THE PALACE

THE PALACE

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Selten waren sich die Kritiker so einig: THE PALACE ist Roman Polanskis schlechtester Film. Ein filmisches Desaster im Schatten der Alpen.

Wie es THE PA­LACE ge­schafft hat, sei­ne Welt­pre­mie­re auf den dies­jäh­ri­gen In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len von Ve­ne­dig zu fei­ern, ist das größ­te Rät­sel. Hat sich das vor­her nie­mand an­ge­schaut? Die Möch­te­gern-Sa­ti­re wä­re ger­ne so bis­sig wie Ru­ben Öst­lunds TRI­ANG­LE OF SAD­NESS, ist aber kom­plett zahn­los und dumm. Die Sze­nen wir­ken wie ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von schlecht im­pro­vi­sier­ten Sket­chen, oft un­ap­pe­tit­lich und oh­ne ro­ten Fa­den oder Sinn.

Nichts dar­an ist lus­tig

Die Hand­lung des Films könn­te kaum be­lang­lo­ser sein. Schau­platz ist „The Pa­lace“, ein plü­schi­ges Lu­xus­ho­tel in den Schwei­zer Al­pen. Hier ver­sam­melt sich im De­zem­ber 1999 der Jet­set, um ge­mein­sam ins Jahr 2000 zu fei­ern. Die Angst geht um, dass das Mill­en­ni­um-Pro­blem die Welt zer­stö­ren wird, aber der un­er­schüt­ter­li­che Ho­tel­ma­na­ger Han­sue­li Kopf (Oli­ver Ma­suc­ci) be­steht dar­auf, dass al­les gut wird. Sein ein­zi­ges Ziel: Die prot­zi­gen Gäs­te mö­gen sich "nach Her­zens­lust mit Ka­vi­ar voll­stop­fen" und Cham­pa­gner trin­ken, "bis es ih­nen aus den Oh­ren spru­delt.“

Man fragt sich, ob Ma­suc­ci die Rol­le aus Be­wun­de­rung für die Le­gen­de Pol­an­ski oder we­gen ei­ner ver­lo­re­nen Wet­te an­ge­nom­men hat. Die vul­gä­re Kli­en­tel wird von Fan­ny Ar­dant, John Clee­se, ei­nem mons­trös aus­se­hen­den Mi­ckey Rour­ke und dem Deut­schen Mi­lan Pe­schel „ge­spielt“. Wer sich für klei­ne Hun­de mit Durch­fall, be­trun­ke­ne Rus­sen, kot­zen­de Frau­en und gro­tesk ge­lif­te­te Alt­stars be­geis­tert, kommt hier voll auf sei­ne Kos­ten.

Nichts dar­an ist lus­tig: Wirk­lich im Ernst – gar nichts. Vom fla­chen In­halt und der er­bärm­li­chen In­sze­nie­rung ab­ge­se­hen, sieht der Film auch noch schä­big aus. Ro­man Pol­an­ski, einst ge­fei­er­ter Re­gis­seur von Meis­ter­wer­ken wie CHI­NA­TOWN und DER PIA­NIST, hat nun das wohl dun­kels­te Ka­pi­tel sei­ner Kar­rie­re ge­schrie­ben. Dass man Kunst und Künst­ler tren­nen soll, er­weist sich hier als hoh­le Phra­se, denn im Al­ter von 90 Jah­ren hat sich Pol­an­ski mit sei­nem viel­leicht letz­ten Film end­gül­tig selbst ins Aus ge­schos­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Pa­lace“
Ita­li­en / Po­len / Schweiz / Frank­reich 2023
97 min
Re­gie Ro­man Pol­an­ski

al­le Bil­der © Welt­ki­no Film­ver­leih

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BABY TO GO

BABY TO GO

Ab 11. Januar 2024 im Kino

Familienplanung von übermorgen. BABY TO GO ist eine ironische Zukunftsvision mit hübschem Technik-Schnickschnack und Werbeästhetik.

Gleich­be­rech­ti­gung 5.0: Män­ner kön­nen auch im neu­en Jahr nicht schwan­ger wer­den, da kann die Wis­sen­schaft noch so lan­ge for­schen. Und Frau­en wol­len es nicht mehr. Die Hor­mo­ne, die Hit­ze­wal­lun­gen, die Schwan­ger­schafts­strei­fen! Statt­des­sen lässt sich der Nach­wuchs in ei­nem schi­cken De­si­gner-Pod im La­bor züch­ten. Kin­der­krie­gen wird so ein­fach wie die Pfle­ge ei­nes Ta­ma­got­chis.

BLACK-MIR­ROR-Epi­so­de auf 111 Mi­nu­ten ge­dehnt

BA­BY TO GO er­zählt von Ra­chel (Emi­lia Clar­ke) und Al­vy (Chi­we­tel Ejio­for), die sich nach lan­gem Zö­gern ent­schlie­ßen, El­tern von ei­nem Plas­tikei zu wer­den. Re­gis­seu­rin So­phie Bar­thes nutzt für ih­re Sci­ence-Fic­tion-So­zi­al­sa­ti­re die vi­su­el­len Mit­tel ei­ner Ap­ple-Wer­bung. Slicke Tech­nik (der Früh­stück­stoast kommt aus dem 3D-Dru­cker), sanf­te Pas­tell­tö­ne – die Welt der Zu­kunft sieht gut aus.

Doch gu­tes Aus­se­hen al­lei­ne reicht nicht. BA­BY TO GO ist ei­ne et­was zahn­lo­se BLACK-MIR­ROR-Epi­so­de auf 111 Mi­nu­ten ge­dehnt. Das hät­te sich kom­pri­mier­ter und wir­kungs­vol­ler lo­cker in der Hälf­te der Zeit er­zäh­len las­sen. Trotz all der hüb­schen Bild­ideen zieht es sich zwi­schen­durch wie ei­ne Ap­ple-Prä­sen­ta­ti­on von Tim Cook.

Zu­schau­er, die zwi­schen 10 und 14 € für ein Ki­no­ti­cket be­rap­pen, er­war­ten ei­ne ge­wis­se Quan­ti­tät an Film. Des­halb gibt es hier­zu­lan­de auch kei­nen Markt für Kurz­fil­me. Ei­ne kna­cki­ge­re Ver­si­on von BA­BY TO GO wä­re bes­ser bei ei­nem Strea­mer oder als Hälf­te ei­nes Dou­ble­fea­tures auf­ge­ho­ben.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Pod Ge­ne­ra­ti­on“
GB 2022
111 min
Re­gie So­phie Bar­thes

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN

FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Locker-leichte französische Komödie um ein Weihnachtsfest mit Hindernissen.

Per­fek­te Tisch­de­ko, per­fek­ter Baum, per­fek­tes Fest. Weih­nach­ten ist Vin­cent Barand hei­lig. Doch die Kin­der sind er­wach­sen, ha­ben an­de­re Plä­ne oder müs­sen ar­bei­ten. Die Fei­er­ta­ge al­lei­ne mit sei­ner Frau ver­brin­gen? Aus­ge­schlos­sen. "Weih­nach­ten soll nicht ro­man­tisch sein, es ist das Fest der Fa­mi­lie." Vin­cent be­schließt, sich im ört­li­chen Al­ten­heim zwei ein­sa­me Be­woh­ne­rin­nen aus­zu­lei­hen. Doch Mo­ni­que und ih­re bes­te Freun­din, die hemds­är­me­li­ge Jean­ne, ma­chen es sich bei ih­ren Gast­ge­bern sehr schnell et­was zu ge­müt­lich. Die stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht droht im Cha­os zu en­den.

Am stärks­ten ist die Ko­mö­die in ih­ren me­lan­cho­li­schen Mo­men­ten

FAST PER­FEK­TE WEIH­NACH­TEN ist ei­ne fran­zö­si­sche Ko­mö­die, die al­les an­de­re als per­fekt ist. Da­zu kippt die Sto­ry zu oft in Kla­mot­ti­ge. Das ist scha­de, denn in den ru­hi­ge­ren Sze­nen zeigt sich, was die her­vor­ra­gen­de Be­set­zung drauf hat. High­light des Films ist Em­ma­nu­el­le De­vos als Ehe­frau Bea­tri­ce, der Chris­ti Ge­burt herz­lich egal ist und die ger­ne auf die ner­vi­ge Ge­sell­schaft der Se­nio­rin­nen ver­zich­ten wür­de. Franck Du­bosc spielt den pe­ni­blen Weih­nachts­en­thu­si­as­ten an­ge­nehm zu­rück­ge­nom­men, sein Vin­cent wird nie zur Ka­ri­ka­tur. Die Se­nio­rin­nen Da­niè­le Le­brun und Da­ni­elle Fich­aud sind okay, wer­den aber vom Dreh­buch ge­zwun­gen, vie­le al­ber­ne Din­ge tun. Be­son­ders am En­de soll es mit al­ler Ge­walt zu Her­zen ge­hen, doch das wirkt dann kom­plett über­trie­ben und un­glaub­wür­dig.

"Frü­her war mehr La­met­ta!" – Weih­nach­ten be­deu­tet für rund 14 Pro­zent der Deut­schen pu­ren Stress. Da kann ein biss­chen La­chen be­stimmt nicht scha­den. Am stärks­ten ist die Ko­mö­die al­ler­dings in ih­ren me­lan­cho­li­schen Mo­men­ten, die Re­gis­seur Clé­ment Mi­chel oh­ne Kitsch in­sze­niert. FAST PER­FEK­TE WEIH­NACH­TEN schaut sich gut weg, hin­ter­lässt aber kei­nen blei­ben­den Ein­druck.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „No­ël Joyeux“
Frank­reich 2023
97 min
Re­gie Clé­ment Mi­chel

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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WIE WILDE TIERE

WIE WILDE TIERE

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Das kennt man aus Brandenburg: Die einen wollen nichts wie weg – hin in die Großstadt. Die anderen haben Lärm und Prenzlpanther satt und ziehen aufs Land. Doch in den verwaisen Dörfern lauern oft Ablehnung und offener Hass auf die Zugezogenen.

Das fran­zö­si­sche Paar An­toine (De­nis Mé­no­chet) und Ol­ga (Ma­ri­na Foïs) lebt seit zwei Jah­ren in ei­ner klei­nen Ge­mein­de im Lan­des­in­ne­ren Ga­li­zi­ens. Die bei­den pas­sen sich an, so gut es geht, ar­bei­ten hart, be­trei­ben Acker­bau und er­näh­ren sich von dem, was sie er­wirt­schaf­ten. Doch die Ein­hei­mi­schen blei­ben un­ter sich, be­geg­nen den öko­lo­gisch be­wuss­ten Neu­bau­ern mit Arg­wohn und Ab­leh­nung. Be­son­ders mit dem Nach­barn Xan (be­ängs­ti­gend fies: Lu­is Za­he­ra) gibt es im­mer wie­der Streit.

