SCHOCK

SCHOCK

Und es geht ja doch: Ein richtig guter Gangsterfilm aus Deutschland, ganz ohne Digger-Dialoge.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

„Bru­da, Du bist Eh­ren­mann!“ Man hat sich mitt­ler­wei­le dar­an ge­wöhnt, dass in deut­schen Gangs­ter­fil­men ge­spro­chen wird, wie sonst nur an Ber­li­ner Schu­len. Selbst Kin­der er­set­zen das gu­te al­te „ch“ durch „sch“. Dig­ger, krass und „Isch schwö­re beim Le­ben mei­ner Mut­ta“ ge­hö­ren zur All­tags­spra­che 10-Jäh­ri­ger. Des­halb gro­ßes Lob an Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to: In ih­rer ge­mein­sa­men Re­gie­ar­beit spre­chen die Ga­no­ven ge­schlif­fe­nes Hoch­deutsch.

Für einen deutschen Thriller ungewöhnlich cool

Bru­no (aus­ge­zeich­net: De­nis Mo­s­chit­to) ist ein Arzt, der we­gen Dro­gen­miss­brauchs sei­ne Ap­pro­ba­ti­on ver­lo­ren hat. Nun küm­mert er sich um Pa­ti­en­ten au­ßer­halb des Sys­tems: Il­le­ga­le oder Kri­mi­nel­le, die aus di­ver­sen Grün­den nicht ins Kran­ken­haus kön­nen. Die Pro­ble­me be­gin­nen, als ihm sei­ne An­wäl­tin (An­ke En­gel­ke in ei­ner Gast­rol­le) 50.000 € für ei­nen schein­bar simp­len Job bie­tet: Er soll ei­nem ita­lie­ni­schen Ma­fio­so ei­ne An­ti­kör­per­the­ra­pie ver­ab­rei­chen. Doch nicht nur das Be­schaf­fen des Me­di­ka­ments löst ei­ne Ket­te von Ka­ta­stro­phen aus, Bru­nos Schwa­ger Giu­li (durch Halb­glat­ze und Wam­pe schön ver­un­stal­tet: Fah­ri Yar­dim) ist zu­dem als Kil­ler auf den kran­ken Ita­lie­ner an­ge­setzt.

Bild­ge­stal­tung, Schau­spiel und At­mo­sphä­re sind für ei­nen deut­schen Thril­ler un­ge­wöhn­lich cool. Aus der Not des be­grenz­ten Bud­gets ha­ben die bei­den Re­gis­seu­re ei­ne Tu­gend ge­macht. Die Hand­lung spielt zu gro­ßen Tei­len in ver­reg­ne­ten Näch­ten – das ist stim­mungs­voll und sieht auch noch gut aus. Es gibt kei­ne un­nö­tig aus­ge­walz­ten Back­storys, kein over­ac­ting und kei­ne lach­haf­te Möch­te­gern-Hol­ly­wood-Ac­tion. SCHOCK ist ein at­mo­sphä­risch dich­ter Gen­re­film aus Deutsch­land, an dem sich der gu­te al­te TAT­ORT ein Bei­spiel neh­men könn­te. So geht span­nen­de Kri­mi­un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
104 min
Re­gie Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to

al­le Bil­der © Film­welt Ver­lei­hagen­tur

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HOME SWEET HOME – WO DAS BÖSE WOHNT

HOME SWEET HOME – WO DAS BÖSE WOHNT

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Können Deutsche Horror? Regisseur Thomas Sieben hat’s versucht und scheitert mit seinem ROSEMARIES BABY für Arme kläglich.

Trotz­dem erst mal Lob: HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT ist ein Hor­ror­film aus Deutsch­land. Al­lein das macht ihn schon zu et­was Be­son­de­rem. Gen­re­ki­no hat es jen­seits von Kri­mi, Co­me­dy und Lie­bes­schnul­ze hier­zu­lan­de im­mer noch schwer. Und die ers­ten 30 Mi­nu­ten des Films sind so­gar ganz gut. Kind­heits­ängs­te wie Strom­aus­fall, pfei­fen­der Wind und dunk­le Kel­ler wer­den ge­konnt in Sze­ne ge­setzt. Da­zu kann HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT tech­nisch be­ein­dru­cken. Re­gis­seur Sie­ben hat mit sei­nem Ka­me­ra­mann ei­nen so­ge­nann­ten „One Shot“ ge­dreht, das heißt, es gibt kei­nen sicht­ba­ren Schnitt, die kom­plet­te Sto­ry ent­fal­tet sich in ei­ner ein­zi­gen, lan­gen Ein­stel­lung. Nor­ma­ler­wei­se wird so­was mit schnel­len Reiß­schwenks oder an­de­ren op­ti­schen Trick­se­rei­en ka­schiert, hier hin­ge­gen merkt man nichts, die Ge­schich­te scheint tat­säch­lich in Echt­zeit statt­zu­fin­den.

Rich­tig schlecht

Die hoch­schwan­ge­re Ma­ria (Nil­am Farooq) will im ent­le­ge­nen Land­haus ih­res Schwie­ger­va­ters (Jus­tus von Dohná­nyi) noch ein biss­chen räu­men. Zu­sam­men mit ih­rem Ver­lob­ten Vik­tor (Da­vid Kross) plant sie hier dem­nächst ein Bed & Break­fast zu er­öff­nen. Als die bei­den Abends te­le­fo­nie­ren, ge­hen im Haus plötz­lich die Lich­ter aus. Wäh­rend Ma­ria im Kel­ler ei­ne neue Si­che­rung ein­dreht, hört sie un­heim­li­che Ge­räu­sche. Sie geht der Sa­che nach und ent­deckt da­bei ei­nen ge­hei­men Raum, in dem sich ein schreck­li­ches Fa­mi­li­en­ge­heim­nis ver­birgt. 

Nun die bit­te­re Wahr­heit: HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT ist rich­tig schlecht. Und das liegt vor al­lem am Dreh­buch. Das hat sich Re­gis­seur Tho­mas Sie­ben selbst aus­ge­dacht, es könn­te aber auch aus der Fe­der ei­nes min­der­be­gab­ten 10-Jäh­ri­gen stam­men, der sich in sei­ner Frei­zeit für Ge­spens­ter-Gro­schen­ro­ma­ne be­geis­tert. Ne­ben un­frei­wil­lig ko­mi­schen Dia­lo­gen kommt je­de Wen­dung der Ge­schich­te mit An­sa­ge. Nil­am Farooq gibt al­les, ver­sucht aber er­folg­los ge­gen das ha­ne­bü­che­ne Dreh­buch an­zu­spie­len. Auch Da­vid Kross kann nichts mehr ret­ten und stößt viel­leicht zum ers­ten Mal in sei­ner Kar­rie­re an die Gren­zen sei­ner Mög­lich­kei­ten. Scha­de drum.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
84 min
Re­gie Tho­mas Sie­ben

al­le Bil­der © Con­stan­tin Film

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ROLE PLAY

ROLE PLAY

Ab 04. Januar 2024 im Kino

Happy 2024! Fangen wir das neue Jahr mit einem kleinen Quiz an: Was haben folgende Schlagzeilen mit dem Actionfilm ROLE PLAY zu tun? „Studio Babelsberg: Eben noch Hollywood, jetzt Flaute“ – „Steht das Filmstudio Babelsberg vor dem Aus?“

Die Ant­wort: Ganz ein­fach, die Ba­bels­ber­ger ha­ben RO­LE PLAY co-pro­du­ziert und ste­hen jetzt vor der In­sol­venz. Ob das ei­ne mit dem an­de­ren zu tun hat, ist nicht er­wie­sen, aber gut mög­lich. Schon bei der Aus­wahl sei­ner letz­ten Pro­jek­te zeig­te das Stu­dio ein fei­nes Ge­spür für Kas­sen­schla­ger: BAG­HEAD, RE­TRI­BU­TI­ON und DIE LETZ­TE FAHRT DER DE­ME­TER wa­ren ech­te Rohr­kre­pie­rer.

So span­nend sind wie das War­ten auf die U‑Bahn

Vor ge­nau 30 Jah­ren kam TRUE LIES mit Ar­nold Schwar­zen­eg­ger in die Ki­nos. Für RO­LE PLAY gilt: an­de­rer Film, glei­che Ge­schich­te, glei­che Ideen­ar­mut. Em­ma (Ka­ley Cu­o­co) führt mit ih­rem Mann Da­ve (Da­vid Oye­lo­wo) ei­ne halb­wegs glück­li­che Ehe, in­klu­si­ve zwei ner­vi­ger Kin­der. Be­ruf­lich ist sie viel un­ter­wegs, an­geb­lich zu lang­wei­li­gen Se­mi­na­ren. In Wahr­heit ist sie ei­ne hoch­be­zahl­te Auf­trags­kil­le­rin, die welt­weit un­an­ge­neh­me Zeit­ge­nos­sen aus­schal­tet. Die Fa­mi­lie hat von Mut­tis Dop­pel­le­ben kei­ne Ah­nung – bis ei­nes Ta­ges … den Rest kann man sich den­ken.

Auch wenn die Un­der­co­ver-Kil­ler-Ge­schich­te noch halb­wegs in­ter­es­sant klingt – die Um­set­zung ist es nicht. Statt pa­cken­der Ac­tion gibt es end­lo­se Dia­lo­ge, die so span­nend sind wie das War­ten auf die U‑Bahn. Wenn dann doch mal was pas­siert, er­in­nert es eher an ei­ne schlech­te Kin­der­gar­ten-Auf­füh­rung als an ei­nen Ac­tion­film. Ko­mö­die? War wohl die In­ten­ti­on, ist aber eher un­frei­wil­lig ko­misch. Was den ei­gent­lich im­mer bril­lan­ten Bill Nig­hy da­zu be­wo­gen hat, hier ei­ne Ne­ben­rol­le zu über­neh­men, bleibt sein Ge­heim­nis.

TV-Re­gis­seur Tho­mas Vin­cent ver­sucht ver­zwei­felt, auf der KIL­LING EVE-Wel­le zu sur­fen, schei­tert je­doch kläg­lich. Die öde Ge­schich­te, die sich fürch­ter­lich cle­ver vor­kommt, spielt ir­gend­wann auch mal in Ber­lin – Stu­dio Ba­bels­berg sei Dank. Die ein­zi­ge Er­kennt­nis, die man am En­de ge­winnt: Die Haupt­stadt ist dre­ckig und häss­lich wie nie, es gibt Tech­no­clubs an je­der Ecke, und wenn man nur will, kann man so­gar den schlimms­ten Fei­er­abend­ver­kehr in Kreuz­berg um­fah­ren.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ro­le Play“
USA / Deutsch­land / Frank­reich 2024
100 min
Re­gie Tho­mas Vin­cent

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

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THE QUEEN MARY

THE QUEEN MARY

Ab 28. Dezember 2023 im Kino

Rechtzeitig zum Jahresende kommt dieser komplett verkorkste Quatschfilm über ein dümpelndes Gespensterschiff in die Kinos.

