SCHOCK

SCHOCK

Und es geht ja doch: Ein richtig guter Gangsterfilm aus Deutschland, ganz ohne Digger-Dialoge.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

„Bru­da, Du bist Eh­ren­mann!“ Man hat sich mitt­ler­wei­le dar­an ge­wöhnt, dass in deut­schen Gangs­ter­fil­men ge­spro­chen wird, wie sonst nur an Ber­li­ner Schu­len. Selbst Kin­der er­set­zen das gu­te al­te „ch“ durch „sch“. Dig­ger, krass und „Isch schwö­re beim Le­ben mei­ner Mut­ta“ ge­hö­ren zur All­tags­spra­che 10-Jäh­ri­ger. Des­halb gro­ßes Lob an Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to: In ih­rer ge­mein­sa­men Re­gie­ar­beit spre­chen die Ga­no­ven ge­schlif­fe­nes Hoch­deutsch.

Für einen deutschen Thriller ungewöhnlich cool

Bru­no (aus­ge­zeich­net: De­nis Mo­s­chit­to) ist ein Arzt, der we­gen Dro­gen­miss­brauchs sei­ne Ap­pro­ba­ti­on ver­lo­ren hat. Nun küm­mert er sich um Pa­ti­en­ten au­ßer­halb des Sys­tems: Il­le­ga­le oder Kri­mi­nel­le, die aus di­ver­sen Grün­den nicht ins Kran­ken­haus kön­nen. Die Pro­ble­me be­gin­nen, als ihm sei­ne An­wäl­tin (An­ke En­gel­ke in ei­ner Gast­rol­le) 50.000 € für ei­nen schein­bar simp­len Job bie­tet: Er soll ei­nem ita­lie­ni­schen Ma­fio­so ei­ne An­ti­kör­per­the­ra­pie ver­ab­rei­chen. Doch nicht nur das Be­schaf­fen des Me­di­ka­ments löst ei­ne Ket­te von Ka­ta­stro­phen aus, Bru­nos Schwa­ger Giu­li (durch Halb­glat­ze und Wam­pe schön ver­un­stal­tet: Fah­ri Yar­dim) ist zu­dem als Kil­ler auf den kran­ken Ita­lie­ner an­ge­setzt.

Bild­ge­stal­tung, Schau­spiel und At­mo­sphä­re sind für ei­nen deut­schen Thril­ler un­ge­wöhn­lich cool. Aus der Not des be­grenz­ten Bud­gets ha­ben die bei­den Re­gis­seu­re ei­ne Tu­gend ge­macht. Die Hand­lung spielt zu gro­ßen Tei­len in ver­reg­ne­ten Näch­ten – das ist stim­mungs­voll und sieht auch noch gut aus. Es gibt kei­ne un­nö­tig aus­ge­walz­ten Back­storys, kein over­ac­ting und kei­ne lach­haf­te Möch­te­gern-Hol­ly­wood-Ac­tion. SCHOCK ist ein at­mo­sphä­risch dich­ter Gen­re­film aus Deutsch­land, an dem sich der gu­te al­te TAT­ORT ein Bei­spiel neh­men könn­te. So geht span­nen­de Kri­mi­un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
104 min
Re­gie Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to

al­le Bil­der © Film­welt Ver­lei­hagen­tur

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BOB MARLEY: ONE LOVE

BOB MARLEY: ONE LOVE

Ja, Mann! Bob Marley hätte einen besseren Film verdient als dieses flache Malen-nach-Zahlen-Biopic.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

Rei­nal­do Mar­cus Greens Film wen­det sich an ein Pu­bli­kum, das ent­we­der gar nichts über Bob Mar­ley weiß (Bob wer?) oder Fans, die ein­fach noch mal die Grea­test Hits des Reg­gae­mu­si­kers hö­ren wol­len. Schon der An­fang ist ent­spre­chend plump: Schrift­ta­feln in­for­mie­ren den Zu­schau­er ge­fühlt mi­nu­ten­lang, wer der Mann über­haupt war und in wel­cher Zeit er leb­te.

Mit dem Holzhammer erzählt

Wer es noch nicht wuss­te: Bob Mar­ley war ein ja­mai­ka­ni­scher Mu­si­ker und Ak­ti­vist, der als be­deu­tends­ter Ver­tre­ter und Mit­be­grün­der der Reg­gae-Mu­sik gilt. Ge­mein­sam mit sei­ner Band The Wai­lers hat­te er zahl­lo­se Hits. Mit nur 36 Jah­ren starb er am 11. Mai 1981 an Haut­krebs.

Ei­ne Ge­schich­te wie mit dem Holz­ham­mer er­zählt. Bei­spiels­wei­se so: Kaum hört Mar­ley (King­s­ley Ben-Adir) ein paar Tak­te des Sound­tracks zum Paul-New­man-Film EX­ODUS, schon greift er nach der Gi­tar­re und per­formt aus dem Stand den Welt­hit „Ex­odus“. Ja, so ge­ni­al war er wohl. Oder: Mar­ley und sei­ne Frau Ri­ta (Lasha­na Lynch) strei­ten sich, sie läuft wei­nend weg und – rich­tig – in der nächs­ten Sze­ne ist „No Wo­man, No Cry“ zu hö­ren. Wel­cher Song läuft wohl vor ei­ner Schie­ße­rei?

Re­gie und Dreh­buch mö­gen es oh­ne­hin sim­pel, ha­ken mehr ab, als ei­ne dra­ma­tur­gisch in­ter­es­san­te Sto­ry zu er­zäh­len. Kei­ne Sze­ne, in der nicht ir­gend­was Maß­geb­li­ches be­spro­chen oder Ge­nia­les kom­po­niert wird. Das mag zwar al­les so ge­we­sen sein, ei­ne tie­fer­ge­hen­de Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re bleibt bei die­sem "Best of ei­nes Le­bens" aus. Tech­nisch ist das gut ge­macht und auch schau­spie­le­risch gibt es nichts zu me­ckern, nur das Dreh­buch hat die Ele­ganz ei­nes Wi­ki­pe­dia­ein­trags.

Mu­si­ker-Bio­pics sind ein hit-or-miss-Spiel: Ver­klei­de­te Schau­spie­ler, die zum Play­back per­for­men, er­rei­chen nie die Kraft und den Zau­ber des Ori­gi­nals. Für je­de BO­HE­MI­AN RA­HAP­SO­DY gibt es ei­nen RO­CKET­MAN, für je­den EL­VIS ei­nen MA­ES­TRO. In die­sem Fall ist nicht nur haar­tech­nisch ge­se­hen GIRL YOU KNOW IT’S TRUE der bes­se­re Ras­ta­zopf-Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Bob Mar­ley: One Love“
USA 2024
105 min
Re­gie Rei­nal­do Mar­cus Green

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

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ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

Die Bestsellerverfilmung über zwei ungleiche Freunde will zu viel und scheitert daran.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

ChatGPT, fas­se die fol­gen­den 300 Sei­ten zu­sam­men, un­ter Bei­be­hal­tung der Kern­aus­sa­gen. Was mit Tex­ten per KI halb­wegs funk­tio­niert, ist bei Buch­ver­fil­mun­gen im­mer noch ein Pro­blem. Ent­schei­den­des fehlt oder ans Herz ge­wach­se­ne Cha­rak­te­re wer­den ge­stri­chen. Der Le­ser ist ge­nervt. Bei ARIS­TO­TE­LES UND DAN­TE ENT­DE­CKEN DIE GE­HEIM­NIS­SE DES UNI­VER­SUMS ist das Ge­gen­teil der Fall – und nun, was soll man sa­gen? Das macht es auch nicht bes­ser.

Reichlich uninteressante Nebenhandlungen

Der ein­zel­gän­ge­ri­sche Aris­to­te­les und der flam­boy­an­te Dan­te könn­ten un­ter­schied­li­cher nicht sein. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb wer­den sie bes­te Freun­de. Die „viel­leicht“ oder „viel­leicht nicht“-Liebesgeschichte zwi­schen den Jungs, an­ge­sie­delt im Te­xas der 1980er-Jah­re, hät­te als Co­ming-of-Age-Film ge­nü­gend Po­ten­zi­al. Lei­der wur­den noch reich­lich un­in­ter­es­san­te Ne­ben­hand­lun­gen über Aris im Knast sit­zen­den Bru­der, den Tod ei­ner les­bi­schen Tan­te, die AIDS-Epi­de­mie, Pro­ble­me mit den El­tern, Tren­nungs­schmerz, Ho­mo­pho­bie und vie­les mehr ins Dreh­buch ge­packt. All die Ne­ben­kriegs­schau­plät­ze rau­ben der ei­gent­li­chen Ge­schich­te die Luft zum At­men. Dra­ma­tur­gisch be­son­ders un­ge­schickt: Dan­te zieht für ein Jahr nach Chi­ca­go und ver­schwin­det da­mit für gut die Hälf­te des Films. Kein Wun­der, dass man spä­tes­tens dann das In­ter­es­se an der oh­ne­hin nicht be­son­ders knis­tern­den jun­gen Lie­be ver­lo­ren hat.

