorstellung seines Programms noch so sehr betonen wie „großartig“ dieser Film, "großartig" diese Schauspielerin, "großartig" dieser Regisseur und "großartig" jenes Drehbuch seien - richtig großartig ist in diesem Jahr enttäuschend wenig. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Matthias Glasners STERBEN im Wettbewerb und das schräge Berlinale-Comeback von Kristen Stewart in LOVE LIES BLEEDING.

Wettbewerb

Sterben

STERBEN

Matthias Glasner kehrt zum ersten Mal seit 2006 in den Berlinale Wettbewerb zurück. Sein grandioses Familienepos STERBEN handelt natürlich genau vom Gegenteil, nämlich dem Leben in all seinen furchtbaren und furchtbar schönen Facetten. Die über dreistündige Drama-Komödie erforscht die Intensität des Lebens angesichts des Todes mit einer Mischung aus Zartheit, Brutalität, absurder Komik und trauriger Schönheit, die die Grenzen zwischen bitter und lustig verschwimmen lässt.

Im Fokus der Handlung steht Familie Lunnies: Lissy (Corinna Harfouch) ist Mitte 70 und froh, dass ihr dementer Mann endlich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Eidinger), ein Dirigent, arbeitet zusammen mit seinem depressiven Freund Bernard an der Komposition „Sterben“. Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) hat ein Alkoholproblem und beginnt eine wilde Liebesgeschichte mit dem verheirateten Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld).

Die in Kapitel gegliederte Geschichte hängt zwischendrin ein bisschen durch: Die Episode um Tochter Ellen ist die schwächste und fühlt sich an, als sei sie aus einem anderen Film. Ansonsten ist STERBEN voller guter Szenen – die vielleicht beste zeigt Lars Eidinger und Corinna Harfouch im schmerzhaft wahrsten Mutter-Kind-Gespräch der Kinogeschichte. Wahnsinnig komisch und todtraurig zugleich. Allein dafür lohnt es sich. Neben MY FAVORITE CAKE das bisherige Wettbewerbs-Highlight.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Dying“
Deutschland 2024
183 min
Regie Matthias Glasner
Bild © Jakub Bejnarowicz / Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

Wettbewerb

L'Empire

L'EMPIRE

In einem kleinen französischen Dorf geschehen seltsame Dinge. Die Menschen verneigen sich vor einem allmächtigen Baby und Köpfe werden mit Laserschwertern abgetrennt. Kein Wunder, haben sich doch Außerirdische in die Körper der Dorfbewohner eingenistet. Die ultimative Schlacht zwischen zwei verfeindeten Alien-Spezies steht kurz bevor.

Wie belieben? Na gut, es ist eine Berlinale in der Carlo-Chatrian-Ära, aber trotzdem. Der obskure Mix aus französischem Arthouse, STAR WARS und Pseudo-Lars von Trier ist für ungefähr 5 Minuten unterhaltsam. Bruno Dumonts Science-Fiction-Parodie ist schwer verdauliche Kost und weird im unguten Sinn. Mehr WTF als das wird es hoffentlich nicht mehr.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „The Empire“
Frankreich / Italien / Deutschland / Belgien / Portugal 2024
110 min
Regie Bruno Dumont
Bild © Tessalit Productions

Wettbewerb

DAHOMEY

DAHOMEY

Das Thema ist hochaktuell: Im November 2021 verließen 26 Kunstschätze Paris und kehrten in ihr Herkunftsland Dahomey, das heutige Benin, zurück. 1892 wurden sie dort von französischen Kolonialtruppen geraubt. Doch wie geht man mit den Objekten um in einem Land, das sich während ihrer Abwesenheit stark verändert hat?

Als „Mesmerisieren” wird das in den Bann ziehen bzw. Hypnotisieren bezeichnet. Ein Archaismus, der heute kaum noch Anwendung findet. Außer in einer Berlinale-Pressekonferenz 2024. „Thank you for this mesmerizing experience“, bedankt sich ein Journalist bei Regisseur Mati Diop. Na gut, ins Deutsche übersetzt heißt „mesmerizing“ schlicht „faszinierend“. Und als Kurzfilm wäre DAHOMEY das auch. Scheinbar musste aber auf Teufel komm raus die Minimallänge eines Spielfilms erreicht werden. Und so arbeiten sich die Filmemacher mühsam mit vielen langen Auf- und Abblenden auf knappe 67 Minuten. Ein weiterer Trend neben „dieser Film sollte besser in einem Museum gezeigt werden“ scheint das Unterlegen von Dingen (hier Statuen) und Tieren (bei PEPE ein Nilpferd) mit dröhnenden, tiefen Stimmen zu sein. Wird garantiert irgendeinen Preis gewinnen.

INFOS ZUM FILM

Frankreich / Senegal / Benin 2024
67 min
Regie Mati Diop
Bild © Les Films du Bal – Fanta Sy

Berlinale Special Gala

Love lies bleeding

LOVE LIES BLEEDING

Kristen Stewart is back with a vengeance. Die Berlinale-Jurypräsidentin 2023 präsentiert mit LOVE LIES BLEEDING ihren sehr speziellen Beitrag zum Thema Girlpower.

Die junge Liebe zwischen Fitnessstudioleiterin Lou und Bodybuilderin Jackie steht unter keinem guten Stern, denn Lous Familie ist ein Haufen gewalttätiger Verbrecher. LOVE LIES BLEEDING hat von allem sehr viel: lesbischen Sex, Muskeln, Blut und heftige Chemie zwischen Kristen Stewart und Katy O’Brian. Regisseurin Rose Glass provoziert ihr Publikum, wo sie nur kann – das ist zwar alles andere als subtil, bereitet aber bis zur letzten Szene großen Spaß.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
104 min
Regie Rose Glass
Bild © Anna Kooris

Panorama

LES PARADIS DE DIANE

Endlich mal was Fröhliches. Aus postnataler Depression wird bei Diane eine PNF, eine postnatale Flucht. Kaum hat sie ihr Kind in Zürich zur Welt gebracht, macht sie sich vom Acker. Sie taucht in Spanien unter, trifft auf die ältere Rose. Auch die hat ein Mutter-Kind-Problem. „Wenn Du eine Landschaft wärst, was für eine wäre das?“ Ja, genau, es ist einer dieser Filme. Dazu ein Score, der klingt, als hätte die Alarmanlage eines Autos als Inspirationsquelle gedient. Was kommt als nächstes? PBS – Post Berlinale Depression?

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Paradises of Diane“
Schweiz 2024
97 min
Regie Carmen Jaquier und Jan Gassmann
Bild © 2:1 Film

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BERLINALE 2024 – TAG DREI

BERLINALE 2024 – TAG DREI

Das Gerücht geht um, dass Andreas Dresens neuer Film ursprünglich in der Sektion Panorama versteckt werden sollte. Sein letzter Berlinale-Film RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH gewann 2022 immerhin zwei Bären. Der Regisseur drohte daraufhin, IN LIEBE, EURE HILDE vom Festival zurückzuziehen. Nun läuft er doch im Wettbewerb. Verdient oder unverdient?

Wettbewerb

In Liebe, eure Hilde

IN LIEBE, EURE HILDE

Andreas Dresens IN LIEBE, EURE HILDE ist der erste deutsche Wettbewerbsfilm in diesem Jahr. Die bereits achte gemeinsame Arbeit des Regisseurs und der Drehbuchautorin Laila Stieler erzählt eine Liebesgeschichte inmitten der Kriegszeit 1942. Hilde (Liv Lisa Fries) und Hans (Johannes Hegemann) sind ein Paar. Die beiden beteiligen sich an den eher harmlosen Aktionen der Gruppe, die später als  „Rote Kapelle“ bekannt wurde. Als Hilde im achten Monat schwanger ist, werden sie und ihr Mann verhaftet und zum Tode verurteilt.

IN LIEBE, EURE HILDE erzählt fast nüchtern und ohne Kitsch die wahre Geschichte der zwei jungen Kommunisten im Widerstand, die vor allem in der ehemaligen DDR zu Volkshelden stilisiert wurden. Dabei erfindet Dresen mit seinem Biopic das Rad nicht neu, findet aber eine interessante Struktur: Die Zeit im Gefängnis verknüpft er mit der rückwärts erzählten Geschichte der Beziehung von Hans und Hilde. Es beginnt mit dem Ende durch die Verhaftung und schließt mit der ersten Begegnung auf einem Sommerfest. Vielleicht ein bisschen konventionell gemacht, aber um Klassen besser als vieles, was sich sonst noch im Wettbewerb tummelt – siehe unten.

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Englischer Titel „From Hilde, with Love“
Deutschland 2024
124 min
Regie Andreas Dresen
Bild © Frederic Batier / Pandora Film

Wettbewerb

Another End

ANOTHER END

Ein weiterer Film aus der Reihe „wäre eine gute 45-Minuten-Black-Mirror-Episode“ geworden. Die Idee ist nicht neu, aber interessant: In naher Zukunft lassen sich die Erinnerungen und Charaktereigenschaften von Verstorbenen in sogenannten „Hosts“ implantieren. Die lassen sich ihre Dienste bezahlen, stehen dafür eine begrenzte Zeit lang als Wiedergänger zur Verfügung, um so den Angehörigen ein langsames Abschiednehmen zu ermöglichen.

Sal (Gael García Bernal) hat diese Dienste bitter nötig, denn nach dem Verlust seiner Frau Zoe steckt er in seinen Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben fest. Dank der neuen Technologie findet er Zoe auf diese Weise im Körper einer anderen Frau wieder.

Mutter oder Hure – dieses Frauenbild hält sich auch sieben Jahre nach #MeToo noch. Und da dies eine italienische Produktion ist, muss natürlich was mit Bunga Bunga rein. Aus Gründen, die wahrscheinlich weder Regie noch Drehbuch verstehen, streift Gael García Bernal im Laufe der Geschichte mit traurigem Blick durch Sexclubs, vorbei an halbnackten Frauen (und Männern) – Sinn macht das nicht. Aber immer noch besser als die drölfte langatmige Erklärung, weshalb, wieso und warum die Zeit mit den aus dem Totenreich zurückgekehrten Doppelgängern begrenzt ist. Man hat es schon nach dem zweiten Mal kapiert.

