Nathalie - Überwindung der Grenzen

NATHALIE – ÜBERWINDUNG DER GRENZEN

Nathalie - Überwindung der Grenzen

NATHALIE – ÜBERWINDUNG DER GRENZEN

Zahme Schweizer Politkomödie zum Thema Flüchtlingskrise.

Ab 30. Mai 2024 im Kino

Nathalie - Überwindung der Grenzen

Nathalie Adler (Isabelle Carré) arbeitet für die Europäische Union und soll für den französischen Präsidenten Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel einen Besuch in einem Flüchtlingslager auf Sizilien organisieren. Aber weil es da viel zu ordentlich aussieht, werden für den dramatischen Effekt hektisch marode Zelte aufgebaut und Schmutz verteilt. Während der Arbeiten trifft Nathalie ihren Sohn wieder, den sie vor neun Jahren verlassen hatte.

Nathalie - Überwindung der Grenzen

Kurios wird es, als die Delegierten aus Berlin und Paris einen ausgewählten Vorzeigeflüchtling kritisieren, weil er zu eloquent spricht. Besonders sein fließendes Französisch wird beanstandet. „Bitte etwas zögerlicher reden“ wird ihm nahegelegt, um vor den Fernsehkameras mehr Mitgefühl zu erzeugen. Von zynischem Humor wie diesem hätte der Film gut mehr vertragen, der Rest ist für eine politische Satire überraschend zahm.

Nathalie - Überwindung der Grenzen

Nathalies Sohn Albert (Théodore Pellerin) hingegen ist wütend und stellt die gesamte Politik an den Pranger. Als engagiertes Mitglied einer NGO gibt der Einundzwanzigjährige einer kritischen Journalistin vertrauliche Informationen zur europäischen Asylpolitik weiter, vor allem, um damit seiner verhassten Mutter zu schaden. Die hatte ihn im Alter von 12 beim Vater zurückgelassen und war mit einer Frau durchgebrannt. Neben Hauptdarstellerin Isabelle Carré ist der junge Kanadier Théodore Pellerin das andere Highlight des Films: eine Entdeckung. Demnächst ist er in der Disney+-Serie BECOMING LAGERFELD als dessen große Liebe Jacques de Bascher zu sehen.

Nathalie - Überwindung der Grenzen

Flüchtlingskrise, Boatpeople, Mutter-Sohn-Konflikt, lesbische Liebe, Politik: Regisseur Lionel Baier packt zu viel in 84 Minuten. NATHALIE – ÜBERWINDUNG DER GRENZEN bietet einige gute Momente und starke schauspielerische Leistungen, aber insgesamt bleibt die Mischung aus Familiendrama und Politsatire zu harmlos.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „La Dérive des continents (au sud)“
Schweiz / Frankreich 2022
84 min
Regie Lionel Baier

Nathalie - Überwindung der Grenzen

alle Bilder © W-FILM / Les Films du Losange

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Das Zimmer der Wunder

DAS ZIMMER DER WUNDER

Das Zimmer der Wunder

DAS ZIMMER DER WUNDER

Um die Welt reisen und dabei zu sich selbst finden? Eine neue Variante von EAT PRAY LOVE kommt mit dieser französischen Bestsellerverfilmung in die Kinos.

Ab 16. Mai 2024 im Kino

Im Gegensatz zum Julia-Roberts-Wohlfühlfilm hat der Selbstfindungs-Trip in DAS ZIMMER DER WUNDER einen tragischen Auslöser: Der 12-jährige Louis (Hugo Questel) wird beim Skaten von einem Auto angefahren und fällt ins Koma. Seine Mutter Thelma (Alexandra Lamy) findet Monate später ein Heft ihres Sohnes, in dem der Junge aufgeschrieben hat, was er „vor dem Untergang der Welt“ noch erledigen will. Thelma beschließt, die Bucketlist abzuarbeiten und hofft, damit ihren komatösen Sohn ins Leben zurückzuholen.

Feelgood-Movie über einen Teenager im Koma

Location, location, location: Zum großen Glück der Filmemacher stehen ausschließlich visuell reizvolle Wünsche auf der To-Do-Liste: Einen japanischen Mangazeichner in Tokio treffen, auf einer pittoresken Küstenstraße skaten, mit Walen schwimmen, ein indisches Holi-Fest feiern – was sich normale 12-Jährige halt so wünschen.

Kann das gut gehen, ein Feelgood-Movie über einen Teenager im Koma? Was als Buch funktioniert (auch weil Autor Julien Sandrel im Roman Louis eine Stimme gibt), geht im Film nur bedingt auf. Das hat vor allem handwerkliche Ursachen. Besonders nervig: Ständig werden Szenen mit Formatradio-Musik unterlegt, als wollten die Filmemacher damit die Löcher im Drehbuch oder in den Dialogen kaschieren. Eine Unsitte, die man sonst vor allem aus Til-Schweiger-Filmen kennt und hasst.

Auch mit Kitsch und Klischees spart DAS ZIMMER DER WUNDER nicht. Nur dank Hauptdarstellerin Alexandra Lamy und jeder Menge liebenswerter Nebenfiguren wird das Ganze nicht komplett zum Fremdschämen – obwohl es bei Gott genug peinliche Momente gibt. Je länger der Film dauert, desto unglaubwürdiger wird er. Insgesamt eine durchwachsene Reise.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „La Chambre des merveilles“
Frankreich 2023
99 min
Regie Lisa Azuelos

Das Zimmer der Wunder

alle Bilder © SquareOne Entertainment

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It's raining men

IT‘S RAINING MEN

It's raining men

IT‘S RAINING MEN

Der Titel klingt schlimmer, als es ist. Caroline Vignals Komödie erzählt von einer abenteuerlustigen Frau zwischen Beziehungskrise und heimlichen Dates

Ab 09. Mai 2024 im Kino

It's raining men

Die Luft ist raus. Nach 16 Jahren Ehe und zwei Kindern schlafen Iris (Laure Calamy) und ihr Mann zwar noch im gleichen Bett, aber außer „Gute Nacht“-Sagen läuft seit 4 Jahren nichts mehr. Kein Wunder, dass sie Sachbücher mit so vielsagenden Titeln wie „Die erkaltete Frau“ liest, während er in die Tasten seines Laptops haut. Romantik geht anders. Doch als sich Iris bei einer Dating-App für Verheiratete anmeldet, hat das ungeahnte Folgen. Gerade noch frustriert und underfucked weiß die Mittvierzigerin bald nicht mehr wohin mit der ganzen sexuellen Energie.

It's raining men

Klingt harmlos, bleibt es auch bis zum Schluss. Die leichte französische Komödie verzichtet zum Glück aufs Moralisieren, erwartbare Eifersüchteleien werden schnell abgehakt. Man könnte sich fragen, was das Ganze soll, denn auch das Ende ist so vorhersehbar, wie man das von einem familienfreundlichen Film erwartet. Egal, der Weg ist das Ziel. Laure Calamy als lustige und in den richtigen Augenblicken verletzliche Frau im Tinderdschungel ist ein Glücksgriff. Dazu frischt Regisseurin Caroline Vignal ihre Inszenierung mit putzigen Ideen auf. Eine spontane Musicaleinlage und eine sehr hübsche Szene, in der potenzielle Bettgenossen direkt aus der App livehaftig in der U-Bahn auftauchen, um sich und ihre Vorzüge anzupreisen, machen IRIS ET LES HOMMES zu einem kurzweiligen Vergnügen. Dass sogar der doofe deutsche Verleihtitel IT‘S RAINING MEN irgendwie Sinn ergibt, ist dabei die größte Überraschung.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Iris et les hommes“
Frankreich 2023
98 min
Regie Caroline Vignal

It's raining men

alle Bilder © X Verleih

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Robot Dreams

ROBOT DREAMS

Robot Dreams

ROBOT DREAMS

Träumen Roboter von elektrischen Schafen? ROBOT DREAMS gibt die verblüffende Antwort: Nein, von lebendigen Hunden.