Kramp­fi­ge oder ins Nichts lau­fen­de Dia­lo­ge, Cha­rak­te­re, die ein­ge­führt wer­den und wie­der ver­schwin­den, be­lie­bi­ge Aus­stat­tung und Kos­tü­me. Der Film könn­te 1985 oder ge­nau­so gut 2024 spie­len. Die Be­set­zung geht in Ord­nung (Eva Lon­go­ria bleibt als ver­ständ­nis­vol­le Mut­ter fast un­ge­nutzt), doch die gu­ten Schau­spie­ler kön­nen das über­frach­te­te Dreh­buch nicht ret­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Aris­tot­le and Dan­te Dis­co­ver the Se­crets of the Uni­ver­se“
USA 2023
96 min
Re­gie Aitch Al­ber­to

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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ALL OF US STRANGERS

ALL OF US STRANGERS

Zeitreise mal anders. Nicht im DeLorean auf brennenden Reifen zurück in die Zukunft, sondern als melancholischer Traum auf den Spuren der eigenen Kindheit.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Adam ist ein­sam. Sei­ne El­tern ver­lor er bei ei­nem Au­to­un­fall, als er ge­ra­de mal zwölf Jah­re alt war. Nun lebt der Dreh­buch­au­tor in ei­nem ge­sichts­lo­sen Hoch­haus am Ran­de Lon­dons. Auf dem Plat­ten­spie­ler die gro­ßen Que­er-Pop-Hits der 1980er-Jah­re. Ei­nes Abends klin­gelt sein Nach­bar Har­ry an der Tür. Zwi­schen den bei­den Män­nern ent­wi­ckelt sich rasch ei­ne Be­zie­hung, doch gleich­zei­tig wird Adam von Er­in­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit heim­ge­sucht. Im­mer wie­der fin­det er sich in der Vor­stadt wie­der, in der er auf­ge­wach­sen ist. Im Haus sei­ner Kind­heit le­ben sei­ne El­tern noch ge­nau­so, wie vor 30 Jah­ren, nichts hat sich hier ver­än­dert. Das Wie­der­se­hen jen­seits von Zeit und Raum löst nicht nur bei Adam schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen aus.

Der irreale Zustand zwischen Traum und Aufwachen

ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne me­lan­cho­li­sche Me­di­ta­ti­on über Ver­lust und Ein­sam­keit, die sich wie der ir­rea­le Zu­stand zwi­schen Traum und Auf­wa­chen an­fühlt. Wun­der­bar un­kit­schig und herz­zer­rei­ßend trau­rig, da­zu mit um­wer­fen­den Leis­tun­gen von al­len Schau­spie­lern. Ne­ben An­drew Scott (dem Pfar­rer aus FLE­A­BAG) und Paul Mes­cal glän­zen Ja­mie Bell und Clai­re Foy als (un)-tote El­tern. Wer bei den Ge­sprä­chen zwi­schen Va­ter und Sohn nicht mit den Trä­nen kämpft, hat kein Herz.

Für sei­ne Stu­die über Ver­ge­bung und die Macht der Lie­be fin­det der Film ei­ne un­ge­wöhn­li­che Er­zähl­form, Ka­me­ra und Sound­track sind her­aus­ra­gend. ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne der schöns­ten Le­bens- und Lie­bes­ge­schich­ten des Jah­res.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „All of us Stran­gers“
GB 2023
105 min
Re­gie An­drew Haigh

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­dio Mo­ti­on Pic­tures GmbH

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DIE FARBE LILA

DIE FARBE LILA

Aus Buch wird Film wird Broadwaymusical wird Film. THE COLOR PURPLE erzählt vom Triumph einer schwarzen Frau über ihren brutalen Ehemann. 1985 wurde der Stoff unter der Regie von Steven Spielberg verfilmt, 2005 kam eine mit Tony-Awards ausgezeichnete Broadway-Produktion auf die Bühne. Aus der hat Regisseur Blitz Bazawule nun wieder einen Kinofilm gemacht.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Mu­si­cals: Die ei­nen lie­ben sie, die an­de­ren has­sen sie. Dar­an wird auch die von Op­rah Win­frey und Ste­ven Spiel­berg pro­du­zier­te Ver­fil­mung des Broad­way-Stücks DIE FAR­BE LI­LA nichts än­dern. Die Ge­schich­te von der miss­han­del­ten Ce­lie, die un­glück­lich mit ei­nem bru­ta­len Dreck­sack ver­hei­ra­tet ist und de­ren ge­lieb­te Schwes­ter von eben die­sem ver­trie­ben wird, ist be­kannt. Neu ist, dass die Hand­lung dies­mal sin­gend er­zählt wird.

Überbordende Gesangs- und Tanznummern

Re­gis­seur Blitz Ba­za­wu­le hat mit der Ad­ap­ti­on des Pu­lit­zer­preis-aus­ge­zeich­ne­ten Ro­mans von Ali­ce Wal­ker ei­nen zeit­lo­sen Film ge­macht. Hier stört nichts un­pas­send Mo­der­nes, al­les ist hoch­pro­fes­sio­nell in­sze­niert, per­fekt aus­ge­stat­tet und na­tür­lich top ge­spielt und ge­sun­gen. Die Ka­me­ra von Dan Laust­sen glei­tet durch son­nen­durch­flu­te­te oder dra­ma­tisch ver­reg­ne­te Süd­staa­ten-Land­schaf­ten, um­kreist und fliegt über die Dar­stel­ler in feist aus­ge­stat­te­ten Mu­si­cal­num­mern.

Dass es da­bei nicht dis­ney­haft sep­tisch wird, ist vor al­lem den gran­dio­sen Schau­spie­le­rin­nen zu ver­dan­ken, al­len vor­an Fan­ta­sia Bar­ri­no in der Haupt­rol­le, Ta­ra­ji P. Hen­son als Shug Avery und Sce­ne-Stealer Da­ni­elle Brooks, de­ren So­fia sich in der von Män­nern do­mi­nier­ten Welt nicht die But­ter vom Brot neh­men lässt.

Die ers­ten zwei Stun­den sind gro­ßes Ki­no: über­bor­den­de Ge­sangs- und Tanz­num­mern und tol­le Dar­bie­tun­gen von al­len Be­tei­lig­ten ma­chen den Film zu ei­nem Er­leb­nis. Doch am En­de ist es die letz­te hal­be Stun­de, die zu viel ist. Je mehr die Bö­sen ge­läu­tert sind, des­to kit­schi­ger wird es. Ein Pro­blem, das schon Spiel­bergs Ver­si­on hat­te. Wie in je­der ech­ten Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on ist auch hier das Hap­py End un­ver­meid­lich, nur be­son­ders glaub­haft ist es nicht.

Blitz Ba­za­wu­le ist ein gha­nai­scher Mul­ti­me­dia­künst­ler, der vor al­lem als Co-Re­gis­seur bei Bey­on­cés „Black is King“ be­kannt wur­de. Sei­ne Neu­ver­fil­mung von THE CO­LOR PUR­PLE ist ein vi­su­el­les Fest, hand­werk­lich un­glaub­lich gut ge­macht, nur bei der Cha­rak­ter­ent­wick­lung ha­pert es manch­mal et­was. Wer Sinn für Mu­si­cals hat, soll­te sich DIE FAR­BE LI­LA trotz­dem auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Co­lor Pur­ple“
USA 2023
145 min
Re­gie Blitz Ba­za­wu­le

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

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EINE MILLION MINUTEN

EINE MILLION MINUTEN

Zufall oder Absicht? EINE MILLION MINUTEN zeigt auffallende Parallelen zu WOCHENENDREBELLEN – ist aber der bessere Film.

Ab 01. Februar 2024 im Kino

Die Ge­schich­te kommt ei­nem be­kannt vor: Va­ter ist viel un­ter­wegs, macht Kar­rie­re. Mut­ter küm­mert sich um Kin­der und Haus­halt, ist frus­triert. Opa wird von Joa­chim Król ge­spielt. Ei­nes der Kin­der hat ei­ne leich­te Be­hin­de­rung. Nix Gars­ti­ges, ir­gend­was, was man fast nicht sieht. ADHS oder so. Und weil kei­ne The­ra­pie an­schlägt und das Kind es sich abends beim Zu­bett­ge­hen so sehr wünscht, fasst die Fa­mi­lie ei­nen ver­rück­ten Plan: Sie fah­ren ge­mein­sam durch sämt­li­che Fuß­ball­sta­di­en Deutsch­lands. Nein, das war der an­de­re Film. Sie ma­chen ei­ne Welt­rei­se für 1.000.000 Mi­nu­ten (ent­spricht knapp zwei Jah­ren). Und weil Kin­der nicht nur im Prenz­l­berg an der Macht sind, dür­fen sie den Ver­lauf der Tour be­stim­men. Kurz mit dem klei­nen Fin­ger auf den Glo­bus ge­tippt – und los geht’s. Doch dass man, egal wo­hin man reist, sei­ne Pro­ble­me im­mer wie ei­nen schwe­ren Kof­fer mit sich trägt, ist ei­ne Bin­sen­weis­heit.

Das Leben ist der beste Autor

Oh­ne je­den Zy­nis­mus kann man sa­gen, dass hier die Pro­ble­me von ex­trem pri­vi­le­gier­ten Men­schen the­ma­ti­siert wer­den. So hält sich das Mit­leid in Gren­zen, wenn die Fa­mi­lie bei ih­rem Selbst­fin­dungs­trip in fan­tas­ti­schen Häu­sern mit di­rek­tem Meer­zu­gang re­si­diert und das größ­te Pro­blem ei­ne in­sta­bi­le In­ter­net­ver­bin­dung ist. Dar­auf ein küh­les Bier am Strand.

Dass EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN um Klas­sen bes­ser als sein Dop­pel­gän­ger WO­CHEN­EN­D­RE­BEL­LEN ist, hat meh­re­re Grün­de: Zum ei­nen sieht er bes­ser aus. Ka­me­ra­mann An­dre­as Ber­ger hat den Film fürs Ki­no ge­dreht und ver­mei­det klein­li­ches TV-For­mat. Zum an­de­ren be­weist Re­gis­seur Chris­to­pher Doll bei der Be­set­zung der Haupt­rol­len mit Ka­ro­li­ne Her­furth und Tom Schil­ling ein glück­li­ches Händ­chen. Den bei­den ist es zu ver­dan­ken, dass EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN kei­ne ba­na­le deut­sche Ko­mö­die mit Herz-Schmerz-Ele­men­ten ge­wor­den ist. Ganz im Ge­gen­teil. Ab­ge­se­hen von den et­was ner­vi­gen "Bil­der ei­ner glück­li­chen Fa­mi­lie mit ge­fäl­li­ger Pop­mu­sik unterlegt"-Sequenzen hat der Film vie­le er­staun­lich erns­te und be­rüh­ren­de Mo­men­te.