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Italien 2024
125 min
Regie Piero Messina
Bild © Indigo Film

Wettbewerb

Hors du temps

HORS DU TEMPS

Im April 2020 verbringen der Filmregisseur Etienne und sein Bruder Paul, ein Musikjournalist, zusammen mit ihren neuen Partnerinnen Morgane und Carole den Lockdown im Haus ihrer Eltern. Bei dem unfreiwilligen Gemeinschaftsurlaub wird viel geredet und es passiert so gut wie nichts.

Ein Haus auf dem Land mit herrlichem Garten? Während der Coronahochzeit konnte es einen schlimmer treffen. Die Beziehungs- und Alltagsproblemchen der Bohème lassen dementsprechend kalt. Zwei, drei nette Szenen – das war’s. Olivier Assayas‘ Nabelschau ist ein geschwätziges Stück Kino aus Frankreich, bei dem man sich wieder mal fragt, was das im Wettbewerb verloren hat. Carlo Chatrians Kino at it’s best. Das Ganze wirkt, als hätte es der späte Woody Allen an einem schlechten Tag inszeniert. Ausgesprochen langweilig.

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Englischer Titel „Suspended Time“
Frankreich 2024
105 min
Regie Olivier Assayas
Bild © Carole Bethuel

Panorama

THE OUTRUN

Nora  Fingscheidt bleibt mit ihrem neuen Film weiter am Thema „Frauen unter Druck“. Schrie und tobte sich in SYSTEMSPRENGER noch die neunjährige Benni durch eine ungerechte Welt, steht diesmal eine junge Frau im Mittelpunkt der Geschichte. Rona ist schwere Alkoholikerin und könnte glatt als erwachsene Version von Benni durchgehen. Wie so oft bei Trinkern ist sie nüchtern ein liebenswertes Wesen, verliert aber besoffen jede Kontrolle. 

Die Verfilmung von Amy Liptrots Memoiren macht es den Zuschauern nicht leicht, die Handlung springt wild in den Zeiten zwischen Kindheit, Sucht und Entzug. Saoirse Ronan stürzt sich kopfüber in die dankbare Rolle, überschreitet dabei nie die Grenze des Überspielens. Nora Fingscheidt ist fünf Jahre nach SYSTEMSPRENGER wieder ein starker Film gelungen, der – hätte er seine Premiere nicht vor kurzem beim Sundance Film Festival gefeiert – besser im Wettbewerb aufgehoben wäre.

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Originaltitel „The Outrun“
Vereinigtes Königreich / Deutschland 2024
117 min
Regie Nora Fingscheidt
Bild © The Outrun

Panorama

SEX

Klingt wie der Anfang von einem schlechten Witz: Zwei Schornsteinfeger unterhalten sich über Sex. Wenn es in einem zweistündigen Film nur zehn unterhaltsame Minuten gibt, dann kann man sicher sein, dass es sich um einen Berlinale-Beitrag a.d. Kosslick handelt. Nichts gegen Gespräche über Geschlechterrollen und das Infragestellen von gelernter Sexualität, doch Regisseur und Drehbuchautor Haugerud regt mit seinem Film nicht zum Nachdenken an, sondern erzeugt vor allem eins: gepflegte Langeweile.

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Originaltitel „Sex“
Norwegen 2024
125 min
Regie Dag Johan Haugerud
Bild © Motlys

Panorama

JANET PLANET

Und noch ein Film aus der Sektion „Muss man nicht gesehen haben“. Der Anfang ist noch ganz lustig, weckt die Hoffnung, es ginge um ein böses kleines Mädchen, das seine Umwelt terrorisiert. Doch dann stellt sich heraus, dass die elfjährige Lucy nur gerne Lindor-Kugeln isst (wer tut das nicht?) und aus dem Stanniolpapier Hüte für ihre Puppen bastelt. Ach ja, und ihrer Mutter Janet und deren wechselnden Partner:innen macht sie hin und wieder das Leben schwer. Da nicht ganz klar wird, was der Sinn dahinter ist, soll das Presseheft erklären: „In ihrem Filmdebüt beobachtet die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Dramatikerin Annie Baker, wie ein Kind das Vergehen der Zeit erlebt, und zeigt den Prozess, mit dem eine Tochter sich von ihrer Mutter entliebt.“ Ach so.

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USA / GB 2023
110 min
Regie Annie Baker
Bild © A24

Generation Kplus

LOS TONOS MAYORES

Die 14-jährige Ana trägt seit einem Unfall eine Metallplatte im Arm. Damit empfängt sie rätselhafte Morsesignale. Ihre Suche nach dem Absender ist genauso langatmig, wie die Auflösung langweilig. Welchen Jugendlichen soll das in rasenden TikTok-Zeiten hinter dem Handy hervorlocken? Schnarch.

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Englischer Titel „The Major Tones “
Argentinien / Spanien 2023
101 min
Regie Ingrid Pokropek
Bild © Gong Cine / 36 Caballos

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BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

Hat ein Wahnsinniger die Absperrungen am Potsdamer Platz aufgestellt? Nirgendwo geht’s rein, nirgendwo geht’s raus. Wenn schon nicht das Wegeleitsystem, dann doch zumindest das Design gelobt: Der hochelegante Bär, der mal mit lächelndem Gesicht, mal mit angehobener Tatze die Berlinale-Plakate ziert, ist eine riesige Verbesserung gegenüber der 80er-Jahre Frisörwerbung vom letzten Jahr. Fell ist nämlich immer ganz gut …

Wettbewerb

A DIFFERENT MAN

A DIFFERENT MAN

Schauspieler Edward leidet unter einer starken Gesichtsdeformation. Dank eines neuen Medikaments sieht er bald wie Hollywoodstar Sebastian Stan aus. Äußerlich ändert sich einiges in seinem Leben, und doch bleibt im Grunde alles gleich.

A DIFFERENT MAN hat ein paar hübsche schräge Ideen, mit Adam Pearson einen sehr charmanten scene-stealer und eine ganze Reihe Probleme. Die platte Message „Was nützt die schönste Fassade, wenn die inneren Werte nicht stimmen“ wird mit dem Holzhammer transportiert. Dazu führt das unausgewogene Tempo zu langatmigen Szenen, während der Wechsel zwischen Psycho-Drama und Möchtegern-Thriller auf Dauer anstrengt. Regisseur Aaron Schimberg präsentiert dem Zuschauer haufenweise Indie-Klischees und wenig Subtilität.

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USA 2023
112 min
Regie Aaron Schimberg
Bild © Faces Off LLC

Wettbewerb

LA COCINA

Wer beim Titel LA COCINA einen Film übers Kochen erwartet, liegt gründlich falsch. Der mexikanische Wettbewerbsbeitrag spielt zwar zu großen Teilen in der Küche eines New Yorker Restaurants, doch ums Zubereiten von Speisen geht es nur am Rande. Nein, LA COCINA ist eine shakespearsche Tragödie mit allem Drum und Dran: Liebe, Verrat, das ganz große Drama. Und wie es sich für ein Drama gehört, wird über zwei Stunden lang leidenschaftlich gelitten und gestritten.

Die Geschichte spielt hinter den Kulissen der Touristenfalle „The Grill“ am Times Square. Der mexikanische Koch Pedro (Raúl Briones Carmona), ein Illegaler, ist schwer in die Kellnerin Juilia (Ronney Mara) verliebt. Als er erfährt, dass sie von ihm schwanger ist und abtreiben will, sieht er rot. Beziehungsweise grau, denn LA COCINA ist in strengem Schwarz-Weiß gedreht. Dass Dialoge, Rhythmus und Inszenierung theaterhaft wirken, kommt nicht von ungefähr: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Arnold Wesker. Kein Wunder, dass man sich wie beim Tableread zu einem Off-Broadway-Stück fühlt.

Die Küche als Hölle auf Erden. All das Geschreie und Gefluche mag zwar authentisch sein, zerrt aber auf Dauer nicht nur an den Nerven der Protagonisten. LA COCINA ist so anstrengend wie eine Doppelschicht in der Großraumküche.

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Mexiko / USA 2024
139 min
Regie Alonso Ruizpalacios
Bild © Juan Pablo Ramírez / Filmadora

Wettbewerb

Ein kleines Stück vom Kuchen

MY FAVORITE CAKE

Mahin (70) lebt allein, ihre Kinder sind ins Ausland weggezogen. Eines schönen Tages beschließt sie, dass es genug mit der Einsamkeit ist und ihr Liebesleben einen Neustart braucht. Die Spontanromanze mit einem Taxifahrer entwickelt sich rasch zu einem in vielerlei Hinsicht unvergesslichen Abend.

Schon Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas vorheriger Film BALLAD OF A WHITE COW wurde nicht nur bei Framerate in den höchsten Tönen gelobt und entwickelte sich schnell zum Publikumsliebling der Berlinale 2021. Auch KEYKE MAHBOOBE MAN läuft im Wettbewerb und es wäre ein Wunder, wenn es nicht irgendeinen Bären dafür gäbe. Die zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Rentnern in Teheran hat alles, was Kino braucht: Tragik, eine gute Story, zwei herausragende Darsteller (Lily Farhadpour & Esmail Mehrabi) und vor allem viel Humor.

Gar nicht lustiger sad-fact: Gegen das iranische Autoren- und Regie-Duo Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha wurde ein Reiseverbot verhängt. Ihre Pässe wurden konfisziert und ihnen droht in Bezug auf ihre Arbeit als Filmemacher ein Gerichtsverfahren.

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Originaltitel „Keyke Mahboobe Man“
Iran / Frankreich / Schweden / Deutschland 2024
97 min
Regie Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha
Bild © Hamid Janipour

Panorama

BRIEF HISTORY OF A FAMILY

Der 15-jährige Waisenjunge Yan Shuo wanzt sich in die Familie seines Mitschülers Tu Wei. Die wohlhabenden Eltern nehmen ihn schnell als zweiten Sohn an. Ein Plädoyer für die Wiedereinführung der Ein-Kind-Politik? Man weiß es nicht. Der stilvolle, aber spannungsarme Thriller besticht immerhin durch unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, doch am Ende ist man so schlau wie zu Beginn.