Am Ha­fen von Long Beach liegt seit vie­len Jah­ren die RMS Queen Ma­ry vor An­ker. In den 1930er-Jah­ren ge­baut, frü­her stol­zer Pas­sa­gier­damp­fer, in­zwi­schen zu ei­nem Ca­si­no für spiel­süch­ti­ge Tou­ris­ten ver­kom­men. Als neue At­trak­ti­on bie­ten die Eig­ner nun ei­ne Geis­ter­tour an Bord. Der Film THE QUEEN MA­RY dient of­fen­sicht­lich als Wer­be­ve­hi­kel für den 65 $ teu­ren „Pa­ra­nor­mal Ship Walk“.

Ein Meis­ter­werk des Schei­terns

THE QUEEN MA­RY macht den Ein­druck, als hät­ten sehr vie­le Kö­che den Brei ver­dor­ben. Im Schnitt­raum wur­de dann das Ma­te­ri­al oh­ne je­den Sinn und Ver­stand an­ein­an­der ge­schus­tert. Das Er­geb­nis: Ein Meis­ter­werk des Schei­terns. Wirr wä­re un­ter­trie­ben. Es gibt wohl zwei (oder drei?) Zeit­ebe­nen: Ei­ne spielt 1938 und han­delt von ei­ner Gau­ner­fa­mi­lie, die sich trotz Drit­te-Klas­se-Ti­ckets in den Spei­se­saal der First Class schmug­gelt. Als man sie ent­tarnt, wird der Va­ter zum blut­rüns­ti­gen Axt­mör­der, wäh­rend sei­ne klei­ne Toch­ter mit Fred As­taire ei­nen schier un­end­lich lan­gen Stepp­tanz auf­führt (nicht fra­gen). Gleich­zei­tig stol­pern in der Ge­gen­wart die voll­bu­si­ge Sa­rah (an der Blu­se stets ei­nen Knopf zu viel ge­öff­net), ihr Ex-Mann und der zwerg­wüch­si­ge Sohn über das Deck, auf der Su­che nach Ge­spens­tern oder mög­li­cher­wei­se dem ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Dreh­buch. In die­sem fil­mi­schen De­sas­ter sind ein­zig die Aus­stat­tung des Schiffs mit sei­nen his­to­ri­schen De­kor und die schick ge­mach­ten Über­gän­ge zwi­schen den Epo­chen er­wäh­nens­wert.

Re­gis­seur Ga­ry Shore hat schon den un­säg­li­chen DRA­CU­LA UN­TOLD ver­bro­chen. Dass er frü­her mal Wer­be­fil­me ge­macht hat, mag man kaum glau­ben. THE QUEEN MA­RY ist zu lang, zu schlecht ge­dreht und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un­ter­be­lich­tet. Das funk­tio­niert nicht mal als tra­shi­ger Spaß. Die bes­te Sze­ne zeigt ei­ne Ge­spens­ter­frau, die sich den Kopf auf der Tas­ta­tur ei­nes Kla­viers zu Matsch zer­schlägt – als Zu­schau­er die­ses Films kann man es ihr nach­emp­fin­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Haun­ting of the Queen Ma­ry“
USA / Groß­bri­tan­ni­en 2023
125 min
Re­gie Ga­ry Shore

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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DOGMAN

DOGMAN

Ab 12. Oktober 2023 im Kino

Miau! Das groß angekündigte Comeback von Starregisseur Luc Besson ist nur eine JOKER-Kopie auf vier Pfoten.

Dou­glas Mun­row (Ca­leb Landry Jo­nes) wird in Ma­ri­lyn-Mon­roe-Kos­tü­mie­rung von der Po­li­zei auf­ge­grif­fen. Im Kof­fer­raum sei­nes Lie­fer­wa­gens fin­den die Cops ein Ru­del Hun­de. So weit, so merk­wür­dig. Im Ge­spräch mit der Psy­cho­lo­gin Eve­lyn brei­tet der selt­sa­me Hun­de­lieb­ha­ber an­schlie­ßend sei­ne Le­bens­ge­schich­te aus. Und die hat es in sich. Vom sa­dis­ti­schen Va­ter (Cle­mens Schick) und grenz­de­bi­len Bru­der wird er als klei­ner Jun­ge für Mo­na­te in ei­nen Hun­de­zwin­ger ge­sperrt. Zu­sam­men mit ei­nem Ru­del fel­li­ger Vier­bei­ner wird so aus Doug erst Dog­boy, dann Dog­man.

Da­für gibts ein Le­cker­li

Dog­man Doug und sei­ne Hun­de­trup­pe könn­ten glatt im Zir­kus auf­tre­ten. Die Pu­men und Do­ber­män­ner be­herr­schen die tolls­ten Kunst­stü­cke, ge­hor­chen je­dem Be­fehl aufs Wort und kön­nen so­gar ganz al­lei­ne in Häu­ser ein­bre­chen und die Rei­chen be­steh­len. Bra­vo! Da­für gibts ein Le­cker­li. Die Die­bes­ban­de auf vier Pfo­ten klaut in Herr­chens Auf­trag Per­len und Ge­schmei­de, denn der ver­dient sich sei­nen Le­bens­un­ter­halt mitt­ler­wei­le als Drag­queen. Im Mar­le­ne-Diet­rich und Édith-Piaf-Look steht er schmuck­be­han­gen auf der Büh­ne und träl­lert zum Play­back.

Klingt ab­surd? Ist es auch. Luc Bes­son war schon im­mer ein Re­gis­seur oh­ne krea­ti­ve Gren­zen. Das kann gut ge­hen – wie zu sei­ner künst­le­ri­schen Hoch­zeit mit LÉ­ON – DER PRO­FI oder DAS FÜNF­TE ELE­MENT – kann aber auch gründ­lich schief­ge­hen wie bei LU­CY oder VA­LE­RI­AN. DOG­MAN ori­en­tiert sich scham­los an Todd Phil­ips Os­car­ge­win­ner JO­KER, die Fi­gu­ren und die Hand­lung sind al­ler­dings um ei­ni­ges grö­ber ge­schnitzt, der Stil so sehr in your face, man könn­te mei­nen, der Film ba­siert auf ei­nem Gro­schen­ro­man. Zwi­schen­tö­ne gibt es kaum – die Bö­sen sind grund­bö­se am Ran­de der Ka­ri­ka­tur, Hun­de hin­ge­gen sind die bes­se­ren Men­schen – gü­tig und schlau wie Ein­stein. Was na­tür­lich auch der Wahr­heit ent­spricht. Ist gut, Al­fi. Ja Su­se, ja­ha.

Ist Luc Bes­son ein gu­ter Re­gis­seur? Mal so, mal so. Tech­nisch ist das al­les ge­konnt, aber DOG­MAN ist kein wirk­lich ge­lun­ge­ner Film und schon gar nicht das vor­ei­lig ver­spro­che­ne Come­back. We­nigs­tens kann man Bes­son nicht vor­wer­fen, zu lang­wei­len. Un­ter­halt­sam ist der JO­KER auf vier Pfo­ten trotz al­lem.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Dog­man“
Frank­reich / USA 2023
113 min
Re­gie Luc Bes­son

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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BURNING DAYS

BURNING DAYS

Ab 28. September 2023 im Kino

BURNING DAYS von Emin Alper ist eine aufregende Mischung aus modernem Western und Polit-Thriller.

Es be­ginnt mit ei­ner Wild­schwein­jagd. Hier in der ana­to­li­schen Pro­vinz sind Män­ner noch ech­te Ker­le, das ver­ängs­tig­te Bors­ten­vieh wird un­ter dem gro­ßen Ju­bel der Ein­hei­mi­schen bru­tal ab­ge­schos­sen. In die­sem mit to­xi­scher Männ­lich­keit auf­ge­la­de­nen Ort be­ginnt der jun­ge Staats­an­walt Em­re (Se­la­hat­tin Pa­sa­li) sei­nen neu­en Job. Und den nimmt er sehr ernst. Kaum an­ge­kom­men, ge­rät er mit den ört­li­chen Ho­no­ra­tio­ren an­ein­an­der, die fest ent­schlos­sen sind, ih­re Pri­vi­le­gi­en mit al­len Mit­teln zu ver­tei­di­gen. Schnell merkt Em­re, dass er in ei­nem Sumpf aus Kor­rup­ti­on und Ma­ni­pu­la­ti­on ge­lan­det ist.

Ein Blick in das Herz der tür­ki­schen Ge­sell­schaft

Un­aus­ge­spro­che­ne Dro­hun­gen, Ge­sprä­che vol­ler Dop­pel­deu­tig­keit und An­deu­tun­gen ma­chen BUR­NING DAYS zu ei­nem star­ken Dia­log­film. In ei­ner schick­sals­haf­ten Nacht, in der sich Em­re mit sei­nen zu­künf­ti­gen Fein­den be­trinkt und un­ter Dro­gen ge­setzt wird, wird ei­ne jun­ge Frau ver­ge­wal­tigt. Hat er, oder hat er nicht? Sei­ne Er­in­ne­rungs­lü­cken ma­chen Em­re er­press­bar.

Mu­ti­ger Ein­zel­kämp­fer ge­gen ma­fiö­se Struk­tu­ren – das The­ma ist für ei­nen Po­lit­thril­ler nicht neu, aber der tür­ki­sche Kon­text und die Of­fen­heit, mit der Re­gis­seur Al­per da­mit um­geht, über­ra­schen. Um­welt­zer­stö­rung, Kor­rup­ti­on, Ho­mo­pho­bie, Ver­ge­wal­ti­gung – trotz, oder viel­leicht we­gen all der düs­te­ren The­men ent­wi­ckelt BUR­NING DAYS die Qua­li­tät ei­nes be­droh­li­chen Fie­ber­traums. Ein un­ge­wohn­ter Blick in das Herz der tür­ki­schen Ge­sell­schaft und den ewi­gen Kon­flikt zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Bur­ning Days“
Tür­kei 2022
129 min
Re­gie Emin Al­per

al­le Bil­der © CI­NE­MI­EN

A HAUNTING IN VENICE

A HAUNTING IN VENICE

Ab 14. September 2023 im Kino

Wie langweilig können 103 Minuten sein? Kenneth Branagh setzt mit seinem dritten Hercule-Poirot-Film neue Maßstäbe.