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che und frü­her oder spä­ter wird es zur Ka­ta­stro­phe kom­men. Als es dann so weit ist, wech­selt der Film von der männ­li­chen in die weib­li­che Per­spek­ti­ve. Das macht WIE WIL­DE TIE­RE viel­schich­tig und un­ge­mein span­nend. Dass die Ge­schich­te von wah­ren Be­ge­ben­hei­ten in­spi­riert ist, lässt die Ver­zweif­lung über die elen­de Spe­zi­es Mensch noch wach­sen. War­um nur gibt es so viel Neid und Ver­bohrt­heit auf der Welt? Aber so ein­fach ist es nicht. In ei­ner der bes­ten Sze­nen des Films ver­su­chen die Kon­tra­hen­ten ei­ne An­nä­he­rung. Bei ei­ner Fla­sche Wein macht je­der sei­nen Stand­punkt klar. Das führt zwar zu kei­ner Lö­sung, doch als Zu­schau­er wird man sich sei­nes ei­ge­nen Schwarz-Weiß-Den­kens be­wusst und be­ginnt fast Mit­ge­fühl für die ver­meint­lich "Bö­sen" zu emp­fin­den.

Seit der Welt­pre­mie­re in Can­nes 2022, wo WIE WIL­DE TIE­RE als Sen­sa­ti­on ge­fei­ert wur­de, ist sein Er­folg un­ge­bro­chen. Bei der Ver­lei­hung der Go­yas 2023 räum­te er neun Prei­se ab, un­ter an­de­rem für Bes­ter Film, Bes­te Re­gie so­wie Bes­ter Haupt­dar­stel­ler.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „As Bes­tas“
Spa­ni­en / Frank­reich 2023
137 min
Re­gie Ro­dri­go Sor­ogo­ye

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

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REIF FÜR DIE INSEL

REIF FÜR DIE INSEL

Ab 30. November 2023 im Kino

LES CYCLADES ist eine französische Komödie mit drei tollen Schauspielerinnen und einem dämlichen deutschen Titel.

Als jun­ge Mäd­chen sind sie un­zer­trenn­lich, doch nach ei­nem Streit ver­lie­ren sich Blan­di­ne und Ma­ga­lie aus den Au­gen. Erst zwan­zig Jah­re spä­ter kommt es zu ei­nem von Bal­ndi­nes Sohn ar­ran­gier­ten Wie­der­se­hen. Die grund­ver­schie­de­nen Frau­en be­schlie­ßen, auf die grie­chi­sche In­sel Amor­gos zu fah­ren, ein Traum, den sie sich als Fans von Luc Bes­sons IM RAUSCH DER TIE­FE schon als Teen­ager er­fül­len woll­ten.

Es fängt erst­mal un­gut an

Für REIF FÜR DIE IN­SEL muss man Ge­duld mit­brin­gen. Es fängt erst­mal un­gut an. Die Mu­sik, die Ka­me­ra, die In­sze­nie­rung – fast glaubt man sich in ei­ner Traum­schiff-Fol­ge auf Fran­zö­sisch ver­irrt zu ha­ben. Auch die neu er­wach­te Freund­schaft zwi­schen der völ­lig über­dreh­ten, von ih­ren Freun­den nicht zu Un­recht „Tin­ni­tus“ ge­nann­ten Ma­ga­lie und der nach ei­ner Schei­dung ver­bit­ter­ten Blan­di­ne wirkt kli­schee­haft und nicht be­son­ders glaub­wür­dig. Wä­ren da nicht die her­aus­ra­gen­den Schau­spie­le­rin­nen: Oli­via Côte und Lau­re Ca­la­my brin­gen trotz al­ber­ner Dreh­buch­ein­fäl­le ei­ne Wahr­haf­tig­keit in ih­re Rol­len, die Marc Fi­tous­sis Ko­mö­die bald zu ei­ner be­we­gen­den Ge­schich­te über Freund­schaft macht.

REIF FÜR DIE IN­SEL ist ein Slowb­ur­ner. Spä­tes­tens mit dem Auf­tritt von Kris­tin Scott Tho­mas als Alt-Hip­pie mit gro­ßem Her­zen wird aus der son­ni­gen Ko­mö­die ein über­ra­schend tief­grün­di­ger Film. Ge­tra­gen von ei­nem fa­bel­haf­ten Schau­spie­le­rin­nen-Trio, wech­selt die weib­li­che Bud­dy-Ko­mö­die zwi­schen sanf­ter Me­lan­cho­lie und char­man­ter Leich­tig­keit. Hof­fent­lich funk­tio­niert das auch in der Syn­chron­fas­sung – der deut­sche Pe­ter-Cor­ne­li­us-Ti­tel lässt schon mal das Schlimms­te ver­mu­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Les Cy­clades“
Frank­reich 2023
110 min
Re­gie Marc Fi­tous­si

al­le Bil­der © Hap­py En­ter­tain­ment

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AUF DEM WEG

AUF DEM WEG

Ab 30. November 2023 im Kino

Und noch ein Film zum Thema: Männer laufen von A nach B und finden sich dabei selbst. Diesmal wandert Jean Dujardin durch Frankreich.

Spä­tes­tens seit Ha­pe Ker­ke­lings Ja­kobs­weg-Rei­se sehnt sich das Pu­bli­kum nach Ker­len, die sich in schrof­fer Na­tur Er­kennt­nis­se über sich selbst er­lau­fen. Auch De­nis Im­berts AUF DEM WEG bie­tet da in­halt­lich we­nig Neu­es. Doch im Ver­gleich zur ver­un­glück­ten ICH BIN DANN MAL WEG-Ver­fil­mung ist die­ser Trip ein ech­tes Ju­wel. In Frank­reich woll­ten das bis jetzt über ei­ne Mil­lio­nen Zu­schau­er se­hen.

Jean Du­jar­din ist per­fekt als ge­strau­chel­ter Ma­cho

"Acht Me­ter reich­ten aus, um mir die Rip­pen, die Wir­bel und den Schä­del zu bre­chen. Acht Me­ter reich­ten, um 50 Jah­re zu al­tern." Jean Du­jar­din spielt den Schrift­stel­ler Pierre, der nach ei­ner be­trun­ke­nen Klet­te­rei aus dem 2. Stock ei­nes Ho­tels auf die Stra­ße fällt. Die Ärz­te se­hen zu­nächst we­nig Chan­ce auf Hei­lung. Ob der pas­sio­nier­te Klet­te­rer je­mals wie­der lau­fen kann, ist mehr als frag­lich. Doch wä­re das so, gä­be es we­der Buch noch Film. Ge­gen je­de Dia­gno­se fin­det Pierre die Kraft, ei­ne 1.300 Ki­lo­me­ter lan­ge Mam­mut­wan­de­rung quer durch Frank­reich an­zu­ge­hen. Sein Weg führt ihn von den süd­li­chen Al­pen über das Zen­tral­mas­siv bis zur Küs­te von La Ha­gue.

Ein Traum der Pri­vi­le­gier­ten – so ei­ne mehr­mo­na­ti­ge Aus­zeit muss man sich fi­nan­zi­ell leis­ten kön­nen. Prak­tisch, wenn man wäh­rend der Wan­de­rung noch sei­nem Job nach­ge­hen kann – dass da­bei dann ein Best­sel­ler raus­kommt – ge­schenkt. Aus der Fül­le der Selbst­fin­dungs­fil­me (und Bü­cher) sticht AUF DEM WEG wohl­tu­end her­aus. Das liegt vor al­lem an der Be­set­zung – Jean Du­jar­din ist per­fekt als ge­strau­chel­ter Ma­cho. Auch wenn es schon wie­der ein Mann ist, der sich hier auf See­len­rei­se in die raue Na­tur be­gibt. Frau­en fah­ren wohl lie­ber nach In­di­en oder ge­hen in den SPA.

Mit aufs We­sent­li­che re­du­zier­ten Rück­blen­den und gran­dio­sen Na­tur­auf­nah­men ent­wi­ckelt AUF DEM WEG ei­nen lei­sen, fast poe­ti­schen Sog. Da­zu wer­den aus dem Off die prä­gnan­tes­ten Stel­len der Vor­la­ge, Syl­vain Tes­sons Le­bens­er­in­ne­rung „Auf ver­sun­ke­nen We­gen“ ge­le­sen. So ist man dann nach 93 Mi­nu­ten dop­pelt be­lohnt: ei­nen schö­nen Film ge­se­hen und gleich­zei­tig ein gu­tes Buch da­zu ge­hört.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Sur les chem­ins noirs“ 
Frank­reich 2021
93 min
Re­gie De­nis Im­bert

al­le Bil­der © X VER­LEIH

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THE OLD OAK

THE OLD OAK

Ab 23. November 2023 im Kino

Regisseur Ken Loach ist 87 Jahre alt und hat keine Geduld mehr. Sein (wahrscheinlich) letzter Film ist nochmals ein Aufruf zu mehr Gemeinschaft und Solidarität.

Gel­sen­kir­chen könn­te auch in Groß­bri­tan­ni­en lie­gen. Ea­sing­ton ist ei­ne die­ser ty­pisch nord­eng­li­schen Klein­städ­te, die frü­her dank Berg­bau mit Le­ben und har­ter Ar­beit er­füllt wa­ren, nun aber nach 30 Jah­ren des Nie­der­gangs zu Geis­ter­städ­ten ver­kom­men. Es gibt kei­ne Jobs, die Häu­ser ver­fal­len oder wer­den zu Schleu­der­prei­sen an In­ves­to­ren ver­scher­belt. Der letz­te Zu­fluchts­ort für die, die den Ab­sprung nicht ge­schafft ha­ben, ist der lo­ka­le Pub „The Old Oak“. Des­sen Wirt TJ Ballan­ty­ne (Da­ve Tur­ner) hat selbst ei­ni­ge Schick­sals­schlä­ge er­lebt, bei den ver­bit­ter­ten Ti­ra­den sei­ner Stamm­gäs­te schal­tet er des­halb lie­ber auf Durch­zug. Als ei­nes Ta­ges un­ter dem Pro­test der Dorf­be­woh­ner ei­ne gro­ße Grup­pe sy­ri­scher Flücht­lin­ge in Ea­sing­ton ein­trifft, ist die Auf­re­gung und Ab­leh­nung groß.