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Originaltitel „Jia ting jian shi“
Volksrepublik China / Frankreich / Dänemark / Katar 2024
99 min
Regie Lin Jianjie
Bild © First Light Films, Films du Milieu, Tambo films

Panorama

PENDANT CE TEMPS SUR TERRE

Eines Tages wird Elsa von einer außerirdischen Lebensform kontaktiert, die behauptet, sie könne den im Weltraum verschollenen Bruder der jungen Frau zur Erde zurückbringen. Doch der Preis dafür ist hoch. Regisseur Jérémy Clapin will uns mit PENDANT CE TEMPS SUR TERRE wahrscheinlich etwas über Trauer und Verlust erzählen. Dazu nutzt er eine Mischung aus Body-Horror, Science Fiction, Zeichentrick und französischem Arthouse-Kino. Kunst halt. Sehenswert nur wegen der tollen Hauptdarstellerin Megan Northam.

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Englischer Titel „Meanwhile on Earth“
Frankreich 2024
88 min
Regie Jérémy Clapin
Bild © Manuel Moutier

Generation Kplus

Sieger Sein

SIEGER SEIN

Mona ist mit ihrer kurdischen Familie aus Syrien geflüchtet und landet im Berliner Wedding, dem Bezirk, der seit 30 Jahren kommt. In ihrer neuen Schule ist sie „voll das Opfer“, bis sie beim Fussballspielen beweisen kann, was in ihr steckt. Ganz erstaunlich, dass es sich bei SIEGER SEIN um einen Debütfilm handelt. Denn es wimmelt nur so von Klischees. Regisseurin Soleen Yusef will es allen recht machen: Der jungen Zielgruppe ebenso, wie den vereulten Redakteuren der Öffentlich-Rechtlichen. Besonders nervig sind dabei die didaktischen Ansätze. Ein bisschen Zuwendung und schon hebt der gerade noch respektlose Rotzlöffel im Unterricht brav die Hand und fragt mit großen Augen „Was ist Diktatur?“ Erklärung folgt, wieder was gelernt – Bruda, isch schwöre!

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Englischer Titel „Winners“
Deutschland 2024
119 min
Regie Soleen Yusef
Bild © Stephan Burchardt / DCM

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BERLINALE 2024 – TAG EINS

BERLINALE 2024 – TAG EINS

„Menschen, die in metaphorischen Käfigen gefangen sind“ - unter diesem Gute-Laune-Motto steht laut künstlerischem Leiter Carlo Chatrian die diesjährige Auswahl der Wettbewerbsfilme. Und damit welcome, bienvenue und herzlich willkommen zu einer neuen Runde Berlinale. Für das glücklose Führungsduo Mariëtte & Carlo ist es die vorläufig letzte. Ab 2025 übernimmt Tricia Tuttle (keine name-jokes) und weckt schon bei ihrem ersten Auftritt die leise Hoffnung, dass das größte Publikumsfestival in Zukunft wieder etwas zugänglicher wird und weniger sperriges Kopfkino präsentiert. Aber jetzt erst mal Kaffee in den Körper und los geht’s mit dem Eröffnungsfilm:

Wettbewerb

SMALL THINGS LIKE THESE

Die bange Frage: Ist der Eröffnungsfilm in diesem Jahr wieder besonders schlecht? Ganz im Sinne Chatrians geht’s mit schwerer Kost los. Als Lieferant für entsetzliche Geschichten ist die Kirche stets ein verlässlicher Quell: In SMALL THINGS LIKE THESE geht es nicht um Hexenverbrennung oder Kindesmissbrauch, sondern um ein unbekannteres Verbrechen. Das Drama beschäftigt sich mit den irischen „Magdalenen-Wäschereien“. Das waren Heime, die zwischen 1820 und Mitte der 1990er-Jahre von römisch-katholischen Institutionen betrieben wurden. Vorgeblich sollten dort „gefallene junge Frauen“ reformiert werden, in Wahrheit wurden sie misshandelt, ausgebeutet und ihrer Kinder beraubt. Der Kohlehändler Bill Furlong (Cillian Murphy) kommt eher unfreiwillig hinter die korrupten Machenschaften des Klosters und weckt dabei Erinnerungen an seine eigene traumatische Kindheit.

Zugegebenermaßen fällt es schwer, sich auf den Film zu konzentrieren, wenn nebendran ein dauerkaugummikauender, handybrummender, reißverschlußaufundzumachender Zuschauer sitzt. Da wünscht man sich den stillen Brüter Cillian Murphy als Platznachbarn, der weint sogar lautlos. Ist es zu früh zu prophezeien, dass er den Bären als bester Schauspieler bekommen könnte?

SMALL THINGS LIKE THESE ist erwachsenes, ernstes Kino, mit leichter Tendenz ins Zähe. Düster und ohne jede Leichtigkeit, aber herausragend gespielt und inszeniert. Es gab bei Gott schon schlechtere Berlinalestarts.

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Deutscher Titel „Kleine Dinge wie diese“
Irland / Belgien 2024
96 min
Regie Tim Mielants
Bild © Shane O’Connor

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ONWARD ● EL PRÓFUGO ● VOLEVO NASCONDERMI ● SA-NYANG-EUI-SI-GAN ● KIDS RUN ● H IS FOR HAPPINESS ● KØD & BLOD ● CIDADE PÁSSARO

Heute gibt’s acht (!!) Filme bei framerate. Wer soll das bitte alles lesen? Ganz ehrlich, das ist doch UNMENSCHLICH! Aber andere haben auch Sorgen, zum Beispiel Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Das Unheil beginnt mit der Wahl des Jurypräsidenten. Statt einer Frau oder wenigstens einer hippen Person of Colour wird es doch nur wieder ein alter weißer Mann. Als nächstes schließt einer der Hauptspielorte, das Cinestar im Sony-Center, seine Pforten. Das Cubix am Alexanderplatz ist da nur unzureichender Ersatz. Dann werden die Arkaden entkernt, nix mehr mit Shoppen oder einem Fischmäc zwischen den Vorführungen. Und zur Krönung kommt auch noch raus, dass der erste Berlinale-Chef Alfred Bauer ein Nazi war. Bitte Milde und Nachsehen mit der neuen Festivalleitung, die beiden haben’s wirklich nicht leicht.

ONWARD: KEINE HALBEN SACHEN

(Berlinale Special)

„Onward“ wirkt, als würde man ein Glas kalte Cola trinken, oder (gesünder) einen tiefen Zug frischer Luft tanken. Der Film läuft bei der Berlinale außer Konkurrenz und ist eine echte Erfrischung zwischen all dem verkopften Kunstkino.

Wie in einem großen Topf (oder hier passender: Kessel) hat Regisseur Dan Scanlon die Zutaten aus so ziemlich jedem erfolgreichen Fantasy-Film der letzten Jahrzehnte zusammengerührt: Harry Potter, Herr der Ringe, Gremlins, Drachenzähmen leicht gemacht, dazu ein bisschen Avatar und eine Prise Transformers. Aber was er aus diesem Brei gemacht hat, ist überraschend originell und schmeckt! Wie immer bei Pixar-Produktionen legt das Drehbuch großen Wert auf liebevoll ausgearbeitete Figuren. Die Vater-Sohn-Familien-Geschichte punktet besonders mit selbstironischen Seitenhieben auf die übertriebene Kommerzialisierung, wie sie Disney in seinen diversen Themenparks betreibt. Der Film hat Herz, guten Humor und natürlich eine Botschaft. Die ist zwar auch recycelt – sei Du selbst, dann kannst Du alles schaffen – aber wie das präsentiert und inszeniert wird, ist ausgemacht unterhaltsam.

Originaltitel „Onward“
USA 2019
112 min
Regie Dan Scanlon

EL PRÓFUGO

(Wettbewerb)

Inés leidet unter Albträumen. Kein Wunder, dass sie gestresst ist. Nach dem Selbstmord ihres Freundes beginnt sie Stimmen – nein – nicht zu hören, sondern zu erzeugen. Schlecht, wenn man als Synchronsprecherin arbeitet. Die Geisterstimmen verhunzen jeden Take im Aufnahmestudio. Doch dabei bleibt es nicht. Bald nehmen die Stimmen Gestalt an und dringen immer mehr in Inés Leben ein, Realität und Einbildung verschwimmen. Der Psycho-Thriller um Selbst- und Fremdwahrnehmung stellt die Frage, ob es zwischen Himmel und Erde vielleicht mehr gibt, als mit blossem Auge zu sehen ist.

„El Prófugo“ hätte man mehr Mut zum Wahnsinn gewünscht. Die interessante Idee vom Eindringen der Albträume in die Realität haben andere Filme schon deutlich spannender umgesetzt. Am Ende fragt man sich: Was hätte wohl David Cronenberg aus so einem Stoff gemacht?

Englischer Titel „The Intruder“
Argentinien / Mexiko 2020
90 min
Regie Natalia Meta

VOLEVO NASCONDERMI

(Wettbewerb)

Maunz! Fauch! Kreisch! Theo ist kaputt im Kopf. Als Kind von einem Lehrer als lebensunwürdig abgewertet, von den Mitschülern gequält und verspottet, wächst die Waise zu einem gestörten, beinahe animalischen Mann heran. Kein Wunder, dass er sich mit Tieren besser versteht als mit Menschen. Von Nervenheilanstalten zu Armenhäusern durchgereicht, findet er erst spät zu seiner künstlerischen Berufung als Maler.

Regisseur Giorgio Diritti schert sich wenig um konventionelles Filmemachen. „Volevo Nascondermi“ springt etwas zu episodisch durch das Leben des italienischen Ausnahmekünstlers Antonio Ligabue, dessen wahres Können (wie so oft) erst nach seinem Tod richtig gewürdigt wurde. Die Stimmung des Films folgt den Launen des Künstlers: zwischen Nervensäge und Genie wechselnd. Auf Dauer ist das mal anstrengend, mal großartig, mal quälend und mal komisch. So gesehen ein echter Festivalfilm.

Englischer Titel „Hidden Away“
Italien 2019
118 min
Regie Giorgio Diritti

SA-NYANG-EUI-SI-GAN

(Berlinale Special Gala)

Ein koreanischer Film auf der Berlinale? Da erwarten natürlich alle gleich einen zweiten „Parasite“.

Aber „Sa-Nyang-Eui-Si-Gan“ – für den Lesefluss im Folgenden der englische Titel „Time to Hunt“ – ist dann doch nur gut gemachtes Action-Kino.