Ab 09. Mai 2024 im Kino

Robot Dreams

Hund lebt in Manhattan und ist einsam. Deshalb bestellt er sich einen Roboter per Telefon, Internet gibt es in den 80er-Jahren noch nicht. Hund und Roboter werden beste Freunde und verbringen glückliche Tage in New York. Bis Hund eines Tages seinen Freund am Strand zurücklassen muss. Werden sich die beiden jemals wiedersehen?

Robot Dreams

ROBOT DREAMS ist in vielerlei Hinsicht wunderschön. Soundtrack, Animationsstil und die besondere Art, eine emphatische Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft zu erzählen, machen ihn zum Gesamtkunstwerk. Auf der gleichnamigen Graphic Novel von Sara Varon basierend, ist er eines der wenigen, aber bemerkenswerten Beispiele für Animationsfilme aus Europa, genauer gesagt aus Spanien.

Robot Dreams

Ganz ohne Dialoge, dafür mit liebevoll ausgedachten Figuren ist ROBOT DREAMS vielleicht nicht der erwartete große LOBI-AG-Klassiker (dafür ist das Ende zu semi-happy), aber eine Wohltat im Vergleich zu dem glatten, sich nur noch selbst zitierenden Disney-Einheitsbrei. Ein kluger, wundersamer Animationsfilm, der beweist: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Empfehlenswert – auch (oder gerade) für Erwachsene.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Robot Dreams“
Spanien / Frankreich 2023
103 min
Regie Pablo Berger

Robot DReams

alle Bilder © PLAION PICTURES

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White Bird

WHITE BIRD

White Bird

WHITE BIRD

Parlez-vous anglais? Marc (nicht Mark) Forster inszeniert in seinem Edelkitsch-Film eine französische Geschichte mit englischer Besetzung.

Ab 11. April 2024 im Kino

White Bird

Julian (Bryce Gheisar) wird wegen Mobbings von seiner New Yorker Schule verwiesen. Nun muss er sich entscheiden: Hänge ich weiter mit den coolen Arschlochkids oder den gütigen Looserkids ab? Der Junge braucht einen sozialen Kompass. Auftritt Grand-mère Sara (Helen Mirren), frisch aus Paris eingeflogen (in der Grande Nation begrüßt man sich stets mit mehreren Küsschen, falls Zweifel an Dame Mirrens Herkunft aufkommen sollten). Um den Enkel auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, erzählt sie ihm die Geschichte ihrer Jugend.

White Bird

Es war einmal: Frankreich, Herbst 1942, Sara ist fünfzehn, geht zur Schule, hat viele Freundinnen, ist wohlbehütet. Doch dann okkupieren die Nazis das Dorf. Sara entgeht dank der Hilfe ihres Mitschülers Julien (Orlando Schwerdt) knapp der Deportation. Der Junge versteckt das jüdische Mädchen in der Scheune seiner Eltern (Gillian Anderson, Jo Stone-Fewings). Doch Kollaborateure lauern überall.

White Bird

Realitycheck: Julian (nicht Julien) hört auf seinen modernen, kabellosen Kopfhörern Justin Bieber-Songs aus dessen später Schaffensphase. Man kann also davon ausgehen, dass der Film in der Jetztzeit spielt. Helen Mirrens Figur ist 1942 fünfzehn Jahre alt. Also wäre sie nach Adam Riese heute um die 95. Was ist ihr Beautygeheimnis? Viel Schlaf und Wasser?

Von solchen Petitessen abgesehen, muss man sich fragen, weshalb Franzosen in diesem Film ausschließlich von Engländern gespielt werden. Kulturelle Aneignung? Besonders Gillian Anderson fällt in der Originalversion mit schwerem britischen Akzent auf. Da nützt es auch nichts, wenn Helen Mirren hier und da eine französische Floskel einbaut, die klingt, als habe sie eben einer Babbel-Lektion gelauscht.

White Bird

Die Guten sind grundgut, die Bösen absolut böse. Es gibt keine Grauzone. Eine Geschichte wie von den Gebrüdern Grimm erdacht. In der dramatischsten Szene wird der Film plötzlich zum Musical: Sara singt mit glockenheller Stimme das Lied „Little Bird“. Dazu Streicher, Akustikgitarre und Pianoklänge. Spätestens mit dem Auftritt von drei Wölfen wird klar: Dies ist ein Märchenfilm, und zwar mit Botschaft – Tue Gutes, so wird auch Dir Gutes getan. Oder Du wirst erschossen.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „White Bird“
USA 2023
121 min
Regie Marc Forster

alle Bilder © LEONINE

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OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS?

OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS?

Der Titel lässt es vermuten: OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS? ist eine leichte Komödie aus Frankreich.

Ab 21. März 2024 im Kino

Samstag Abend, im Fernsehen läuft nur Schrott, beim Zappen bleibt man in irgendeinem Dritten bei der Wiederholung eines alten Louis-de-Funès-Films hängen und muss lachen. „Nein! Doch! Ohh!“ Auf ähnlich hohem Witze-Niveau bewegt sich die französische Komödie COCORICO (Originaltitel). Die Geschichte um falschen Vaterlands-Stolz ist zumindest Anfangs ziemlich komisch.

Konventionell, aber sehr komisch

Die Winzer-Familie Bouvier-Sauvage ist nicht nur stolz auf ihre Nationalität, sondern mindestens genauso auf ihre aristokratische Vergangenheit. Als die einzige Tochter ankündigt, den Sohn eines einfachen Peugeot-Händlers zu heiraten, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Beim ersten Treffen der Schwiegereltern wird schnell klar, dass hier Welten aufeinanderprallen. Zu allem Überfluss überrascht das künftige Brautpaar die Eltern mit DNA-Tests, die mehr über die Abstammung der Anwesenden verraten, als ihnen lieb ist.

Die Seitenhiebe auf die ach so stolze „Grande Nation“ und das Spiel mit Klischees sind ausgesprochen lustig. Doch das gute Timing und den Wortwitz kann OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS? nicht halten. Man kann dem Film sozusagen beim Sprung über den Shark zuschauen. Die zunächst konventionelle, aber sehr komische Boulevard-Komödie kippt in der zweiten Hälfte in albernen Klamauk um.

Christian Clavier, seit MONSIEUR CLAUDE auf die Rolle des liebenswert-snobistischen Familienvaters abonniert, gibt an der Seite von Didier Bourdon, Sylvie Testud und Marianne Denicourt dem Affen mehr Zucker, als es guttut. Komödien wie OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS werden jedes Jahr gefühlt dutzendfach in Frankreich produziert. Bleibt abzuwarten, was als nächstes kommt: Die unvermeidliche Fortsetzung (das Ende deutet auf eine hin) oder ein deutsches Remake im Kaiserstuhl.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Cocorico“
Frankreich 2023
92 min
Regie Julien Hervé

alle Bilder © WELTKINO

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THE PALACE

THE PALACE

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Selten waren sich die Kritiker so einig: THE PALACE ist Roman Polanskis schlechtester Film. Ein filmisches Desaster im Schatten der Alpen.

Wie es THE PALACE geschafft hat, seine Weltpremiere auf den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Venedig zu feiern, ist das größte Rätsel. Hat sich das vorher niemand angeschaut? Die Möchtegern-Satire wäre gerne so bissig wie Ruben Östlunds TRIANGLE OF SADNESS, ist aber komplett zahnlos und dumm. Die Szenen wirken wie eine Aneinanderreihung von schlecht improvisierten Sketchen, oft unappetitlich und ohne roten Faden oder Sinn.