Das Le­ben ist eben doch der bes­te Au­tor: Wie WO­CHEN­EN­D­RE­BEL­LEN ba­siert auch EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te. Die Buch­vor­la­ge stammt von Wolf Kü­per, der mit sei­ner Fa­mi­lie nach Sta­tio­nen in Aus­tra­li­en, Neu­see­land und Asi­en in­zwi­schen in Kap­stadt lebt. Chris­to­pher Doll lie­fert mit der Ver­fil­mung ei­ne emo­tio­na­le und wohl­tu­end un­ty­pisch deut­sche Tra­gi­ko­mö­die ab – se­hens­wert.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2024
123 min
Re­gie Chris­to­pher Doll

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

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THE HOLDOVERS

THE HOLDOVERS

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Ein schlecht gelaunter Professor, ein rebellischer Teenager und eine trauernde Köchin bilden eine Zwangsgemeinschaft zu Weihnachten. Alexander Payns neuer Film kommt auf den Tag genau einen Monat zu spät in die Kinos. Aber weil THE HOLDOVERS ein moderner Klassiker ist, kann man sich den auch im Januar noch gut anschauen.

Schnee rie­selt, der Baum ist ge­schmückt, es weih­nach­tet sehr. Doch im Eli­te-In­ter­nat Bar­ton Aca­de­my ist zum Jah­res­en­de 1970 die Stim­mung al­les an­de­re als fest­lich. Der bös­ar­ti­ge, von Schü­lern wie Kol­le­gen ge­hass­te Leh­rer Paul Hun­ham (Paul Gi­a­mat­ti) hat die un­dank­ba­re Auf­ga­be, sich über die Fei­er­ta­ge um die „Über­bleib­sel“ (The Hol­do­vers) zu küm­mern, al­so je­ne Schü­ler, die nicht zu ih­ren Fa­mi­li­en fah­ren konn­ten oder durf­ten. In die­sem Jahr bleibt am En­de nur der hoch­in­tel­li­gen­te Ein­zel­gän­ger An­gus (Do­mi­nic Ses­sa) in sei­ner Ob­hut. Zu­sam­men mit Kan­ti­nen­kö­chin Ma­ry (Da’Vine Joy Ran­dolph) bil­det die Zwangs­ge­mein­schaft ei­ne Art Er­satz-Fa­mi­lie, wenn auch auf be­grenz­te Zeit.

Das Le­ben ist hart

THE HOL­DO­VERS könn­te eben­so gut aus der HA­ROLD AND MAU­DE-Zeit stam­men. Re­gis­seur Alex­an­der Payn er­zeugt ein per­fek­tes 70er-Jah­re-Fee­ling oh­ne Kli­schees oder ei­nen auf­dring­li­chen Zeit­geist-Sound­track. Es fängt schon beim alt­mo­di­schen Uni­ver­sal-Lo­go an, geht über die häss­li­chen, aber sehr au­then­ti­schen Ti­tel-Ein­blen­dun­gen, bis hin zur per­fek­ten Aus­stat­tung samt Kos­tü­me. Ei­nen Glücks­griff hat Pay­ne mit sei­nem bis­lang un­be­kann­ten Haupt­dar­stel­ler Do­mi­nic Ses­sa ge­tan. Der steht hier zum al­ler­ers­ten Mal vor ei­ner Ka­me­ra. Un­glaub­lich. Dass er ne­ben­bei auch noch wie die ju­gend­li­che Ver­si­on von Do­nald Su­t­her­land aus­sieht, macht die Rei­se in die 70er noch über­zeu­gen­der. (Fragt sich, wie­so die Ma­cher vom TRI­BU­TE VON PA­NEM-Pre­quel den nicht auf dem Schirm hat­ten). Da­ne­ben der im­mer her­vor­ra­gen­de, hier os­car­reif spie­len­de Paul Gi­a­mat­ti. Re­gis­seur und Schau­spie­ler ver­bin­det ei­ne lan­ge Ge­schich­te. Schon vor 20 Jah­ren stand Gi­a­mat­ti in SI­DE­WAYS für Payn vor der Ka­me­ra. Die in die­sem Jahr mit dem Gol­den Glo­be für die bes­te Ne­ben­rol­le aus­ge­zeich­ne­te Da’Vine Joy Ran­dolph ver­voll­stän­digt das Trio als pa­ten­te und groß­her­zi­ge Kö­chin, die mehr Tra­gik in sich trägt, als es auf den ers­ten Blick scheint.

Das Le­ben ist hart und THE HOL­DO­VERS macht dar­aus kei­nen Hehl. Die Weih­nachts­ge­schich­te vom mür­ri­schen Gift­zwerg, der sich zum em­pha­ti­schen Men­schen wan­delt, ist oft rüh­rend, aber nie rühr­se­lig. Pay­ne ist ein mo­der­ner Klas­si­ker ge­glückt – be­we­gend, toll ge­spielt und mit viel au­then­ti­scher 70er-Jah­re-At­mo­sphä­re. Un­be­dingt an­se­hen. 

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Hol­do­vers“
USA 2023
133 min
Re­gie Alex­an­der Payn

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

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STELLA. EIN LEBEN.

STELLA. EIN LEBEN.

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Blondiert, elegant und skrupellos – Stella Goldschlag verrät während des Zweiten Weltkriegs jüdische Mitbürger, um ihre eigene Haut zu retten.

Ber­lin 1940: Sie lebt und liebt Jazz. Der gro­ße Traum vom En­ga­ge­ment in New York wird sich nicht er­fül­len, denn Stel­la und ih­re Freun­de sind Ju­den. Sie kann zwar zu­nächst un­ter­tau­chen, doch 1943 wird sie ver­haf­tet. Um sich und ih­re El­tern zu ret­ten, ar­bei­tet sie im Auf­trag der Ge­sta­po, sucht nach jü­di­schen Mit­bür­gern und de­nun­ziert sie. 

War Stel­la Gold­schlag ein Mons­ter?

Zwi­schen 600 und 3.000 Ju­den ver­rät Stel­la Gold­schlag und stürzt sie da­mit ins Ver­der­ben. Nach Kriegs­en­de will sie sich als „Op­fer des Fa­schis­mus“ an­er­ken­nen las­sen, spä­ter kon­ver­tiert sie zum Chris­ten­tum und wird be­ken­nen­de An­ti­se­mi­tin. Pau­la Beer spielt die am­bi­va­len­te Fi­gur ge­wohnt fa­cet­ten­reich, doch als Zu­schau­er bleibt man di­stan­ziert. Es fällt schwer, ir­gend­ei­ne Form von Sym­pa­thie oder Mit­ge­fühl (trotz bru­ta­ler Fol­ter durch die Ge­sta­po) für ei­ne Kol­la­bo­ra­teu­rin zu ent­wi­ckeln, die sich der­art skru­pel­los ver­hält. Wie sie ge­mein­sam mit ih­rem Freund, dem Pass­fäl­scher Rolf Isaak­sohn, nicht nur über­teu­er­te Aus­weis­pa­pie­re an Ju­den ver­kauft, son­dern sich bald ei­nen ge­nuss­vol­len Sport dar­aus macht, so­gar en­ge Freun­de zu ver­ra­ten – das ist schon ganz und gar wi­der­lich.

Den Ku­damm der 40er-Jah­re hat Set-De­si­gner Al­brecht Kon­rad kur­zer­hand an der Frank­fur­ter Al­lee nach­ge­baut. Das sieht täu­schend echt aus und ist ei­ne Wohl­tat ge­gen­über den sonst üb­li­chen, im Com­pu­ter ge­ne­rier­ten Ku­lis­sen. STEL­LA. EIN LE­BEN. be­sticht im­mer­hin durch tol­le Aus­stat­tung. Doch so­wohl in der Be­set­zung als auch in der Bild­spra­che ist der Film ei­gen­ar­tig mo­dern. Zu kei­nem Mo­ment glaubt man ernst­haft, Jan­nis Nie­wöh­ner oder Da­mi­an Har­dung sei­en Men­schen aus der da­ma­li­gen Zeit. Ka­me­ra­mann Be­ne­dict Neu­en­fels zoomt und wa­ckelt da­zu durch die Ge­schich­te, als wür­de er ei­nen Ja­son-Bourne-Film in den 2000er-Jah­ren dre­hen – auch das wirkt an­ge­strengt und fehl am Platz.

Ein zwie­späl­ti­ger Film über ei­ne (mehr als) zwie­späl­ti­ge Frau. War Stel­la Gold­schlag ein Mons­ter? Dar­über zu ur­tei­len, fällt schwer. Über al­lem steht die ewi­ge Fra­ge: „Was hät­te man selbst ge­tan?“ Stel­la Gold­schlag war Tä­te­rin und Op­fer zu­gleich. STEL­LA. EIN LE­BEN. hat in­sze­na­to­ri­sche Schwä­chen, er­zählt aber ei­ne hoch­in­ter­es­san­te und gleich­zei­tig ver­stö­ren­de wah­re Ge­schich­te.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
115 min
Re­gie Ki­li­an Ried­hof

al­le Bil­der © MA­JE­S­TIC

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POOR THINGS

POOR THINGS

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Was passiert, wenn man einer Selbstmörderin das Gehirn ihres ungeborenen Kindes einpflanzt? Auf diese komplexe Frage findet der neue Film von Yorgos Lanthimos (THE LOBSTER und THE FAVOURITE) überraschende Antworten.

Fran­ken­stein 2.0: Der bril­lan­te Wis­sen­schaft­ler Dr. Gor­don Bax­ter (Wil­lem Da­foe) fischt die Lei­che ei­ner Schwan­ge­ren aus dem Fluss. In sei­nem La­bor ver­pflanzt er das Ge­hirn des un­ge­bo­re­nen Ba­bys in den Kopf der jun­gen Frau. Mit viel Blitz und Strom er­weckt er sie an­schlie­ßend zum Le­ben. Bel­la Bax­ter (Em­ma Stone), so nennt er sein Ge­schöpf, macht sich mit kind­li­cher Neu­gier dar­an, die Welt des 19. Jahr­hun­derts zu er­kun­den.