Ein Lob­lied auf die Ar­bei­ter­klas­se

THE OLD OAK er­zählt von der un­ge­wöhn­li­chen pla­to­ni­schen Be­zie­hung zwi­schen dem de­pres­si­ven Pub-Be­sit­zer TJ und der jun­gen, fo­to­be­geis­ter­ten Sy­re­rin Ya­ra (Eb­la Ma­ri). Ganz lang­sam ent­wi­ckelt sich ei­ne zar­te Freund­schaft zwi­schen den bei­den. Wahr­haf­tig und au­then­tisch ge­spielt von Da­ve Tur­ner und Eb­la Ma­ri, die hier ihr Film­de­büt gibt.

Ken Loach war und ist ein Meis­ter im Dar­stel­len des eng­li­schen Ar­bei­ter­mi­lieus. So ist auch sein neu­er – und nach ei­ge­ner Aus­sa­ge letz­ter – Film ein Lob­lied auf Ge­mein­schafts­geist und die Ar­bei­ter­klas­se. THE OLD OAK fügt sich da­mit naht­los in das Le­bens­werk des Re­gis­seurs ein.

Kei­ne Jobs, kei­ne Per­spek­ti­ve, ver­ges­sen und von der Re­gie­rung fal­len­ge­las­sen: Die Pro­ble­me der bri­ti­schen Ein­hei­mi­schen und der sy­ri­schen Flücht­lin­ge sind sich gar nicht so un­ähn­lich. Loachs Lei­den­schaft und sein Mit­ge­fühl für die­se Men­schen sind auf­rüt­telnd und ein­dring­lich. Dass der Re­gis­seur nach ei­ner fast 60-jäh­ri­gen Kar­rie­re die Ge­duld ver­lo­ren hat und des­halb sei­ne Bot­schaf­ten mit dem Holz­ham­mer ver­mit­telt, sei ihm ver­zie­hen. Nur das En­de geht dann doch zu weit und ist pu­rer So­zi­al­kitsch. Bis da­hin ist OLD OAK ein be­we­gen­des Dra­ma über Ver­lust­angst und die Schwie­rig­keit, die Hoff­nung zu be­hal­ten. Das se­hens­wer­te Al­ters­werk ei­nes kom­pro­miss­lo­sen und be­mer­kens­wer­ten Re­gis­seurs.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Old Oak“
Groß­bri­tan­ni­en / Frank­reich 2023
113 min
Re­gie Ken Loach

al­le Bil­der © WILD BUNCH GER­MA­NY

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NAPOLEON

NAPOLEON

Ab 23. November 2023 im Kino

Kino, wie es sein soll: episch, spannend, lustig und lehrreich. Ridley Scotts neues Meisterwerk zeigt den französischen Kaiser, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat.

Stol­ze 85 Jah­re alt ist Rid­ley Scott und er kann's noch im­mer. Mit NA­PO­LE­ON ist dem bri­ti­schen Re­gis­seur er­neut ein gro­ßer Wurf ge­lun­gen. Dass das al­les toll aus­sieht und die Schlacht­sze­nen bom­bas­tisch sind, ver­steht sich fast von selbst. Schließ­lich hat der Mann mit ALI­EN, BLA­DE RUN­NER und GLA­DIA­TOR gan­ze Gen­res neu er­fun­den oder zu­min­dest jahr­zehn­te­lang gel­ten­de Maß­stä­be ge­setzt.

Trotz der blu­ti­gen Schlacht­sze­nen fast ei­ne Ko­mö­die

Joa­quin Phoe­nix ist die per­fek­te Be­set­zung und spielt den fran­zö­si­schen Feld­herrn und Kai­ser als sou­ve­rä­nes, rück­sichts­lo­ses Ge­nie – zu­min­dest wenn es um Kriegs­füh­rung geht. Im Pri­va­ten ist sei­ne Ho­heit da­ge­gen das Ge­gen­teil ei­nes Ge­nies. Un­be­hol­fen, al­bern und da­bei schwer in Jo­se­fi­ne ver­liebt (fa­bel­haft: Va­nes­sa Kir­by). Von der Lie­be sei­nes Le­bens, die ihm 15 Jah­re (nicht im­mer) treu zur Sei­te steht, lässt sich Na­po­le­on we­gen aus­ge­blie­be­ner Nach­kom­men schei­den.

Über­ra­schung: NA­PO­LE­ON ist trotz der blu­ti­gen Schlacht­sze­nen fast ei­ne Ko­mö­die. Min­des­tens aber ein his­to­ri­sches Dra­ma mit ko­mi­schen Ele­men­ten. Klei­ne Miss­ge­schi­cke, ab­sur­de Dia­lo­ge und ein sich oft gar nicht kai­ser­lich ver­hal­ten­der Kai­ser sor­gen für La­cher. Über­haupt ist Scott ei­ne aus­ge­spro­chen kurz­wei­li­ge (bei 157 Mi­nu­ten Lauf­zeit) und lehr­rei­che Ge­schichts­stun­de ge­lun­gen. Hö­he­punkt ist die Schlacht von Aus­ter­litz, in der die fran­zö­si­sche Ar­mee die Streit­kräf­te Russ­lands und Ös­ter­reichs dank Na­po­le­ons stra­te­gi­schem Ge­schick auf dem Schlacht­feld aus­löscht. Sel­ten ge­nug in His­to­ri­en­fil­men: Man ver­steht die Zu­sam­men­hän­ge und geht klü­ger aus dem Ki­no.

Rid­ley Scotts viel­leicht nicht 100 % his­to­risch kor­rek­te Ver­si­on des Le­bens von Na­po­le­on Bo­na­par­te hät­te noch reich­lich wei­te­re Lo­bes­hym­nen ver­dient. Zum Bei­spiel, dass Joa­quin Phoe­nix auf ei­nen fal­schen (fran­zö­si­schen) Ak­zent ver­zich­tet – Scotts HOUSE OF GUC­CI wur­de we­gen über­trie­be­nen Eng­lisch-Ita­lie­nisch-Kau­der­welschs zur un­frei­wil­li­gen Ko­mö­die. Aber vor al­lem ist NA­PO­LE­ON für die gro­ße Lein­wand ge­macht. Ap­ple hat den Film zwar fi­nan­ziert und frü­her oder spä­ter wird er auf Ap­ple TV+ lau­fen – aber vor­her soll­te man sich NA­PO­LE­ON un­be­dingt im Ki­no an­schau­en.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Na­po­le­on“
USA / Eng­land 2023
157 min
Re­gie Rid­ley Scott

al­le Bil­der © So­ny Pic­tures

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HÖR AUF ZU LÜGEN

HÖR AUF ZU LÜGEN

Ab 16. November 2023 im Kino

Eine traurige, aber unsentimentale Geschichte über die Zwänge der Moral – und deren Überwindung.

"Hör auf zu Lü­gen", mahnt sei­ne Mut­ter ihn. Da­bei er­fin­det der jun­ge Phil­ip­pe Bes­son ein­fach nur ger­ne Ge­schich­ten. Er be­ob­ach­tet frem­de Men­schen auf der Stra­ße und fan­ta­siert ihr Le­ben. Zu lü­gen hilft ihm, ehr­lich zu sich selbst zu sein. Denn Phil­ip­pe mag Jungs und das ist in ei­ner klei­nen fran­zö­si­schen Pro­vinz in den 1970er-Jah­ren ein ech­tes Pro­blem. Im au­to­bio­gra­fi­schen Ro­man „Hör auf zu Lü­gen“ er­zählt Phil­ip­pe Bes­son von sei­ner Ju­gend­lie­be.

Ein se­hens­wer­ter LGBTQ-Film

In Buch und Film heißt das Al­ter Ego des Schrift­stel­lers Stéphane, ist 17 Jah­re alt und schwer ver­liebt. Er fühlt sich von sei­nem Klas­sen­ka­me­ra­den, ei­nem hüb­schen und bei den Mäd­chen be­lieb­ten Win­zers­sohn, an­ge­zo­gen und ist mehr als über­rascht, als die­ser sein In­ter­es­se er­wi­dert. Tho­mas wird sei­ne ers­te gro­ße Lie­be. Doch die­se Lie­be muss im Ver­bor­ge­nen blei­ben, denn Tho­mas ver­leug­net sei­ne se­xu­el­le Identität. Jahr­zehn­te spä­ter kehrt der in­zwi­schen er­folg­rei­che Au­tor Stéphane zum ers­ten Mal seit sei­ner Ju­gend in sein Hei­mat­dorf zurück. Kurz nach sei­ner An­kunft lernt er Lu­cas (Vic­tor Bel­mon­do) ken­nen und er­fährt, dass der jun­ge Mann der Sohn sei­ner gro­ßen Lie­be Tho­mas ist. Ei­ne Be­geg­nung, die al­te Wun­den auf­reißt.

Ge­ra­de das Buch zu En­de ge­le­sen, schon kommt die Ver­fil­mung in die Ki­nos. Was na­tür­lich rei­ner Zu­fall ist, denn "Hör auf zu Lü­gen" („Ar­rête avec tes men­son­ges“) hat Phil­ip­pe Bes­son schon 2017 ver­öf­fent­licht. Wie das im­mer so ist, wenn die Zeit zwi­schen Le­sen und Film­se­hen zu kurz ist - das Buch ist über­le­gen. Das hat man sich ganz an­ders vor­ge­stellt – Re­gis­seur Oli­vi­er Pey­on er­fin­det Fi­gu­ren da­zu, ver­zich­tet auf ei­ne der drei Zeit­ebe­nen und gönnt sei­ner Haupt­fi­gur mit ei­ner lei­den­schaft­lich vor­ge­tra­ge­nen Re­de ein un­nö­tig ver­söhn­li­ches, et­was kit­schi­ges En­de.

Und trotz­dem: HÖR AUF ZU LÜ­GEN lohnt sich. Das liegt vor al­lem an der zeit­lo­sen, schnör­kel­los er­zähl­ten Ge­schich­te und der Be­set­zung. Wäh­rend die bei­den ju­gend­li­chen Fi­gu­ren in den Rück­blen­den eher blass blei­ben, sind es be­son­ders Guil­laume de Ton­qué­dec als äl­te­rer Sté­pha­ne Bel­court (aka Phil­ip­pe Bes­son) und Vic­tor Bel­mon­do (un­ver­kenn­bar der En­kel von Jean Paul), die die tra­gi­sche Lie­bes­ge­schich­te se­hens­wert ma­chen. Buch wie Film sind ein Er­satz-Ab­schieds­brief für den ech­ten Tho­mas An­drieu, der sich 2016 das Le­ben nahm und Fa­mi­lie und Freun­de rat­los zu­rück­ließ.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ar­rête avec tes men­son­ges“
Frank­reich 2022
98 min
Re­gie Oli­vi­er Pey­on

al­le Bil­der © 24 Bil­der

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ANATOMIE EINES FALLS

ANATOMIE EINES FALLS

Ab 02. November 2023 im Kino

Sandra Hüller Superstar. Deutschlands beste Schauspielerin überzeugt in Justine Triets Gerichtsdrama. Ist der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wirklich so gut?