Nichts daran ist lustig

Die Handlung des Films könnte kaum belangloser sein. Schauplatz ist „The Palace“, ein plüschiges Luxushotel in den Schweizer Alpen. Hier versammelt sich im Dezember 1999 der Jetset, um gemeinsam ins Jahr 2000 zu feiern. Die Angst geht um, dass das Millennium-Problem die Welt zerstören wird, aber der unerschütterliche Hotelmanager Hansueli Kopf (Oliver Masucci) besteht darauf, dass alles gut wird. Sein einziges Ziel: Die protzigen Gäste mögen sich „nach Herzenslust mit Kaviar vollstopfen“ und Champagner trinken, „bis es ihnen aus den Ohren sprudelt.“

Man fragt sich, ob Masucci die Rolle aus Bewunderung für die Legende Polanski oder wegen einer verlorenen Wette angenommen hat. Die vulgäre Klientel wird von Fanny Ardant, John Cleese, einem monströs aussehenden Mickey Rourke und dem Deutschen Milan Peschel „gespielt“. Wer sich für kleine Hunde mit Durchfall, betrunkene Russen, kotzende Frauen und grotesk geliftete Altstars begeistert, kommt hier voll auf seine Kosten.

Nichts daran ist lustig: Wirklich im Ernst – gar nichts. Vom flachen Inhalt und der erbärmlichen Inszenierung abgesehen, sieht der Film auch noch schäbig aus. Roman Polanski, einst gefeierter Regisseur von Meisterwerken wie CHINATOWN und DER PIANIST, hat nun das wohl dunkelste Kapitel seiner Karriere geschrieben. Dass man Kunst und Künstler trennen soll, erweist sich hier als hohle Phrase, denn im Alter von 90 Jahren hat sich Polanski mit seinem vielleicht letzten Film endgültig selbst ins Aus geschossen.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „The Palace“
Italien / Polen / Schweiz / Frankreich 2023
97 min
Regie Roman Polanski

alle Bilder © Weltkino Filmverleih

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BABY TO GO

BABY TO GO

Ab 11. Januar 2024 im Kino

Familienplanung von übermorgen. BABY TO GO ist eine ironische Zukunftsvision mit hübschem Technik-Schnickschnack und Werbeästhetik.

Gleichberechtigung 5.0: Männer können auch im neuen Jahr nicht schwanger werden, da kann die Wissenschaft noch so lange forschen. Und Frauen wollen es nicht mehr. Die Hormone, die Hitzewallungen, die Schwangerschaftsstreifen! Stattdessen lässt sich der Nachwuchs in einem schicken Designer-Pod im Labor züchten. Kinderkriegen wird so einfach wie die Pflege eines Tamagotchis.

BLACK-MIRROR-Episode auf 111 Minuten gedehnt

BABY TO GO erzählt von Rachel (Emilia Clarke) und Alvy (Chiwetel Ejiofor), die sich nach langem Zögern entschließen, Eltern von einem Plastikei zu werden. Regisseurin Sophie Barthes nutzt für ihre Science-Fiction-Sozialsatire die visuellen Mittel einer Apple-Werbung. Slicke Technik (der Frühstückstoast kommt aus dem 3D-Drucker), sanfte Pastelltöne – die Welt der Zukunft sieht gut aus.

Doch gutes Aussehen alleine reicht nicht. BABY TO GO ist eine etwas zahnlose BLACK-MIRROR-Episode auf 111 Minuten gedehnt. Das hätte sich komprimierter und wirkungsvoller locker in der Hälfte der Zeit erzählen lassen. Trotz all der hübschen Bildideen zieht es sich zwischendurch wie eine Apple-Präsentation von Tim Cook.

Zuschauer, die zwischen 10 und 14 € für ein Kinoticket berappen, erwarten eine gewisse Quantität an Film. Deshalb gibt es hierzulande auch keinen Markt für Kurzfilme. Eine knackigere Version von BABY TO GO wäre besser bei einem Streamer oder als Hälfte eines Doublefeatures aufgehoben.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „The Pod Generation“
GB 2022
111 min
Regie Sophie Barthes

alle Bilder © Splendid Film

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FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN

FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Locker-leichte französische Komödie um ein Weihnachtsfest mit Hindernissen.

Perfekte Tischdeko, perfekter Baum, perfektes Fest. Weihnachten ist Vincent Barand heilig. Doch die Kinder sind erwachsen, haben andere Pläne oder müssen arbeiten. Die Feiertage alleine mit seiner Frau verbringen? Ausgeschlossen. „Weihnachten soll nicht romantisch sein, es ist das Fest der Familie.“ Vincent beschließt, sich im örtlichen Altenheim zwei einsame Bewohnerinnen auszuleihen. Doch Monique und ihre beste Freundin, die hemdsärmelige Jeanne, machen es sich bei ihren Gastgebern sehr schnell etwas zu gemütlich. Die stille Nacht, heilige Nacht droht im Chaos zu enden.

Am stärksten ist die Komödie in ihren melancholischen Momenten

FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN ist eine französische Komödie, die alles andere als perfekt ist. Dazu kippt die Story zu oft in Klamottige. Das ist schade, denn in den ruhigeren Szenen zeigt sich, was die hervorragende Besetzung drauf hat. Highlight des Films ist Emmanuelle Devos als Ehefrau Beatrice, der Christi Geburt herzlich egal ist und die gerne auf die nervige Gesellschaft der Seniorinnen verzichten würde. Franck Dubosc spielt den peniblen Weihnachtsenthusiasten angenehm zurückgenommen, sein Vincent wird nie zur Karikatur. Die Seniorinnen Danièle Lebrun und Danielle Fichaud sind okay, werden aber vom Drehbuch gezwungen, viele alberne Dinge tun. Besonders am Ende soll es mit aller Gewalt zu Herzen gehen, doch das wirkt dann komplett übertrieben und unglaubwürdig.

„Früher war mehr Lametta!“ – Weihnachten bedeutet für rund 14 Prozent der Deutschen puren Stress. Da kann ein bisschen Lachen bestimmt nicht schaden. Am stärksten ist die Komödie allerdings in ihren melancholischen Momenten, die Regisseur Clément Michel ohne Kitsch inszeniert. FAST PERFEKTE WEIHNACHTEN schaut sich gut weg, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Noël Joyeux“
Frankreich 2023
97 min
Regie Clément Michel

alle Bilder © Splendid Film

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WIE WILDE TIERE

WIE WILDE TIERE

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Das kennt man aus Brandenburg: Die einen wollen nichts wie weg - hin in die Großstadt. Die anderen haben Lärm und Prenzlpanther satt und ziehen aufs Land. Doch in den verwaisen Dörfern lauern oft Ablehnung und offener Hass auf die Zugezogenen.

Das französische Paar Antoine (Denis Ménochet) und Olga (Marina Foïs) lebt seit zwei Jahren in einer kleinen Gemeinde im Landesinneren Galiziens. Die beiden passen sich an, so gut es geht, arbeiten hart, betreiben Ackerbau und ernähren sich von dem, was sie erwirtschaften. Doch die Einheimischen bleiben unter sich, begegnen den ökologisch bewussten Neubauern mit Argwohn und Ablehnung. Besonders mit dem Nachbarn Xan (beängstigend fies: Luis Zahera) gibt es immer wieder Streit.