Min­des­tens die weib­li­che Eman­zi­pa­ti­on in Zeit­raf­fer

Vom Prenz­l­pan­ther zum nor­ma­len Men­schen: Bel­la lernt lau­fen, es­sen, sich zu be­neh­men, ent­deckt ih­re Se­xua­li­tät, die Lie­be, die Kul­tur und die Po­li­tik. Was so ein Le­ben eben al­les be­reit­hält. Em­ma Stone spielt sich da­bei in Rich­tung nächs­te Os­car­no­mi­nie­rung. Fas­zi­nie­rend, wie sie sich von ei­nem brab­beln­den, ka­put­ten Spiel­zeug auf zwei Bei­nen vor den Au­gen der Zu­schau­er in ei­ne frei­heits­lie­ben­de, selbst­be­stimm­te Frau ver­wan­delt. Man­che in­ter­pre­tie­ren schon wie­der ei­ne zwei­te BAR­BIE und min­des­tens die weib­li­che Eman­zi­pa­ti­on in Zeit­raf­fer in den Film. Doch PO­OR THINGS ist vor al­lem ein in­tel­li­gen­ter Au­gen­schmaus.

Wil­lem Da­foe sieht un­ter ei­ner di­cken Schicht La­tex selbst wie ei­ne Krea­ti­on Fran­ken­steins aus. Hin­ter der ver­narb­ten Mas­ke ver­birgt sich ei­ne ge­schun­de­ne See­le, sei­nem mons­trö­sen Va­ter sei Dank. Den ge­nia­len Wis­sen­schaft­ler spielt Da­foe zu­rück­ge­nom­men, die Rol­le hät­te leicht in scham­lo­ses over­ac­ting kip­pen kön­nen. „Dumm fickt gut“ müss­te im Fal­le von Mark Ruf­fa­los Fi­gur eher „ei­tel fickt gut“ hei­ßen. Groß­ar­tig, wie er den er­bärm­li­chen Lieb­ha­ber Bel­las der Lä­cher­lich­keit preis­gibt und ne­ben­bei für ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on Män­ner steht, die glaubt, nur durch ih­re Vi­ri­li­tät, könn­ten Frau­en Er­fül­lung fin­den.

Die mit Fisch­au­gen­ob­jek­tiv teils in schwarz-weiß, teils in knall­bun­ten Far­ben ge­dreh­ten Bil­der we­cken dank sur­rea­lis­ti­scher Ku­lis­sen­bau­ten Er­in­ne­run­gen an Ter­ry Gil­liam und Wes An­der­son. Ähn­lich wie die bei­den gro­ßen Ki­no­ma­gi­er er­schafft Yor­gos Lan­t­hi­mos ein­zig­ar­ti­ge, hand­ge­mach­te Fan­ta­sie­wel­ten und lässt sei­ne Fi­gu­ren jen­seits al­ler gän­gi­gen Hol­ly­wood­for­meln agie­ren. Da­bei ist Lan­t­hi­mos noch nicht im Ma­nie­ris­mus fest­ge­fah­ren (im Ge­gen­satz zu An­der­son, der sich seit Jah­ren um sich selbst zu dre­hen scheint), wirkt frisch und auf­re­gend.

Noch bes­ser wä­re PO­OR THINGS wohl nur, wenn man ihm in der Mit­te ei­ne hal­be Stun­de raus­schnei­den wür­de. Es zieht sich zwi­schen­durch ein we­nig. Aber das wird lo­cker durch gran­dio­se Bil­der, tol­le Schau­spie­ler und die bes­ten Tier­fa­bel­we­sen (ein Hund mit Gän­se­kopf!) wett­ge­macht, die seit lan­gem im Ki­no zu be­stau­nen wa­ren. Das Fes­ti­val­pu­bli­kum in Ve­ne­dig war be­geis­tert, am Schluss gab es den Gol­de­nen Lö­wen für den Bes­ten Film. Ver­dient.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Po­or Things“
Eng­land 2023
141 min
Re­gie Yor­gos Lan­t­hi­mo

al­le Bil­der © The Walt Dis­ney Com­pa­ny Ger­ma­ny

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BABY TO GO

BABY TO GO

Ab 11. Januar 2024 im Kino

Familienplanung von übermorgen. BABY TO GO ist eine ironische Zukunftsvision mit hübschem Technik-Schnickschnack und Werbeästhetik.

Gleich­be­rech­ti­gung 5.0: Män­ner kön­nen auch im neu­en Jahr nicht schwan­ger wer­den, da kann die Wis­sen­schaft noch so lan­ge for­schen. Und Frau­en wol­len es nicht mehr. Die Hor­mo­ne, die Hit­ze­wal­lun­gen, die Schwan­ger­schafts­strei­fen! Statt­des­sen lässt sich der Nach­wuchs in ei­nem schi­cken De­si­gner-Pod im La­bor züch­ten. Kin­der­krie­gen wird so ein­fach wie die Pfle­ge ei­nes Ta­ma­got­chis.

BLACK-MIR­ROR-Epi­so­de auf 111 Mi­nu­ten ge­dehnt

BA­BY TO GO er­zählt von Ra­chel (Emi­lia Clar­ke) und Al­vy (Chi­we­tel Ejio­for), die sich nach lan­gem Zö­gern ent­schlie­ßen, El­tern von ei­nem Plas­tikei zu wer­den. Re­gis­seu­rin So­phie Bar­thes nutzt für ih­re Sci­ence-Fic­tion-So­zi­al­sa­ti­re die vi­su­el­len Mit­tel ei­ner Ap­ple-Wer­bung. Slicke Tech­nik (der Früh­stück­stoast kommt aus dem 3D-Dru­cker), sanf­te Pas­tell­tö­ne – die Welt der Zu­kunft sieht gut aus.

Doch gu­tes Aus­se­hen al­lei­ne reicht nicht. BA­BY TO GO ist ei­ne et­was zahn­lo­se BLACK-MIR­ROR-Epi­so­de auf 111 Mi­nu­ten ge­dehnt. Das hät­te sich kom­pri­mier­ter und wir­kungs­vol­ler lo­cker in der Hälf­te der Zeit er­zäh­len las­sen. Trotz all der hüb­schen Bild­ideen zieht es sich zwi­schen­durch wie ei­ne Ap­ple-Prä­sen­ta­ti­on von Tim Cook.

Zu­schau­er, die zwi­schen 10 und 14 € für ein Ki­no­ti­cket be­rap­pen, er­war­ten ei­ne ge­wis­se Quan­ti­tät an Film. Des­halb gibt es hier­zu­lan­de auch kei­nen Markt für Kurz­fil­me. Ei­ne kna­cki­ge­re Ver­si­on von BA­BY TO GO wä­re bes­ser bei ei­nem Strea­mer oder als Hälf­te ei­nes Dou­ble­fea­tures auf­ge­ho­ben.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Pod Ge­ne­ra­ti­on“
GB 2022
111 min
Re­gie So­phie Bar­thes

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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PRISCILLA

PRISCILLA

Ab 04. Januar 2024 im Kino

Was vom Mythos übrigblieb – die wahre Geschichte von Elvis Presleys besserer Hälfte.

Text: An­ja Besch

Wohl je­der kennt die Sto­ry von Pri­scil­la Be­au­lieu, die als 14-Jäh­ri­ge auf ei­nem deut­schen Ar­my-Stütz­punkt El­vis ken­nen­lernt und ihm aus Lie­be in den gol­de­nen Kä­fig Grace­land nach Mem­phis folgt. Statt el­ter­li­cher Auf­sichts­pflicht gilt es nun, die kru­den re­li­giö­sen und mo­di­schen Le­bens­re­geln des El­vis Aa­ron Pres­ley aka „El­vis the Pel­vis“ zu be­fol­gen. Der hüft­schwin­gen­de Su­per­star und Pin Up Boy ei­ner gan­zen krei­schen­den Back­fisch­ge­ne­ra­ti­on ent­puppt sich im über­la­de­nen Heim als pil­len­ko­ma­tö­ser Sex­muf­fel, der sie­ben Jah­re lang al­len­falls Hand an die Op­tik sei­ner spä­ter An­ge­trau­ten legt. Vier­zehn Jah­re und ein über­ra­schen­des Kind spä­ter ver­lässt Pri­scil­la den King und schreibt 1985 ih­re Me­moi­ren „El­vis und Ich“, auf de­nen die 20 Mil­lio­nen US-Dol­lar teu­re Pro­duk­ti­on von Re­gis­seu­rin So­phia Cop­po­la be­ruht.

Lehr­stück in Make-up, Fri­su­ren­sty­ling und Raum­aus­stat­tung

PRI­SCIL­LA ist zwar auf­wen­di­ger als ein Pri­vat­fern­se­hen-Bio­pic, doch kei­nes­wegs in­ter­es­san­ter, auf­schluss­rei­cher oder sub­ti­ler. Was die Kö­ni­gin des Mu­sik-Mer­chan­di­se-Mar­ke­tings zu eben die­ser mach­te (Le­bens­auf­ga­be seit El­vis Tod 1977 – ne­ben ta­lent­frei­en Schau­spiel­ver­su­chen in DAL­LAS oder DIE NACK­TE KA­NO­NE – Ver­wal­te­rin der Pil­ger­stät­te Grace­land), ist al­len­falls ein Lehr­stück in Make-up, Fri­su­ren­sty­ling und Raum­aus­stat­tung.