Ve­ne­dig in den 1940er-Jah­ren. Noch kei­ne Spur von Mas­sen­tou­ris­mus. Mor­bi­de Stim­mung in der ewig dem Un­ter­gang ge­weih­ten Stadt. Ein al­ter Pa­laz­zo, in dem die Geis­ter von ge­quäl­ten Kin­dern spu­ken. Peit­schen­der Re­gen, Düs­ter­nis, ein Mord. Und mit­ten­drin Her­cu­le Poi­rot (Ken­neth Bra­nagh), der den Fall mit ana­ly­ti­schem Ver­stand kna­cken will.

Tod­lang­wei­li­ges Schnarch­fest

Klingt erst mal al­les gut. Lei­der hat Re­gis­seur Br­an­nagh auch bei sei­ner drit­ten Aga­tha-Chris­tie-Ver­fil­mung vie­les falsch ge­macht. Ob­wohl Set­ting und Ge­schich­te ge­ra­de­zu nach ei­nem at­mo­sphä­ri­schen, un­heim­li­chen Thril­ler schrei­en, ist da­von nichts zu spü­ren. A HAUN­TING IN VE­NICE ist ein ge­schwät­zi­ges, tod­lang­wei­li­ges Schnarch­fest.

Das Whod­u­nit sieht dank fa­mo­ser Aus­stat­tung und ex­zen­trisch weit­wink­li­ger Ka­me­ra (Ha­ris Zam­bar­lou­kos) zwar ganz hübsch aus, doch we­der die Fi­gu­ren noch die Hand­lung we­cken auch nur ei­nen Fun­ken In­ter­es­se. Von Span­nung ganz zu schwei­gen. Die ganz gro­ßen Stars hat Bra­nagh dies­mal nicht ver­pflich­tet (da­bei macht der Cast aus ak­tu­el­len und ehe­ma­li­gen Su­per­stars ja ge­ra­de den Reiz der Aga­tha-Chris­tie-Fil­me aus). Ti­na Fey, Mi­chel­le Yeoh und Ja­mie Dorn­an lie­fern so­li­de Leis­tun­gen ab, doch für ih­re zwei­di­men­sio­na­len Fi­gu­ren in­ter­es­siert man sich nie wirk­lich.

Bleibt die Er­kennt­nis, dass so­ge­nann­te „first re­ac­tions“ von In­fluen­cern un­ge­fähr so ernst zu neh­men sind wie das Wer­be­ver­spre­chen, Nu­tel­la sei ge­sund. Da wird A HAUN­TING IN VE­NICE als „groß­ar­tig“ und das „Bes­te der drei Poi­rot-Aben­teu­er“ ge­lobt. Das Ge­gen­teil ist der Fall: Seit dem an­nehm­ba­ren MORD IM ORI­ENT­EX­PRESS ver­schlech­ter­ten sich die Fil­me von Mal zu Mal. Im­mer­hin wur­de dies­mal wei­test­ge­hend in rea­len Sets ge­dreht, was ge­gen­über dem Green­screen-Fi­as­ko on TOD AUF DEM NIL ein klei­ner Fort­schritt ist.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „A Haun­ting in Ve­nice“
USA 2023
103 min
Re­gie Ken­neth Bra­nagh

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­di­os Mo­ti­on Pic­tures Ger­ma­ny

HYPNOTIC

HYPNOTIC

Ab 10. August 2023 im Kino

Das INCEPTION des armen Mannes: Ben Affleck jagt als Cop einen hypnotisierenden Bankräuber durch Traumwelten.

Kurz auf dem Spiel­platz nicht auf­ge­passt, schon ist das gan­ze Le­ben im Arsch. Seit der Ent­füh­rung sei­ner Toch­ter ver­sinkt De­tec­ti­ve Dan­ny Rour­ke (Ben Af­fleck) in Trau­er und Ver­zweif­lung. Doch dann stößt er bei den Er­mitt­lun­gen zu ei­ner Se­rie von Bank­über­fäl­len auf ei­ne Spur sei­ner ver­miss­ten Toch­ter. Zu­sam­men mit Dia­na Cruz (Ali­ce Bra­ga) macht er sich auf die Su­che nach dem ver­meint­li­chen Bank­räu­ber (Wil­liam Ficht­ner), der sein Um­feld auf mys­te­riö­se Wei­se kon­trol­lie­ren kann.

Be­dient sich scham­los bei IN­CEP­TI­ON

Da wird die Hyp­no­se­krö­te nei­disch! Men­schen, die an­de­re Men­schen ma­ni­pu­lie­ren und da­zu brin­gen, schlim­me Din­ge zu tun. Der zwei­te M. Night Shya­mal­an Hol­ly­woods, Ro­bert Ro­dri­guez, stellt mit sei­nem neu­en Film HYP­NO­TIC nicht nur die Welt auf den Kopf, son­dern auch die Ge­duld der Zu­schau­er auf die Pro­be. Gut ei­ne Stun­de muss man über sich er­ge­hen las­sen, be­vor die kru­de Sto­ry mit ei­ner über­ra­schen­den Wen­dung vor­über­ge­hend die Kur­ve kriegt. Bis da­hin kann man kaum glau­ben, wie un­ter­durch­schnitt­lich, um nicht zu sa­gen schlecht HYP­NO­TIC ist.

Re­gis­seur Ro­dri­guez ist für sei­ne spar­sa­me Ar­beits­wei­se be­kannt. Doch dies­mal hat er es über­trie­ben: Sein neu­er Psy­cho­thril­ler sieht wie ein bil­lig pro­du­zier­ter TV-Pi­lot­film aus, der sich scham­los bei IN­CEP­TI­ON be­dient. Es gibt zwar im Mit­tel­teil ein paar cle­ve­re Dreh­buch­ein­fäl­le, doch in kei­nem Mo­ment wird die kom­ple­xe Ge­nia­li­tät des Chris­to­pher No­lan-Films er­reicht. Er­staun­lich, dass sich Ben Af­fleck für so ei­nen Schmar­ren her­gibt. Eben noch zu al­ter Form in AIR zu­rück­ge­fun­den, nun Haupt­dar­stel­ler in ei­nem C‑Picture? Kein Wun­der, dass der Os­car-Preis­trä­ger mit mah­len­dem Kie­fer, star­rem Blick und düs­te­rer Bat­man-Res­te­ram­pe-Stim­me auf Au­to­pi­lot spielt.

Ein lach­haft schlech­ter An­fang ent­wi­ckelt sich zu ei­nem halb­wegs in­ter­es­san­ten Thril­ler, der am En­de mit ei­ner Über-Er­klä­rung für Doo­fe al­les wie­der zu­nich­te­macht. 

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Hyp­no­tic“
USA 2023
93 min
Re­gie Ro­bert Ro­dri­guez 

al­le Bil­der © TE­LE­POOL

MISSION: IMPOSSIBLE – DEAD RECKONING TEIL EINS

MISSION: IMPOSSIBLE – DEAD RECKONING TEIL EINS

Ab 13. Juli 2023 im Kino

Mission accepted: Tom Cruise rettet nach TOP GUN: MAVERICK erneut das Sommerkino.

Kein Spoi­ler: Ethan Hunt und sein Team müs­sen die Welt ret­ten. Mal wie­der. Ta­ges­ak­tu­ell wie sel­ten ist die Be­dro­hung im sieb­ten Teil der Fran­chise-Rei­he ei­ne Art Su­per-ChatGPT. Die ar­ti­fi­zi­el­le In­tel­li­genz will (was sonst?) die Welt­herr­schaft über­neh­men. Da blin­ken­de Com­pu­ter­dis­plays nicht be­son­ders furcht­ein­flö­ßend sind und auf Dau­er kei­nen all­zu ho­hen Un­ter­hal­tungs­wert ha­ben, gibt es na­tür­lich auch Bö­se­wich­ter aus Fleisch und Blut.

Traue nichts und nie­man­dem

Seit Chris­to­pher Mc­Quar­rie im fünf­ten Teil die Re­gie über­nom­men hat, lie­ben Fans die Mis­si­on: Im­pos­si­ble-Fil­me be­son­ders we­gen ih­rer re­al ge­dreh­ten Stunt­sze­nen. Tom Crui­se geht da­bei kei­ner Ge­fahr aus dem Weg, lässt sich an star­ten­de Flug­zeu­ge schnal­len, stellt neue Tauch­re­kor­de auf oder klet­tert wie Spi­der­man am Burj Kha­li­fa über die Glas­fas­sa­de. Ganz oh­ne Trick­se­rei. Das hebt die Fil­me wohl­tu­end von den oft fa­den CGI-Schlach­ten der Mar­vel- und DC-Pro­duk­tio­nen ab.

Wie bei Bond soll­te man al­ler­dings kei­ne tief­schür­fen­de Hand­lung er­war­ten. DEAD RECKO­NING ist ei­ne Non-Stop-Het­ze nach ei­nem MacGuf­fin rund um die Er­de. Die per­fekt cho­reo­gra­fier­ten Ver­fol­gungs­jag­den, Schie­ße­rei­en und Stunts sind ge­wohnt atem­be­rau­bend. Weil das al­lei­ne kei­nen zwei­tei­li­gen Ki­no­film recht­fer­tigt, gibt es da­zwi­schen et­was lang­at­mi­ge Dia­lo­ge, in de­nen wie­der und wie­der der Plot er­klärt wird. Wer am En­de der 164 Mi­nu­ten im­mer noch nicht ka­piert hat, dass ein blin­ken­der Schlüs­sel über Wohl und We­he der Mensch­heit ent­schei­det, lei­det wohl an ADHS.