Es brodelt unter der Oberfläche

Es brodelt unter der Oberfläche und früher oder später wird es zur Katastrophe kommen. Als es dann so weit ist, wechselt der Film von der männlichen in die weibliche Perspektive. Das macht WIE WILDE TIERE vielschichtig und ungemein spannend. Dass die Geschichte von wahren Begebenheiten inspiriert ist, lässt die Verzweiflung über die elende Spezies Mensch noch wachsen. Warum nur gibt es so viel Neid und Verbohrtheit auf der Welt? Aber so einfach ist es nicht. In einer der besten Szenen des Films versuchen die Kontrahenten eine Annäherung. Bei einer Flasche Wein macht jeder seinen Standpunkt klar. Das führt zwar zu keiner Lösung, doch als Zuschauer wird man sich seines eigenen Schwarz-Weiß-Denkens bewusst und beginnt fast Mitgefühl für die vermeintlich „Bösen“ zu empfinden.

Seit der Weltpremiere in Cannes 2022, wo WIE WILDE TIERE als Sensation gefeiert wurde, ist sein Erfolg ungebrochen. Bei der Verleihung der Goyas 2023 räumte er neun Preise ab, unter anderem für Bester Film, Beste Regie sowie Bester Hauptdarsteller.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „As Bestas“
Spanien / Frankreich 2023
137 min
Regie Rodrigo Sorogoye

alle Bilder © STUDIOCANAL

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REIF FÜR DIE INSEL

REIF FÜR DIE INSEL

Ab 30. November 2023 im Kino

LES CYCLADES ist eine französische Komödie mit drei tollen Schauspielerinnen und einem dämlichen deutschen Titel.

Als junge Mädchen sind sie unzertrennlich, doch nach einem Streit verlieren sich Blandine und Magalie aus den Augen. Erst zwanzig Jahre später kommt es zu einem von Balndines Sohn arrangierten Wiedersehen. Die grundverschiedenen Frauen beschließen, auf die griechische Insel Amorgos zu fahren, ein Traum, den sie sich als Fans von Luc Bessons IM RAUSCH DER TIEFE schon als Teenager erfüllen wollten.

Es fängt erstmal ungut an

Für REIF FÜR DIE INSEL muss man Geduld mitbringen. Es fängt erstmal ungut an. Die Musik, die Kamera, die Inszenierung – fast glaubt man sich in einer Traumschiff-Folge auf Französisch verirrt zu haben. Auch die neu erwachte Freundschaft zwischen der völlig überdrehten, von ihren Freunden nicht zu Unrecht „Tinnitus“ genannten Magalie und der nach einer Scheidung verbitterten Blandine wirkt klischeehaft und nicht besonders glaubwürdig. Wären da nicht die herausragenden Schauspielerinnen: Olivia Côte und Laure Calamy bringen trotz alberner Drehbucheinfälle eine Wahrhaftigkeit in ihre Rollen, die Marc Fitoussis Komödie bald zu einer bewegenden Geschichte über Freundschaft macht.

REIF FÜR DIE INSEL ist ein Slowburner. Spätestens mit dem Auftritt von Kristin Scott Thomas als Alt-Hippie mit großem Herzen wird aus der sonnigen Komödie ein überraschend tiefgründiger Film. Getragen von einem fabelhaften Schauspielerinnen-Trio, wechselt die weibliche Buddy-Komödie zwischen sanfter Melancholie und charmanter Leichtigkeit. Hoffentlich funktioniert das auch in der Synchronfassung – der deutsche Peter-Cornelius-Titel lässt schon mal das Schlimmste vermuten.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Les Cyclades“
Frankreich 2023
110 min
Regie Marc Fitoussi

alle Bilder © Happy Entertainment

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AUF DEM WEG

AUF DEM WEG

Ab 30. November 2023 im Kino

Und noch ein Film zum Thema: Männer laufen von A nach B und finden sich dabei selbst. Diesmal wandert Jean Dujardin durch Frankreich.

Spätestens seit Hape Kerkelings Jakobsweg-Reise sehnt sich das Publikum nach Kerlen, die sich in schroffer Natur Erkenntnisse über sich selbst erlaufen. Auch Denis Imberts AUF DEM WEG bietet da inhaltlich wenig Neues. Doch im Vergleich zur verunglückten ICH BIN DANN MAL WEG-Verfilmung ist dieser Trip ein echtes Juwel. In Frankreich wollten das bis jetzt über eine Millionen Zuschauer sehen.

Jean Dujardin ist perfekt als gestrauchelter Macho

„Acht Meter reichten aus, um mir die Rippen, die Wirbel und den Schädel zu brechen. Acht Meter reichten, um 50 Jahre zu altern.“ Jean Dujardin spielt den Schriftsteller Pierre, der nach einer betrunkenen Kletterei aus dem 2. Stock eines Hotels auf die Straße fällt. Die Ärzte sehen zunächst wenig Chance auf Heilung. Ob der passionierte Kletterer jemals wieder laufen kann, ist mehr als fraglich. Doch wäre das so, gäbe es weder Buch noch Film. Gegen jede Diagnose findet Pierre die Kraft, eine 1.300 Kilometer lange Mammutwanderung quer durch Frankreich anzugehen. Sein Weg führt ihn von den südlichen Alpen über das Zentralmassiv bis zur Küste von La Hague.

Ein Traum der Privilegierten – so eine mehrmonatige Auszeit muss man sich finanziell leisten können. Praktisch, wenn man während der Wanderung noch seinem Job nachgehen kann – dass dabei dann ein Bestseller rauskommt – geschenkt. Aus der Fülle der Selbstfindungsfilme (und Bücher) sticht AUF DEM WEG wohltuend heraus. Das liegt vor allem an der Besetzung – Jean Dujardin ist perfekt als gestrauchelter Macho. Auch wenn es schon wieder ein Mann ist, der sich hier auf Seelenreise in die raue Natur begibt. Frauen fahren wohl lieber nach Indien oder gehen in den SPA.

Mit aufs Wesentliche reduzierten Rückblenden und grandiosen Naturaufnahmen entwickelt AUF DEM WEG einen leisen, fast poetischen Sog. Dazu werden aus dem Off die prägnantesten Stellen der Vorlage, Sylvain Tessons Lebenserinnerung „Auf versunkenen Wegen“ gelesen. So ist man dann nach 93 Minuten doppelt belohnt: einen schönen Film gesehen und gleichzeitig ein gutes Buch dazu gehört.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Sur les chemins noirs“ 
Frankreich 2021
93 min
Regie Denis Imbert

alle Bilder © X VERLEIH

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THE OLD OAK

THE OLD OAK

Ab 23. November 2023 im Kino

Regisseur Ken Loach ist 87 Jahre alt und hat keine Geduld mehr. Sein (wahrscheinlich) letzter Film ist nochmals ein Aufruf zu mehr Gemeinschaft und Solidarität.

Gelsenkirchen könnte auch in Großbritannien liegen. Easington ist eine dieser typisch nordenglischen Kleinstädte, die früher dank Bergbau mit Leben und harter Arbeit erfüllt waren, nun aber nach 30 Jahren des Niedergangs zu Geisterstädten verkommen. Es gibt keine Jobs, die Häuser verfallen oder werden zu Schleuderpreisen an Investoren verscherbelt. Der letzte Zufluchtsort für die, die den Absprung nicht geschafft haben, ist der lokale Pub „The Old Oak“. Dessen Wirt TJ Ballantyne (Dave Turner) hat selbst einige Schicksalsschläge erlebt, bei den verbitterten Tiraden seiner Stammgäste schaltet er deshalb lieber auf Durchzug. Als eines Tages unter dem Protest der Dorfbewohner eine große Gruppe syrischer Flüchtlinge in Easington eintrifft, ist die Aufregung und Ablehnung groß.