Na­tür­lich zieht der Na­me der be­kann­tes­ten Ex-Ehe­frau der Welt, doch ist nicht je­des ver­meint­li­che VIP-Op­fer gleich ei­ne ver­fil­mungs­wür­di­ge Iko­ne. Um die Be­zie­hung des My­thos‘ El­vis zu sei­ner Kinds­braut zu ver­ste­hen, hät­te es mehr als die über­di­men­sio­nier­ten 40 cm Grö­ßen­un­ter­schied der bei­den Haupt­dar­stel­ler Cai­lee Spae­ny und Ja­cob Elor­di ge­braucht. Der Zu­schau­er bleibt au­ßen vor und lei­det bei Trän­chen der chro­nisch Un­ter­lieb­ten – de­ren Na­mens­pa­tro­nin be­zeich­nen­der­wei­se ei­ne vor­christ­li­che Mär­ty­re­rin ist – al­len­falls mit ih­rer Wim­pern­tu­sche. Zum Trost gibt es nicht ein­mal ein Wie­der­hö­ren mit ge­fühls­ver­stär­ken­den El­vis-Songs, da aus recht­li­chen Grün­den der Score von Cop­po­las Ehe­mann Tho­mas Mars und des­sen Poprock­band „Phoe­nix“ stammt.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Pri­scil­la“
USA 2023
113 min
Re­gie So­fia Cop­po­la

al­le Bil­der © MU­BI

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THE QUEEN MARY

THE QUEEN MARY

Ab 28. Dezember 2023 im Kino

Rechtzeitig zum Jahresende kommt dieser komplett verkorkste Quatschfilm über ein dümpelndes Gespensterschiff in die Kinos.

Am Ha­fen von Long Beach liegt seit vie­len Jah­ren die RMS Queen Ma­ry vor An­ker. In den 1930er-Jah­ren ge­baut, frü­her stol­zer Pas­sa­gier­damp­fer, in­zwi­schen zu ei­nem Ca­si­no für spiel­süch­ti­ge Tou­ris­ten ver­kom­men. Als neue At­trak­ti­on bie­ten die Eig­ner nun ei­ne Geis­ter­tour an Bord. Der Film THE QUEEN MA­RY dient of­fen­sicht­lich als Wer­be­ve­hi­kel für den 65 $ teu­ren „Pa­ra­nor­mal Ship Walk“.

Ein Meis­ter­werk des Schei­terns

THE QUEEN MA­RY macht den Ein­druck, als hät­ten sehr vie­le Kö­che den Brei ver­dor­ben. Im Schnitt­raum wur­de dann das Ma­te­ri­al oh­ne je­den Sinn und Ver­stand an­ein­an­der ge­schus­tert. Das Er­geb­nis: Ein Meis­ter­werk des Schei­terns. Wirr wä­re un­ter­trie­ben. Es gibt wohl zwei (oder drei?) Zeit­ebe­nen: Ei­ne spielt 1938 und han­delt von ei­ner Gau­ner­fa­mi­lie, die sich trotz Drit­te-Klas­se-Ti­ckets in den Spei­se­saal der First Class schmug­gelt. Als man sie ent­tarnt, wird der Va­ter zum blut­rüns­ti­gen Axt­mör­der, wäh­rend sei­ne klei­ne Toch­ter mit Fred As­taire ei­nen schier un­end­lich lan­gen Stepp­tanz auf­führt (nicht fra­gen). Gleich­zei­tig stol­pern in der Ge­gen­wart die voll­bu­si­ge Sa­rah (an der Blu­se stets ei­nen Knopf zu viel ge­öff­net), ihr Ex-Mann und der zwerg­wüch­si­ge Sohn über das Deck, auf der Su­che nach Ge­spens­tern oder mög­li­cher­wei­se dem ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Dreh­buch. In die­sem fil­mi­schen De­sas­ter sind ein­zig die Aus­stat­tung des Schiffs mit sei­nen his­to­ri­schen De­kor und die schick ge­mach­ten Über­gän­ge zwi­schen den Epo­chen er­wäh­nens­wert.

Re­gis­seur Ga­ry Shore hat schon den un­säg­li­chen DRA­CU­LA UN­TOLD ver­bro­chen. Dass er frü­her mal Wer­be­fil­me ge­macht hat, mag man kaum glau­ben. THE QUEEN MA­RY ist zu lang, zu schlecht ge­dreht und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un­ter­be­lich­tet. Das funk­tio­niert nicht mal als tra­shi­ger Spaß. Die bes­te Sze­ne zeigt ei­ne Ge­spens­ter­frau, die sich den Kopf auf der Tas­ta­tur ei­nes Kla­viers zu Matsch zer­schlägt – als Zu­schau­er die­ses Films kann man es ihr nach­emp­fin­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Haun­ting of the Queen Ma­ry“
USA / Groß­bri­tan­ni­en 2023
125 min
Re­gie Ga­ry Shore

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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LOLA

LOLA

Ab 28. Dezember 2023 im Kino

Was wäre, wenn? LOLA ist ein kluges Gedankenspiel über Machtmissbrauch und seine fatalen Konsequenzen.

Ei­ne in­ter­es­san­te Über­le­gung: Lie­ße sich das Schick­sal der Mensch­heit ver­än­dern, wenn man Nach­rich­ten aus der Zu­kunft se­hen könn­te? Thom und Mars ha­ben ei­ne Ma­schi­ne er­fun­den, kurz „Lo­la“ ge­nannt, mit der sie ge­nau das kön­nen. Es ist das Jahr 1941, der Zwei­te Welt­krieg tobt und Hit­lers Trup­pen rü­cken nach Eng­land vor. Mit­hil­fe ih­rer Ma­schi­ne, mit der sie Ra­dio und Fern­seh­schnip­sel aus der Zu­kunft emp­fan­gen kön­nen, wis­sen die bei­den Schwes­tern im­mer schon ei­nen Tag vor­her, was der GröFaZ plant und kön­nen die Zi­vil­be­völ­ke­rung vor­war­nen. Bald wer­den die bei­den „Wahr­sa­ge­rin­nen“ na­tio­na­le Be­rühmt­hei­ten, ob­wohl nie­mand weiß, wer sie in Wirk­lich­keit sind. Doch das Wis­sen über die An­griffs­plä­ne von mor­gen weckt das In­ter­es­se des Mi­li­tärs – und so was geht ja be­kannt­lich nie gut aus.

Wä­re Da­vid Bo­wie in ei­ner al­ter­na­ti­ven Zeit Zahn­arzt ge­wor­den?

Sie ha­ben Da­vid Bo­wie ge­löscht! Kann pas­sie­ren, wenn sich durch zu­nächst klei­ne, dann im­mer ge­wal­ti­ge­re Ein­grif­fe der Ab­lauf des Welt­ge­sche­hens än­dert und die uns be­kann­te Time­line aus dem Ru­der läuft. Wä­re Da­vid Bo­wie in ei­ner al­ter­na­ti­ven Zeit Zahn­arzt ge­wor­den und hät­te nie von Ma­jor Tom ge­sun­gen? Die Idee ist nicht neu, aber hier be­son­ders fas­zi­nie­rend wei­ter­ge­dacht: Wie sehr än­dert sich der Lauf der Welt, wenn zum Bei­spiel Mu­sik aus der Zu­kunft schon 1940 po­pu­lär ge­macht wird?

Für sei­nen klu­gen Ex­pe­ri­men­tal-Film LO­LA hat Re­gis­seur An­drew Leg­ge die Form des „Found-Footage“-Formats ge­wählt. Das ist zwar voll 2000er, funk­tio­niert hier aber her­vor­ra­gend. Statt ver­wa­ckel­ter Vi­deo­bil­der gibt es der da­ma­li­gen Zeit ent­spre­chend ver­wa­ckel­te Film­bil­der in schwarz-weiß und ver­rausch­tem Ton. LO­LA ist ein be­ein­dru­cken­des Spiel­film­de­büt, nur 80 Mi­nu­ten lang und könn­te als Blau­pau­se für ei­ne Mi­ni­se­rie oder ei­nen gro­ßen Spiel­film die­nen. Cle­ver ge­macht und sehr in­ter­es­sant.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Lo­la“
Ir­land / UK 2023
80 min
Re­gie An­drew Leg­ge

al­le Bil­der © Neue Vi­sio­nen

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THE IRON CLAW

THE IRON CLAW

Ab 21. Dezember 2023 im Kino

In der internationalen Wrestling-Szene waren sie jahrelang Stars. Privat lag ein Fluch auf den Von Erichs.

Te­xas, An­fang der 80er-Jah­re: Fritz Von Erich ist ein be­rühm­ter Wrest­ler, dem der ul­ti­ma­ti­ve Sieg als World-Cham­pi­on zeit­le­bens ver­wehrt bleibt. Al­so drängt er sei­ne Söh­ne in den Sport. Dass die Jungs in ers­ter Li­nie das Ego ih­res Va­ters be­frie­di­gen und mit un­ter­wür­fi­gem „Yes Sir!“ nur Be­feh­le aus­füh­ren, kommt dem herrsch­süch­ti­gen Al­ten nicht in den Sinn.

Mus­keln, Kraft und to­xi­sche Männ­lich­keit

Die Sto­ry vom Fluch, der an­geb­lich auf den Von Erichs liegt, ist in In­si­der­krei­sen Le­gen­de. Hät­te sich das ein Dreh­buch­au­tor aus­ge­dacht, wür­de man ihm maß­lo­se Über­trei­bung vor­wer­fen. So viel sei ver­ra­ten: Von fünf Brü­dern (in Wahr­heit so­gar sechs) über­lebt am En­de nur ei­ner. Nicht um­sonst wird die Fa­mi­lie oft als die Ken­ne­dys des Sports be­zeich­net.

Die Be­set­zung ist das High­light des Films. Ne­ben dem be­sorg­nis­er­re­gend mus­ku­lö­sen Zac Efron (von ei­ner He-Man-Ge­dächt­nis­fri­sur ver­un­stal­tet) be­steht sie aus lau­ter tol­len Schau­spie­lern, bei de­nen man auf An­hieb nicht so ge­nau er­in­nert, wo­her man sie kennt: Je­re­my Al­len White (THE BEAR), Har­ris Dick­in­son (TRI­ANG­LE OF SAD­NESS) und vor al­lem als ge­stren­ger Va­ter Holt Mc­Cal­la­ny, der in der lei­der nie fort­ge­setz­ten Se­rie MIND­HUN­TER die Haupt­rol­le spielt.