Korea in der nahen Zukunft: Geld ist nichts mehr wert, die Straßen versinken im Müll. Jun-seok, gerade aus dem Knast entlassen, plant mit seinen drei Kumpels, eine illegale Spielbank auszurauben. Dumm nur, dass ihnen nach dem geglückten Raub ein eiskalter Berufskiller auf den Fersen ist.

Im ersten Drittel ein Heist-Movie, entwickelt sich „Time to Hunt“ anschließend zu einer extrem spannenden Katz- und Maus-Jagd. Doch wie so viele neuere Filme weiß auch dieser nicht, wann es genug ist. Nach einer nervigen, unendlich langen Schießerei im letzten Drittel hört und hört die Geschichte nicht auf. Da hätten gut 30 Minuten gekürzt werden können. Schade, denn bis dahin ist „Time to Hunt“ richtig gut.

Nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood ein Remake davon macht.

Englischer Titel „Time to Hunt“
Korea 2020
134 min
Regie Yoon Sung-hyun

KIDS RUN

(Perspektive Deutsches Kino)

Oh weh. Deprimierender geht’s kaum. Das Modell der dysfunktionalen Familie wird hier auf die Spitze getrieben. Es ist einfach alles schrecklich – ein Leben nicht am Rande des Abgrunds, sondern am Boden.

Andi ist ein Looser, der seine Emotionen nicht im Griff hat und es nur mit Mühe und Not schafft, seine drei Kinder durchzubringen. Morgens hetzt er sie ohne Frühstück zum Schulbus, um anschliessend wiedermal aus einem seiner Tagelöhnerjobs zu fliegen. So hangelt er sich von einer schlecht bezahlten Arbeit zur nächsten, das Baby wird zwischendurch mit Erdnussflips gefüttert. Andi wittert eine letzte Chance, als bei einem Amateur-Boxturnier ein Preisgeld von 5.000 € ausgeschrieben wird.

Gegen „Kids Run“ sind Ken Loach-Filme geradezu Feel-Good Movies. Getragen wird diese düstere Studie in Assi von ihren herausragenden Darstellern: Jannis Niewöhner ist auch als kaputter Familienvater hot und seine beiden Filmkinder spielen erschreckend überzeugend.

Deutschland 2020
104 min
Regie Barbara Ott

H IS FOR HAPPINESS

(Generation Kplus)

Alles so süß und bunt hier. Candice Phee hat rote Haare und das Gesicht voller Sommersprossen. Die 12-jährige ist aufgeweckt und hilfsbereit, doch hinter der fröhlichen Fassade verbirgt sich eine Familientragödie. Dass sie keine Wiedergeburt von Pippi Langstrumpf ist, wird schnell klar. Mit Hilfe ihres neuen Freundes Douglas, der von sich glaubt, aus einer anderen Dimension zu kommen, versucht Candice das Glück in ihre Familie zurückzuholen. 

Auf Basis des Erfolgsromans „My Life as an Alphabet“ von Barry Jonsberg nähert sich Regisseur John Sheedy behutsam den Themen Tod und Trauer an.

Australien 2019
103 min
Regie John Sheedy

KØD & BLOD

(Panorama)

Die deutsche und die dänische Sprache sind sich nämlich gar nicht so ähnlich…was auf den ersten Blick wie der Titel eines Fetisch-SM-Films klingt, heisst wörtlich übersetzt ganz harmlos Fleisch + Blut.

Fleisch und Blut, das ist Familie. Die 17-jährige Ida lebt seit dem Unfalltod ihrer Mutter bei ihrer Tante und deren drei erwachsenen Söhnen. Schnell entpuppt sich die überfürsorgliche Matriarchin als kriminelles Oberhaupt, das gemeinsam mit ihren Jungs so eine Art Minimafia betreibt. Als der Clan mit der Polizei in Konflikt gerät, muss sich Ida zwischen Loyalität und ihrem eigenen Wohl entscheiden.

Der Film fängt ziemlich gut an: klar gezeichnete Figuren, mit wenigen Einstellungen werden Situationen und Gefühle skizziert. Doch je länger es dauert, desto mehr überträgt sich die mürrisch lähmende Haltung der Hauptfigur Ida auf den Zuschauer. Am Ende kaum zu glauben, dass das nur 88 Minuten waren.

Englischer Titel „Wasteland“
Dänemark 2019
88 min
Regie Besir Zeciri

CIDADE PÁSSARO

(Panorama)

Stärke liegt nicht in der Isolation, sondern in der Kommunikation. Leichter gesagt, als getan. Amadi reist aus Nigeria nach São Paulo, um seinen Bruder Ikenna zu suchen und bestenfalls wieder mit nach Hause zu nehmen. Leider spricht er kein Wort Portugiesisch, da gestaltet sich die Kommunikation mitunter etwas schwierig. Dass es die Universität, an der das Mathegenie angeblich als Professor lehrt, gar nicht gibt, hilft da auch nicht weiter. So entwickelt sich die Suche Amadis nach seinem verschollenen Bruder zu einer Entdeckungsreise durch den Hochhausdschungel.

Wahre Poesie gibt es nur in Pressetexten: „Der erste Spielfilm des brasilianischen Regisseurs Matias Mariani ist eine enigmatische, im 4:3-Format kadrierte Erkundung auf mehreren Ebenen.“

Oder weniger poetisch ausgedrückt: „Cidade Pássaro“ ist etwas zäh. Die Geschichte schleppt sich mühsam voran, die Suche nach dem Bruder wird zum Selbstfindungstrip Amadis – und das ist keine besonders spannende oder actionreiche Angelegenheit. 

Englischer Titel „Shine Your Eyes“
Brasilien / Frankreich 2019
102 min
Regie Matias Mariani

MY SALINGER YEAR ● MINAMATA ● LAS MIL Y UNA

Auch wenn das diesjährige Berlinale-Plakat aussieht, als sei ein minderbegabter Grafiker gestolpert und hätte eine Handvoll Zahlen und Buchstaben verschüttet – die Vorfreude ist trotzdem groß:
9 Tage lang Filme, Filme und nochmals Filme. Los geht’s!

MY SALINGER YEAR

(Berlinale Special Gala)

Der Berlinale-Eröffnungsfilm – seit Jahren eine Geschichte des Scheiterns. Und diesmal?

Die Figurenkonstellation erinnert auf den ersten Blick an „Der Teufel trägt Prada“: Die gestrenge Chefin, das naive Mädchen, der gütig-hilfsbereite Mitarbeiter, der nervige Boyfriend – alle sind dabei. Aber „My Salinger Year“ erzählt dann doch eine ganz andere Geschichte. New York, Mitte der 1990er-Jahre: Joanna  hat gerade ihr Studium in Berkley geschmissen, ist in die Großstadt gezogen. Von ihrem neuen Job als Assistentin der Literaturagentin Margaret (Sigourney Weaver, wie immer toll) hat sie zwar keine Ahnung, versucht aber ihr Bestes. In der Agentur dreht sich alles um den Kultautor J. D. Salinger. Joannas Hauptaufgabe ist es, dessen Fanpost zu beantworten. Doch eigentlich will sie lieber selbst Schriftstellerin werden. Weshalb sie dann nicht einfach schreibt, bleibt rätselhaft. Am Ende erkennt sie, dass sie sich von den Erwartungshaltungen anderer befreien und ihren eigenen Weg gehen muss. Amen.

„My Salinger Year“ ist einer dieser bequemen Romika-Schuh-Filme, die man sich am besten Sonntagnachmittags im Kino oder noch besser bei einer schönen Tasse Tee auf dem Sofa anschaut. Tut nicht weh, beleidigt nicht die Intelligenz des Zuschauers – nette Unterhaltung.

Kanada / Irland 2020
101 min
Regie Philippe Falardeau

MINAMATA

(Berlinale Special Gala)

Der Mensch ist böse. Schon lange vor Erin Brockovich haben Chemiekonzerne aus Profitgier die Umwelt mit ihren Abfällen vergiftet. „Minamata“ erzählt von solch einem Fall aus dem Jahr 1971. Der einst gefeierte Kriegsfotograf W. Eugene Smith (Johnny Depp) hat seine besten Tage hinter sich. Erst die Begegnung mit der Japanerin Aileen, die ihm von den verheerenden Auswirkungen einer Quecksilbervergiftung im japanischen Fischerdorf Minamata erzählt, weckt seinen alten Kampfgeist. Er kann den Herausgeber des Magazins „Life“ überzeugen, ihn nach Japan zu schicken, wo er der Geschichte auf den Grund gehen soll.

Johnny Depp spielt den von inneren Dämonen gequälten Fotografen zurückgenommen und glaubhaft. Das Anliegen des Films ist lobenswert, die Kameraarbeit herausragend, die Geschichte einigermaßen fesselnd – und doch bleibt „Minamata“ trotz emotional überbordender Musik über weite Strecken seltsam blutleer und distanziert. Genies haben auch mal einen schlechten Tag: Den nervigen Soundtrack hat Ryūichi Sakamoto komponiert, ein echter Minuspunkt.

GB 2020
115 min
Regie Andrew Levitas

LAS MIL Y UNA

(Panorama)

Iris ist 17, lesbisch und lebt in einer Sozialwohnungssiedlung irgendwo in Argentinien. Würde nicht den ganzen Tag die Sonne scheinen und aus den Radios brasilianische Musik quäken, könnte es aber ebenso gut Berlin-Marzahn sein. Alle um sie herum haben Sex, nur Iris nicht. Bis die selbstbewusste Renata die Bildfläche betritt – Iris verliebt sich. 
Die Coming-out und Coming-Of-Age-Geschichte ist langatmig erzählt, nur in wenigen Momenten entwickelt sich Charme. Regisseurin Clarisa Navas hat ihren Film fast dokumentarisch inszeniert. Ein bisschen erinnert „Las Mil Y Una“ damit an eine argentinische Version von Larry Clarks „Kids“, nur noch trübsinniger. Nach einer Stunde setzt das große Gähnen ein, kann aber auch an der schlechten Luft im überfüllten Kino gelegen haben. Gewinnt bestimmt den Teddy Award.