Ein Loblied auf die Arbeiterklasse

THE OLD OAK erzählt von der ungewöhnlichen platonischen Beziehung zwischen dem depressiven Pub-Besitzer TJ und der jungen, fotobegeisterten Syrerin Yara (Ebla Mari). Ganz langsam entwickelt sich eine zarte Freundschaft zwischen den beiden. Wahrhaftig und authentisch gespielt von Dave Turner und Ebla Mari, die hier ihr Filmdebüt gibt.

Ken Loach war und ist ein Meister im Darstellen des englischen Arbeitermilieus. So ist auch sein neuer – und nach eigener Aussage letzter – Film ein Loblied auf Gemeinschaftsgeist und die Arbeiterklasse. THE OLD OAK fügt sich damit nahtlos in das Lebenswerk des Regisseurs ein.

Keine Jobs, keine Perspektive, vergessen  und von der Regierung fallengelassen: Die Probleme der britischen Einheimischen und der syrischen Flüchtlinge sind sich gar nicht so unähnlich. Loachs Leidenschaft und sein Mitgefühl für diese Menschen sind aufrüttelnd und eindringlich. Dass der Regisseur nach einer fast 60-jährigen Karriere die Geduld verloren hat und deshalb seine Botschaften mit dem Holzhammer vermittelt, sei ihm verziehen. Nur das Ende geht dann doch zu weit und ist purer Sozialkitsch. Bis dahin ist OLD OAK ein bewegendes Drama über Verlustangst und die Schwierigkeit, die Hoffnung zu behalten. Das sehenswerte Alterswerk eines kompromisslosen und bemerkenswerten Regisseurs.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „The Old Oak“
Großbritannien / Frankreich 2023
113 min
Regie Ken Loach

alle Bilder © WILD BUNCH GERMANY

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NAPOLEON

NAPOLEON

Ab 23. November 2023 im Kino

Kino, wie es sein soll: episch, spannend, lustig und lehrreich. Ridley Scotts neues Meisterwerk zeigt den französischen Kaiser, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat.

Stolze 85 Jahre alt ist Ridley Scott und er kann’s noch immer. Mit NAPOLEON ist dem britischen Regisseur erneut ein großer Wurf gelungen. Dass das alles toll aussieht und die Schlachtszenen bombastisch sind, versteht sich fast von selbst. Schließlich hat der Mann mit ALIEN, BLADE RUNNER und GLADIATOR ganze Genres neu erfunden oder zumindest jahrzehntelang geltende Maßstäbe gesetzt.

Trotz der blutigen Schlachtszenen fast eine Komödie

Joaquin Phoenix ist die perfekte Besetzung und spielt den französischen Feldherrn und Kaiser als souveränes, rücksichtsloses Genie – zumindest wenn es um Kriegsführung geht. Im Privaten ist seine Hoheit dagegen das Gegenteil eines Genies. Unbeholfen, albern und dabei schwer in Josefine verliebt (fabelhaft: Vanessa Kirby). Von der Liebe seines Lebens, die ihm 15 Jahre (nicht immer) treu zur Seite steht, lässt sich Napoleon wegen ausgebliebener Nachkommen scheiden.

Überraschung: NAPOLEON ist trotz der blutigen Schlachtszenen fast eine Komödie. Mindestens aber ein historisches Drama mit komischen Elementen. Kleine Missgeschicke, absurde Dialoge und ein sich oft gar nicht kaiserlich verhaltender Kaiser sorgen für Lacher. Überhaupt ist Scott eine ausgesprochen kurzweilige (bei 157 Minuten Laufzeit) und lehrreiche Geschichtsstunde gelungen. Höhepunkt ist die Schlacht von Austerlitz, in der die französische Armee die Streitkräfte Russlands und Österreichs dank Napoleons strategischem Geschick auf dem Schlachtfeld auslöscht. Selten genug in Historienfilmen: Man versteht die Zusammenhänge und geht klüger aus dem Kino.

Ridley Scotts vielleicht nicht 100 % historisch korrekte Version des Lebens von Napoleon Bonaparte hätte noch reichlich weitere Lobeshymnen verdient. Zum Beispiel, dass Joaquin Phoenix auf einen falschen (französischen) Akzent verzichtet – Scotts HOUSE OF GUCCI wurde wegen übertriebenen Englisch-Italienisch-Kauderwelschs zur unfreiwilligen Komödie. Aber vor allem ist NAPOLEON für die große Leinwand gemacht. Apple hat den Film zwar finanziert und früher oder später wird er auf Apple TV+ laufen – aber vorher sollte man sich NAPOLEON unbedingt im Kino anschauen.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Napoleon“
USA / England 2023
157 min
Regie Ridley Scott

alle Bilder © Sony Pictures

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HÖR AUF ZU LÜGEN

HÖR AUF ZU LÜGEN

Ab 16. November 2023 im Kino

Eine traurige, aber unsentimentale Geschichte über die Zwänge der Moral – und deren Überwindung.

„Hör auf zu Lügen“, mahnt seine Mutter ihn. Dabei erfindet der junge Philippe Besson einfach nur gerne Geschichten. Er beobachtet fremde Menschen auf der Straße und fantasiert ihr Leben. Zu lügen hilft ihm, ehrlich zu sich selbst zu sein. Denn Philippe mag Jungs und das ist in einer kleinen französischen Provinz in den 1970er-Jahren ein echtes Problem. Im autobiografischen Roman „Hör auf zu Lügen“ erzählt Philippe Besson von seiner Jugendliebe.

Ein sehenswerter LGBTQ-Film

In Buch und Film heißt das Alter Ego des Schriftstellers Stéphane, ist 17 Jahre alt und schwer verliebt. Er fühlt sich von seinem Klassenkameraden, einem hübschen und bei den Mädchen beliebten Winzerssohn, angezogen und ist mehr als überrascht, als dieser sein Interesse erwidert. Thomas wird seine erste große Liebe. Doch diese Liebe muss im Verborgenen bleiben, denn Thomas verleugnet seine sexuelle Identität. Jahrzehnte später kehrt der inzwischen erfolgreiche Autor Stéphane zum ersten Mal seit seiner Jugend in sein Heimatdorf zurück. Kurz nach seiner Ankunft lernt er Lucas (Victor Belmondo) kennen und erfährt, dass der junge Mann der Sohn seiner großen Liebe Thomas ist. Eine Begegnung, die alte Wunden aufreißt.

Gerade das Buch zu Ende gelesen, schon kommt die Verfilmung in die Kinos. Was natürlich reiner Zufall ist, denn „Hör auf zu Lügen“ („Arrête avec tes mensonges“) hat Philippe Besson schon 2017 veröffentlicht. Wie das immer so ist, wenn die Zeit zwischen Lesen und Filmsehen zu kurz ist  – das Buch ist überlegen. Das hat man sich ganz anders vorgestellt – Regisseur Olivier Peyon erfindet Figuren dazu, verzichtet auf eine der drei Zeitebenen und gönnt seiner Hauptfigur mit einer leidenschaftlich vorgetragenen Rede ein unnötig versöhnliches, etwas kitschiges Ende.

Und trotzdem: HÖR AUF ZU LÜGEN lohnt sich. Das liegt vor allem an der zeitlosen, schnörkellos erzählten Geschichte und der Besetzung. Während die beiden jugendlichen Figuren in den Rückblenden eher blass bleiben, sind es besonders Guillaume de Tonquédec als älterer Stéphane Belcourt (aka Philippe Besson) und Victor Belmondo (unverkennbar der Enkel von Jean Paul), die die tragische Liebesgeschichte sehenswert machen. Buch wie Film sind ein Ersatz-Abschiedsbrief für den echten Thomas Andrieu, der sich 2016 das Leben nahm und Familie und Freunde ratlos zurückließ.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Arrête avec tes mensonges“
Frankreich 2022
98 min
Regie Olivier Peyon

alle Bilder © 24 Bilder

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ANATOMIE EINES FALLS

ANATOMIE EINES FALLS

Ab 02. November 2023 im Kino

Sandra Hüller Superstar. Deutschlands beste Schauspielerin überzeugt in Justine Triets Gerichtsdrama. Ist der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes wirklich so gut?