Seit dem Bild vom Papst im Dau­nen­man­tel gilt: Traue nichts und nie­man­dem. Auch den Meis­tern der Täu­schung vom IMF-Team fal­len ih­re ei­ge­nen Tricks vor die Fü­ße. Da die lern­fä­hi­ge AI di­gi­ta­les Bild­ma­te­ri­al und so­gar Stim­men über Funk ma­ni­pu­lie­ren kann, muss auf alt­mo­di­sche Tech­nik zu­rück­ge­grif­fen wer­den. Ei­ne be­son­ders hüb­sche Sze­ne zeigt die Kon­se­quen­zen des di­gi­ta­len Su­per-GAUs: Da sit­zen Hun­dert­schaf­ten von Re­gie­rungs­an­ge­stell­ten an alt­mo­di­schen Schreib­ma­schi­nen und tip­pen die staat­li­chen Top­se­cret-Un­ter­la­gen ab. Si­cher ist si­cher. Wie es aus­geht und ob Tom wirk­lich die Mensch­heit vor dem Un­ter­gang be­wah­ren kann, er­fah­ren wir erst im nächs­ten Jahr – dann star­tet DEAD RECKO­NING TEIL 2.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Mis­si­on: Im­pos­si­ble – Dead Recko­ning Part One“
USA 2023
164 min
Re­gie Chris­to­pher Mc­Quar­rie

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG

DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG

Kinostart 06. April 2023

Wäh­rend un­ser­eins in jun­gen Jah­ren viel­leicht da­von träumt, mal in Ox­ford oder Cam­bridge zu stu­die­ren, ist für ei­nen ech­ten Mus­lim die Az­har-Uni­ver­si­tät in Kai­ro das höchs­te der Ge­füh­le. Adam (Taw­feek Bar­hom), Sohn ei­nes ein­fa­chen Fi­schers, hat es ge­schafft: Er er­hält ein Sti­pen­di­um für das re­nom­mier­te In­sti­tut. Kaum ist er dort ein­ge­trof­fen, stirbt das Ober­haupt der Uni­ver­si­tät, der Groß­i­mam. Es be­ginnt ein Kampf um sei­ne Nach­fol­ge. Der du­bio­se Re­gie­rungs­be­am­te Ibra­him (Fa­res Fa­res) re­kru­tiert Adam als In­for­man­ten für die ägyp­ti­sche Sta­si, denn der Ge­heim­dienst will sei­nen Wunsch­kan­di­da­ten zum neu­en Groß­i­mam wäh­len las­sen. Adam ge­rät nicht nur zwi­schen die Fron­ten der re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Eli­ten des Lan­des, son­dern bald auch in Le­bens­ge­fahr.

Mehr Art­house- als Ac­tion­ki­no

Ver­rat! In­tri­ge! Mord! Al­le Zu­ta­ten für ei­nen hand­fes­ten Thril­ler sind vor­han­den. Und doch ist „Boy from He­a­ven“ (so der Ori­gi­nal­ti­tel) ganz an­ders als die üb­li­che Kri­mi­kost. Die Ge­schich­te er­in­nert an ei­ne nah­öst­li­che In­ter­pre­ta­ti­on von Ecos „Der Na­me der Ro­se“: Ein jun­ger, nai­ver Lehr­ling und sein Zieh­va­ter ver­su­chen ei­nen mys­te­riö­sen Kri­mi­nal­fall zu lö­sen.

Ta­rik Sa­lehs span­nen­der Po­lit­thril­ler hat ei­nen rei­ße­ri­schen deut­schen Ti­tel, gibt aber ei­nen ru­hi­gen, fast do­ku­men­ta­ri­schen Ein­blick in ei­ne dem west­li­chen Au­ge ver­schlos­se­ne Welt. Das ist mehr Art­house- als Ac­tion­ki­no. Im Wett­be­werb des Fes­ti­vals de Can­nes 2022 ge­wann „Die Kai­ro Ver­schwö­rung“ den Preis für das „Bes­te Dreh­buch“.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Boy from He­a­ven“
Schwe­den / Frank­reich / Finn­land 2022
125 min
Re­gie Ta­rik Sa­leh

al­le Bil­der © X Ver­leih

KNOCK AT THE CABIN

KNOCK AT THE CABIN

Kinostart 09. Februar 2023

Das schwu­le El­tern­paar Eric und An­drew (Jo­na­than Groff und Ben Al­dridge) plant mit Töch­ter­chen Wen ei­ne Aus­zeit vom All­tag. In ei­ner ein­sam ge­le­ge­nen Holz­hüt­te will die Klein­fa­mi­lie ein paar un­be­schwer­te Ta­ge ver­brin­gen. Doch dann tau­chen vier un­heim­li­che Frem­de auf und ver­lan­gen ei­ne un­mög­li­che Ent­schei­dung: Ei­nes der Fa­mi­li­en­mit­glie­der müs­se durch ein an­de­res ge­tö­tet wer­den. Soll­ten sie sich wei­gern, wer­de „die Welt en­den“.

Shya­mal­an holt aus Schau­spie­lern oft das Schlech­tes­te her­aus

Das Pres­se­heft sagt: „Das Ein­zi­ge, des­sen man sich si­cher sein kann, wenn man für ei­nen neu­en Film von M. Night Shya­mal­an ins Ki­no geht, ist, dass man nicht weiß, was ei­nen er­war­tet“. Das ist so nicht rich­tig, denn meist er­war­tet ei­nen et­was sehr, sehr Schlech­tes. Des­halb ist das Er­staun­lichs­te an KNOCK ON THE CA­BIN, dass er ver­gleichs­wei­se gar nicht mal so übel ist.

Shya­mal­an ist seit THE SIXTH SEN­SE ein Re­gis­seur der ewi­gen Hoff­nung. Doch wie­der und wie­der hat der eins­ti­ge "nächs­te Spiel­berg" ent­täuscht. Er holt aus Schau­spie­lern oft das Schlech­tes­te her­aus (Marc Wahl­berg kann da­von ein Lied sin­gen) und nervt mit an Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­nen Hand­lungs­twists. Wer sich durch die letz­ten Wer­ke des Ed Woods der Neu­zeit quä­len muss­te (OLD, GLASS, THE HAP­PE­NING, AF­TER EARTH – die Lis­te des Grau­ens ist lang) und des­halb auf das Schlimms­te ge­fasst ist, wird von KNOCK AT THE CA­BIN po­si­tiv über­rascht.

Na­tür­lich ist auch die­ser Hor­ror-Mys­tery-Film ein Schmar­ren in Reinst­form. Vier apo­ka­lyp­ti­sche Rei­ter in ei­ner Wald­hüt­te, die den Welt­un­ter­gang pro­phe­zei­en – al­so bit­te! Trotz­dem punk­tet der Thril­ler mit At­mo­sphä­re und ei­ner über­zeu­gend spie­len­den Be­set­zung (un­ter an­de­rem Da­vid Bau­tis­ta). Auch wenn es ge­gen En­de wie­der höchst al­bern wird – die ers­ten zwei Drit­tel von KNOCK AT THE CA­BIN sind gut ge­mach­tes, halb­wegs span­nen­des Un­ter­hal­tungs­ki­no.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Knock at the Ca­bin“
USA 2021
100 min
Re­gie M. Night Shya­mal­an

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

IN DER NACHT DES 12.

IN DER NACHT DES 12.

Kinostart 12. Januar 2023

In der Nacht des 12. Ok­to­bers ver­lässt Cla­ra ei­ne Par­ty und macht sich auf den Heim­weg. Das Ak­ten­zei­chen XY-ge­schul­te Au­ge er­kennt so­fort: Gleich pas­siert et­was Ent­setz­li­ches. Aus dem Dun­kel taucht ein mas­kier­ter Mann auf, schüt­tet dem Mäd­chen Ben­zin ins Ge­sicht, lässt es bei le­ben­di­gem Leib ver­bren­nen.

Bis zur letz­ten Mi­nu­te pa­ckend

Die bei­den Kri­mi­nal­be­am­ten Yo­han und Mar­ceau tref­fen bei ih­ren Er­mitt­lun­gen auf zahl­rei­che Män­ner, mit de­nen Cla­ra ein Ver­hält­nis hat­te. Be­zie­hun­gen, die von Miss­gunst, Ei­fer­sucht und Käl­te ge­prägt wa­ren. Doch die ein­zi­ge Schuld Cla­ras, so ih­re bes­te Freun­din, war es, ein Mäd­chen zu sein.

Ob­wohl von An­fang an klar ist, dass der Fall un­ge­löst bleibt, ist der Film bis zur letz­ten Mi­nu­te pa­ckend. Spoi­ler­war­nung ist nicht nö­tig, denn den größ­ten be­sorgt „In der Nacht des 12.“ schon im Vor­spann selbst: „von 800 Mor­den, die jähr­lich in Frank­reich be­gan­gen wer­den, blei­ben 20 % un­auf­ge­klärt“ steht da zu le­sen. Im Ab­spann dann der Hin­weis, dass die Ge­schich­te auf wah­ren Be­ge­ben­hei­ten be­ruht. Wä­ren die­se In­for­ma­tio­nen nicht in um­ge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge sinn­vol­ler? Egal. So wie die­sen sti­lis­tisch per­fek­ten Kri­mi­nal­film wünscht man sich mal wie­der ei­nen „Tat­ort“. Un­heim­lich und vol­ler Sog­kraft.

Re­gis­seur Do­mi­nik Moll hat ein fes­seln­des Mo­sa­ik aus Rea­lis­mus, sur­rea­ler Stim­mung und all­ge­gen­wär­ti­gem Se­xis­mus ge­schaf­fen. Mit den nächt­li­chen, in oran­ges La­ter­nen­licht ge­tauch­ten Stra­ßen, dem selt­sa­men mensch­li­chen Ver­hal­ten und ei­nem un­ge­lös­ten Rät­sel er­in­nert „In der Nacht des 12.“ an die (lei­der nur in der ers­ten Staf­fel her­aus­ra­gen­de) fran­zö­si­sche Se­rie „Les Re­venants“. Be­klem­mend und sehr se­hens­wert.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „La nuit du 12“
Frank­reich 2022
115 min
Re­gie Do­mi­nik Moll

al­le Bil­der © As­cot Eli­te En­ter­tain­ment & 24 Bil­der

SHATTERED – GEFÄHRLICHE AFFÄRE

Kinostart 24. November 2022

Gro­ße Sor­ge um John Mal­ko­vich! Der preis­ge­krön­te Schau­spie­ler ist in fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten! Oder war­um sonst spielt er in die­sem zweit­klas­si­gen C‑Picture mit?

Die über­ra­schungs­freie Ge­schich­te wird in­klu­si­ve al­ler Twits be­reits im Trai­ler ver­ra­ten: Der in ei­nem Lu­xus­an­we­sen in den Ber­gen le­ben­de Tech-Mil­lio­när Chris (Ca­me­ron Mo­nag­han) ver­liebt sich in die at­trak­ti­ve Sky (Lil­ly Krug). Als der be­brill­te Beau bei ei­nem Über­fall ver­letzt wird, springt die jun­ge Frau kur­zer­hand als Pri­vat­kran­ken­schwes­ter ein. Doch die hilfs­be­rei­te Fas­sa­de täuscht, Sky ver­folgt ei­nen per­fi­den Plan. Nat­ter!