Ja.

Spoi­ler gibts na­tür­lich kei­ne, ist schließ­lich ein Ge­richts­dra­ma. Im Ge­gen­satz zu US-Fil­men und Se­ri­en mit ähn­li­chen Su­jets geht es in ANA­TO­MIE EI­NES FALLS nicht in ers­ter Li­nie dar­um, ob die An­ge­klag­te schul­dig ist oder nicht. Re­gis­seu­rin Jus­ti­ne Triet in­ter­es­siert sich mehr für das Zwi­schen­mensch­li­che, die Dy­na­mi­ken in ei­ner Fa­mi­lie.

Ein High­light des Ki­no­jah­res

Schuld ist ein be­stim­men­der Fak­tor in der Be­zie­hung von San­dra (San­dra Hül­ler) und Sa­mu­el (Sa­mu­el Theis). Die Deut­sche und der Fran­zo­se le­ben in ei­nem Cha­let in den Ber­gen. Sie ist er­folg­rei­che Schrift­stel­le­rin, er wä­re es ger­ne, ist aber nach ei­nem Un­fall, bei dem sein Sohn das Au­gen­licht ver­liert, von Selbst­vor­wür­fen zer­fres­sen. Ei­nes un­schö­nen Ta­ges liegt Sa­mu­el mit klaf­fen­der Kopf­wun­de tot im Schnee. Ist er ge­stürzt? War es Selbst­mord? Hat San­dra ihn er­schla­gen und über das Ge­län­der ge­sto­ßen? ANA­TO­MIE EI­NES FALLS ist ex­akt das, was der Ti­tel ver­spricht. Der Fall wird mi­nu­ti­ös aus­ein­an­der­ge­nom­men, all die Um­stän­de, die Streits, die see­li­schen Ver­let­zun­gen, die zu­vor in der Fa­mi­lie ge­sche­hen sind, wer­den mit schar­fem Skal­pell se­ziert.

Ein biss­chen Ge­duld soll­te man mit­brin­gen. Mit 150 Mi­nu­ten Lauf­län­ge und we­nig bis kei­ner Ac­tion, da­für non-stop Dia­lo­gen in Fran­zö­sisch und Eng­lisch ist das Dra­ma kei­ne leich­te Kost. Da­von soll­te man sich nicht ab­schre­cken las­sen. ANA­TO­MIE EI­NES FALLS ist ein High­light des Ki­no­jah­res und wür­de – so es noch Ster­ne bei Frame­ra­te gä­be – lo­cker die Höchst­be­wer­tung be­kom­men. San­dra Hül­ler ist nie schlecht, egal ob sie in ei­ner Ko­mö­die (TO­NI ERD­MANN, SI­SI UND ICH) oder ei­nem Dra­ma (EXIL, IN DEN GÄN­GEN) mit­spielt. Aber sie war viel­leicht noch nie so gut wie hier. Ih­re Fi­gur San­dra spielt sie mit ei­ner nu­an­cier­ten Mi­schung aus sym­pa­thisch, zor­nig und ver­letzt. Das ist je­den Film­preis wert, der in die­sem Jahr ver­ge­ben wird. Das ge­sam­te En­sem­ble glänzt – her­aus­ra­gend auch Mi­lo Macha­do Gra­ner als seh­be­hin­der­ter Sohn Da­ni­el. Im­mer wie­der er­staun­lich, wie ver­rückt ta­len­tiert Kin­der­schau­spie­ler sein kön­nen.

Am En­de – das sei ver­ra­ten – blei­ben wie bei al­len gu­ten Ge­richts­dra­men Fra­gen un­be­ant­wor­tet. Für je­den ver­meint­li­chen Be­weis gibt es min­des­tens zwei ein­leuch­ten­de Er­klä­run­gen. War sie es, oder war sie es nicht? Schuld ist auch sub­jek­tiv. Der Zu­schau­er muss selbst ent­schei­den. ANA­TO­MIE EI­NES FALLS – un­be­dingt an­se­hen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ana­to­mie d’une chu­te“
Frank­reich 2023
151 min
Re­gie Jus­ti­ne Triet

al­le Bil­der © PLAI­ON PIC­TURES

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EIN FEST FÜRS LEBEN

EIN FEST FÜRS LEBEN

Ab 19. Oktober 2023 im Kino

Was alles am schönsten Tag des Lebens schiefgehen kann, muss Christoph Maria Herbst als Hochzeitsplaner in der überraschend frischen Komödie von Richard Huber erfahren.

Mit fei­nem bis ät­zen­dem Hu­mor er­zählt EIN FEST FÜRS LE­BEN von ei­ner Hoch­zeits­fei­er, bei der al­les gründ­lich schief geht und trotz­dem hap­py en­det. Un­ter der Lei­tung von Chris­toph Ma­ria Herbst als Die­ter, der für die Rol­le des ge­stress­ten und des­il­lu­sio­nier­ten „Wed­ding Plan­ners“ per­fekt be­setzt ist, rückt der Film nicht das Braut­paar oder die Hoch­zeits­gäs­te in den Mit­tel­punkt, son­dern das Per­so­nal, das im Hin­ter­grund die gan­ze Cho­se am Lau­fen hält. Oder auch nicht. Denn Die­ter plant sei­ne Fir­ma zu ver­kau­fen, ein In­ter­es­sent will sich un­er­kannt un­ter die Gäs­te mi­schen. Ver­steht sich von selbst, dass an die­sem be­son­de­ren Tag, an dem al­les wie am Schnür­chen lau­fen muss, die Le­bens­mit­tel ver­dor­ben sind, der ge­buch­te Sän­ger aus­fällt und auch sonst je­de men­schen­mög­li­che Ka­ta­stro­phe pas­siert.

Über­ra­schend, wie in­tel­li­gent und ko­misch das für ei­ne deut­sche Ko­mö­die ist

Dass es da­bei hier und da auch mal kla­mau­kig wird – sei’s drum. Das Dreh­buch ist ei­ne sym­pa­thi­sche Mi­schung aus rea­lis­tisch und über­trie­ben, ver­mei­det zum Glück die all­zu plat­ten Poin­ten. EIN FEST FÜRS LE­BEN be­sticht mit viel Sinn für Si­tua­ti­ons­ko­mik und ei­ner hoch­ka­rä­ti­gen Be­set­zung. Ne­ben Chris­toph Ma­ria Herbst sind Jörg Schüt­tauf als fau­ler Hoch­zeits­fo­to­graf und Marc Ho­semann als ego­zen­tri­scher Sän­ger und Band­lea­der die be­kann­tes­ten Dar­stel­ler.

Ein Sark­ast wür­de sa­gen: Über­ra­schend, wie in­tel­li­gent und ko­misch das für ei­ne deut­sche Ko­mö­die ist. Kein Wun­der, sie ha­ben es schon wie­der ge­tan: Auch EIN FEST FÜRS LE­BEN ist ein Eins-zu-eins-Re­make. Die En­sem­ble­ko­mö­die der "Ziem­lich bes­te Freunde"-Macher um die klei­nen und gro­ßen Dra­men, die sich hin­ter den Ku­lis­sen ei­ner Hoch­zeits­fei­er ab­spie­len, kam 2017 un­ter dem Ti­tel „Le sens de la fête“ in die fran­zö­si­schen Ki­nos.

Re­gis­seur Ri­chard Hu­ber ist na­tür­lich ein al­ter Ha­se und weiß ge­nau, wie man so ei­ne lo­cker-leich­te Ko­mö­die auf den deut­schen Markt zu­schnei­det. Am bes­ten, man än­dert we­nig und über­nimmt mög­lichst viel vom Ori­gi­nal. Mit dem glei­chen Re­zept, be­reits Er­prob­tes für den hie­si­gen Markt zu ad­ap­tie­ren, wur­den schon 2021 die eben­falls mit Chris­toph Ma­ria Hebst be­setz­te Dra­mö­die CON­TRA und drei Jah­re zu­vor DAS PER­FEK­TE GE­HEIM­NIS gro­ße Er­fol­ge. Und bei EIN FEST FÜRS LE­BEN gibt es so­gar ei­ne ech­te Ver­bin­dung zur fran­zö­si­schen Vor­la­ge: Re­gis­seur Hu­ber ist trotz des bay­risch klin­gen­den Na­mens ge­bür­ti­ger Pa­ri­ser.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
105 min
Re­gie Ri­chard Hu­ber

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

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DOGMAN

DOGMAN

Ab 12. Oktober 2023 im Kino

Miau! Das groß angekündigte Comeback von Starregisseur Luc Besson ist nur eine JOKER-Kopie auf vier Pfoten.

Dou­glas Mun­row (Ca­leb Landry Jo­nes) wird in Ma­ri­lyn-Mon­roe-Kos­tü­mie­rung von der Po­li­zei auf­ge­grif­fen. Im Kof­fer­raum sei­nes Lie­fer­wa­gens fin­den die Cops ein Ru­del Hun­de. So weit, so merk­wür­dig. Im Ge­spräch mit der Psy­cho­lo­gin Eve­lyn brei­tet der selt­sa­me Hun­de­lieb­ha­ber an­schlie­ßend sei­ne Le­bens­ge­schich­te aus. Und die hat es in sich. Vom sa­dis­ti­schen Va­ter (Cle­mens Schick) und grenz­de­bi­len Bru­der wird er als klei­ner Jun­ge für Mo­na­te in ei­nen Hun­de­zwin­ger ge­sperrt. Zu­sam­men mit ei­nem Ru­del fel­li­ger Vier­bei­ner wird so aus Doug erst Dog­boy, dann Dog­man.

Da­für gibts ein Le­cker­li

Dog­man Doug und sei­ne Hun­de­trup­pe könn­ten glatt im Zir­kus auf­tre­ten. Die Pu­men und Do­ber­män­ner be­herr­schen die tolls­ten Kunst­stü­cke, ge­hor­chen je­dem Be­fehl aufs Wort und kön­nen so­gar ganz al­lei­ne in Häu­ser ein­bre­chen und die Rei­chen be­steh­len. Bra­vo! Da­für gibts ein Le­cker­li. Die Die­bes­ban­de auf vier Pfo­ten klaut in Herr­chens Auf­trag Per­len und Ge­schmei­de, denn der ver­dient sich sei­nen Le­bens­un­ter­halt mitt­ler­wei­le als Drag­queen. Im Mar­le­ne-Diet­rich und Édith-Piaf-Look steht er schmuck­be­han­gen auf der Büh­ne und träl­lert zum Play­back.