Ja.

Spoiler gibts natürlich keine, ist schließlich ein Gerichtsdrama. Im Gegensatz zu US-Filmen und Serien mit ähnlichen Sujets geht es in ANATOMIE EINES FALLS nicht in erster Linie darum, ob die Angeklagte schuldig ist oder nicht. Regisseurin Justine Triet interessiert sich mehr für das Zwischenmenschliche, die Dynamiken in einer Familie.

Ein Highlight des Kinojahres

Schuld ist ein bestimmender Faktor in der Beziehung von Sandra (Sandra Hüller) und Samuel (Samuel Theis). Die Deutsche und der Franzose leben in einem Chalet in den Bergen. Sie ist erfolgreiche Schriftstellerin, er wäre es gerne, ist aber nach einem Unfall, bei dem sein Sohn das Augenlicht verliert, von Selbstvorwürfen zerfressen. Eines unschönen Tages liegt Samuel mit klaffender Kopfwunde tot im Schnee. Ist er gestürzt? War es Selbstmord? Hat Sandra ihn erschlagen und über das Geländer gestoßen? ANATOMIE EINES FALLS ist exakt das, was der Titel verspricht. Der Fall wird minutiös auseinandergenommen, all die Umstände, die Streits, die seelischen Verletzungen, die zuvor in der Familie geschehen sind, werden mit scharfem Skalpell seziert.

Ein bisschen Geduld sollte man mitbringen. Mit 150 Minuten Lauflänge und wenig bis keiner Action, dafür non-stop Dialogen in Französisch und Englisch ist das Drama keine leichte Kost. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. ANATOMIE EINES FALLS ist ein Highlight des Kinojahres und würde – so es noch Sterne bei Framerate gäbe – locker die Höchstbewertung bekommen. Sandra Hüller ist nie schlecht, egal ob sie in einer Komödie (TONI ERDMANN, SISI UND ICH) oder einem Drama (EXIL, IN DEN GÄNGEN) mitspielt. Aber sie war vielleicht noch nie so gut wie hier. Ihre Figur Sandra spielt sie mit einer nuancierten Mischung aus sympathisch, zornig und verletzt. Das ist jeden Filmpreis wert, der in diesem Jahr vergeben wird. Das gesamte Ensemble glänzt – herausragend auch Milo Machado Graner als sehbehinderter Sohn Daniel. Immer wieder erstaunlich, wie verrückt talentiert Kinderschauspieler sein können.

Am Ende – das sei verraten – bleiben wie bei allen guten Gerichtsdramen Fragen unbeantwortet. Für jeden vermeintlichen Beweis gibt es mindestens zwei einleuchtende Erklärungen. War sie es, oder war sie es nicht? Schuld ist auch subjektiv. Der Zuschauer muss selbst entscheiden. ANATOMIE EINES FALLS – unbedingt ansehen.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Anatomie d’une chute“
Frankreich 2023
151 min
Regie Justine Triet

alle Bilder © PLAION PICTURES

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EIN FEST FÜRS LEBEN

EIN FEST FÜRS LEBEN

Ab 19. Oktober 2023 im Kino

Was alles am schönsten Tag des Lebens schiefgehen kann, muss Christoph Maria Herbst als Hochzeitsplaner in der überraschend frischen Komödie von Richard Huber erfahren.

Mit feinem bis ätzendem Humor erzählt EIN FEST FÜRS LEBEN von einer Hochzeitsfeier, bei der alles gründlich schief geht und trotzdem happy endet. Unter der Leitung von Christoph Maria Herbst als Dieter, der für die Rolle des gestressten und desillusionierten „Wedding Planners“ perfekt besetzt ist, rückt der Film nicht das Brautpaar oder die Hochzeitsgäste in den Mittelpunkt, sondern das Personal, das im Hintergrund die ganze Chose am Laufen hält. Oder auch nicht. Denn Dieter plant seine Firma zu verkaufen, ein Interessent will sich unerkannt unter die Gäste mischen. Versteht sich von selbst, dass an diesem besonderen Tag, an dem alles wie am Schnürchen laufen muss, die Lebensmittel verdorben sind, der gebuchte Sänger ausfällt und auch sonst jede menschenmögliche Katastrophe passiert.

Überraschend, wie intelligent und komisch das für eine deutsche Komödie ist

Dass es dabei hier und da auch mal klamaukig wird – sei’s drum. Das Drehbuch ist eine sympathische Mischung aus realistisch und übertrieben, vermeidet zum Glück die allzu platten Pointen. EIN FEST FÜRS LEBEN besticht mit viel Sinn für Situationskomik und einer hochkarätigen Besetzung. Neben Christoph Maria Herbst sind Jörg Schüttauf als fauler Hochzeitsfotograf und Marc Hosemann als egozentrischer Sänger und Bandleader die bekanntesten Darsteller.

Ein Sarkast würde sagen: Überraschend, wie intelligent und komisch das für eine deutsche Komödie ist. Kein Wunder, sie haben es schon wieder getan: Auch EIN FEST FÜRS LEBEN ist ein Eins-zu-eins-Remake. Die Ensemblekomödie der „Ziemlich beste Freunde“-Macher um die kleinen und großen Dramen, die sich hinter den Kulissen einer Hochzeitsfeier abspielen, kam 2017 unter dem Titel „Le sens de la fête“ in die französischen Kinos.

Regisseur Richard Huber ist natürlich ein alter Hase und weiß genau, wie man so eine locker-leichte Komödie auf den deutschen Markt zuschneidet. Am besten, man ändert wenig und übernimmt möglichst viel vom Original. Mit dem gleichen Rezept, bereits Erprobtes für den hiesigen Markt zu adaptieren, wurden schon 2021 die ebenfalls mit Christoph Maria Hebst besetzte Dramödie CONTRA und drei Jahre zuvor DAS PERFEKTE GEHEIMNIS große Erfolge. Und bei EIN FEST FÜRS LEBEN gibt es sogar eine echte Verbindung zur französischen Vorlage: Regisseur Huber ist trotz des bayrisch klingenden Namens gebürtiger Pariser.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2023
105 min
Regie Richard Huber

alle Bilder © Warner Bros. Pictures Germany

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DOGMAN

DOGMAN

Ab 12. Oktober 2023 im Kino

Miau! Das groß angekündigte Comeback von Starregisseur Luc Besson ist nur eine JOKER-Kopie auf vier Pfoten.

Douglas Munrow (Caleb Landry Jones) wird in Marilyn-Monroe-Kostümierung von der Polizei aufgegriffen. Im Kofferraum seines Lieferwagens finden die Cops ein Rudel Hunde. So weit, so merkwürdig. Im Gespräch mit der Psychologin Evelyn breitet der seltsame Hundeliebhaber anschließend seine Lebensgeschichte aus. Und die hat es in sich. Vom sadistischen Vater (Clemens Schick) und grenzdebilen Bruder wird er als kleiner Junge für Monate in einen Hundezwinger gesperrt. Zusammen mit einem Rudel felliger Vierbeiner wird so aus Doug erst Dogboy, dann Dogman.