„Shat­te­red“ ist ei­ne Mi­schung aus „Mi­se­ry“ und „Fa­tal At­trac­tion“, nur mit schlech­te­ren Dar­stel­lern und über­schau­ba­re­rem Pro­duc­tion Va­lue. Frü­her lan­de­ten sol­che Fil­me als Di­rect-to-DVD in Vi­deo­the­ken, heu­te wer­den sie auf Strea­ming­platt­for­men ver­heizt. Wes­halb es „Shat­te­red“ auf die gro­ße Lein­wand ins Ki­no ge­schafft hat, bleibt rät­sel­haft. Trotz sei­ner Schlicht­heit in je­der Hin­sicht, ist der Thril­ler we­nigs­tens in der zwei­ten Hälf­te ein biss­chen span­nend.

Stu­pid Ger­man Mo­ney goes Hol­ly­wood: Ve­ro­ni­ca Fer­res ist nicht nur die Mut­ter der Haupt­dar­stel­le­rin, son­dern auch Pro­du­zen­tin des Films und pri­vat mit Mal­ko­vich be­freun­det. Ach so, drum.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Shat­te­red“
USA 2022
94 min
Re­gie Lu­is Prie­to

al­le Bil­der © Leo­ni­ne

the MENU

Kinostart 17. November 2022

„Die im Feu­er al­ter Bu­chen­stäm­me vier­zehn Stun­den ge­räu­cher­te Hip­pe wird von ei­nem Schmand be­glei­tet, den wir von Bau­er Wil­liam aus Schott­land be­zie­hen. Sei­ne Kuh Mat­hil­da gibt nur ei­nen Li­ter Milch pro Wo­che, wel­cher ex­klu­siv für die­sen Gang in os­ma­ni­scher Salz­la­ke fer­men­tiert wur­de“.
So klingt die nicht er­fun­de­ne Be­schrei­bung ei­nes ver­brann­ten Stück Teigs mit sau­rer Sah­ne in ei­nem Ber­li­ner Ster­ne-Re­stau­rant. Man sitzt da, hört sich's an und staunt. Je­de Zu­tat wird mit ei­ner Ge­schich­te auf­ge­la­den, al­les ist Kunst. Wer schon mal das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen hat­te, in die­sem nicht nä­her ge­nann­ten Lo­kal zu di­nie­ren, der ahnt, dass die im Film „the ME­NU“ ge­zeig­te Welt der Su­per­foo­dies ziem­lich nah an der Rea­li­tät ist.

Sel­ten wur­de Grau­sam­keit so äs­the­tisch ser­viert

Ei­ne Grup­pe rei­cher und be­rühm­ter Men­schen reist auf ei­ne In­sel, um dort im ul­tra-ex­klu­si­ven Re­stau­rant Hawt­hor­ne zu spei­sen. Spaß kos­tet Geld: Für das Me­nü des le­gen­dä­ren Chef­kochs Slo­wik (Ralph Fi­en­nes) sind 1.250 $ pro Kopf fäl­lig. Doch was als un­ver­gess­li­ches Gour­met-Er­leb­nis ge­plant war, wan­delt sich im Lau­fe des Abends zum Höl­len­trip.

Me­nu sur­pri­se: Re­gis­seur My­lod spannt ei­nen ele­gan­ten Bo­gen von sa­ti­ri­scher Ko­mö­die über aus­ge­wach­se­nen Thril­ler bis hin zum blan­ken Hor­ror. Man weiß nie, was als Nächs­tes pas­siert, es bleibt bis zum En­de wun­der­bar über­ra­schend. Das in­tel­li­gen­te, mit scharf­zün­gi­gen Dia­lo­gen ge­spick­te Dreh­buch von Seth Reiss und Will Tra­cy nimmt da­bei ge­konnt die Aus­wüch­se des Ka­pi­ta­lis­mus aufs Korn. In­so­fern ist „the ME­NU“ dem os­car­ge­krön­ten „Pa­ra­si­te“ nicht un­ähn­lich.

Sel­ten wur­de Grau­sam­keit so äs­the­tisch ser­viert. „the ME­NU“ nutzt den vi­su­el­len Stil der au­gen­schmau­si­gen NET­FLIX-Se­rie „Chef’s Ta­ble“, in­klu­si­ve iro­ni­scher Zwi­schen­ti­tel mit pseu­do-poe­ti­schen Wort­schöp­fun­gen für den je­wei­li­gen Gang. Aus der rund­um de­li­ka­ten Be­set­zung ste­chen vor al­lem der im­mer fa­bel­haf­te Ralph Fi­en­nes als Chef­koch und Hong Chau als eis­kalt pro­fes­sio­nel­le Ober­kell­ne­rin El­sa her­vor. „the ME­NU“ ist ei­ne zu­gleich ko­mi­sche und bit­ter­bö­se Ab­rech­nung mit der gro­tes­ken Welt der Spit­zen­gas­tro­no­mie. Gu­ten Ap­pe­tit.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Me­nu“
USA 2022
107 min
Re­gie Mark My­lod

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­di­os Mo­ti­on Pic­tures Ger­ma­ny

SEE HOW THEY RUN

Kinostart 27. Oktober 2022

Ein all­seits un­be­lieb­ter Hol­ly­wood-Re­gis­seur, der mit­ten in den Vor­be­rei­tun­gen für die Ver­fil­mung ei­nes er­folg­rei­chen Thea­ter­stücks steckt, wird er­mor­det. In­spek­tor Stop­pard (Sam Rock­well) und die über­eif­ri­ge Consta­ble Stal­ker (Sao­ir­se Ro­nan) über­neh­men den Fall. Schnell stel­len sie fest, dass es Par­al­le­len zwi­schen dem fik­ti­ven Büh­nen­stück und der Rea­li­tät gibt.

Es fehlt ein ganz ent­schei­den­der Fak­tor, der ei­nen gu­ten Kri­mi aus­macht: die Span­nung.

Das ist dann auch schon die ein­zig ori­gi­nel­le Idee von Mark Chap­pells Dreh­buch: Das Whod­u­nit „See How They Run“ spielt im Set­ting des wohl be­rühm­tes­ten Whod­u­nits, Aga­tha Christies „The Mou­se­trap“. Nicht Film im Film, aber Film im Thea­ter so­zu­sa­gen. In­spi­riert vom „Mord im Orientexpress“-Erfolg und na­tür­lich zu­letzt „Kni­ves Out“ (Teil 2 er­scheint dem­nächst bei Net­flix), hat Re­gis­seur Tom Ge­or­ge ei­nen klas­si­schen Mör­der-Mys­tery-Film in­sze­niert, der stil­echt im Lon­don der 50er-Jah­re an­ge­sie­delt ist. Lei­der fehlt ein ganz ent­schei­den­der Fak­tor, der ei­nen gu­ten Kri­mi aus­macht: die Span­nung. Quä­len­de 98 Mi­nu­ten schleppt sich die lang­wei­li­ge Ge­schich­te da­hin. Ver­su­che, mit ei­ner an Wes An­der­son an­ge­lehn­ten Bild­spra­che das Gan­ze et­was auf­zu­pep­pen, schei­tern kläg­lich – „See How They Run“ sieht nicht mal be­son­ders gut aus, ist nur mü­des Zi­tat.

Wenn schon die Hand­lung kei­ne Span­nung bie­tet, dann soll­te es we­nigs­tens die Be­set­zung in sich ha­ben: Die be­reits er­wähn­ten Er­folgs­fil­me bie­ten mit gro­ßen Na­men wie Da­ni­el Craig oder Pe­né­lo­pe Cruz En­ter­tain­ment per Star­power. Ein Re­zept, das schon die trut­schi­gen 70er-Jah­re-Ver­fil­mun­gen mit Pe­ter Us­ti­nov ge­konnt be­folgt ha­ben. Da­von kann bei „See How They Run“ kei­ne Re­de sein. Haupt­dar­stel­ler Sam Rock­well agiert durch­weg, als stün­de er kurz vor dem Ein­schla­fen. Ein Ge­fühl, das sich schon bald auf die Zu­schau­er über­trägt. Und auch der rest­li­che Cast (mit Aus­nah­me von Sao­ir­se Ro­nan) ist eher ge­ho­be­ner Durch­schnitt.

Für ein gu­tes Whod­u­nit braucht es ei­ne straf­fe Re­gie, ge­pfef­fer­te Dia­lo­ge und (zu­min­dest ein biss­chen) sus­pen­se. All das fehlt hier. Ent­täu­schend in je­der Hin­sicht.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „See How They Run“
USA 2021
98 min
Re­gie Tom Ge­or­ge

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­dio Mo­ti­on Pic­tures GmbH

ERWARTUNG – DER MARCO EFFEKT

Kinostart 02. Juni 2022

„Er­war­tung – Der Mar­co-Ef­fekt“ ist ein ganz of­fen­sicht­lich fürs Fern­se­hen (Co-Pro­du­zent ist das ZDF) ge­dreh­ter Thril­ler, der nun bei uns in den Ki­nos lan­det. Ein biss­chen mehr ci­ne­as­ti­sche Grö­ße und et­was we­ni­ger bie­de­re TV-Stan­gen­wa­re hät­te es schon sein dür­fen. Je­de Ein­stel­lung at­met hier Fern­se­hen, trotz des os­car­prä­mier­ten Re­gis­seurs. Ein ty­pi­scher Sonn­tag-Abend-Kri­mi, nur dass es hier nicht nach 90 Mi­nu­ten vor­bei ist – Die dün­ne Sto­ry vol­ler Zu­fäl­le dehnt sich auf über zwei Stun­den.

Kurt Wal­lan­der heißt jetzt Carl Mørck und kommt aus Dä­ne­mark. Wie sein schwe­di­sches Vor­bild wan­delt auch die­ser Kom­mis­sar stets am Ran­de ei­ner De­pres­si­on. Ei­nes trü­ben Mor­gens lan­det ein seit Jah­ren ab­ge­schlos­se­ner Fall auf sei­nem Schreib­tisch. Der Rei­se­pass ei­nes seit vier Jah­ren ver­schwun­de­nen Fa­mi­li­en­va­ters wur­de im Be­sitz des 14-jäh­ri­gen Ro­ma-Jun­gens Mar­co ge­fun­den, als die­ser il­le­gal über die dä­ni­sche Gren­ze woll­te. Kom­mis­sar Mørck und sein Team kom­men ei­ner fins­te­ren Ver­schwö­rung auf die Spur, die bis ganz nach oben reicht – und de­ren un­frei­wil­li­ge Schlüs­sel­fi­gur der jun­ge Mar­co ist. 