Klingt ab­surd? Ist es auch. Luc Bes­son war schon im­mer ein Re­gis­seur oh­ne krea­ti­ve Gren­zen. Das kann gut ge­hen – wie zu sei­ner künst­le­ri­schen Hoch­zeit mit LÉ­ON – DER PRO­FI oder DAS FÜNF­TE ELE­MENT – kann aber auch gründ­lich schief­ge­hen wie bei LU­CY oder VA­LE­RI­AN. DOG­MAN ori­en­tiert sich scham­los an Todd Phil­ips Os­car­ge­win­ner JO­KER, die Fi­gu­ren und die Hand­lung sind al­ler­dings um ei­ni­ges grö­ber ge­schnitzt, der Stil so sehr in your face, man könn­te mei­nen, der Film ba­siert auf ei­nem Gro­schen­ro­man. Zwi­schen­tö­ne gibt es kaum – die Bö­sen sind grund­bö­se am Ran­de der Ka­ri­ka­tur, Hun­de hin­ge­gen sind die bes­se­ren Men­schen – gü­tig und schlau wie Ein­stein. Was na­tür­lich auch der Wahr­heit ent­spricht. Ist gut, Al­fi. Ja Su­se, ja­ha.

Ist Luc Bes­son ein gu­ter Re­gis­seur? Mal so, mal so. Tech­nisch ist das al­les ge­konnt, aber DOG­MAN ist kein wirk­lich ge­lun­ge­ner Film und schon gar nicht das vor­ei­lig ver­spro­che­ne Come­back. We­nigs­tens kann man Bes­son nicht vor­wer­fen, zu lang­wei­len. Un­ter­halt­sam ist der JO­KER auf vier Pfo­ten trotz al­lem.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Dog­man“
Frank­reich / USA 2023
113 min
Re­gie Luc Bes­son

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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DAS NONNENRENNEN

DAS NONNENRENNEN

Ab 28. September 2023 im Kino

Mon Dieu, c'est mauvais. Laurent Tirards alberne Klamotte versucht den Witz alter Louis de Funes-Komödien heraufzubeschwören. Vergebens.

Das lo­ka­le Al­ten­heim pfeift aus dem letz­ten Loch, ei­ne Re­no­vie­rung ist bit­ter nö­tig. Weil auch der Bür­ger­meis­ter kein Geld hat, neh­men fünf Non­nen an ei­nem Fahr­rad­ren­nen teil. Als Preis­geld win­ken 25.000 €. Spit­zen­idee. Dumm nur, dass die Him­mels­bräu­te aus­schließ­lich ver­ros­te­te Klap­per­rä­der im Stall ha­ben und größ­ten­teils nicht mal wis­sen, wie man so ei­nen Draht­esel rei­tet. Zu al­lem Un­glück taucht auch noch ei­ne pro­fes­sio­nel­le, voll durch­trai­nier­te Grup­pe von BMX-Rad-Non­nen auf, die eben­falls scharf aufs Ge­win­nen sind.

NON­NEN AUF HEIS­SEN BIKES
DIE VÖL­LIG DURCH­GE­DREH­TEN BET­SCHWES­TERN
RAD AB – 5 NON­NEN FÜR EIN HAL­LE­LU­JA

Ne­ben „Tritt fes­ter, Schwes­ter“ bö­ten sich noch vie­le wei­te­re dümm­li­che Wort­schöp­fun­gen als Un­ter­ti­tel an, wä­re DAS NON­NEN­REN­NEN vor 50 Jah­ren in die deut­schen Ki­nos ge­kom­men. Pas­send zur 70er-Jah­re-Zop­fig­keit ist auch der alt­ba­cke­ne Non­stop-Non­sens Hu­mor von JUS­TE CIEL! (so der Ori­gi­nal­ti­tel).

Lau­rent Tirard hat schon mehr­fach be­wie­sen, dass er nicht mit gött­li­chem Ta­lent ge­seg­net ist. Sei­ne bis­he­ri­gen Fil­me DER KLEI­NE NICK und AS­TE­RIX & OBE­LIX sind al­len­falls Durch­schnitts­wa­re. Mit DAS NON­NEN­REN­NEN er­reicht der fran­zö­si­sche Re­gis­seur nun ei­nen vor­läu­fi­gen Tief­punkt sei­ner Kar­rie­re. 

Nichts ge­gen harm­los, aber selbst oh­ne Er­war­tun­gen muss man sa­gen: Der Film ist gründ­lich miss­lun­gen. Fast nichts funk­tio­niert. Die Gags sind ab­ge­stan­den, die Dia­lo­ge mit­tel­mä­ßig, die Cha­rak­te­re kli­schee­haft, oh­ne je­de Ent­wick­lung. Ori­gi­nel­le Ideen gibt es so gut wie kei­ne. Was all die gu­ten Schau­spie­ler da­zu be­wo­gen hat, in die­sem dümm­li­chen Lust­spiel mit­zu­wir­ken, bleibt ihr gro­ßes Ge­heim­nis. Schlech­tes­ter Film der Wo­che.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Jus­te Ciel!“
Frank­reich 2022
88 min
Re­gie Lau­rent Tirard

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

WILD WIE DAS MEER

WILD WIE DAS MEER

Ab 21. September 2023 im Kino

Wild wie das Meer sind oft auch die deutschen Verleiher: Der im Französischen schlicht „La passagère“ getitelte Film von Héloïse Pelloquet erzählt von einer 45-jährigen Fischerin, die sich in ihren 20-jährigen Lehrling verliebt.

Zu THE GRA­DUA­TE (DIE REI­FE­PRÜ­FUNG) gibt es vie­le span­nen­de Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, Wi­ki­pe­dia sei Dank. So war der im Film 21-jäh­ri­ge Dus­tin Hoff­man beim Dreh schon 30, wäh­rend An­ne Ban­croft erst 36 war. Sie spielt zwar ei­ne „äl­te­re“ Frau von 42, aber in Wahr­heit trenn­ten die bei­den Lie­ben­den nur 6 Jah­re. Auch in­ter­es­sant: Ei­gent­lich soll­te Do­ris Day die Rol­le der Mrs. Ro­bin­son über­neh­men, lehn­te aber ab. Und wer hät­te ge­wusst, dass die Bei­ne, auf die Dus­tin Hoff­man auf dem be­rühm­ten Film­pla­kat starrt, nicht An­ne Ban­crofts, son­dern Lin­da Grays sind, die Jah­re spä­ter als Sue El­len in DAL­LAS be­rühmt wur­de?

Ei­ne un­ge­wöhn­li­che, leicht rät­sel­haf­te Fi­gu­ren­kon­stel­la­ti­on

Ab­ge­se­hen vom The­ma "jun­ger Mann liebt äl­te­re Frau" könn­ten DIE REI­FE­PRÜ­FUNG und WILD WIE DAS MEER un­ter­schied­li­cher nicht sein. Vor al­lem stimmt dies­mal der Al­ters­un­ter­schied: Der schnu­cke­li­ge Fé­lix Le­feb­v­re (be­kannt aus Fran­çois Ozons SOM­MER 85) ist erst 23, die wun­der­ba­re Cé­ci­le de France 48.

Die Hand­lung ist nicht all­zu kom­plex: Chia­ra hat ih­ren Platz in ei­ner klei­nen Fi­scher­ge­mein­schaft an der schrof­fen fran­zö­si­schen At­lan­tik­küs­te ge­fun­den. Aus Lie­be zu ih­rem Mann An­toine hat sie des­sen Be­ruf er­lernt und fährt seit Jah­ren mit ihm aufs Meer. Als ihr neu­er Lehr­ling Ma­xence sei­ne Aus­bil­dung be­ginnt, fühlt sich Chia­ra bald zu dem jun­gen Mann hin­ge­zo­gen. Zwi­schen den bei­den ent­brennt ei­ne lei­den­schaft­li­che Af­fä­re.

Die ei­gent­lich ba­na­le Ge­schich­te vom Ehe­bruch wird durch ei­ne fein­füh­li­ge In­sze­nie­rung und die tol­len Schau­spie­ler zu et­was Be­son­de­rem. Vor al­lem Cé­ci­le de France spielt ih­re Rol­le mit kör­per­li­cher Kraft, weib­li­cher Sinn­lich­keit und sehr viel Charme. Zu­sam­men mit Fé­lix Le­veb­re und Gré­go­i­re Mon­sain­ge­on als ge­hörn­tem Ehe­mann ent­steht so ei­ne un­ge­wöhn­li­che, leicht rät­sel­haf­te Fi­gu­ren­kon­stel­la­ti­on, die weit ent­fernt von üb­li­chen Kli­schees bleibt. Das En­de dreht die Hand­lung noch ein­mal, zeigt Chia­ra als Frau, die be­freit ih­ren Weg geht. WILD WIE DAS MEER: ei­ne ein­fa­che Ge­schich­te, her­aus­ra­gen­de Schau­spie­ler – schö­ner Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „La pas­sa­gè­re“
Frank­reich 2022
93 min
Re­gie Hé­loï­se Pel­lo­quet

al­le Bil­der © At­las Film

DIE EINFACHEN DINGE

DIE EINFACHEN DINGE

Ab 21. September 2023 im Kino

Ein selbst gemachtes Omelette. Mittagsschlaf auf der Bergwiese. Ein treuer Hund als Weggefährte. Es sind die einfachen Dinge, die das Leben kostbar machen. Éric Besnards französisch-leichte Komödie LES CHOSES SIMPLES ist aber mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Der er­folg­rei­che Ge­schäfts­mann Vin­cent hat ei­ne Au­to­pan­ne in den Ber­gen, Han­dy­emp­fang gibt es 2.000 Me­ter über dem Mee­res­spie­gel nicht. Zum Glück knat­tert ge­ra­de Pierre auf dem Mo­tor­rad vor­bei und nimmt den Ge­stran­de­ten mit zu sei­nem Bil­der­buch-Hof. Ei­ne selbst­ge­koch­te Mahl­zeit, ei­ne Fla­sche Wein vor traum­haf­ter Na­tur­ku­lis­se – so ein­fach kann Glück sein. Doch hin­ter der schein­bar zu­fäl­li­gen Be­geg­nung der bei­den un­glei­chen Män­ner steckt mehr.