Dafür gibts ein Leckerli

Dogman Doug und seine Hundetruppe könnten glatt im Zirkus auftreten. Die Pumen und Dobermänner beherrschen die tollsten Kunststücke, gehorchen jedem Befehl aufs Wort und können sogar ganz alleine in Häuser einbrechen und die Reichen bestehlen. Bravo! Dafür gibts ein Leckerli. Die Diebesbande auf vier Pfoten klaut in Herrchens Auftrag Perlen und Geschmeide, denn der verdient sich seinen Lebensunterhalt mittlerweile als Dragqueen. Im Marlene-Dietrich und Édith-Piaf-Look steht er schmuckbehangen auf der Bühne und trällert zum Playback.

Klingt absurd? Ist es auch. Luc Besson war schon immer ein Regisseur ohne kreative Grenzen. Das kann gut gehen – wie zu seiner künstlerischen Hochzeit mit LÉON – DER PROFI oder DAS FÜNFTE ELEMENT – kann aber auch gründlich schiefgehen wie bei LUCY oder VALERIAN. DOGMAN orientiert sich schamlos an Todd Philips Oscargewinner JOKER, die Figuren und die Handlung sind allerdings um einiges gröber geschnitzt, der Stil so sehr in your face, man könnte meinen, der Film basiert auf einem Groschenroman. Zwischentöne gibt es kaum – die Bösen sind grundböse am Rande der Karikatur, Hunde hingegen sind die besseren Menschen – gütig und schlau wie Einstein. Was natürlich auch der Wahrheit entspricht. Ist gut, Alfi. Ja Suse, jaha.

Ist Luc Besson ein guter Regisseur? Mal so, mal so. Technisch ist das alles gekonnt, aber DOGMAN ist kein wirklich gelungener Film und schon gar nicht das voreilig versprochene Comeback. Wenigstens kann man Besson nicht vorwerfen, zu langweilen. Unterhaltsam ist der JOKER auf vier Pfoten trotz allem.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Dogman“
Frankreich / USA 2023
113 min
Regie Luc Besson

alle Bilder © capelight pictures

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DAS NONNENRENNEN

DAS NONNENRENNEN

Ab 28. September 2023 im Kino

Mon Dieu, c'est mauvais. Laurent Tirards alberne Klamotte versucht den Witz alter Louis de Funes-Komödien heraufzubeschwören. Vergebens.

Das lokale Altenheim pfeift aus dem letzten Loch, eine Renovierung ist bitter nötig. Weil auch der Bürgermeister kein Geld hat, nehmen fünf Nonnen an einem Fahrradrennen teil. Als Preisgeld winken 25.000 €. Spitzenidee. Dumm nur, dass die Himmelsbräute ausschließlich verrostete Klapperräder im Stall haben und größtenteils nicht mal wissen, wie man so einen Drahtesel reitet. Zu allem Unglück taucht auch noch eine professionelle, voll durchtrainierte Gruppe von BMX-Rad-Nonnen auf, die ebenfalls scharf aufs Gewinnen sind.

NONNEN AUF HEISSEN BIKES
DIE VÖLLIG DURCHGEDREHTEN BETSCHWESTERN
RAD AB – 5 NONNEN FÜR EIN HALLELUJA

Neben „Tritt fester, Schwester“ böten sich noch viele weitere dümmliche Wortschöpfungen als Untertitel an, wäre DAS NONNENRENNEN vor 50 Jahren in die deutschen Kinos gekommen. Passend zur 70er-Jahre-Zopfigkeit ist auch der altbackene Nonstop-Nonsens Humor von JUSTE CIEL! (so der Originaltitel).

Laurent Tirard hat schon mehrfach bewiesen, dass er nicht mit göttlichem Talent gesegnet ist. Seine bisherigen Filme DER KLEINE NICK und ASTERIX & OBELIX sind allenfalls Durchschnittsware. Mit DAS NONNENRENNEN erreicht der französische Regisseur nun einen vorläufigen Tiefpunkt seiner Karriere. 

Nichts gegen harmlos, aber selbst ohne Erwartungen muss man sagen: Der Film ist gründlich misslungen. Fast nichts funktioniert. Die Gags sind abgestanden, die Dialoge mittelmäßig, die Charaktere klischeehaft, ohne jede Entwicklung. Originelle Ideen gibt es so gut wie keine. Was all die guten Schauspieler dazu bewogen hat, in diesem dümmlichen Lustspiel mitzuwirken, bleibt ihr großes Geheimnis. Schlechtester Film der Woche.

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Originaltitel „Juste Ciel!“
Frankreich 2022
88 min
Regie Laurent Tirard

alle Bilder © STUDIOCANAL

WILD WIE DAS MEER

WILD WIE DAS MEER

Ab 21. September 2023 im Kino

Wild wie das Meer sind oft auch die deutschen Verleiher: Der im Französischen schlicht „La passagère“ getitelte Film von Héloïse Pelloquet erzählt von einer 45-jährigen Fischerin, die sich in ihren 20-jährigen Lehrling verliebt.

Zu THE GRADUATE (DIE REIFEPRÜFUNG) gibt es viele spannende Hintergrundinformationen, Wikipedia sei Dank. So war der im Film 21-jährige Dustin Hoffman beim Dreh schon 30, während Anne Bancroft erst 36 war. Sie spielt zwar eine „ältere“ Frau von 42, aber in Wahrheit trennten die beiden Liebenden nur 6 Jahre. Auch interessant: Eigentlich sollte Doris Day die Rolle der Mrs. Robinson übernehmen, lehnte aber ab. Und wer hätte gewusst, dass die Beine, auf die Dustin Hoffman auf dem berühmten Filmplakat starrt, nicht Anne Bancrofts, sondern Linda Grays sind, die Jahre später als Sue Ellen in DALLAS berühmt wurde?

Eine ungewöhnliche, leicht rätselhafte Figurenkonstellation

Abgesehen vom Thema „junger Mann liebt ältere Frau“ könnten DIE REIFEPRÜFUNG und WILD WIE DAS MEER unterschiedlicher nicht sein. Vor allem stimmt diesmal der Altersunterschied: Der schnuckelige Félix Lefebvre (bekannt aus François Ozons SOMMER 85) ist erst 23, die wunderbare Cécile de France 48.

Die Handlung ist nicht allzu komplex: Chiara hat ihren Platz in einer kleinen Fischergemeinschaft an der schroffen französischen Atlantikküste gefunden. Aus Liebe zu ihrem Mann Antoine hat sie dessen Beruf erlernt und fährt seit Jahren mit ihm aufs Meer. Als ihr neuer Lehrling Maxence  seine Ausbildung beginnt, fühlt sich Chiara bald zu dem jungen Mann hingezogen. Zwischen den beiden entbrennt eine leidenschaftliche Affäre.

Die eigentlich banale Geschichte vom Ehebruch wird durch eine feinfühlige Inszenierung und die tollen Schauspieler zu etwas Besonderem. Vor allem Cécile de France spielt ihre Rolle mit körperlicher Kraft, weiblicher Sinnlichkeit und sehr viel Charme. Zusammen mit Félix Levebre und Grégoire Monsaingeon als gehörntem Ehemann entsteht so eine ungewöhnliche, leicht rätselhafte Figurenkonstellation, die weit entfernt von üblichen Klischees bleibt. Das Ende dreht die Handlung noch einmal, zeigt Chiara als Frau, die befreit ihren Weg geht. WILD WIE DAS MEER: eine einfache Geschichte, herausragende Schauspieler – schöner Film.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „La passagère“
Frankreich 2022
93 min
Regie Héloïse Pelloquet

alle Bilder © Atlas Film

DIE EINFACHEN DINGE

DIE EINFACHEN DINGE

Ab 21. September 2023 im Kino

Ein selbst gemachtes Omelette. Mittagsschlaf auf der Bergwiese. Ein treuer Hund als Weggefährte. Es sind die einfachen Dinge, die das Leben kostbar machen. Éric Besnards französisch-leichte Komödie LES CHOSES SIMPLES ist aber mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Der erfolgreiche Geschäftsmann Vincent hat eine Autopanne in den Bergen, Handyempfang gibt es 2.000 Meter über dem Meeresspiegel nicht. Zum Glück knattert gerade Pierre auf dem Motorrad vorbei und nimmt den Gestrandeten mit zu seinem Bilderbuch-Hof. Eine selbstgekochte Mahlzeit, eine Flasche Wein vor traumhafter Naturkulisse – so einfach kann Glück sein. Doch hinter der scheinbar zufälligen Begegnung der beiden ungleichen Männer steckt mehr.