Har­ry, fahr den Wa­gen vor. „Er­war­tung – Der Mar­co-Ef­fekt“ ist kon­ven­tio­nel­le, ei­ni­ger­ma­ßen so­li­de ge­mach­te Un­ter­hal­tung, oh­ne Trä­nen­sä­cke und oh­ne gro­ße Über­ra­schun­gen. Den To­des­stoß be­sorgt wie im­mer die deut­sche Syn­chro­ni­sa­ti­on. Für Dut­zend­wa­re wie die­se lohnt nicht der Weg ins Ki­no, so was läuft auch stän­dig in den Öf­fent­lich Recht­li­chen. Schrott-Kri­mi­au­tor Jus­si Ad­ler-Ol­sen lie­fert die Vor­la­ge, dies ist be­reits der fünf­te Film, der auf sei­ner Ro­man­se­rie ba­siert.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Mar­co ef­fek­ten“
Dä­ne­mark / Deutsch­land / Tsche­chi­en 2021
125 min
Re­gie Mar­tin Zan­dvliet

al­le Bil­der © Koch Films

DIE TÄUSCHUNG

Kinostart 26. Mai 2022

„Die Täu­schung“ hat im Ori­gi­nal den schön schrul­li­gen Ti­tel „Ope­ra­ti­on Mince­me­at“. Mince­me­at? Klingt wi­der­lich, ist es auch. Wi­ki­pe­dia weiß: „Mince­me­at ist ei­ne Mi­schung aus klein ge­hack­tem Tro­cken­obst, Wein­brand und Ge­wür­zen, die manch­mal auch Rin­der­nie­ren­fett, Rind­fleisch und Wild­bret ent­hält.“ Ja, das hört sich nicht be­son­ders le­cker an. Aber war­um soll­te ei­ne Ak­ti­on, bei der ei­ne ver­wes­te Was­ser­lei­che die Haupt­rol­le spielt, auch ei­nen ap­pe­tit­li­chen Na­men ha­ben?

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ent­wi­ckeln die bei­den Ge­heim­dienst­of­fi­zie­re Ewen Mon­ta­gu und Charles Chol­mond­e­ley ei­nen raf­fi­nier­ten Plan: Ein an der spa­ni­schen Küs­te an­ge­schwemm­ter To­ter soll „ge­hei­me“ Do­ku­men­te bei sich tra­gen, in de­nen ein be­vor­ste­hen­der An­griff der Al­li­ier­ten über Grie­chen­land er­wähnt wird. Die Pa­pie­re sol­len den Na­zis in die Hän­de ge­lan­gen, um vom tat­säch­li­chen An­griffs­ort Si­zi­li­en ab­zu­len­ken und so die Deut­schen auf die fal­sche Fähr­te zu lo­cken.

Der Spaß an die­sem wahn­wit­zi­gen Täu­schungs­ma­nö­ver ist die Vor­be­rei­tung: Der To­te wird auf­wen­dig mit ei­ner er­fun­de­nen Bio­gra­fie aus­ge­stat­tet, Fo­tos und Brie­fe von sei­ner nicht exis­ten­ten Freun­din ste­cken in der In­nen­ta­sche sei­nes Ja­cketts. Wenn die schon sehr mit­ge­nom­me­ne Lei­che in Uni­form für ein Pass­fo­to­shoo­ting in Po­se ge­setzt wird, dann hat das „Weekend wi­th Bernie“-Qualität. Die Top Se­cret Un­ter­la­gen, die un­be­dingt in die Hän­de der Deut­schen ge­lan­gen sol­len, wer­den was­ser­dicht in ei­ner Ak­ten­ta­sche ver­staut, die dem To­ten ans fau­li­ge Hand­ge­lenk ge­ket­tet wird. Dass der in Wahr­heit ein de­pres­si­ver Selbst­mör­der war, der sich Wo­chen zu­vor mit Rat­ten­gift um­ge­bracht hat­te, muss na­tür­lich un­ter al­len Um­stän­den ge­heim blei­ben.

Was soll da schon schief ge­hen? Ein feist pro­du­zier­ter bri­ti­scher Spio­na­ge­thril­ler, ba­sed on a true sto­ry – und dann noch mit Co­lin Firth in der Haupt­rol­le. „Die Täu­schung“ ist an­ge­nehm alt­mo­di­sche, per­fekt ge­mach­te Ki­no-Un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ope­ra­ti­on Mince­me­at“
GB 2021
128 min
Re­gie John Mad­den

al­le Bil­der © War­ner Bros.

THE INNOCENTS

THE INNOCENTS

Kinostart 14. April 2022

Die klei­ne Ida ist mit ih­ren El­tern in ei­ne trost­lo­se Hoch­haus­sied­lung vor den To­ren der Stadt ge­zo­gen. In der Fa­mi­lie dreht sich al­les um ih­re grö­ße­re Schwes­ter An­na, ei­ne Au­tis­tin, die nicht spricht und die vol­le Auf­merk­sam­keit der El­tern ver­langt. Ida fühlt sich ver­nach­läs­sigt, re­agiert trot­zig-wü­tend. Beim Stromern durch die neue Nach­bar­schaft lernt sie Ben ken­nen, ei­nen von sei­ner Mut­ter miss­han­del­ten Jun­gen mit ganz be­son­de­ren Fä­hig­kei­ten. Per Ge­dan­ken­kraft kann er Ob­jek­te be­we­gen und so­gar den Wil­len an­de­rer Men­schen ma­ni­pu­lie­ren. Bald dar­auf be­geg­nen die Kin­der Ai­sha, ei­nem Mäd­chen, das mit der au­tis­ti­schen An­na ei­ne men­ta­le Ver­bin­dung her­stel­len kann. Das an­fangs eher kind­lich-un­schul­di­ge Aus­pro­bie­ren der neu ent­deck­ten Fä­hig­kei­ten nimmt nach ei­nem Streit schnell bru­ta­le und le­bens­ge­fähr­li­che Zü­ge an.

Klingt wie ei­ne Kin­der­ver­si­on von „X‑Men“, ist aber ein gran­dio­ser Hor­ror­thril­ler aus Nor­we­gen. Es­kil Vogt, der sich bis­her als Dreh­buch­au­tor ei­nen Na­men ge­macht hat, ge­lingt mit sei­nem zwei­ten Lang­film ein aus­ge­spro­chen ir­ri­tie­ren­des Gen­re­stück. Sei­ne ru­hi­ge, fast hyp­no­ti­sche Er­zähl­wei­se ver­leiht „The In­no­cents“ ei­nen sprö­den Rea­lis­mus, der weit weg ist von dem, was man an Hor­ror­kli­schees aus US-ame­ri­ka­ni­schen Pro­duk­tio­nen kennt. 

Oft reicht ein simp­ler Farb­wech­sel oder ein sub­til ein­ge­setz­tes Ge­räusch. „The In­no­cents“ er­zielt mit ein­fa­chen Mit­teln größt­mög­li­che Wir­kung. Kei­ne com­pu­ter­ge­nerier­te Künst­lich­keit, die Ef­fek­te (ja, es gibt wel­che) wir­ken re­al, der ana­lo­ge Look er­höht ih­re Wir­kung.

"The In­no­cents" ist durch und durch un­heim­lich und stei­gert sei­ne düs­te­re At­mo­sphä­re im­mer wei­ter. Zum per­ma­nent un­ter­schwel­li­gen Un­wohl­sein trägt auch die lau­ernd sanf­te Mu­sik von Pes­si Le­van­to bei. Ganz zu schwei­gen von der Be­set­zung: Man fragt sich, wo der Re­gis­seur all die­se un­glaub­lich gut und na­tür­lich spie­len­den Kin­der­dar­stel­ler ge­fun­den hat. „The In­no­cents“ hat das Zeug zu ei­nem mo­der­nen Klas­si­ker und ist seit „Let the right one in“ und „Mid­som­mar“ der ver­stö­rends­te Hor­ror­film aus Skan­di­na­vi­en.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „De us­kyl­di­ge“
Nor­we­gen 2021
117 min
Re­gie Es­kil Vogt

al­le Bil­der © Ca­pe­light Pic­tures

AMBULANCE

AMBULANCE

Kinostart 24. März 2022

Mehr, mehr, im­mer mehr: Mi­cha­el Bay lie­fert mit „Am­bu­lan­ce“ ei­nen wei­te­ren grö­ßer-lau­ter-schnel­ler-Ac­tion­film ab, der beim Zu­schau­er nach spä­tes­tens 10 Mi­nu­ten po­chen­den Kopf­schmerz aus­löst. „Shut the fuck up“ brüllt die Haupt­dar­stel­le­rin zwei­mal wäh­rend des Films. Lei­der folgt nie­mand ih­rem Wunsch.

Die un­glei­chen Brü­der Will und Dan­ny pla­nen ei­nen 32-Mil­lio­nen-Dol­lar-Bank­raub in LA. Der ei­ne braucht das Geld, um sei­ne kran­ke Frau zu ret­ten, der an­de­re ist Ver­bre­cher aus Lei­den­schaft. Doch als der Über­fall spek­ta­ku­lär schief geht, ent­füh­ren die bei­den ei­nen Kran­ken­wa­gen mit ei­nem schwer ver­wun­de­ten Po­li­zis­ten und der Ret­tungs­sa­ni­tä­te­rin Cam an Bord. In ei­ner irr­wit­zi­gen Ver­fol­gungs­jagd ver­su­chen Will und Dan­ny dem mas­si­ven Po­li­zei­ein­satz zu ent­kom­men.