Her­zens­war­mes Feel­good Mo­vie

Auch wenn das The­ma der Su­che nach dem Glück schon oft in Fil­men be­han­delt wur­de und der Ge­gen­satz zwi­schen dem von der Welt zu­rück­ge­zo­ge­nen Ein­sied­ler und dem er­folg­rei­chen Ge­schäfts­mann kein be­son­ders ori­gi­nel­les Aus­gangs­sze­na­rio bie­tet, über­rascht DIE EIN­FA­CHEN DIN­GE doch mit ei­nem cle­ve­ren Dreh­buch und ei­ner tol­len Be­set­zung.

Sym­pa­thi­scher Kotz­bro­cken: Lam­bert Wil­son spielt mit ei­ner schö­nen Mi­schung aus ver­füh­re­risch und un­aus­steh­lich den Un­ter­neh­mer, der es ge­wohnt ist, sei­nen Wil­len durch­zu­set­zen. Ihm ge­gen­über steht Gre­go­ry Ga­de­bo­is als schweig­sa­mer Brumm­bär, der kei­ne An­nä­he­rung zu­lässt und vol­ler Miss­fal­len auf den Stadt­men­schen schaut.

DIE EIN­FA­CHEN DIN­GE ist ein in­tel­li­gen­tes und her­zens­war­mes Feel­good Mo­vie über – der Ti­tel legt es na­he – die ein­fa­chen, aber ele­men­tar wich­ti­gen Din­ge im Le­ben: Freund­schaft, Lie­be und fri­sche Luft. Schön.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Les Cho­ses simp­les“
Frank­reich 2023
95 min
Re­gie Éric Bes­nard

al­le Bil­der © Neue Vi­sio­nen

SIEBEN WINTER IN TEHERAN

SIEBEN WINTER IN TEHERAN

Ab 14. September 2023 im Kino

Winter is coming. Die Tage werden kürzer und auch im Kino ist Schluss mit lustig.

SIE­BEN WIN­TER IN TE­HE­RAN ist ein Do­ku­men­tar­film über schrei­en­des Un­recht. Die 19-jäh­ri­ge Reyha­neh Jab­ba­ri sitzt 2007 in Te­he­ran in ei­nem Eis­ca­fé. Ein äl­te­rer Mann spricht sie an, er ha­be mit­ge­hört, dass sie als De­si­gne­rin für Mes­se­stän­de ar­bei­te. Er hät­te ei­nen Auf­trag für sie, sei­ne Pra­xis für Schön­heits­chir­ur­gie sol­le neu ge­stal­tet wer­den. Die jun­ge Frau ist be­geis­tert, be­glei­tet den Mann zu ei­ner Be­sich­ti­gung der Räu­me. Schnell wird ihr klar, dass sie in ei­ne Fal­le ge­ra­ten ist. Der Mann schließt die Tür ab, be­ginnt Reyha­neh an­zu­grap­schen, will sie auf dem So­fa ver­ge­wal­ti­gen. Sie greift in ih­rer Not nach ei­nem Kü­chen­mes­ser, tö­tet den Mann. Kurz dar­auf wird sie we­gen Mor­des ver­haf­tet.

Er­schüt­ternd und schwer aus­zu­hal­ten

Wenn zum Un­glück auch noch Pech da­zu kommt. Nicht nur ist das „Op­fer“ ein gut ver­netz­ter Mit­ar­bei­ter des Ge­heim­diens­tes, im Iran gilt vor Ge­richt au­ßer­dem das Blut­recht. Die An­ge­hö­ri­gen des Ver­ge­wal­ti­gers for­dern – Au­ge um Au­ge, Zahn um Zahn – das Le­ben Reyha­nehs als Preis für den ei­ge­nen Ver­lust. Zu­stän­de wie im Mit­tel­al­ter, aber lei­der im­mer noch Rea­li­tät in ei­nem Land, gar nicht so weit weg von uns.

Herz­stück von Stef­fi Nie­der­zolls auf­wüh­len­der Do­ku­men­ta­ti­on sind heim­lich im Iran ge­dreh­te Auf­nah­men, er­gänzt durch In­ter­views mit den An­ge­hö­ri­gen. Die Ka­me­ra gibt ei­nen an­sons­ten un­mög­li­chen Ein­blick, be­wegt sich fast tas­tend durch Mi­nia­tur-Nach­bau­ten der wich­tigs­ten Sta­tio­nen: vom Ort des Ver­bre­chens, über den Ge­richts­saal bis zum Ge­fäng­nis. Aus dem Off liest da­zu ei­ne Schau­spie­le­rin Reyha­nehs Brie­fe aus der Haft.

Am 25.10.2014 wird Reyha­neh Jab­ba­ri hin­ge­rich­tet. Bis zu ih­rem Tod bleibt ihr Le­bens­wil­le un­ge­bro­chen, bis zum Schluss be­steht sie auf Ge­rech­tig­keit. Ei­ne von der Fa­mi­lie des Ver­ge­wal­ti­gers an­ge­bo­te­ne Ver­ge­bung, so sie sich schul­dig be­ken­ne, lehnt sie ab. Tra­gi­scher Tief­punkt ist ei­ne live mit­ge­dreh­te Han­dy­auf­nah­me, in der Reyha­nehs Mut­ter er­fährt, dass ih­re Toch­ter so­eben hin­ge­rich­tet wur­de. Das zu se­hen er­schüt­tert, ist schwer aus­zu­hal­ten. In­zwi­schen lebt die Fa­mi­lie in Ber­lin, nur dem Va­ter wird die Aus­rei­se ver­wei­gert. Reyha­nehs Schwes­tern und vor al­lem ih­re Mut­ter kämp­fen wei­ter ge­gen das Un­recht, das ira­ni­schen Frau­en bis heu­te an­ge­tan wird. SIE­BEN WIN­TER IN TE­HE­RAN ist vor dem Hin­ter­grund der ak­tu­el­len po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen im Iran ein wich­ti­ger und gleich­zei­tig we­nig Hoff­nung ma­chen­der Film.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Frank­reich 2023
97 min
Re­gie Stef­fi Nie­der­zoll 

al­le Bil­der © Litt­le Dream Pic­tures 

FOREVER YOUNG

FOREVER YOUNG

Ab 17. August 2023 im Kino

Der Film hat nichts mit dem gleichnamigen Alphaville-Gassenhauer zu tun, sondern heißt im Original LES AMANDIERS – was so viel wie „Die Mandelbäume“ bedeutet und im Zusammenhang mit einer Schauspielschule vielleicht noch verwirrender als der deutsch/​englische Titel ist.

Schau­spie­ler sind wie Ra­di­os: Im­mer auf Sen­den, nie auf Emp­fang. Be­son­ders an­ge­hen­de Jung­schau­spie­ler lö­sen mit ih­rer ex­al­tier­ten Art und dem Glau­ben, sie sei­en das Zen­trum des Uni­ver­sums oft Fremd­scham aus. Je­der Blick, je­de Ges­te scheint wich­tig und will ge­se­hen wer­den. Va­le­ria Bruni Te­de­schi hat mit FO­RE­VER YOUNG ei­nen Film über die­se be­son­de­re Spe­zi­es Mensch ge­macht, in dem sie ih­re ei­ge­ne Aus­bil­dungs­zeit er­in­nert.

Schau­spie­ler sind durch­ge­dreht, dro­gen­süch­tig und sex­be­ses­sen

En­de der 80er-Jah­re wer­den zwölf jun­ge Er­wach­se­ne (un­ter ih­nen das Al­ter-Ego der Re­gis­seu­rin) in die Thea­ter­schu­le "Eco­le du Thé­ât­re des Aman­diers" auf­ge­nom­men. Un­ter der Lei­tung von Pa­tri­ce Ché­reau pla­nen sie die Auf­füh­rung des Stücks "Pla­ta­now" von An­ton Tschechow. Den Bes­ten des Jahr­gangs ver­spricht der Re­gis­seur so­gar ei­ne Rol­le in der Ver­fil­mung des Stof­fes.

Va­le­ria Bruni Te­de­schi stellt mit Stel­la (aus­ge­zeich­net: Na­dia Te­reszkie­wicz) ei­ne ju­gend­li­che Ver­si­on ih­rer selbst in den Mit­tel­punkt die­ser nicht ganz kli­schee­frei­en Rei­se in die Ver­gan­gen­heit. An so ei­ner Thea­ter­schu­le geht es dem Film nach ge­nau­so zu, wie sich das Lies­chen Mül­ler vor­stellt: Al­le sind durch­ge­dreh­te Künst­ler (in­klu­si­ve der Leh­rer), dro­gen­süch­tig und sex­be­ses­sen.

Zum Glück be­steht ein Groß­teil der Sze­nen aus Vor­spre­chen und Pro­be­ar­bei­ten. Das ist um ei­ni­ges in­ter­es­san­ter, als den pri­va­ten Ir­run­gen der Mit­te Zwan­zig­jäh­ri­gen zu­zu­schau­en. Trotz ein paar Län­gen: FO­RE­VER YOUNG ist se­hens­wert. Denn die Re­gis­seu­rin hat ihr auf hüb­schem Re­tro-16mm ge­dre­hes Dra­ma mit­rei­ßend und vol­ler Elan in­sze­niert. Und wer die Ver­fil­mung von Tschechows "Pla­ta­now" (Ti­tel: HO­TEL DE FRANCE) des ech­ten Pa­tri­ce Ché­re­aus ge­se­hen hat, kann ra­ten, wel­chen der da­mals be­tei­lig­ten Schau­spie­ler Bruni Te­de­schi hier wie­der auf­er­ste­hen lässt.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Les Aman­diers“
Frank­reich 2022
126 min
Re­gie Va­le­ria Bruni Te­de­schi

al­le Bil­der © Neue Vi­sio­nen

ZOE & STURM

ZOE & STURM

Ab 10. August 2023 im Kino

Gefühlvoll, aber nicht kitschig. Rührend, aber nicht rührselig. Ein Pferdefilm, der nicht nur Reiter und kleine Mädchen zum Weinen bringt.

„Das Le­ben ist kein Po­ny­hof“ – wer so was sagt, be­weist eher we­nig Pfer­de­ver­stand, schließ­lich ge­hört ne­ben viel Lie­be auch ei­ne Men­ge Drecks­ar­beit da­zu, wenn sich Mensch und Gaul ge­gen­sei­tig auf Trab hal­ten. In ein Ge­stüt in der Nor­man­die führt der fran­zö­si­sche Pfer­de­film TEMPÊTE – zu Deutsch ZOE & STURM.