Englischer Titel „One in a Thousand“
Argentinien / Deutschland 2020
120 min
Regie Clarisa Navas

Top & Flop ● Marighella ● Amazing Grace

Persönliche Gewinner- und Verliererliste: 
TOP 
Di jiu tian chang (So long, my son) ★★★★★
Systemsprenger ★★★★
La paranza dei bambini ★★★★
Grâce à Dieu ★★★★
God Exists, Her Name Is Petrunija ★★★★

FLOP
Ich war zuhause, aber 

Das war’s mit der Berlinale 2019!
Am 20. Februar geht es bei framerate.one mit der Besprechung zu „Mein Bester & Ich“ weiter.

Marighella

Es lebe die Revolution! Das Timing könnte kaum besser sein: Gerade sorgt sich die Welt, was aus Brasilien unter der Führung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro werden soll, da zeigt die Berlinale dieses Biopic über die Gefahren einer Diktatur.
Auf den Putsch 1964 gegen die demokratisch gewählte Regierung folgten in Brasilien 21 Jahre Militärdiktatur. Die Presse wurde zensiert, Oppositionelle verhaftet, gefoltert und getötet. Mitte der 1960er-Jahre gründete Carlos Marighella eine bewaffnete Widerstandsgruppe, die in den kommenden Jahren den Kampf gegen den Staat aufnahm.
Die Rollen sind klar verteilt: hier die intellektuellen, aufrechten Revolutionäre, da die sadistischen, dauerfluchenden Putschisten. Für Zwischentöne interessiert sich Regisseur Wagner Moura weniger. 
Auch wenn’s ein bisschen schwarz-weiß gemalt ist, der Film ist ein sehr eindringliches Porträt, das klar Stellung bezieht. Mit viel Empathie setzt sich das Drama mit den persönlichen Schicksalen der Revolutionäre und der Opfer, die sie im Kampf gegen die Diktatur bringen mussten, auseinander. Der Schriftsteller und überzeugte Marxist Marighella wurde zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt. Sein Leben endete 1969 mit der Ermordung durch die brasilianische Militärjunta.

Brasilien 2019 
155 min
Regie Wagner Moura

Amazing Grace

Erfrischend, in Zeiten, in denen jeder Telefonbesitzer perfekt stabilisierte und farbkorrigierte 4K-Filme produzieren kann, eine so roughe, handgemachte Doku auf der großen Leinwand zu sehen. 
Aretha Franklin nahm 1972 gemeinsam mit dem Southern California Community Choir in Los Angeles ihr legendäres Album „Amazing Grace“ auf. Es wurde zum erfolgreichsten Gospelalbum aller Zeiten.
Dass dieser Film fast 50 Jahre nach seiner Entstehung doch noch in die Kinos kommt und jetzt auf der Berlinale seine Premiere feiert, grenzt an ein Wunder. Nach den Dreharbeiten ließen sich die Ton- und Bildaufnahmen nicht synchronisieren. Die technischen Möglichkeiten waren Anfang der 1970er-Jahre begrenzt. Später folgte ein Rechtsstreit mit Aretha Franklin. Die nun vorliegende Version ist genau so, wie sie von Regisseur Sydney Pollack seinerzeit geplant war. Keine nachträglich eingefügten Interviews, kein Making-of, kein Schnickschnack – nur Bilder von einem mitreißenden Konzert.
Für Fans ein Muss.

USA 2019 
87 min
Regie Syney Pollack

Di jiu tian chang ● Photograph ● Lampenfieber

Der Fluss der Zeit ist relativ: Mit Fortschreiten der Berlinale werden die Filme immer länger – so fühlt es sich jedenfalls an. Man schaut auf die Uhr und erschreckt – gerade erst 45 Minuten sind vergangen. Diesbezüglicher Höhepunkt: Celle que vous croyez mit Juliette Binoche. Nach knapp einer Stunde hat die Geschichte ein befriedigendes Ende gefunden, gleich muss der Abspann kommen…doch dann geht’s erst richtig los!
Kinozeit läuft also langsamer.
Einerseits.
Andererseits war der narkoleptische Sekundenschlaf während Öndöng so erfrischend, wie sonst nur ein dreistündiger Mittagsschlaf sein kann.

Di jiu tian chang (So Long, My Son)

Na also! Am vorletzten Tag hat die Berlinale 2019 noch einmal einen richtig guten Film im Programm. Das dreistündige Melodram von Wang Xiaoshuai erzählt mit beeindruckender Beiläufigkeit und großer Ruhe eine Familiengeschichte, die sich über 30 Jahre erstreckt.
Der Weg vom Glück ins bodenlose Unglück dauert oft nur einen Augenblick. Für Yaojun und seine Frau Liyun ist es der Moment, in dem sie ihren Sohn Xingxing verlieren. Der Junge ertrinkt beim Spielen am Ufer eines Stausees. Nach dieser Tragödie zieht das Paar in die südchinesische Provinz und adoptiert dort einen Jungen, sozusagen als Ersatzkind. Doch die unausgesprochenen Schuldgefühle und die betäubende Trauer lassen auch dieses neue Leben beinahe scheitern.
Di jiu tian chang ist ein verschachtelt erzähltes Porträt chinesischer Geschichte, von den 1980er-Jahren bis zum anstrengenden Turbokapitalismus der Gegenwart reichend. Gekonnt wird hier die private Tragödie der Eltern mit der gigantischen gesellschaftlichen Veränderung Chinas verknüpft. Ein kleiner großer Film, der zutiefst berührt.

Volksrepublik China 2019
180 min
Regie Wang Xiaoshuai

Photograph

Der neue Film von Ritesh Batra. Im vergangenen Jahr überzeugte der Regisseur mit der sehr gelungenen Romanverfilmung „A sense of an ending“, seinem zweiten englischsprachigen Film nach „Lunchbox“ (2013). Mit Photograph kehrt er nun zu seinen indischen Wurzeln zurück. Straßenfotograf Rami soll von seiner Großmutter zwangsverheiratet werden. Als er eines Tages zufällig die junge Miloni trifft, fragt er sie, ob sie sich als seine Freundin ausgeben könnte. Das schüchterne Mädchen willigt ein.
Photograph ist eine bittersüße, aber recht harmlose Romanze über zwei Menschen von unterschiedlicher Herkunft. Gewöhnungsbedürftig ist die Besetzung der beiden Hauptdarsteller: „Rafi“ Nawazuddin Siddiqui, sonst in Indien eher als Actionstar bekannt, könnte locker als Vater von Sanya Malhotras „Miloni“ durchgehen.

Indien / Deutschland / USA 2019 
110 min
Regie Ritesh Batra

Lampenfieber

Da, wo man so unbequem wie nirgends sonst bei der Berlinale sitzt, spielt der neue Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner: im Berliner Friedrichstadt-Palast. Die Filmemacherin wirft einen Blick hinter die Kulissen der größten Theaterbühne der Welt. (Der Welt! Is so, isch schwöre!)
Lampenfieber ist ein sehr konventionell gemachter Film, der die Herausforderungen bei der Arbeit mit Kindern artig abarbeitet: das erste Casting, die intensive Probenzeit, die bejubelte Premiere der Kinder- und Jugendshow „Spiel mit der Zeit“. Dazwischen gestreut gibt’s die üblichen Besuche zu Hause und ein paar Interviews. „Rhythm is it!“ oder die Langzeitdoku „Adrians großer Traum“ hatten da deutlich mehr Tiefe und waren mutiger gemacht. Immerhin sind die sechs angehenden Kinderstars, deren persönliche Entwicklung, Frust und Freude der Film zeigt, gut ausgewählt. Von unbedarft über herzerwärmend bis altklug ist alles dabei. Heimlicher Star ist jedoch die Tanzlehrerin Christina Tarelkin – so patent, mit der möchte man abends mal ein Bier trinken gehen.

Deutschland 2019 
92 min
Regie Alice Agneskirchner 

Varda par Agnès ● Elisa y Marcela ● Synonymes

Bester Platz im Berlinalekino am Potsdamer Platz: Reihe 17, Mitte rechts, viel Beinfreiheit.
Schlechtester Platz: Friedrichstadtpalast, egal wo. Folter.

Varda par Agnès (Varda by Agnès)

Spielfilmregisseurin, Dokumentarfilmerin, Fotografin, Künstlerin: Agnès Varda ist eine echte Lotte und wird oft als Schlüsselfigur des modernen Kinos bezeichnet. Dieses kurzweilige Portrait erlaubt tiefe Einblicke in ihr Schaffen und illustriert, wie sie zur Institution des französischen Kinos wurde. Von den analogen Zeiten der Nouvelle Vague bis zum digitalen Kino 2018 – die gebürtige Belgierin ist als Regisseurin schon seit 1954 im Geschäft. Varda par Agnès, die bewegenden Lebenserinnerungen einer faszinierenden und neugierig gebliebenen Frau, die sich immer mehr für andere als für sich selbst interessiert hat.

Frankreich 2018
115 min
Regie Agnès Varda 

Elisa y Marcela (Elisa und Marcela)

„Zärtliche Cousinen“ in schwarz-weiß. Die neue Netflix-Produktion Elisa y Marcela erregt gerade die Gemüter, weil der Streaming-Riese es mal wieder (nach „Roma“) gewagt hat, einen Kinofilm zu produzieren, der dann nicht im Kino läuft. Aber eben auf der Berlinale – und dann im Wettbewerb! Skandal!
„Mehrere Kinobetreiber haben den Ausschluss des Films aus dem Wettbewerb der Berlinale gefordert.“
(Tagesspiegel vom 11.02.2019)
Worum geht’s? Lesbische Liebe im erzkatholischen Spanien des angehenden 20. Jahrhunderts. Marcela (Greta Fernández) und Elisa (Natalia de Molina) feierten 1901 die erste gleichgeschlechtliche Heirat in Europa. Natürlich nicht einfach so als Braut und Braut – Marcela nahm die Identität eines Mannes an, um ihre Freundin zu heiraten. Auch dieser Film basiert auf einer wahren Geschichte.
Wenn Roma Kunst ist, dann ist Elisa y Marcela bestenfalls Kunsthandwerk. Die Bildkompositionen erinnern oft an kitschige Kalenderfotos. Und vieles, was ergreifend gemeint ist, wirkt unfreiwillig komisch. Das Pressepublikum kommentierte vor allem die softpornografischen Liebesszenen, bei denen ein toter Oktopus, Algen und natürlich die unvermeidliche, über den Körper rinnende Milch eine Rolle spielen, mit hämischem Gelächter. Bei all der Aufregung um Netflix vs. Kino hat es doch einen großen Vorteil, den Film online schauen zu können: Einfach vorspulen zur gelungeneren zweiten Hälfte von Elisa y Marcela.