Bay nutzt seit Jah­ren die glei­chen Zu­ta­ten: He­roi­sche Shots von un­ten, gül­de­nes Son­nen­licht in Spie­gel­fas­sa­den, mark­erschüt­tern­de Mu­sik zu ein­fach je­der Sze­ne und ei­ne kom­plett ent­fes­sel­te, vom Him­mel her­ab­stür­zen­de Ka­me­ra. Ne­ben per­ma­nen­tem Wa­ckeln und Zoo­men wird auch noch die be­lang­lo­ses­te Dia­log­sze­ne min­des­tens 670 Mil­lio­nen Mal un­ter­schnit­ten. Ein spek­ta­ku­lä­rer Au­to­crash folgt auf den nächs­ten, die im­mer gro­tes­ker wer­den­de Ver­fol­gungs­jagd er­in­nert bald an ei­ne Slap­stick­sze­ne aus „Die nack­te Ka­no­ne“ – das ist oft ko­misch, wenn auch un­frei­wil­lig.

Fast and Fu­rious mit Kran­ken­wa­gen. Der ad­re­na­lin­ge­schwän­ger­te Bil­der­rausch ka­schiert die dün­ne Sto­ry nur müh­sam. Be­son­ders ener­vie­rend: Die ba­na­len Dia­lo­ge wer­den fast durch­weg schrei­end vor­ge­tra­gen – wer nichts zu sa­gen hat, wird eben laut. Pas­send da­zu schal­tet Haupt­dar­stel­ler Ja­ke Gyl­lenhal in full Ni­co­las Ca­ge-Mo­dus – sein over­ac­ting passt zum im­mer hys­te­ri­scher wer­den­den In­sze­nie­rungs­stil Bays.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Am­bu­lan­ce“
USA 2021
133 min
Re­gie Mi­cha­el Bay

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures Ger­ma­ny

THE BATMAN

THE BATMAN

Kinostart 03. März 2022

Huch, ist schon wie­der Bat­man-Zeit? Der letz­te Auf­tritt ist ge­ra­de mal vier Jah­re her, da kommt schon die nächs­te Sym­pho­nie in Düs­ter­nis ins Ki­no. Wie al­les im Le­ben ist auch Matt Ree­ves su­per­ge­hyp­te In­ter­pre­ta­ti­on der un­sterb­li­chen Co­mic­sa­ga Ge­schmack­sa­che. Den über­styl­ten Mu­sik­vi­deo-Look muss man mö­gen. Es reg­net un­ent­wegt, die Far­ben sind ent­sät­tigt und die Bil­der künst­le­risch un­scharf. Über­haupt ist Ka­me­ra­mann Greig Fraser ganz ver­liebt in schlie­ri­ge Ma­k­ro­shots. Dass der Film zwi­schen Grunge­dy­sto­pie, „Seven“-Horror und Ja­mes-Bond-Ac­tion schlin­gert, auch dar­über muss man hin­weg­se­hen (wol­len). Von der feh­len­den Che­mie zwi­schen Ro­bert Pat­ti­son und Zoë Kra­vitz ganz zu schwei­gen: Sel­ten wirk­te ei­ne Kus­sze­ne so pflicht­schul­dig. Me­cker­block En­de.

Im Ge­gen­satz zu an­de­ren MCU oder DC-Fil­men ha­ben sich die Dreh­buch­au­to­ren dies­mal ei­ne rich­ti­ge Sto­ry aus­ge­dacht. So ist „The Bat­man“ mehr fins­te­re De­tek­tiv­ge­schich­te als hirn­lo­ser, com­pu­ter­ge­nerier­ter Som­mer­block­bus­ter. Der Ridd­ler ist auf Ra­che­feld­zug in Got­ham Ci­ty und tö­tet sich mun­ter durch die städ­ti­sche Po­li­tik- und Po­li­zei­sze­ne. Im­mer wie­der hin­ter­lässt er Gruß­kar­ten mit kryp­ti­schen Bot­schaf­ten, die auf das nächs­te Op­fer hin­wei­sen. Zum Glück ver­mag Bat­man die Rät­sel schnel­ler zu lö­sen, als Cat­wo­man mi­au sa­gen kann. Matt Ree­ves kaut dan­kens­wer­ter­wei­se nicht schon wie­der die Ori­g­in­sto­ry Bat­mans durch, son­dern fo­kus­siert sich auf des­sen Wand­lung vom Rä­cher zum Men­schen­freund.

Und sonst? Vor­her noch mal aufs Klo ge­hen, der Film ist fast 3 Stun­den lang. Ro­bert Pat­ti­son macht sei­ne Sa­che als broo­ding An­ti­he­ro mit vam­pir­haf­ter Bläs­se gut – Just stay­ing in cha­rac­ter, schließ­lich ge­hört ei­ne Fle­der­maus ja auch zur Gat­tung der Blut­sauger. Die gro­ße Über­ra­schung dann im Ab­spann: Co­lin Far­rell spielt den Pin­gu­in. Kom­pli­ment an die Mas­ken­bild­ner – so un­kennt­lich, das hät­te auch Flo­ri­an Sil­ber­ei­sen sein kön­nen. Die Spe­cial-Ef­fects sind Sta­te of the Art und hal­ten sich zum Glück halb­wegs an phy­si­ka­li­sche Ge­setz­te. Al­les wirkt über­zeu­gend hand­ge­macht. Sieht gut aus, klingt auch gut: Mi­cha­el Gi­ac­chi­no setzt bei sei­nem Sound­track auf die gro­ße Über­wäl­ti­gung, Hans Zim­mer lässt grü­ßen. Vor al­lem das Cat­wo­man-The­ma er­in­nert stark an ei­nen Bond-Score.

„The Bat­man“ hat nicht die gen­re­ver­än­dern­de Kraft der No­lan-Fil­me. Al­ler­dings liegt die Lat­te nach des­sen Tri­lo­gie (bis auf den letz­ten Teil) sehr hoch und es darf be­rech­tig­ter­wei­se ge­fragt wer­den, ob die Zeit nach dem mü­den Ben Af­fleck-Auf­tritt wirk­lich schon wie­der reif für ei­nen wei­te­ren Fle­der­maus­mann ist. Die Aus­sa­ge des Re­gis­seurs, sein Film sei ei­ne vom DCU ent­kop­pel­te, ei­gen­stän­di­ge Ge­schich­te (ähn­lich wie „The Jo­ker“) wird am En­de Lü­gen ge­straft: Im be­rüch­tig­ten Ark­ham Asyl­um lau­ert schon der nächs­te Bö­se­wicht. Fort­set­zung ga­ran­tiert.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Th Bat­man“
USA 2022
176 min
Re­gie Matt Ree­ves

al­le Bil­der © War­ner Bros. En­ter­tain­ment Inc.

SCREAM

SCREAM

Kinostart 13. Januar 2022

Gro­ßes Spoi­ler­ver­bot, denn das ist wirk­lich mal ei­ne Spit­zen­idee für ei­nen Hor­ror­film: Ein Typ mit schwar­zem Um­hang und wei­ßer Fa­schings­mas­ke ver­klei­det, er­mor­det schein­bar wahl­los Teen­ager. Am En­de stellt sich her­aus, es wa­ren so­gar zwei Kil­ler, die noch da­zu aus dem engs­ten Freun­des­kreis der Op­fer stam­men. Was? Die Idee gab es schon? In vier Tei­len und ei­ner Fern­seh­se­rie sa­gen Sie? Das kann nicht sein.

Der fünf­te „Scream“ ist ein Re­quel, al­so ein Film, der ir­gend­wo zwi­schen ei­ner Fort­set­zung, ei­nem Neu­start und ei­nem Re­make an­ge­sie­delt ist. An­de­re Bei­spie­le für Re­quels sind "Ghost­bus­ters: Le­ga­cy", „Ju­ras­sic World“ oder „Mad Max: Fu­ry Road“.

Noch ge­nau­er wird das von den Dar­stel­lern im Film er­klärt, denn – wie kann es heut­zu­ta­ge an­ders sein – al­les ist ex­trem me­ta und iro­nisch. Über­ra­schend nur, dass die Schau­spie­ler nicht un­ent­wegt in die Ka­me­ra zwin­kern: Wir sind Teil ei­nes kul­ti­gen Fran­chi­ses und uns des­sen voll be­wusst.

Wie zu­letzt im gründ­lich miss­lun­ge­nen Ma­trix-Re­quel „Re­sur­rec­tions“ ist "Scream" in ers­ter Li­nie Fan­ser­vice. Und da­zu ge­hört das Wie­der­se­hen mit be­kann­ten Ge­sich­tern. Man­chen steht das Al­ter bes­ser, an­de­re ha­ben ein biss­chen zu in­ten­siv ver­sucht, die Spu­ren der Zeit zu be­sei­ti­gen. Um die Ve­te­ra­nen ver­sam­melt sich ei­ne Schar aus­tausch­ba­rer TV-Se­ri­en-Ge­sich­ter. Das Lö­sen des Whod­u­nit macht ei­ni­ger­ma­ßen Spaß, gro­ße Span­nung will da­bei aber nicht auf­kom­men. Am En­de die­ser x‑ten Neu­auf­la­ge ei­ner kom­plett aus­ge­kau­ten Idee fragt man sich: Wo­zu das Gan­ze?

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Scream“
USA 2021
115 min
Re­gie Matt Bet­ti­nel­li-Ol­pin und Ty­ler Gil­lett

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

THE 355

THE 355

Hol­ly­wood be­nimmt sich wie ein Hun­de­wel­pe, der schon wie­der sein Ge­schäft auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich ver­rich­tet hat. Da hilft nur, ihn kurz mit der Schnau­ze rein­zu­stup­sen, sonst lernt Lo­bi nie. Wie vie­le „All Fe­ma­le Re­boots“ von er­folg­rei­chen Fil­men soll es noch ge­ben, be­vor Hol­ly­wood be­greift: Das will nie­mand se­hen. Fai­rer­wei­se muss er­wähnt wer­den, "The 355" ist kein Re­boot, son­dern ei­ne Zi­ta­ten­samm­lung bes­se­rer Ac­tion­fil­me. Die Au­toren The­re­sa Re­beck und Si­mon Kin­berg ha­ben ihr Dreh­buch nach dem co­py­/­pas­te-Prin­zip ver­fasst, oh­ne je­mals die Qua­li­tät der zi­tier­ten Vor­bil­der zu er­rei­chen. Viel­mehr er­in­nert das Gan­ze an ei­ne un­gu­te Nach­er­zäh­lung von Mis­si­on Im­pos­si­ble meets Ja­son Bourne meets Charlie's An­gels (mi­nus Campf­ak­tor).