Es riecht nach Tes­to­ste­ron. Für Wrest­ling soll­te man sich auf je­den Fall in­ter­es­sie­ren, denn es gibt viel vom Sport zu se­hen, von dem bis heu­te nie­mand weiß, wo Wett­kampf auf­hört und Show be­ginnt. Hier dreht sich al­les um Mus­keln, Kraft und to­xi­sche Männ­lich­keit. Die Von Erichs sind jah­re­lang Stars der Sze­ne und ei­len von Sieg zu Sieg. Es hät­te nicht ge­scha­det, wenn sich das Dreh­buch da­bei ein biss­chen we­ni­ger an der Rea­li­tät ab­ge­ar­bei­tet hät­te. So blei­ben die Fi­gu­ren von An­fang bis En­de in ih­ren Ver­hal­tens­kor­setts ge­fan­gen. Die El­tern be­han­deln ih­re Kin­der wie nütz­li­ches Werk­zeug, Emo­tio­nen sind un­er­wünscht. Die stän­di­ge Wie­der­ho­lung von Kämp­fen im Ring und dem nächs­ten Schick­sals­schlag ist nicht leicht zu ver­dau­en. Doch die Rea­li­tät war wohl noch viel schlim­mer als das, was auf der Lein­wand zu se­hen ist. Ei­ner der Söh­ne, Chris, kommt im Film gar nicht vor. Auch sein Le­ben en­de­te früh durch Selbst­mord. „Man kann das den Zu­schau­ern nicht zu­mu­ten. Es wä­re ein­fach zu un­er­bitt­lich.“, sagt Re­gis­seur Dur­kin.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Iron Claw“
USA / GB 2023
130 min
Re­gie Sean Dur­kin

al­le Bil­der © LEO­NI­NE Stu­di­os

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GIRL YOU KNOW IT'S TRUE

GIRL YOU KNOW IT'S TRUE

Ab 21. Dezember 2023 im Kino

Sie verkauften 14 Millionen Alben, wurden zu Stars – gesungen haben andere. Ist die Geschichte von Milli Vanilli knapp 30 Jahre später noch relevant genug, um daraus einen Kinofilm zu machen?

Der ko­me­ten­haf­te Auf­stieg und der kras­se Ab­sturz der bei­den Back­ground­tän­zer Ro­bert Pi­la­tus und Fa­bri­ce Mor­van, bes­ser be­kannt als Mil­li Va­nil­li, ist 1993 der größ­te Skan­dal, den die Mu­sik­ge­schich­te bis da­to er­lebt hat. Ver­gleich­bar in et­wa, wenn heu­te raus­kä­me, dass Tay­lor Swift seit Jah­ren die Lip­pen zum Play­back ei­ner an­de­ren Sän­ge­rin be­wegt. Mil­li Va­nil­li sind in­ter­na­tio­na­le Stars aus Mün­chen. Num­mer eins Hits welt­weit, ver­göt­tert in Ame­ri­ka und Ge­win­ner des Gram­mys als Best New Ar­tists. Doch dann lässt Pro­du­zent Frank Fa­ri­an bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz die Bom­be plat­zen: Rob und Fab ha­ben nicht ei­nen Ton auf ih­rem mil­lio­nen­fach ver­kauf­ten Al­bum selbst ge­sun­gen. Al­les Lug und Trug. Ih­re Plat­ten wer­den öf­fent­lich von ent­täusch­ten Fans mit Bull­do­zern zer­malmt.

Ei­ne al­ber­ne deut­sche Kla­mot­te auf RTL-Ni­veau?

Wenn Men­schen, die es gut mit ei­nem mei­nen, hö­ren, dass man sich bei strö­men­dem Re­gen zur Pres­se­vor­füh­rung ei­nes Mil­li Va­nil­li-Bio­pics mit Mat­thi­as Schweig­hö­fer (!) auf­macht, ern­tet man Mit­leid. War­um tust Du dir das an? Die ei­ge­ne Lust ist auch nicht ge­ra­de groß, schließ­lich sieht der Trai­ler ver­bo­ten schlecht aus. Ei­ne al­ber­ne deut­sche Kla­mot­te auf RTL-Ni­veau über zwei Fake-Mu­si­ker – wer braucht das? Und dann die gro­ße Über­ra­schung: Nicht nur nervt Schweig­hö­fer nicht, der Film ist rich­tig gut. Un­ter­halt­sam, wit­zig und vor al­lem auf den Punkt be­setzt. Ti­jan Njie und Elan Ben Ali se­hen den Ori­gi­na­len un­fass­bar ähn­lich und kön­nen auch noch spie­len.

Die Rah­men­hand­lung zeigt die bei­den auf dem Hö­he­punkt ih­rer Kar­rie­re. In ei­nem lu­xu­riö­sen Ho­tel­zim­mer auf die Couch ge­fläzt, er­zäh­len sie ih­re Ge­schich­te. Da­bei durch­bricht Re­gis­seur Ver­hoe­ven, wie auch spä­ter bei an­de­ren Sze­nen, die vier­te Wand. Die Dar­stel­ler spre­chen di­rekt zu den Zu­schau­ern. Nur ei­ne von vie­len gu­ten Ideen, die den Film auch vi­su­ell in­ter­es­sant ma­chen. Schön wi­der­lich ist die Aus­stat­tung. Wer da­bei war, er­in­nert sich: so ge­schmack­los sah En­de der 80er-Jah­ren die Mo­de wirk­lich aus. Ne­ben der ei­gent­li­chen Skan­dal­ge­schich­te gibt es Wis­sens­wer­tes über die Ab­grün­de des Mu­sik­busi­ness (der gro­ße Hit „Girl you know it’s true“ war ge­klaut – Fa­ri­an selbst nennt es ei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on) und die fa­mi­liä­ren Hin­ter­grün­de der bei­den ge­fal­le­nen Stars.

Wie so oft, fin­det auch GIRL YOU KNOW IT’S TRUE kein En­de. Es gibt da ei­ne be­stimm­te Sze­ne mit ei­nem Walk­man, die das per­fek­te Schluss­bild für die­sen un­er­war­tet gu­ten Film ge­we­sen wä­re. Aber das ist nur ein klei­nes Man­ko – die un­glaub­lich wah­re Ge­schich­te von Mil­li Va­nil­li ist ei­ne echt ge­lun­ge­ne Über­ra­schung zu Weih­nach­ten.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
124 min
Re­gie Si­mon Ver­hoe­ven

al­le Bil­der © LEO­NI­NE Stu­di­os

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EILEEN

EILEEN

Ab 14. Dezember 2023 im Kino

Todd Haynes für Arme: EILEEN ist ein hochkarätig besetztes B‑Picture.

Mas­sa­chu­setts im Win­ter 1964: Der Va­ter ein jäh­zor­ni­ger Säu­fer, die ge­mein­sa­me Woh­nung her­un­ter­ge­kom­men, der Job im Ju­gend­ge­fäng­nis öde. Ei­leens Le­ben ist trost­los. Bis ei­nes Ta­ges die gla­mou­rö­se Re­bec­ca als ih­re neue Che­fin auf­taucht – um das jun­ge Mäd­chen ist es ge­sche­hen. Bald ent­wi­ckelt sich ei­ne zar­te Ban­de zwi­schen den bei­den Frau­en. Doch dann kon­fron­tiert Re­bec­ca Ei­leen mit ei­nem furcht­ba­ren Ge­heim­nis.

Der gro­ße Twist kommt viel zu spät

Oh Schreck, oh Graus! Klingt wie ein B‑Picture? Ist es auch. Frü­her wä­re so was als Schwarz-Weiß-Dra­ma mit hys­te­ri­schem Gei­gens­core in die Ki­nos ge­kom­men. Todd Hay­nes, der an­de­re mo­der­ne Re­gis­seur mit ei­ner Schwä­che für Dou­glas-Sirk-Dra­men, hat mit CA­ROL schon vor acht Jah­ren das bes­se­re Re­tro-Dra­ma ge­dreht. 

Die ei­nen mö­gen sie, vie­le has­sen sie: An­ne Hat­ha­way gibt dem Af­fen Zu­cker, ist in die­ser zweit­klas­si­gen Pro­duk­ti­on aber fast ver­schenkt. Die her­vor­ra­gen­de Tho­ma­sin McKen­zie (LAST NIGHT IN SO­HO) spielt die Ti­tel­fi­gur Ei­leen als se­xu­ell er­wa­chen­de Kind­frau. Wes­halb sich ein A‑Cast für die­se maue Pro­duk­ti­on ver­pflich­tet hat, bleibt ein Ge­heim­nis. Aber das größ­te Rät­sel ist, wo­hin das Dreh­buch mit sei­ner Ge­schich­te will. Der gar nicht so über­ra­schen­de Twist kommt viel zu spät, da hat man schon längst das In­ter­es­se ver­lo­ren. Und auch die mehr als de­zent an­ge­deu­te­te ho­mo­ero­ti­sche Lie­be zwi­schen Ei­leen und Re­bec­ca ver­pufft oh­ne nen­nens­wer­ten Ef­fekt. Am En­de des Films fragt man sich: Was ge­nau soll­te das al­les?

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ei­leen“
USA 2023
97 min
Re­gie Wil­liam Old­royd

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

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MUNCH

MUNCH

Ab 14. Dezember 2023 im Kino

Biopic über den Vater des Expressionismus, Edvard Munch. Sein Gemälde „Der Schrei“ ist eines der berühmtesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

MUNCH ist ei­ne Tour de Force durch das See­len­le­ben ei­nes un­er­gründ­li­chen Künst­lers. Von sei­nen Kol­le­gen miss­ver­stan­den, vom Kunst­be­trieb ab­ge­lehnt, von Me­lan­cho­lie ge­plagt und von der Al­ko­hol­sucht ge­quält – Re­gis­seur Hen­rik Mar­tin Dah­ls­bak­ken zeich­net ein nu­an­cier­tes Por­trät des nor­we­gi­schen Ma­lers.