Spanien 2018
113 min
Regie Isabel Coixet

Synonymes (Synonyme)

Dies ist die Geschichte eines jungen Israelis in Paris. Yoav will seine Wurzeln abschlagen, nichts soll mehr an seine Vergangenheit erinnern. Er weigert sich, auch nur ein einziges hebräisches Wort zu sprechen. Wie er mit seinem niedlich-debil-geilen Gesichtsausdruck, französische Vokabeln brabbelnd, durch die Straßen von Paris irrt, erinnert er fast ein bisschen an Joey Heindle, der den Weg zum Dschungeltelefon sucht. Synonymes ist einer der Filme, bei denen man sich zwischendurch fragt: Was genau soll das? Es ist mehr eine Aneinanderreihung von Begebenheiten, als ein strukturierter Film. Doch genau das hat einen schrägen Unterhaltungswert.

Frankreich / Israel / Deutschland 2019 
123 min
Regie Nadav Lapid

Ich war zuhause, aber ● La paranza dei bambini ● L’adieu à la nuit ● O Beautiful Night

Jetzt regen sich Journalisten und Zuschauer auf, Fatih Akins‘ neuer Film sei frauenfeindlich.
Meine Güte, es geht um Frauenmorde – frauenfeindlicher geht’s ja schon per Definition nicht!
Dass „Der goldene Handschuh“ kein guter Film ist, ist dann noch mal ein anderes Thema.

Alter Gag: der Protagonist geht über die Straße, man ahnt nichts Böses, und wird RUMMS überfahren. Die Szene kommt gefühlt in jedem zweiten Berlinale-Film vor.

Ich war zuhause, aber

Seit Tagen parkt ein Minibus von ZDFneo am Potsdamer Platz. Ist Jan Böhmermann vor Ort und plant einen Coup? Will er die Berlinaleverantwortlichen bloßstellen und sich über den Kulturbetrieb lustig machen? Wie hat er es nur geschafft, „Ich war zu Hause, aber“ in den Wettbewerb zu schleusen?
Anders ist es nicht zu erklären, dass diese Persiflage (als solche ist sie doch gemeint, oder???) ernsthaft als Beitrag auf der Berlinale läuft. Somnambule Schauspieler tragen mit hohler Stimme Sätze vor wie: „Dann erkannte ich, dass er ein Heizkörper ist. (Pause) Aber Heizkörper sehen anders aus…(Pause) Ich bin froh, dass Sie sein Lehrer sind…“. Nein, das muss man nicht verstehen. Es könnte sich aber auch um ein Lehrvideo für Sprachstudenten handeln. Die überartikulierten Sätze bleiben hallend in der Luft hängen, gerade lange genug, sodass die Schulklasse die entsprechende Übersetzung im Chor aufsagen kann: „I realized, he was a radiator“. Auweia.

Deutschland / Serbien 2019
105 min
Regie Angela Schanelec

La paranza dei bambini (Piranhas)

Der gerade mal 15-jährige Nicola übernimmt mit seiner Jungsgang die Herrschaft im Viertel Sanità in Neapel. Kohle, Designerklamotten und die neuesten Sneaker: das ist es, was zählt. Vom schnellen Reichtum geblendet, verlieren sie bald jegliche Skrupel. Was ist schon ein Menschenleben wert? In ihrer Welt geht es allein um Geld und Macht. La paranza dei bambini zeigt das hoffnungslose Bild einer Jugend mit den falschen Werten. Besonders beeindrucken die Laiendarsteller, die ihre Rollen als Minimafiosi mehr als überzeugend spielen. Der Krieg der Knöpfe ist trotz seines sozialkritischen Themas ausgesprochen unterhaltsames Kino. Guter Film!

Italien 2018
110 min
Regie Claudio Giovannesi

L’adieu à la nuit (Farewell to the Night)

Wie schön kann das Leben sein? Muriel hat eine Reitschule, betreibt eine Kirschbaumplantage und sieht aus wie Catherine Deneuve. Eines Tages kommt ihr Enkel Alex zu Besuch, der sich angeblich auf dem Weg nach Kanada befindet. Schon bald bemerkt Muriel, dass Alex sich verändert hat. Er ist zum Islam konvertiert und verhält sich ihr gegenüber seltsam distanziert. Nach und nach erkennt sie seine wahren Absichten.
Die Geschichte von der Oma, die zu drastischen Mitteln greift, um die IS-Karriere ihres Enkels zu verhindern, ist nicht frei von Klischees: hier die fröhlichen, Rotwein trinkenden Franzosen, da die verbissenen Moslems, immerzu am Predigen. Der Film ist in Kapitel unterteilt: 1. Frühlingstag, 2. Frühlingstag usw., das zieht sich zwischendurch etwas und man fragt sich, wieviele Tage hat so ein Frühling eigentlich? Problematisch ist auch die Figur des Alex. Er bleibt zu unsympathisch, weshalb man der eleganten Catherine nur halbherzig die Daumen für ihre Rettungsmission drückt. Naja.

Frankreich / Deutschland 2019 
104 min
Regie André Téchiné

O Beautiful Night

Wong Kar-Wai meets Himmel über Berlin: Das Spielfilmdebüt des Illustrators Xaver Böhm erzählt die ungewöhnliche Geschichte von Juri, einem jungen Mann, der jederzeit mit dem plötzlichen Herzstillstand rechnet. Ein klassischer Hypochonder.
Eines Nachts, die Brust schmerzt mal wieder, trifft er in einer Flipperkneipe auf einen trinkfesten Russen. Der behauptet, der TOD höchstpersönlich zu sein und stellt Juri vor die Wahl: „Willst Du sofort sterben oder vorher noch ein bisschen Spaß haben?“ Das mit dem Herzinfarkt kann dann doch noch warten und so begeben sich die Beiden auf eine schräge Tour durch das nächtliche Berlin.
Kompliment an Kamerafrau Jieun Yi und die Postproductionfirma LUGUNDTRUG: So schön menschenleer und kunstvoll stilisiert hat man die Stadt selten gesehen.
Ungewöhnlicher, humorvoller, visuell herausragender Film. Sehenswert.

Deutschland 2019  
89 min
Regie Xaver Böhm


Répertoire des villes disparues ● Vice ● Skin ● Gospod postoi, imeto i’e Petrunija

Die Berlinale-Götter ausgetrickst! Kosslick sei Dank, gibt’s ja mehrere Chancen, die Wettbewerbsfilme zu sehen: in der Wiederholung dann doch den gestern versäumten Gospod postoi, imeto i’e Petrunija geschaut!
Dafür heute Kız Kardeşler (A Tale of Three Sisters) verpasst. Dann gewinnt halt der.
Schnee, Frost, Winter – nicht bei der Berlinale, aber immerhin im Kino, zum Beispiel bei:

Répertoire des villes disparues (Ghost Town Anthology)

„Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, werden die Toten auf der Erde wandern.“ So reißerisch wie die Werbung 1978 zu George A. Romeros „Dawn of the Dead“ ist dieser kanadische Low-Budget-Film nicht geworden. Dafür umso ungruseliger. Man kann den Titel „Ghost Town Anthology“ durchaus wörtlich nehmen: Die kleinen Käffer auf dem Land sind so verlassen, dass sie zu Geisterstädten werden. Damit es nicht ganz so leer ist, kommen immerhin die Toten zurück, stehen dann aber nur in der Gegend rum und schauen. Das erinnert sehr an die erste Staffel der französischen Serie „Les Revenants“.  Im Gegensatz zur brillanten Serie wirkt Répertoire des villes disparues mit seinem handgemachten Krissellook sehr unfertig, mehr wie das Layout zu einem Kinofilm. Passenderweise auf 16mm gedreht, da lacht das Cineastenherz.

Kanada 2018
96 min
Regie Denis Côté

Vice  (Vice – Der zweite Mann)

Vice erzählt die Geschichte von Dick Cheney, der vom kleinen Bürokraten zu einem der einflussreichsten Männer der Welt aufstieg. Als erster US-Vizepräsident hatte er fast mehr Macht als der Präsident selbst. Vice ist vor allem ein Christian Bale-Film. In guter alter Method-Tradition hat sich der Schauspieler für die Titelrolle etliche Pfunde angefuttert und sieht dem Original – Dank ausgezeichneter Maske – verblüffend ähnlich. Verdienterweise gab’s dafür schon den Golden Globe als Hauptdarsteller in einer Komödie. Vice ist ein seltsamer Zwitterfilm. Einerseits nicht spannend genug für ein Drama und andererseits in seinem Humor zu unentschlossen, um als bissige Satire durchzugehen. Das käme wohl dabei heraus, würde man Michael Moore ein Big Budget-Movie anvertrauen und ihm dann zu viel rein quatschen.

USA 2019
132 min
Regie Adam McKay

Skin

Tattoos sind Scheiße. Das Stechen tut weh, das Entfernen noch mehr. Diese Wahrheit muss Bryon am eigenen Leib erfahren. Nach seinem Entschluss, sich von seinen rassistischen White-Supremacy-Freunden loszusagen, wartet eine schmerzhafte Enttintungsprozedur auf ihn. Bei seinem Weg ins neue Leben helfen ihm ausgerechnet schwarze Menschenrechtsaktivisten und natürlich die Liebe, denn Freundin Julie hat mit dem Nazipack ebenso abgeschlossen. Die Geschichte vom Monster, das sich befreien will und es kaum schafft, seine Vergangenheit loszuwerden, ist spannend erzählt und geht unter die Haut (haha). Hervorragend besetzt, vor allem Jamie Bell (ja, der aus „Billy Elliot“) überzeugt als bekehrter Rassist. Skin basiert auf der wahren Lebensgeschichte von Bryon Widner.