Auf der Jagd nach ei­nem klas­si­schen MacGuf­fin (hier ei­ne Fest­plat­te, mit der man die Welt be­herr­schen kann) müs­sen sich ei­ne CIA-Agen­tin (Jes­si­ca Chas­tain), ei­ne bri­ti­sche Tech­nik­spe­zia­lis­tin (Lu­pi­ta Nyong‘o) und ei­ne deut­sche BND-Agen­tin (Dia­ne Kru­ger) zu­sam­men­tun, um be­sag­te Fest­plat­te wie­der­zu­fin­den und die Mensch­heit vor dem Un­ter­gang zu ret­ten. An ih­rer Sei­te kämpft die selt­sam fehl am Platz wir­ken­de Pe­né­lo­pe Cruz als chi­le­ni­sche Psy­cho­lo­gin mit per­fek­ter Fri­sur und zu di­cker Ober­lip­pe.

Öde nicht nur die Ge­schich­te, "The 355" sieht trotz exo­ti­scher Lo­ca­ti­ons auch noch er­staun­lich schä­big aus. Das hät­ten die Ma­cher vom Traum­schiff auch nicht schlech­ter hin­be­kom­men. Die Kampf­sze­nen sind lahm, die Lo­gik­brü­che ab­surd und die Mu­sik klingt wie ein vom Prak­ti­kan­ten kom­po­nier­ter Rest­pos­ten. So rech­te Lust scheint kei­ner ge­habt zu ha­ben.

Ach­tung Alu­hut-Ver­schwö­rungs­theo­rie: Wer­den Hol­ly­wood­stars ge­zwun­gen, in mi­se­ra­blen Fil­men mit­spie­len, um Stu­dio­gel­der zu wa­schen? Oder war­um ge­ben sich Os­car­preis­trä­ge­rin­nen für so ei­nen Schmar­ren her? Der Na­me des Re­gis­seurs hät­te ih­nen War­nung sein sol­len: Si­mon Kin­berg hat mit "Dark Phoe­nix" schon den schlech­tes­ten Teil der X‑­Men-Sa­ga zu ver­ant­wor­ten. 

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The 355"
Chi­na / USA 2022
124 min
Re­gie Si­mon Kin­berg
Ki­no­start 06. Ja­nu­ar 2022

al­le Bil­der © Leo­ni­ne

THE KING’S MAN – THE BEGINNING

THE KING’S MAN – THE BEGINNING

Kinostart 06. Januar 2022

Re­den wir nicht lan­ge um den hei­ßen Brei: „The King’s Man – The Be­gin­ning“ ist to­ta­ler Schrott. Al­ler­dings ex­trem un­ter­halt­sa­mer Schrott. Die Grund­idee, ein „Worst of Bö­se­wich­ter“ - u. a. Ras­pu­tin, Ma­ta Ha­ri und Le­nin (sic!) – ge­gen ei­ne Grup­pe von bri­ti­schen Ge­heim­agen­ten an­tre­ten zu las­sen, weckt un­gu­te Er­in­ne­run­gen an den 2003er Flop „The Le­ague of Ex­tra­or­di­na­ry Gen­tle­men“ – ein Film so schlecht, dass Sean Con­nery da­nach sei­nen end­gül­ti­gen Ab­schied von der Schau­spie­le­rei be­kannt gab.

„King­s­man: The Se­cret Ser­vice" konn­te 2014 vor al­lem mit an­ar­chi­scher En­er­gie und tro­cke­nem Hu­mor über­zeu­gen. „The Gol­den Cir­cle“, drei Jah­re spä­ter, war dann die höchst al­ber­ne, mit mi­se­ra­blen Com­pu­ter­ef­fek­ten über­la­de­ne Fort­set­zung. Good­bye Co­lin Firth & Ta­ron Eger­ton, Hel­lo Ralph Fi­en­nes. Das Pre­quel „The Be­gin­ning“ springt ein paar Jahr­zehn­te zu­rück und er­zählt von der Grün­dung der King­s­man-Agen­cy, An­fang des 20. Jahr­hun­derts. Da­bei wer­den ganz ne­ben­bei die po­li­ti­schen Ver­stri­ckun­gen auf­ge­drö­selt, die Aus­lö­ser für den 1. Welt­krieg wa­ren. Die Ge­schichts­stun­de be­wegt sich al­ler­dings auf dem Ni­veau ei­ner Te­le­tub­by-Fol­ge – Ver­ein­fa­chung ist Trumpf.

Matthew Vaughn, der ewi­ge Zwei­te un­ter den bri­ti­schen Ac­tion-Re­gis­seu­ren, bleibt sei­nem ar­ti­fi­zi­el­len Stil auch im drit­ten Teil der Agen­ten­sa­ga treu. Wie sein gro­ßes Vor­bild Guy Rit­chie, be­müht er sich zwar in ein paar Sze­nen um et­was mehr Er­dung (die Gra­ben­kämp­fe im 1. Welt­krieg er­in­nern fast an "1917"), doch be­son­ders die Ac­tion­se­quen­zen sind der­art über­trie­ben in­sze­niert, dass sie oft wie aus ei­nem leicht ver­al­te­ten Com­pu­ter­spiel aus­se­hen. Die Schau­spie­ler (bzw. ih­re di­gi­ta­len Dop­pel­gän­ger) schla­gen, tre­ten, schie­ßen und flie­gen durch die Luft, oh­ne sich da­bei um ir­gend­wel­che Ge­set­ze der Phy­sik zu sche­ren.

Aber was soll's. „The King’s Man“ ist schließ­lich ei­ne Co­mic­ver­fil­mung und kann so­gar mit ein paar star­ken emo­tio­na­len Mo­men­ten auf­war­ten. Et­was, was in die­ser­art fil­mi­scher Kir­mes­at­trak­ti­on an­ge­nehm über­rascht. Die eh­ren­wer­ten Ver­su­che, den Cha­rak­te­ren Le­ben ein­zu­hau­chen und ih­nen ein we­nig Drei­di­men­sio­na­li­tät zu ver­lei­hen, wer­den zwar ver­läss­lich von kom­plett durch­ge­knall­ten Dreh­buch­ideen wie­der zu­nich­te­ge­macht, doch we­nigs­tens kommt durch die­sen Wun­der­tü­ten­mix kei­ne Lan­ge­wei­le auf. Und ge­gen zwei Stun­den Es­ka­pis­mus hat im trü­ben Ja­nu­ar nie­mand et­was ein­zu­wen­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The King’s Man – The Be­gin­ning“
USA / GB 2021
131 min
Re­gie Matthew Vaughn

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­di­os Mo­ti­on Pic­tures Ger­ma­ny

MATRIX RESURRECTIONS

MATRIX RESURRECTIONS

Kinostart 23. Dezember 2021

2003 sag­ten Ke­a­nu Ree­ves und die Zu­schau­er ge­mein­sam lei­se Ser­vus. Die Re­gis­seu­rin­nen La­na und Lil­ly (da­mals noch Lar­ry und An­dy) Wa­chow­ski hat­ten es schlicht über­trie­ben. Ih­re bei­den Fort­set­zun­gen des weg­wei­sen­den Sci­ence-Fic­tion-Thril­lers „Ma­trix“ von 1999 wa­ren so ener­vie­rend und lang­wei­lig ge­ra­ten, dass kaum noch je­mand Lust hat­te, sich den Mum­pitz wei­ter an­zu­schau­en.

Et­wa zur glei­chen Zeit ging es den Ma­chern ei­ner an­de­ren Se­rie ganz ähn­lich: Seit dem le­gen­där schlech­ten Play­Sta­ti­on-1-Wel­len­ritt von Ja­mes Bond in „Stirb an ei­nem an­de­ren Tag“ (hier geht's zum Aus­schnitt) war auch hier ei­ne Grund­sa­nie­rung über­fäl­lig, woll­te man sich bei den Fans nicht wei­ter zum Ge­spött ma­chen. Nach ei­ner Er­fri­schungs­pau­se von vier Jah­ren und ei­ner Neu­be­set­zung be­gann mit „Ca­si­no Roya­le“ die künst­le­risch er­folg­reichs­te und um­satz­stärks­te Zeit für 007.

Ge­lingt dem Ma­trix-Uni­ver­sum mit sei­ner Mi­schung aus Be­kann­tem und Neu­em ei­ne ähn­lich er­folg­rei­che Auf­er­ste­hung wie der Bond-Rei­he? Im­mer­hin ist seit dem letz­ten Ka­pi­tel ge­nug Zeit ins Land ge­gan­gen, ein brauch­ba­res Script zu schrei­ben. Klei­ner Spoi­ler: Of­fen­sicht­lich hät­ten es noch ein paar Jah­re mehr sein dür­fen. „Re­sur­rec­tions“ fängt gran­di­os an, schei­tert im Mit­tel­teil und be­rap­pelt sich halb­wegs zum Fi­na­le. Selbst­re­fe­ren­zi­el­le Wit­ze auf Kos­ten der oft kri­ti­sier­ten Un­ver­ständ­lich­keit der Ge­schich­te gibt es reich­lich. Al­les ist me­ta und die Ma­cher kön­nen nicht wi­der­ste­hen, un­ent­wegt zu be­to­nen, dass sie sich des­sen be­wusst sind. Doch auch das kann auf Dau­er fad sein. Von den 148 Mi­nu­ten könn­te man lo­cker auf ein Drit­tel ver­zich­ten. Wie schon in den letz­ten bei­den Tei­len ner­ven zu lan­ge Dia­log­sze­nen mit pseu­do­psy­cho­lo­gi­schem Ge­schwur­bel aus dem Kü­chen­ka­len­der.

Ne­ben In­halt zählt bei Ma­trix-Fil­men na­tür­lich in ers­ter Li­nie der Look. Die be­rühm­ten Bul­let Time Ef­fek­te wa­ren En­de der 90er-Jah­re bahn­bre­chend, tauch­ten aber da­nach zu oft und zu schlecht ko­piert in un­zäh­li­gen Mu­sik­vi­de­os und Wer­be­spots auf. Das im­mer­hin hat „Re­sur­rec­tions“ auf der Ha­ben­sei­te: Die Ef­fek­te sind größ­ten­teils Sta­te of the Art, ein paar Sze­nen se­hen wirk­lich atem­be­rau­bend aus.

FAZIT

Das war nicht schwer: „Re­sur­rec­tions“ ist bes­ser als „Rel­oa­ded“ und „Re­vo­lu­ti­ons“. Die vi­sio­nä­re Kraft des Ori­gi­nals bleibt un­er­reicht.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Ma­trix Re­sur­rec­tions“
USA 2021
148 min
Re­gie La­na Wa­chow­ski 

al­le Bil­der © War­ner Bros. En­ter­tain­ment Inc.

SCHOCK