Nur we­ni­ge wa­ren pro­duk­ti­ver

Das 19. Jahr­hun­dert ist nur ein Han­dy­klin­geln vom Tech­no­club ent­fernt. MUNCH schafft den Be­zug zum Heu­te, in­dem er Sze­nen frech ins Ber­lin der Jetzt­zeit ver­legt. Dort sorgt 1892 die ers­te Aus­stel­lung des jun­gen Ma­lers für ei­nen Skan­dal. Ei­ne von vie­len künst­le­risch mu­ti­gen Ideen, die das Bio­pic zu ei­nem re­le­van­ten, mo­der­nen Stück Ki­no ma­chen. So wird der grei­se Munch bei­spiels­wei­se von der nor­we­gi­schen Thea­ter­schau­spie­le­rin An­ne Krigs­voll ge­spielt, ei­ne über­ra­schen­de Be­set­zung, die her­vor­ra­gend funk­tio­niert.

Der gro­ße Ruhm setzt auch bei Ed­vard Munch erst lan­ge nach sei­nem Tod ein: 2012 wird „Der Schrei“ für un­fass­ba­re 120 Mil­lio­nen US-Dol­lar ver­stei­gert. Wie in den bei­den an­de­ren ak­tu­el­len Ma­ler­bio­pics DA­LI­LAND und DER SCHAT­TEN VON CA­RA­VAG­GIO spie­len auch bei MUNCH die Kunst­wer­ke selbst nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Die See­len­qua­len (und da­mit In­spi­ra­ti­ons­quel­len) des Künst­lers ste­hen mehr im Mit­tel­punkt als sein Werk. Ver­ständ­lich, denn für ei­nen Spiel­film bie­ten ab­ge­film­te Ge­mäl­de nur ei­nen über­schau­ba­ren Un­ter­hal­tungs­wert. Wer das im Ki­no trotz­dem se­hen möch­te, für den gibt es am En­de von MUNCH ei­ne tol­le, mehr­mi­nü­ti­ge Se­quenz, die ein Best of sei­ner be­rühm­tes­ten Bil­der zeigt. Es sind vie­le. Munch hin­ter­ließ der Nach­welt mehr als 1.700 Ge­mäl­de.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Munch“
Nor­we­gen 2023
104 min
Re­gie Hen­rik Mar­tin Dah­ls­bak­ken

al­le Bil­der © Sple­ndid Film

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HOW TO HAVE SEX

HOW TO HAVE SEX

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

How to have sex – hopefully not like this.

Was ist schlim­mer, als ei­ne Hor­de be­sof­fe­ner US-Teen­ager zum Spring­break? Ei­ne Hor­de be­sof­fe­ner Teen­ager aus Eng­land auf ei­ner Mit­tel­meer­in­sel. Die 17-jäh­ri­ge Ta­ra und ih­re Freun­din­nen ma­chen auf ih­rem Mä­del­strip kei­ne Ge­fan­ge­nen. Nach den Schul­prü­fun­gen wol­len sie vor al­lem drei Din­ge: Sau­fen bis zum Ko­ma, Par­ty & Sex. Prak­tisch: Auch bei den Jungs im Apart­ment ne­ben­an ha­ben die Hor­mo­ne das Den­ken über­nom­men. Je lau­ter und zü­gel­lo­ser, des­to bes­ser. Was dann in die­ser ei­nen Nacht pas­siert, bleibt zu­nächst va­ge. Erst ge­gen En­de wird klar: Ta­ra hat­te Sex ge­gen ih­ren Wil­len.

Sau­fen, Par­ty & Sex

HOW TO HAVE SEX ist pro­vo­kant, ex­zes­siv und trotz me­di­ter­ra­nen Son­nen­scheins düs­ter. Re­gis­seu­rin Mol­ly Man­ning weiß ge­nau, wie man die Stim­mung für ei­ne mo­der­ne Co­ming-of-Age-Ge­schich­te ein­fängt. Ihr Film ist ein au­then­ti­sches, kli­schee­frei­es Stück über das Er­wach­sen­wer­den. Sou­ve­rän auch ih­re Schau­spiel­füh­rung: Ta­ra wird von Mia McKen­na-Bruce ge­spielt, ei­ner 26-jäh­ri­gen Bri­tin, die si­cher noch ei­ne gro­ße Kar­rie­re vor sich hat. Ei­ne Ent­de­ckung.

Neid auf Can­nes. Wie vie­le gu­te Fil­me lau­fen da ei­gent­lich je­des Jahr? Die Ber­li­na­le schaut be­schämt zu Bo­den. Man kann dar­auf wet­ten: Al­les was her­aus­ra­gend ist, trägt im Vor­spann den Palm­we­del des fran­zö­si­schen Film­fes­ti­vals. Auch die­ses auf­re­gen­de Erst­lings­werk wur­de in Can­nes 2023 ge­fei­ert und ge­wann in der Sek­ti­on „Un Cer­tain Re­gard“ den Haupt­preis.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „How to have sex“
GB 2023
98 min
Re­gie Mol­ly Man­ning

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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WIE WILDE TIERE

WIE WILDE TIERE

Ab 07. Dezember 2023 im Kino

Das kennt man aus Brandenburg: Die einen wollen nichts wie weg – hin in die Großstadt. Die anderen haben Lärm und Prenzlpanther satt und ziehen aufs Land. Doch in den verwaisen Dörfern lauern oft Ablehnung und offener Hass auf die Zugezogenen.

Das fran­zö­si­sche Paar An­toine (De­nis Mé­no­chet) und Ol­ga (Ma­ri­na Foïs) lebt seit zwei Jah­ren in ei­ner klei­nen Ge­mein­de im Lan­des­in­ne­ren Ga­li­zi­ens. Die bei­den pas­sen sich an, so gut es geht, ar­bei­ten hart, be­trei­ben Acker­bau und er­näh­ren sich von dem, was sie er­wirt­schaf­ten. Doch die Ein­hei­mi­schen blei­ben un­ter sich, be­geg­nen den öko­lo­gisch be­wuss­ten Neu­bau­ern mit Arg­wohn und Ab­leh­nung. Be­son­ders mit dem Nach­barn Xan (be­ängs­ti­gend fies: Lu­is Za­he­ra) gibt es im­mer wie­der Streit.

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che

Es bro­delt un­ter der Ober­flä­che und frü­her oder spä­ter wird es zur Ka­ta­stro­phe kom­men. Als es dann so weit ist, wech­selt der Film von der männ­li­chen in die weib­li­che Per­spek­ti­ve. Das macht WIE WIL­DE TIE­RE viel­schich­tig und un­ge­mein span­nend. Dass die Ge­schich­te von wah­ren Be­ge­ben­hei­ten in­spi­riert ist, lässt die Ver­zweif­lung über die elen­de Spe­zi­es Mensch noch wach­sen. War­um nur gibt es so viel Neid und Ver­bohrt­heit auf der Welt? Aber so ein­fach ist es nicht. In ei­ner der bes­ten Sze­nen des Films ver­su­chen die Kon­tra­hen­ten ei­ne An­nä­he­rung. Bei ei­ner Fla­sche Wein macht je­der sei­nen Stand­punkt klar. Das führt zwar zu kei­ner Lö­sung, doch als Zu­schau­er wird man sich sei­nes ei­ge­nen Schwarz-Weiß-Den­kens be­wusst und be­ginnt fast Mit­ge­fühl für die ver­meint­lich "Bö­sen" zu emp­fin­den.

Seit der Welt­pre­mie­re in Can­nes 2022, wo WIE WIL­DE TIE­RE als Sen­sa­ti­on ge­fei­ert wur­de, ist sein Er­folg un­ge­bro­chen. Bei der Ver­lei­hung der Go­yas 2023 räum­te er neun Prei­se ab, un­ter an­de­rem für Bes­ter Film, Bes­te Re­gie so­wie Bes­ter Haupt­dar­stel­ler.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „As Bes­tas“
Spa­ni­en / Frank­reich 2023
137 min
Re­gie Ro­dri­go Sor­ogo­ye

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

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AUF DEM WEG

AUF DEM WEG

Ab 30. November 2023 im Kino

Und noch ein Film zum Thema: Männer laufen von A nach B und finden sich dabei selbst. Diesmal wandert Jean Dujardin durch Frankreich.

Spä­tes­tens seit Ha­pe Ker­ke­lings Ja­kobs­weg-Rei­se sehnt sich das Pu­bli­kum nach Ker­len, die sich in schrof­fer Na­tur Er­kennt­nis­se über sich selbst er­lau­fen. Auch De­nis Im­berts AUF DEM WEG bie­tet da in­halt­lich we­nig Neu­es. Doch im Ver­gleich zur ver­un­glück­ten ICH BIN DANN MAL WEG-Ver­fil­mung ist die­ser Trip ein ech­tes Ju­wel. In Frank­reich woll­ten das bis jetzt über ei­ne Mil­lio­nen Zu­schau­er se­hen.

Jean Du­jar­din ist per­fekt als ge­strau­chel­ter Ma­cho

"Acht Me­ter reich­ten aus, um mir die Rip­pen, die Wir­bel und den Schä­del zu bre­chen. Acht Me­ter reich­ten, um 50 Jah­re zu al­tern." Jean Du­jar­din spielt den Schrift­stel­ler Pierre, der nach ei­ner be­trun­ke­nen Klet­te­rei aus dem 2. Stock ei­nes Ho­tels auf die Stra­ße fällt. Die Ärz­te se­hen zu­nächst we­nig Chan­ce auf Hei­lung. Ob der pas­sio­nier­te Klet­te­rer je­mals wie­der lau­fen kann, ist mehr als frag­lich. Doch wä­re das so, gä­be es we­der Buch noch Film. Ge­gen je­de Dia­gno­se fin­det Pierre die Kraft, ei­ne 1.300 Ki­lo­me­ter lan­ge Mam­mut­wan­de­rung quer durch Frank­reich an­zu­ge­hen. Sein Weg führt ihn von den süd­li­chen Al­pen über das Zen­tral­mas­siv bis zur Küs­te von La Ha­gue.