Atem­be­rau­ben­de Tier- und Land­schafts­bil­der

Er be­ginnt mit ei­ner Dop­pel­ge­burt: die Stu­te Sturm und das Mäd­chen Zoe, Toch­ter der Pfer­de­hof­be­sit­zer, er­bli­cken in der­sel­ben Nacht Sei­te an Sei­te das Licht der Welt. Die Qua­si-Zwil­lin­ge kom­men zwar aus gu­tem Stall, doch ge­hört die­ser ir­gend­wann ei­nem ame­ri­ka­ni­schen In­ves­tor samt Ehe­frau (mut­maß­lich aus Grün­den der US-Ver­markt­bar­keit ge­spielt von Dan­ny Hus­ton und Ex-Bond­girl Ca­ro­le Bou­quet). Da­mit nicht ge­nug, bringt ein Un­wet­ter die be­geis­ter­te Rei­te­rin Zoe ei­nes Nachts auch noch in den Roll­stuhl. Wie sich der quer­schnitts­ge­lähm­te Teen­ager mit­hil­fe sei­ner El­tern (Me­la­nie Lau­rent und Pio Mar­maï) ins Le­ben und so­gar in den Sat­tel zu­rück­kämpft, wird in atem­be­rau­ben­den Tier- und Land­schafts­bil­dern, rea­lis­ti­schen Dia­lo­gen, ei­ner in al­len Al­ters­stu­fen bes­tens be­setz­ten Zoe (u. a. von Car­men Kas­so­vitz, Toch­ter von Amé­lies­tar Ma­thieu Kas­so­vitz) und ei­nem un­er­war­tet lis­ti­gen Fi­na­le er­zählt.

Zoe & Sturm ist ei­ne Ad­ap­ti­on des Er­folgs­ro­mans „Tempête dans un ha­ras“ von Chris­to­phe Don­ner un­ter der Re­gie von Chris­ti­an Du­gu­ay. Ein be­we­gen­des und fes­seln­des Fa­mi­li­en­dra­ma – emp­feh­lens­wert für Zwei- und Vier­bei­ner jeg­li­cher Schul­ter­hö­he.

Text: An­ja Besch

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Tempête“
Frank­reich 2023
111 min
Re­gie Chris­ti­an Du­gu­ay

al­le Bil­der © DCM

IM HERZEN JUNG

IM HERZEN JUNG

Ab 03. August 2023 im Kino

Mehr MILF geht nicht: die Liebesgeschichte zwischen einer 70-Jährigen und einem Mittvierziger.

In Wür­de al­tern. Gar nicht so ein­fach, vor al­lem im Show­ge­schäft. Was zu viel Was­ser, Schlaf und Sex (aka Fil­ler, Face­lift und Bo­tox) mit ei­nem Ge­sicht an­rich­ten kön­nen, hat zu­letzt Li­o­nel Ri­chie bei King Charles’ Krö­nungs­ze­re­mo­nie ge­zeigt. Es hat eben nicht je­der so gu­te Ge­ne wie Fan­ny Ar­dant. Denn die sieht im­mer noch fa­bel­haft aus und steht zu ih­ren Fält­chen. Kein Wun­der, dass sich der Arzt Pierre (Mel­vil Pou­paud) gleich bei sei­ner ers­ten Be­geg­nung in die pen­sio­nier­te Ar­chi­tek­tin Shau­na schock­ver­liebt.

Bis in die Ne­ben­rol­len au­ßer­ge­wöhn­lich gut be­setzt

Beim Wie­der­se­hen nach 15 Jah­ren ist es end­gül­tig um die bei­den ge­sche­hen. Ob­wohl die Um­stän­de eher da­ge­gen­spre­chen: Pierre führt ein glück­li­ches Fa­mi­li­en­le­ben und liebt sei­ne klu­ge Frau (Cé­ci­le de France), Shau­na ist mit ih­rem Da­sein zu­frie­den, mit Be­zie­hungs­dra­men hat sie längst ab­ge­schlos­sen. Und dann wä­re da noch der klei­ne Al­ters­un­ter­schied von 25 Jah­ren. Heut­zu­ta­ge ist das jen­seits der 40 ge­sell­schaft­lich ak­zep­ta­bel, aber meist nur in die ei­ne Rich­tung. Äl­te­re Frau mit jün­ge­rem Mann hat im­mer noch Sel­ten­heits­wert.

IM HER­ZEN JUNG ba­siert auf ei­nem Dreh­buch von Solv­eig An­spach, ihr letz­tes vor ih­rem frü­hen Tod, das vom Le­ben ih­rer ei­ge­nen Mut­ter in­spi­riert wur­de. Mit Fein­ge­fühl und Men­schen­kennt­nis hat Re­gis­seu­rin Ca­ri­ne Tar­dieu die­se Ge­schich­te ei­ner be­son­de­ren Lie­be sechs Jah­re nach dem Tod der Au­torin ver­filmt. Das Me­lo­dram ist bis in die Ne­ben­rol­len au­ßer­ge­wöhn­lich gut be­setzt. Ne­ben Fan­ny Ar­dant und Mel­vil Pou­paud sind es vor al­lem Cé­cil de France, Flo­rence Loiret-Cail­le und Sha­rif An­dou­ra, die IM HER­ZEN JUNG se­hens­wert ma­chen. Ein lei­ser, schö­ner Film, der al­le Kli­schees ele­gant um­schifft.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Les jeu­nes amants“
Frank­reich / Bel­gi­en 2021
112 min
Re­gie Ca­ri­ne Tar­dieu

al­le Bil­der © Ala­mo­de Film

L’IMMENSITÀ – MEINE FANTASTISCHE MUTTER

L’IMMENSITÀ – MEINE FANTASTISCHE MUTTER

Ab 27. Juli 2023 im Kino

Ja, Penélope Cruz könnte auch das viel zitierte Telefonbuch vorlesen – es wäre trotzdem unmöglich, die Augen von ihr zu nehmen. In L’IMMENSITÀ spielt sie eine liebende Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Kombiniert mit aufregendem 70er-Jahre Style wird es dabei fast so gut wie bei Almodóvar.

Rom in den 1970er-Jah­ren: Im Mit­tel­punkt des Films steht ei­ne ganz nor­ma­le Fa­mi­lie. Cla­ra und Fe­li­ce sind in ei­ne neue Woh­nung ge­zo­gen, doch ih­re Ehe wird nur noch von den drei Kin­dern zu­sam­men­ge­hal­ten. Er hat Af­fä­ren, sie ist un­glück­lich, aber sie kom­men (noch) nicht von­ein­an­der los. Die zwölf­jäh­ri­ge Toch­ter Adria­na ringt mit ih­rer Iden­ti­tät. Sie ist als Mäd­chen ge­bo­ren, will aber lie­ber ein Jun­ge sein. An­de­re Zei­ten, mo­der­ne Pro­ble­me: Das fra­gi­le Fa­mi­li­en­ge­bil­de droht an Adria­nas Gen­der­fin­dung zu zer­bre­chen.

Nicht al­les hat ein Hap­py End

L’IMMENSITÀ – MEI­NE FAN­TAS­TI­SCHE MUT­TER ist gro­ßes Er­in­ne­rungs­ki­no. Und das nicht nur, weil Re­gis­seur Ema­nue­le Cria­le­se sei­ne ei­ge­ne Bio­gra­fie ver­ar­bei­tet. Wer selbst in den 1970er-Jah­ren auf­ge­wach­sen ist, fühlt sich im­mer wie­der an die ei­ge­ne Kind­heit er­in­nert. Das Ent­de­cken neu­er, ver­bo­te­ner Or­te, das ge­mein­sa­me Spie­len, die hei­ßen Som­mer­ta­ge, die strei­ten­den El­tern, die sich oft um sich selbst und nicht um die Kin­der dre­hen. Re­gis­seur Cria­le­se hat ne­ben der wie im­mer tol­len Pe­né­lo­pe Cruz ei­ne auf­re­gen­de Neu­ent­de­ckung vor die Ka­me­ra ge­holt: Lu­a­na Giu­lia­ni spielt die ge­schlechts­ver­wirr­te Toch­ter so glaub­wür­dig und in­ten­siv – man mag kaum glau­ben, dass das Mäd­chen hier sein Lein­wand­de­büt gibt.

Sel­ten war Trau­rig­keit so far­ben­froh und pop­pig bunt. Die Mu­sik von Raf­fa­el­la Car­rà, Pat­ty Pra­vo und Adria­no Ce­len­ta­no tut ihr Üb­ri­ges. Trotz­dem ist L’IMMENSITÀ – MEI­NE FAN­TAS­TI­SCHE MUT­TER nie­mals kit­schig oder me­lo­dra­ma­tisch. Viel­leicht so­gar ein biss­chen zu ernst. Die epi­so­den­haf­te Er­zähl­wei­se spie­gelt das wah­re Le­ben wie­der: Auch da bleibt vie­les un­ge­löst, nicht al­les hat ein Hap­py End.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „L’Immensità“
Ita­li­en / Frank­reich 2022
94 min
Re­gie Ema­nue­le Cria­le­se

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

MEIN FABELHAFTES VERBRECHEN

MEIN FABELHAFTES VERBRECHEN

Ab 06. Juli 2023 im Kino

Auch ein Meisterregisseur schwächelt mal. François Ozons hochkarätig besetzte Boulevard-Klamotte läuft ab Donnerstag im Kino.

Sie ist jung, hübsch und bit­ter­arm. Nun steht die mä­ßig be­gab­te Möch­te­gern­schau­spie­le­rin Made­lei­ne Ver­die vor Ge­richt. An­ge­klagt für ei­nen Mord, den sie nicht be­gan­gen hat. Ein ein­fluss­rei­cher Film­pro­du­zent wur­de er­schos­sen auf­ge­fun­den, kurz nach­dem Made­lei­ne des­sen Vil­la über­stürzt ver­las­sen hat. Auf der An­kla­ge­bank ge­steht sie über­ra­schend – aus Not­wehr ha­be sie ge­han­delt. Der Frei­spruch bringt ihr Rol­len­an­ge­bo­te, Ruhm und Reich­tum. Da taucht der ehe­ma­li­ge Stumm­film­star Odet­te Chau­met­te auf und be­haup­tet, sie sei die wah­re Mör­de­rin.