USA 2019
117 min
Regie Guy Nattiv 

Gospod postoi, imeto i’e Petrunija (God Exists, Her Name Is Petrunya)

Petrunija ist komplett überqualifiziert – aber wer ist das heutzutage nicht? Ein abgeschlossenes Studium der Geschichte interessiert niemand, die Jobsuche bleibt erfolglos. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als am Dreikönigstag, wie jedes Jahr, die jungen Männer nach dem heiligen Kreuz tauchen, das der Pfarrer in den eisigen Fluss geworfen hat. Petrunija macht spontan mit, ist schneller als alle anderen und holt sich die Trophäe. Aber sie hat nicht mit dem verletzten Stolz der Verlierer gerechnet. Die Machomeute tobt!
Macht diese Inhaltsangabe Lust den Film zu sehen? Nein? Zu Arthouse?
Überraschung: Tenor Strugar Mievska ist eine teils melancholische, teils wütende Satire über den heutigen Zustand der mazedonischen Gesellschaft gelungen. Und damit ein richtig guter Film – lustig, traurig und nachdenklich machend. Zum Glück doch noch gesehen!

Mazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich 2019
100 min
Regie Teona Strugar Mitevska

The Operative ● Mr. Jones

Schlapp gemacht, den ersten Film des Tages sausenlassen. Natürlich wird genau der den Goldenen Bären gewinnen. Also, hier die Prophezeiung – the winner will be: Gospod postoi, imeto i‘ e Petrunija
Heute wieder Regen, kein Schnee. Nicht mal das kriegt der Senat hin.

The Operative (Die Agentin)

Leipzig, Teheran und Köln sind die exotischen Schauplätze dieses mediokren Spionagethrillers.
Rachel wird im Auftrag des Mossad für eine Undercovermission nach Teheran entsandt. Dort verliebt sie sich in Farhad, den sie eigentlich ausspähen soll. Der Job wird immer gefährlicher, deshalb beschließt sie, auszusteigen. Ihr Kontaktmann Thomas soll sie nun schnellstmöglich finden (und gegebenenfalls kaltstellen), bevor sie den Israelis gefährlich werden kann.
The Operative ist eine einigermaßen spannend erzählte Spionagegeschichte, die fast komplett aus Rückblenden besteht. Umso unbefriedigender das Ende, da sich die zwei Stunden bis dahin wie ein langes Vorspiel anfühlen. Doch dann ist mitten in der Auflösung plötzlich Schluss. Es wird ansonsten viel geredet und die komplizierte Handlung erklärt, aber das schadet nichts, denn Nahost-Spionagefilme versteht man ja sowieso nie so richtig. Diane Kruger überzeugt als undurchschaubare Spionin und Martin Freeman sieht man sowieso immer gerne. Homeland fürs Kino. Allerdings war die Serie um einiges mutiger gemacht (wenigstens in den ersten drei Staffeln).

Deutschland / Israel / Frankreich / USA 2019
120 min
Regie Yuval Adler

Mr. Jones

Der junge Journalist Gareth Jones fährt auf eigene Faust 1933 in die Ukraine. Bei seiner Reise durchs Land erlebt er die Schrecken einer gewaltigen Hungersnot. Diese humanitäre Katastrophe soll nicht an die Öffentlichkeit dringen, denn sie ist Folge von Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Trotz der Drohung, seine inhaftierten Landsmänner zu ermorden, publiziert Jones nach seiner Rückkehr in den Westen seine erschütternden Entdeckungen und rüttelt damit die Weltöffentlichkeit auf.
Agnieszka Holland erzählt diese wahre Geschichte in drei Kapiteln. Auch wenn’s schön gedreht und inszeniert ist, der Anfang von Mr. Jones ist relativ zäh und langatmig. Doch darauf folgt der Mittelteil und es ist beinahe so, als hätte ein neuer Film begonnen. Die Reise des Walliser Journalisten durch die Ukraine ist eine packende Geschichtslektion:  seine Entdeckungen sind erschütternd, denn die hungernden Menschen waren gezwungen, sogar ihre Toten zu essen. Seinen Kampf, diese Geschichte überhaupt publizieren zu dürfen, zeigt dann der dritte Teil des Films. George Orwell soll durch die Enthüllungen zu seinem Buch „Die Farm der Tiere“ inspiriert worden sein. Wäre es kein Kinofilm, der Stoff hätte locker für eine 10-teilige Netflix-Serie gereicht.

Polen / Großbritannien / Ukraine 2019
141 min
Regie Agnieszka Holland

Der Boden unter den Füßen ● Ut og stjæle hester ● Der goldene Handschuh ● Celle que vous croyez

Zwei Beobachtungen: Frauen werden in Berlinalefilmen mehrfach beim Urinieren auf den Boden gezeigt. Und Männer haben problematische Penisse. Hoffentlich kein Trend.
Immer noch kein Schnee.

Der Boden unter den Füßen 

Lola, Ende 20, hat ihr Leben vermeintlich fest im Griff. Karriere geht ihr über alles, die Arbeit hat höchste Priorität. Mit der gleichen Disziplin wie ihren Job verwaltet sie auch ihr Privatleben. Deshalb soll möglichst keiner von der Existenz ihrer psychisch gestörten Schwester Conny wissen. Als die einen Selbstmordversuch unternimmt, droht auch Lolas Leben aus den Gleisen zu geraten. Denn die Paranoia ihrer Schwester schleicht sich langsam auch in ihr eigenes Leben.
Interessante Geschichte – und erfrischend, dass es in einem österreichischen Film mal nicht um im Keller weggesperrte Kinder geht. Atmosphäre und Spannung sind in diesem Fall wichtiger als eine simple Auflösung. So bleibt das Ende offen und lässt ein wenig ratlos zurück: War das alles nur in ihrem Kopf? 

Österreich 2019
108 min
Regie Marie Kreutzer

Ut og stjæle hester (Out Stealing Horses)

Norwegen, 1999: Witwer Trond hat sich aus der Stadt zurückgezogen und lebt abgeschieden auf dem Land. Eine Begegnung mit einem Nachbarn, in dem er einen alten Kindheitsgefährten wiedererkennt, löst Erinnerungen an seine Jugend aus. 1948 verbrachte er gemeinsam mit seinem Vater einen ganz besonderen Sommer in den Wäldern nahe der schwedischen Grenze. Lange Nachmittage, Holzhacken, Duschen im Sommerregen. Die Lieblichkeit wird jedoch jäh von einem brutalen Unfall zerrissen. Regisseur Hans Petter Moland erzählt ein Drama um Liebe, Verlust und lebenslange Schuldgefühle. In erster Linie bleiben aber die beeindruckenden Naturaufnahmen und vor allem das ausgezeichnete Sounddesign hängen. Es kracht, knirscht, krabbelt und summt, als wäre man selbst Teil des Waldes.
Wald – der Film. So schön die Bilder und der Sound, so zäh die Erzählweise. Nach einer Stunde setzt erste Ermüdung ein. Das Leben ist ein langer, harziger Fluß.

Norwegen / Schweden / Dänemark 2019
122 min
Regie Hans Petter Moland

Der goldene Handschuh 

St. Pauli war mal ein hartes Pflaster, bevor es zur harmlosen Amüsiermeile aufgeräumt wurde. In den 1970er-Jahren trieb dort ein Frauenmörder sein Unwesen: Fritz Honka, ein erschreckend hässlicher Mann, der über Jahre ältere Prostituierte und Alkoholiker*innen aus der Kiezkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ abschleppte, um sie dann in seiner Wohnung abzumurksen. Die zerstückelten Leichen versteckte er nach getaner Arbeit hinter der Wandverkleidung. Nicht schön.
Zur letzten Kosslick-Berlinale gibt sich Fatih Akin noch einmal die Ehre. Nur ist dem Regisseur diesmal mit der Verfilmung des Heinz Strunk-Buchs von 2016 kein zweiter Bärenkandidat geglückt. Trotz überzeugender Darsteller wirkt die Inszenierung seltsam theaterhaft und künstlich und hat ganz schön Längen. Der goldene Handschuh ist zwar unappetitlich wie ein Splatterfilm, aber trotzdem erstaunlich unspannend erzählt. So freudlos wie das Leben der Protagonisten, so freudlos ist es auch, den Serienmorden zuzusehen.

Deutschland / Frankreich 2019 
115 min
Regie Fatih Akin

Celle que vous croyez (Who You Think I Am)

Wo ist mein iPhone? Nicht nur Teenager verlieren sich zusehends in der virtuellen Welt der Social Networks, auch reifere Semester sind vor dem Absturz ins digitale Nirwana nicht gefeit. Claire, 50, befreundet sich auf Facebook mit Alex, 29. Im Profil gibt sie sich als 24-Jährige aus, Alex zeigt sich interessiert. Aber nach ein paar Wochen hin- und hergechatte will er seine Traumfrau endlich treffen. Claire versucht, ihn auf Abstand zu halten, verliert sich aber zusehends im Sog der Parallelwelt, bis ein Unglück geschieht.
Die Geschichte (bzw. die Geschichten, denn es werden gleich mehrere Varianten erzählt) schwankt zwischen belanglos, ergreifend, komisch und kitschig. Mit leichter Hand inszeniert, aber nichts Weltbewegendes. Jurypräsidentin Juliette Binoche ist der Hauptgrund, diesen sanften Thriller-Liebesfilm anzuschauen, denn die ist fabuleux! 

Frankreich 2018
101 min
Regie Safy Nebbou

Systemsprenger ● Grâce à Dieu ● Öndög ● ACID

Natürlich stinken nicht alle Festivalbesucher. Aber viele. Anders ist der Geruch nach ungelüfteter Bettwäsche, der sich in den Berlinalekinos ausbreitet, nicht zu erklären. Danke auch an die Frau, die eine sehr reife Banane im Kino verspeisen musste. Da überlagert ein übler Geruch den anderen.
Dieses Jahr kein Schnee zur Berlinale?

Systemsprenger

MAMAAAAA!!! AAAAAHHHHH! Kreisch, Strampel, Tob: der Film zum Prenzlpanther. Benni ist ein „Systemsprenger“. So nennt man Kinder, die durch alle Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe fallen. Die Neunjährige schreit und prügelt sich schon nach kurzer Zeit aus jeder Pflegeeinrichtung raus. Und genau das will sie auch, denn sie möchte viel lieber bei ihrer Mutter leben.
Nora Fingscheidt ist ein extrem intensiver Film mit einer herausragenden Hauptdarstellerin gelungen. Als Zuschauer schwankt man zwischen Mitleid, Genervtheit und Hass. Das Dauer-Geschrei, aber auch die Ungerechtigkeit der Welt, geht an die Grenzen des Ertragbaren. Guter Film, großartige Schauspieler, vor allem die junge Hauptdarstellerin Helena Zengel ist jetzt schon eine würdige Bärenkandidatin.