Ein Traum der Pri­vi­le­gier­ten – so ei­ne mehr­mo­na­ti­ge Aus­zeit muss man sich fi­nan­zi­ell leis­ten kön­nen. Prak­tisch, wenn man wäh­rend der Wan­de­rung noch sei­nem Job nach­ge­hen kann – dass da­bei dann ein Best­sel­ler raus­kommt – ge­schenkt. Aus der Fül­le der Selbst­fin­dungs­fil­me (und Bü­cher) sticht AUF DEM WEG wohl­tu­end her­aus. Das liegt vor al­lem an der Be­set­zung – Jean Du­jar­din ist per­fekt als ge­strau­chel­ter Ma­cho. Auch wenn es schon wie­der ein Mann ist, der sich hier auf See­len­rei­se in die raue Na­tur be­gibt. Frau­en fah­ren wohl lie­ber nach In­di­en oder ge­hen in den SPA.

Mit aufs We­sent­li­che re­du­zier­ten Rück­blen­den und gran­dio­sen Na­tur­auf­nah­men ent­wi­ckelt AUF DEM WEG ei­nen lei­sen, fast poe­ti­schen Sog. Da­zu wer­den aus dem Off die prä­gnan­tes­ten Stel­len der Vor­la­ge, Syl­vain Tes­sons Le­bens­er­in­ne­rung „Auf ver­sun­ke­nen We­gen“ ge­le­sen. So ist man dann nach 93 Mi­nu­ten dop­pelt be­lohnt: ei­nen schö­nen Film ge­se­hen und gleich­zei­tig ein gu­tes Buch da­zu ge­hört.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Sur les chem­ins noirs“ 
Frank­reich 2021
93 min
Re­gie De­nis Im­bert

al­le Bil­der © X VER­LEIH

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THE OLD OAK

THE OLD OAK

Ab 23. November 2023 im Kino

Regisseur Ken Loach ist 87 Jahre alt und hat keine Geduld mehr. Sein (wahrscheinlich) letzter Film ist nochmals ein Aufruf zu mehr Gemeinschaft und Solidarität.

Gel­sen­kir­chen könn­te auch in Groß­bri­tan­ni­en lie­gen. Ea­sing­ton ist ei­ne die­ser ty­pisch nord­eng­li­schen Klein­städ­te, die frü­her dank Berg­bau mit Le­ben und har­ter Ar­beit er­füllt wa­ren, nun aber nach 30 Jah­ren des Nie­der­gangs zu Geis­ter­städ­ten ver­kom­men. Es gibt kei­ne Jobs, die Häu­ser ver­fal­len oder wer­den zu Schleu­der­prei­sen an In­ves­to­ren ver­scher­belt. Der letz­te Zu­fluchts­ort für die, die den Ab­sprung nicht ge­schafft ha­ben, ist der lo­ka­le Pub „The Old Oak“. Des­sen Wirt TJ Ballan­ty­ne (Da­ve Tur­ner) hat selbst ei­ni­ge Schick­sals­schlä­ge er­lebt, bei den ver­bit­ter­ten Ti­ra­den sei­ner Stamm­gäs­te schal­tet er des­halb lie­ber auf Durch­zug. Als ei­nes Ta­ges un­ter dem Pro­test der Dorf­be­woh­ner ei­ne gro­ße Grup­pe sy­ri­scher Flücht­lin­ge in Ea­sing­ton ein­trifft, ist die Auf­re­gung und Ab­leh­nung groß.

Ein Lob­lied auf die Ar­bei­ter­klas­se

THE OLD OAK er­zählt von der un­ge­wöhn­li­chen pla­to­ni­schen Be­zie­hung zwi­schen dem de­pres­si­ven Pub-Be­sit­zer TJ und der jun­gen, fo­to­be­geis­ter­ten Sy­re­rin Ya­ra (Eb­la Ma­ri). Ganz lang­sam ent­wi­ckelt sich ei­ne zar­te Freund­schaft zwi­schen den bei­den. Wahr­haf­tig und au­then­tisch ge­spielt von Da­ve Tur­ner und Eb­la Ma­ri, die hier ihr Film­de­büt gibt.

Ken Loach war und ist ein Meis­ter im Dar­stel­len des eng­li­schen Ar­bei­ter­mi­lieus. So ist auch sein neu­er – und nach ei­ge­ner Aus­sa­ge letz­ter – Film ein Lob­lied auf Ge­mein­schafts­geist und die Ar­bei­ter­klas­se. THE OLD OAK fügt sich da­mit naht­los in das Le­bens­werk des Re­gis­seurs ein.

Kei­ne Jobs, kei­ne Per­spek­ti­ve, ver­ges­sen und von der Re­gie­rung fal­len­ge­las­sen: Die Pro­ble­me der bri­ti­schen Ein­hei­mi­schen und der sy­ri­schen Flücht­lin­ge sind sich gar nicht so un­ähn­lich. Loachs Lei­den­schaft und sein Mit­ge­fühl für die­se Men­schen sind auf­rüt­telnd und ein­dring­lich. Dass der Re­gis­seur nach ei­ner fast 60-jäh­ri­gen Kar­rie­re die Ge­duld ver­lo­ren hat und des­halb sei­ne Bot­schaf­ten mit dem Holz­ham­mer ver­mit­telt, sei ihm ver­zie­hen. Nur das En­de geht dann doch zu weit und ist pu­rer So­zi­al­kitsch. Bis da­hin ist OLD OAK ein be­we­gen­des Dra­ma über Ver­lust­angst und die Schwie­rig­keit, die Hoff­nung zu be­hal­ten. Das se­hens­wer­te Al­ters­werk ei­nes kom­pro­miss­lo­sen und be­mer­kens­wer­ten Re­gis­seurs.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Old Oak“
Groß­bri­tan­ni­en / Frank­reich 2023
113 min
Re­gie Ken Loach

al­le Bil­der © WILD BUNCH GER­MA­NY

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NAPOLEON

NAPOLEON

Ab 23. November 2023 im Kino

Kino, wie es sein soll: episch, spannend, lustig und lehrreich. Ridley Scotts neues Meisterwerk zeigt den französischen Kaiser, wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat.

Stol­ze 85 Jah­re alt ist Rid­ley Scott und er kann's noch im­mer. Mit NA­PO­LE­ON ist dem bri­ti­schen Re­gis­seur er­neut ein gro­ßer Wurf ge­lun­gen. Dass das al­les toll aus­sieht und die Schlacht­sze­nen bom­bas­tisch sind, ver­steht sich fast von selbst. Schließ­lich hat der Mann mit ALI­EN, BLA­DE RUN­NER und GLA­DIA­TOR gan­ze Gen­res neu er­fun­den oder zu­min­dest jahr­zehn­te­lang gel­ten­de Maß­stä­be ge­setzt.

Trotz der blu­ti­gen Schlacht­sze­nen fast ei­ne Ko­mö­die

Joa­quin Phoe­nix ist die per­fek­te Be­set­zung und spielt den fran­zö­si­schen Feld­herrn und Kai­ser als sou­ve­rä­nes, rück­sichts­lo­ses Ge­nie – zu­min­dest wenn es um Kriegs­füh­rung geht. Im Pri­va­ten ist sei­ne Ho­heit da­ge­gen das Ge­gen­teil ei­nes Ge­nies. Un­be­hol­fen, al­bern und da­bei schwer in Jo­se­fi­ne ver­liebt (fa­bel­haft: Va­nes­sa Kir­by). Von der Lie­be sei­nes Le­bens, die ihm 15 Jah­re (nicht im­mer) treu zur Sei­te steht, lässt sich Na­po­le­on we­gen aus­ge­blie­be­ner Nach­kom­men schei­den.

Über­ra­schung: NA­PO­LE­ON ist trotz der blu­ti­gen Schlacht­sze­nen fast ei­ne Ko­mö­die. Min­des­tens aber ein his­to­ri­sches Dra­ma mit ko­mi­schen Ele­men­ten. Klei­ne Miss­ge­schi­cke, ab­sur­de Dia­lo­ge und ein sich oft gar nicht kai­ser­lich ver­hal­ten­der Kai­ser sor­gen für La­cher. Über­haupt ist Scott ei­ne aus­ge­spro­chen kurz­wei­li­ge (bei 157 Mi­nu­ten Lauf­zeit) und lehr­rei­che Ge­schichts­stun­de ge­lun­gen. Hö­he­punkt ist die Schlacht von Aus­ter­litz, in der die fran­zö­si­sche Ar­mee die Streit­kräf­te Russ­lands und Ös­ter­reichs dank Na­po­le­ons stra­te­gi­schem Ge­schick auf dem Schlacht­feld aus­löscht. Sel­ten ge­nug in His­to­ri­en­fil­men: Man ver­steht die Zu­sam­men­hän­ge und geht klü­ger aus dem Ki­no.

Rid­ley Scotts viel­leicht nicht 100 % his­to­risch kor­rek­te Ver­si­on des Le­bens von Na­po­le­on Bo­na­par­te hät­te noch reich­lich wei­te­re Lo­bes­hym­nen ver­dient. Zum Bei­spiel, dass Joa­quin Phoe­nix auf ei­nen fal­schen (fran­zö­si­schen) Ak­zent ver­zich­tet – Scotts HOUSE OF GUC­CI wur­de we­gen über­trie­be­nen Eng­lisch-Ita­lie­nisch-Kau­der­welschs zur un­frei­wil­li­gen Ko­mö­die. Aber vor al­lem ist NA­PO­LE­ON für die gro­ße Lein­wand ge­macht. Ap­ple hat den Film zwar fi­nan­ziert und frü­her oder spä­ter wird er auf Ap­ple TV+ lau­fen – aber vor­her soll­te man sich NA­PO­LE­ON un­be­dingt im Ki­no an­schau­en.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Na­po­le­on“
USA / Eng­land 2023
157 min
Re­gie Rid­ley Scott

al­le Bil­der © So­ny Pic­tures

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