Er­staun­lich durch­schnitt­li­che Bou­le­vard­ko­mö­die

Das sieht zwar al­les gut aus: Kos­tü­me, Sets und Aus­stat­tung sind vom Feins­ten. Aber die er­staun­lich durch­schnitt­li­che und vor al­lem in der ers­ten Hälf­te ge­pflegt lang­wei­li­ge Bou­le­vard­ko­mö­die wird nur durch sei­nen er­le­se­nen Cast am Le­ben ge­hal­ten. Mit we­ni­ger pro­mi­nen­ten Schau­spie­lern be­setzt wä­re MEIN FA­BEL­HAF­TES VER­BRE­CHEN auch als Ohn­sorg-Thea­ter­stück im deut­schen Fern­se­hen der 1970er-Jah­re durch­ge­gan­gen.

Fran­çois Ozon wä­re nicht Fran­çois Ozon, hiel­te er nicht auch hier ein flam­men­des Plä­doy­er für die Stär­ke der Frau­en. Im­mer­hin. An­sons­ten fragt man sich, was den Star­re­gis­seur ge­rit­ten hat, die­se schnell zu ver­ges­sen­de Ko­mö­die mit Hang zum Me­lo­dra­ma­ti­schen als sein neu­es Pro­jekt zu wäh­len. Be­son­ders nach dem sehr ge­lun­ge­nen SOM­MER 85 ei­ne über­ra­schen­de Ent­schei­dung. Es muss wohl der Spaß an ein paar thea­ter­haf­ten Ef­fek­ten, den (zu) vie­len Plot-Twists und ei­nem hoch­ka­rä­ti­gen En­sem­ble ge­we­sen sein. Ne­ben Isa­bel­le Hup­pert als al­tern­de Di­va glänzt das who is who des fran­zö­si­schen Films – un­ter an­de­rem Dan­ny Boo­ne, Na­dia Te­reszkie­wicz, Re­bec­ca Mar­der, Fa­bri­ce Luchi­ni und An­dré Dus­sol­lie.

Als lau­ni­ge Fin­ger­übung geht MEIN FA­BEL­HAF­TES VER­BRE­CHEN durch, von Ozon darf man sonst deut­lich mehr er­war­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Mon Crime“
Frank­reich 2023
102 min
Re­gie Fran­çois Ozon

al­le Bil­der © WELT­KI­NO

DIVERTIMENTO – EIN ORCHESTER FÜR ALLE

DIVERTIMENTO – EIN ORCHESTER FÜR ALLE

Ab 15. Juni 2023 im Kino

Eine junge Frau mit Migrationshintergrund will gegen alle Widrigkeiten die Dirigentin eines Symphonie-Orchesters werden. Der bessere TÁR kommt am Donnerstag in die Kinos.

Wer kennt das nicht? Der Abend war lang, der Schlaf köst­lich und dann klin­gelt der We­cker zu frü­her Stund um kurz nach acht. Das Plu­meau wiegt noch herr­lich schwer und der Ge­dan­ke, sich ins Ki­no zu schlep­pen, scheint un­gut. Zu­mal es im an­ge­kün­dig­ten Film um klas­si­sche Mu­sik und ei­ne Di­ri­gen­tin geht. Zu frisch ist die quä­len­de Er­in­ne­rung an TÁR, das ci­ne­as­ti­sche Äqui­va­lent zu ei­nem son­ni­gen Tag, an dem die Freun­de drau­ßen spie­len und man selbst in der sti­cki­gen Woh­nung ei­ner to­des­lang­wei­li­gen Er­wach­se­nen­un­ter­hal­tung zu­hö­ren muss.

Ein vom ers­ten bis zum letz­ten Takt be­we­gen­der Film

Da­mit wä­re der größ­te Un­ter­schied zwi­schen TÁR und DI­VER­TI­MEN­TO – EIN OR­CHES­TER FÜR AL­LE zu­sam­men­ge­fasst. Zwar han­deln bei­de Fil­me von der Aus­nah­me­erschei­nung „Di­ri­gen­tin­nen“ – welt­weit sind es nur 6 % Frau­en, die ein Sin­fo­nie­or­ches­ter lei­ten – doch das wars mit den Ge­mein­sam­kei­ten. Wäh­rend Ca­te Blan­chetts schau­spie­le­ri­sche Tour de Force den Zu­schau­er in mo­no­chro­mer Er­star­rung zu­rück­lässt, ist Re­gis­seu­rin Ma­rie-Castil­le Men­ti­on-Schaar ein vom ers­ten bis zum letz­ten Takt be­we­gen­der Film ge­lun­gen.

Sie ist 17 und hat ei­nen Traum: Za­hia Zioua­ni will Di­ri­gen­tin des Schul­or­ches­ters an ei­nem Pa­ri­ser Kon­ser­va­to­ri­um wer­den. Doch das Mäd­chen aus der Vor­stadt wird von den meis­ten ih­rer eli­tä­ren Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­ler nicht ernst ge­nom­men. Fal­sche Her­kunft, fal­sches Ge­schlecht, zu jung! “Di­ri­gent sein ist kein Be­ruf für ei­ne Frau“ be­schei­nigt ihr auch Ser­giu Ce­li­bi­da­che, be­vor der be­rühm­te Or­ches­ter­lei­ter sie doch un­ter sei­ne Fit­ti­che nimmt.

DI­VER­TI­MEN­TO ist in­spi­riert von der wah­ren Ge­schich­te Za­hia Zioua­nis, ei­ne der we­ni­gen Di­ri­gen­tin­nen welt­weit. Die Be­set­zung (wun­der­bar: Ou­la­ya Amam­ra und Li­na El Ara­bi als mu­si­ka­li­sche Schwes­tern und Niels Ares­trup als bein­har­ter Men­tor) über­zeugt – kein Wun­der, be­steht sie doch größ­ten­teils aus ech­ten Mu­si­kern. Klei­ne Kri­tik: Die vie­len un­ter­schied­li­chen Vi­gnet­ten aus dem All­tag der jun­gen Za­hia und ih­rer Fa­mi­lie fü­gen sich nicht ganz rund zu ei­ner flüs­sig er­zähl­ten Ge­schich­te zu­sam­men. Da hät­te das ein oder an­de­re weg­ge­las­sen oder ein we­nig aus­führ­li­cher er­zählt wer­den kön­nen. Doch durch sei­ne po­si­ti­ve Bot­schaft und sei­ne Her­zens­wär­me schafft es DI­VER­TI­MEN­TO, selbst klas­si­scher Mu­sik nicht son­der­lich zu­ge­neig­ten Zu­schau­ern ab­wech­selnd ein Trän­chen ins Au­ge und ein Lä­cheln ins Ge­sicht zu zau­bern. Ein un­kit­schi­ges Feel-Good-Mo­vie.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Di­ver­ti­men­to“
Frank­reich 2022
114 min
Re­gie Ma­rie-Castil­le Men­ti­on-Schaar

al­le Bil­der © Pro­ki­no

MAMMA ANTE PORTAS

MAMMA ANTE PORTAS

Ab 25. Mai 2023 im Kino

Rentnerkinder mit greisen Eltern – die neue Normalität

Zum The­ma al­te Kin­der mit noch äl­te­ren El­tern schreibt Ga­brie­la Her­pel im Süd­deut­sche Zei­tung Ma­ga­zin: Heu­te ver­brin­gen wir 50 bis 60 ge­mein­sa­me Jah­re mit un­se­ren El­tern oder ei­nem El­tern­teil, noch zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts wa­ren es 15 bis 20 Jah­re. Es ist al­so ei­ne ver­dammt lan­ge Be­zie­hung, die wir mit ih­nen füh­ren.

Wohl wahr. Dass sich er­grau­te Rent­ner mit ih­ren leicht ge­brech­li­chen, aber im­mer noch top­fit­ten El­tern be­schäf­ti­gen müs­sen, ist heut­zu­ta­ge Nor­mal­zu­stand. Höchs­te Zeit, ei­nen Film dar­über zu ma­chen.

Be­lang­lo­se Fa­mi­li­en­ko­mö­die aus Frank­reich

Jac­que­line ist zwar schon 70, hat aber sehr mo­der­ne Pro­ble­me: Mit ih­rem Ver­lob­ten hat sie sich ver­kracht, ih­re Woh­nung ist dank fau­ler Hand­wer­ker ei­ne ewi­ge Bau­stel­le. Al­so zieht sie kur­zer­hand zu ih­rer er­wach­se­nen Toch­ter Ca­ro­le und nervt die, wie es nur ei­ne Mut­ter kann. Die Scha­le passt nicht zur Kom­mo­de, das Es­sen schmeckt nicht, die Kü­chen­schrän­ke sind falsch ein­ge­räumt und so wei­ter und so fort. Als dann auch noch die 90-jäh­ri­ge Groß­mutter auf­taucht, be­kommt Jac­que­line von ih­rer ei­ge­nen bit­te­ren Me­di­zin zu schme­cken.

Ich freue mich über dei­nen hüb­schen An­hän­ger!
Ja, den hat Mut­ter lan­ge ge­tra­gen.
Scha­de, er macht dich so blass …

Ein Dia­log wie aus dem Hand­buch der Sti­che­lei­en. Aus­ge­dacht hat ihn sich Vic­co von Bülow 1991 für sei­nen Film PAP­PA AN­TE POR­TAS. Eti­ket­ten­schwin­del: Von der bit­ter­bö­sen Ge­nia­li­tät des Lo­ri­ot-Klas­si­kers ist die fran­zö­si­sche Ko­mö­die MAM­MA AN­TE POR­TAS (im Ori­gi­nal UN TOUR CHEZ MA FIL­LE) mei­len­weit ent­fernt.

Éric La­vai­ne ver­mei­det in sei­ner Fa­mi­li­en­auf­stel­lung ech­te Ge­mein­hei­ten, al­les bleibt harm­los leicht. Da­bei hält das The­ma reich­lich Kon­flikt­stoff pa­rat. Das hät­te ein paar gif­ti­ge­re Dia­lo­ge und scharf­zün­gig aus­ge­tra­ge­ne Strei­te­rei­en ver­tra­gen, ganz wie im rich­ti­gen Le­ben. Wenn es dann doch mal kracht, ist al­les schnell wie­der ver­zie­hen und die Streit­häh­ne lie­gen sich ver­söhnt in den Ar­men. Wer Fa­mi­li­en­höl­le kennt, weiß: so viel Net­tig­keit gibt es in der Rea­li­tät sel­ten. MAM­MA AN­TE POR­TAS ver­tut sei­ne Chan­ce und bleibt ei­ne un­ter­halt­sa­me, aber be­lang­lo­se Ko­mö­die.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Un tour chez ma fil­le“
Frank­reich 2021
85 min
Re­gie Éric La­vai­ne

al­le Bil­der © FILM­WELT