Deutschland 2019
118 min
Regie Nora Fingscheidt

Grâce à Dieu – Gelobt sei Gott

Und noch mal leidende Kinder: François Ozons neuer Film erzählt von den Opfern des Paters Bernard Preynat, der 2016 wegen sexueller Übergriffe auf rund 70 Jungen angeklagt wurde. Die meisten der Fälle sind mittlerweile verjährt. Stellvertretend erzählt Grâce à Dieu vom Schicksal dreier erwachsener Männer, die es erst nach vielen Jahren schaffen, sich ihrem Dämon zu stellen. Sie leiden bis heute unter den Verletzungen, die ihnen der Pater ungehindert zufügen konnte. Und das trotz zahlreicher Hinweise und Beschwerden von Eltern. Der Film prangert nicht nur den Priester, sondern vor allem das Schweigen der Kirche insgesamt an. Souverän inszenierter, unaufgeregter  – dadurch umso eindringlicher – erzählter Film zu einem lange verschwiegenen Thema. 

Frankreich 2019
137 min
Regie François Ozon

Öndög

Der erste „klassische“ Berlinalefilm in diesem Jahr. So was gibt es außerhalb des Festivals höchstens im Spätprogramm bei 3sat zu sehen. Entschleunigung pur, fast zwei Stunden passiert so gut wie nichts. In eine Einstellung von Öndög hätten andere Filmemacher dreißig Schnitte gesetzt.
Das Programmheft schreibt: „Im Zentrum des Films steht eine starrsinnige Frau in menschenleerer Weite. Ihren fürsorglichen Nachbarn duldet die ansonsten autark lebende Hirtin, die von allen „Dinosaurier“ genannt wird, nur, wenn es Probleme mit ihrer Herde gibt. Für sich und ihre Zukunft hat sie einen ganz eigenen Plan, der mit der einsamen Landschaft und deren Mythen in Beziehung steht.“
Wer dafür die nötige Geduld aufbringt, wird mit lakonischem Humor und ungewöhnlichen Einblicken in eine fremde Kultur belohnt.

Mongolei  2019
100 min
Regie Wang Quan’an

ACID (KISLOTA)

„Wenn Du springen willst, spring!“
Keine gute Idee, das zu einem splitternackten Freund zu sagen, der gerade über das Balkongeländer im fünften Stock geklettert ist. Aber Pete sagt es und Vanya springt in den Tod. Auf seine Beerdigung folgt eine wilde Clubnacht und die Begegnung mit dem Künstler Vasilik. Der taucht nicht nur die Skulpturen seines Vaters in Acid/Säure, sondern hat auch Interesse, den frisch beschnittenen Penis von Petes Freund Sasha zu fotografieren. Das kann natürlich nur unter Drogeneinfluss geschehen, und weil die Flasche mit der Säure gerade so verführerisch rumsteht, trinkt Pete auch noch einen kräftigen Schluck daraus. Selbst zugefügte Schmerzen helfen gegen die Watte im Kopf.
Die unglücklichen jungen Männer, die im Mittelpunkt des Regiedebüts von Alexander Gorchilin stehen, haben die gleichen Probleme wie andere Jugendliche irgendwo sonst auf der Welt auch. Verloren und auf der ewigen Suche nach Perspektive und Orientierung im Leben.
ACID – ein streckenweise anstrengendes, aber nicht uninteressantes Porträt einer (weiteren) „lost generation“, diesmal aus Russland.

Russland 2018 
98 min
Regie Alexander Gorchilin

The Kindness of Strangers ● Gully Boy ● Heimat ist ein Raum aus Zeit

Wenn im Kino gehustet wird, als hätten die Berliner Symphoniker eine Pause zwischen zwei Sätzen gemacht, Eulen ihre Thermoskannen auspacken und geräuschvoll Stullen verspeisen, dann ist es wieder soweit: Die Berlinale hat begonnen!

The Kindness of Strangers

Mitten in der Nacht packt Clara ihre beiden Söhne ins Auto und flieht vor ihrem gewalttätigen Mann nach New York. Dort angekommen, wird sie direkt beklaut. Willkommen in der Großstadt!
The Kindness of Strangers ist genau das, was der Titel verspricht: ein Film über grundgütige Mitmenschen, wie es sie im wahren Leben selten bis nie gibt. Bei ihrer Odyssee begegnet die mittellose Clara der Krankenschwester Alice, die ihr selbstlos zwei Betten in ihrem Büro überlässt. Und als Clara wenig später für sich und ihre hungrigen Kinder im russischen Restaurant Winter Palace ein paar Häppchen klaut, lernt sie den Ex-Häftling Marc kennen, der dort als Restaurantleiter arbeitet. Auch er nimmt sich selbstlos der Kleinfamilie an und verliebt sich natürlich nebenbei in Clara.
Ein bisschen erinnert das Ganze an eine New York-Version von Love Actually. Nur dass hier statt reichem Mittelstand Obdachlose und gescheiterte Existenzen die Szenerie bevölkern. Auch Hugh Grant spielt nicht mit, dafür wenigstens Bill Nighy in einer Nebenrolle.
Mittelmaß. Passt in die Reihe der missglückten Berlinale-Eröffnungsfilme.

Dänemark / Kanada / Schweden / Deutschland / Frankreich 2019
112 min
Regie Lone Scherfig

Gully Boy

Hier spricht die pure Ignoranz: In Indien gibt es eine blühende Rap-Szene! Wer hätte das gedacht?
Das Klischee vom milden, immer lächelnden Inder wird hier (wenigstens teilweise) auf den Kopf gestellt. Harte Jungs (und Mädchen), die Kapuze tief ins Gesicht gezogenen, brüllen zornige Battle-Raps ins Mic. Nicht auf Englisch, sondern Hindi.
Hauptfigur ist Murad, 22. Der versucht sich seinem komplizierten Familienleben mittels Cannabis und Musik zu entziehen. Als er einem berühmten Rapper begegnet, ermuntert der ihn, sein Hobby zu professionalisieren. Murad beginnt eigene Songs zu produzieren. Das verändert sein ganzes Leben.

Ist das nun einfach modern inszeniert oder extrem den westlichen Sehgewohnheiten angepasst? 
Zwischendurch hat man das Gefühl, den neusten Matthias Schweighöfer-Film zu sehen. So werblich glitzert da die Sonne in die Optik, während sich junge Menschen auf alten Sofas auf dem pittoresken Hausdach lümmeln. Dazu klimpert ein seichter, aber eingängiger Gitarren-Piano Score.
Egal, Gully Boy ist ziemlich unterhaltsam und für seine Lauflänge von über zwei Stunden erstaunlich kurzweilig.

Indien 2018
148 min
Regie Zoya Akhtar

Heimat ist ein Raum aus Zeit 

Ist es etwa das, was Harald Martenstein vom Tagesspiegel als „Kunstscheiße“ bezeichnet hat? Vielleicht. Auf jeden Fall ist es kein „Film“ im herkömmlichen Sinne. Eher so etwas wie eine Kunstinstallation. Besser, man könnte die teilweise minutenlangen Einstellungen in einem Museum anschauen, dazu einen Kopfhörer auf- und gegebenenfalls wieder absetzen und so den Erzählungen des Dok-Filmers Thomas Heise lauschen. Der liest mit getragener Stimme Briefe und Tagebuchaufzeichnungen vor und erzählt so die Geschichte Deutschlands anhand seiner eigenen Familiengeschichte. Als Langfilm im Kino (und hier liegt die Betonung auf LANG, denn es sind 218 Minuten) funktioniert das nur sehr bedingt. Die in Scharen fliehenden Zuschauer sind bestimmt kein Qualitätsindiz, aber auch mit gutem Willen: Kapitulation nach 90 Minuten. Vielleicht wurde es in der dritten Stunde noch aufregender…

Das Presseheft der Berlinale sagt: „Ein großer Film, der bleibt.“

Deutschland / Österreich 2019 
218 min
Regie Thomas Heise 

Drei Gesichter

⭐️⭐️⭐️

Schauspielerin Behnaz Jafari erhält ein verstörendes Handy-Video: eine junge Frau behauptet darin, sie habe mehrfach versucht, die im Iran berühmte Schauspielerin zu kontaktieren. Aufgewühlt erklärt sie, dass ihre Familie sie daran hindere, ebenfalls Schauspielerin zu werden. Am Ende des Videos erhängt sich das Mädchen augenscheinlich. Die erschütterte Behnaz Jafari macht sich gemeinsam mit ihrem Regisseur auf die Suche nach der vermeintlichen Selbstmörderin. Bei ihrer Reise über verschlungene Straßen durch abgelegene Bergdörfer im Norden des Iran kommt es zu teils obskuren Begegnungen.

Beinahe interessanter als der Film selbst ist seine Entstehungsgeschichte: Regisseur Jafar Panahi hat im Iran offiziell Berufsverbot und konnte, wie schon zuvor beim Berlinale-Gewinner „Taxi Teheran“, nur heimlich drehen. Nach Fertigstellung ließ er den Film außer Landes schmuggeln, sodass er dann – in seiner Abwesenheit – auf verschiedenen Festivals gezeigt werden konnte. Beim abenteuerlichen Dreh in seinem Heimatdorf agierte Panahi in einer Doppelfunktion als Darsteller und Regisseur. Außer ihm bestand das Team meist nur aus seiner Hauptdarstellerin Behnaz Jafari und einem Kameramann.

Drei Gesichter vermischt gekonnt Fiktion und Realität: Behnaz Jafari spielt sich selbst. Die Schauspielerin ist ein Film- und Fernsehstar im gegenwärtigen Iran. Die andere, im Film gesichtslos bleibende Figur, ist Shahrzad. Sie war vor langer Zeit, in der vorrevolutionären Ära, der Star des iranischen Mainstream-Kinos. Heute arbeitet sie als Autorin, lebt zurückgezogen. Im Film taucht sie nur als Schattenriss auf und ihre Stimme ist beim Verlesen eines ihrer Gedichte zu hören.

FAZIT

Ein mäanderndes Roadmovie, schlau und tiefgründig.

Iran, 2018
Regie Jafar Panahi
100 min
Kinostart 26. Dezember 2018