Herzenswarmes Feelgood Movie

Auch wenn das Thema der Suche nach dem Glück schon oft in Filmen behandelt wurde und der Gegensatz zwischen dem von der Welt zurückgezogenen Einsiedler und dem erfolgreichen Geschäftsmann kein besonders originelles Ausgangsszenario bietet, überrascht DIE EINFACHEN DINGE doch mit einem cleveren Drehbuch und einer tollen Besetzung.

Sympathischer Kotzbrocken: Lambert Wilson spielt mit einer schönen Mischung aus verführerisch und unausstehlich den Unternehmer, der es gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Ihm gegenüber steht Gregory Gadebois als schweigsamer Brummbär, der keine Annäherung zulässt und voller Missfallen auf den Stadtmenschen schaut.

DIE EINFACHEN DINGE ist ein intelligentes und herzenswarmes Feelgood Movie über – der Titel legt es nahe – die einfachen, aber elementar wichtigen Dinge im Leben: Freundschaft, Liebe und frische Luft. Schön.

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Originaltitel „Les Choses simples“
Frankreich 2023
95 min
Regie Éric Besnard

alle Bilder © Neue Visionen

SIEBEN WINTER IN TEHERAN

SIEBEN WINTER IN TEHERAN

Ab 14. September 2023 im Kino

Winter is coming. Die Tage werden kürzer und auch im Kino ist Schluss mit lustig.

SIEBEN WINTER IN TEHERAN ist ein Dokumentarfilm über schreiendes Unrecht. Die 19-jährige Reyhaneh Jabbari sitzt 2007 in Teheran in einem Eiscafé. Ein älterer Mann spricht sie an, er habe mitgehört, dass sie als Designerin für Messestände arbeite. Er hätte einen Auftrag für sie, seine Praxis für Schönheitschirurgie solle neu gestaltet werden. Die junge Frau ist begeistert, begleitet den Mann zu einer Besichtigung der Räume. Schnell wird ihr klar, dass sie in eine Falle geraten ist. Der Mann schließt die Tür ab, beginnt Reyhaneh anzugrapschen, will sie auf dem Sofa vergewaltigen. Sie greift in ihrer Not nach einem Küchenmesser, tötet den Mann. Kurz darauf wird sie wegen Mordes verhaftet.

Erschütternd und schwer auszuhalten

Wenn zum Unglück auch noch Pech dazu kommt. Nicht nur ist das „Opfer“ ein gut vernetzter Mitarbeiter des Geheimdienstes, im Iran gilt vor Gericht außerdem das Blutrecht. Die Angehörigen des Vergewaltigers fordern – Auge um Auge, Zahn um Zahn – das Leben Reyhanehs als Preis für den eigenen Verlust. Zustände wie im Mittelalter, aber leider immer noch Realität in einem Land, gar nicht so weit weg von uns.

Herzstück von Steffi Niederzolls aufwühlender Dokumentation sind heimlich im Iran gedrehte Aufnahmen, ergänzt durch Interviews mit den Angehörigen. Die Kamera gibt einen ansonsten unmöglichen Einblick, bewegt sich fast tastend durch Miniatur-Nachbauten der wichtigsten Stationen: vom Ort des Verbrechens, über den Gerichtssaal bis zum Gefängnis. Aus dem Off liest dazu eine Schauspielerin Reyhanehs Briefe aus der Haft.

Am 25.10.2014 wird Reyhaneh Jabbari hingerichtet. Bis zu ihrem Tod bleibt ihr Lebenswille ungebrochen, bis zum Schluss besteht sie auf Gerechtigkeit. Eine von der Familie des Vergewaltigers angebotene Vergebung, so sie sich schuldig bekenne, lehnt sie ab. Tragischer Tiefpunkt ist eine live mitgedrehte Handyaufnahme, in der Reyhanehs Mutter erfährt, dass ihre Tochter soeben hingerichtet wurde. Das zu sehen erschüttert, ist schwer auszuhalten. Inzwischen lebt die Familie in Berlin, nur dem Vater wird die Ausreise verweigert. Reyhanehs Schwestern und vor allem ihre Mutter kämpfen weiter gegen das Unrecht, das iranischen Frauen bis heute angetan wird. SIEBEN WINTER IN TEHERAN ist vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen im Iran ein wichtiger und gleichzeitig wenig Hoffnung machender Film.

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Deutschland / Frankreich 2023
97 min
Regie Steffi Niederzoll 

alle Bilder © Little Dream Pictures 

FOREVER YOUNG

FOREVER YOUNG

Ab 17. August 2023 im Kino

Der Film hat nichts mit dem gleichnamigen Alphaville-Gassenhauer zu tun, sondern heißt im Original LES AMANDIERS - was so viel wie „Die Mandelbäume“ bedeutet und im Zusammenhang mit einer Schauspielschule vielleicht noch verwirrender als der deutsch/englische Titel ist.

Schauspieler sind wie Radios: Immer auf Senden, nie auf Empfang. Besonders angehende Jungschauspieler lösen mit ihrer exaltierten Art und dem Glauben, sie seien das Zentrum des Universums oft Fremdscham aus. Jeder Blick, jede Geste scheint wichtig und will gesehen werden. Valeria Bruni Tedeschi hat mit FOREVER YOUNG einen Film über diese besondere Spezies Mensch gemacht, in dem sie ihre eigene Ausbildungszeit erinnert.

Schauspieler sind durchgedreht, drogensüchtig und sexbesessen

Ende der 80er-Jahre werden zwölf junge Erwachsene (unter ihnen das Alter-Ego der Regisseurin) in die Theaterschule „Ecole du Théâtre des Amandiers“ aufgenommen. Unter der Leitung von Patrice Chéreau planen sie die Aufführung des Stücks „Platanow“ von Anton Tschechow. Den Besten des Jahrgangs verspricht der Regisseur sogar eine Rolle in der Verfilmung des Stoffes.

Valeria Bruni Tedeschi stellt mit Stella (ausgezeichnet: Nadia Tereszkiewicz) eine jugendliche Version ihrer selbst in den Mittelpunkt dieser nicht ganz klischeefreien Reise in die Vergangenheit. An so einer Theaterschule geht es dem Film nach genauso zu, wie sich das Lieschen Müller vorstellt: Alle sind durchgedrehte Künstler (inklusive der Lehrer), drogensüchtig und sexbesessen.

Zum Glück besteht ein Großteil der Szenen aus Vorsprechen und Probearbeiten. Das ist um einiges interessanter, als den privaten Irrungen der Mitte Zwanzigjährigen zuzuschauen. Trotz ein paar Längen: FOREVER YOUNG ist sehenswert. Denn die Regisseurin hat ihr auf hübschem Retro-16mm gedrehes Drama mitreißend und voller Elan inszeniert. Und wer die Verfilmung von Tschechows „Platanow“ (Titel: HOTEL DE FRANCE) des echten Patrice Chéreaus gesehen hat, kann raten, welchen der damals beteiligten Schauspieler Bruni Tedeschi hier wieder auferstehen lässt.

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