DUNE: PART TWO

DUNE: PART TWO

Jetzt mit noch mehr Sandwürmern! Denis Villeneuves galaktische Fortsetzung ist feistes Überwältigungskino.

Ab 29. Februar 2024 im Kino

Dune: Part Two

Knie nie­der, der Mes­si­as ist da! Die Ge­schich­te um Glau­bens­krie­ge und po­li­ti­sche Macht­spie­le geht in die nächs­te Run­de. Aus dem zar­ten Jüng­ling Paul Atrei­des ist in Part Two des Ki­no­er­folgs DUNE (2021) der gro­ße Füh­rer gan­zer Völ­ker ge­wor­den. Bis es al­ler­dings so weit ist, stiert Ti­mo­thée Cha­l­a­ment mit lan­gen Wim­pern viel­sa­gend in die Fer­ne oder wirft Zen­da­ya schmach­ten­de Bli­cke zu.

Jedes Einzelbild ein Kunstwerk

Re­gis­seur De­nis Ville­neuve hat aus dem (ein­zi­gen) Feh­ler sei­nes ers­ten Teils ganz ei­ge­ne Rück­schlüs­se ge­zo­gen: Statt ei­ner un­end­lich lan­gen Ein­füh­rung, ge­folgt von ei­ner mit­rei­ßen­den zwei­ten Hälf­te, wech­seln sich dies­mal epo­cha­le Kämp­fe mit tief­schür­fen­den Dia­log­sze­nen ab. Die Fort­set­zung ist das fil­mi­sche Äqui­va­lent zu ei­nem Hoch­see­damp­fer: gran­di­os und ma­jes­tä­tisch, aber bis die rie­si­ge Ma­schi­ne im­mer wie­der Fahrt auf­nimmt, kann es dau­ern.

Dune: Part Two

Auch wenn es zwi­schen­durch mal zäh ist, der Film sieht na­tür­lich wahn­sin­nig gut aus. Je­des Ein­zel­bild ist ein Kunst­werk. Höchs­tes Ni­veau auch schau­spie­le­risch: Ti­mo­thée Cha­l­a­met, Zen­da­ya, Re­bec­ca Fer­gu­son, Char­lot­te Ram­pling, Flo­rence Pugh, Chris­to­pher Wal­ken, Aus­tin But­ler, Josh Bro­lin und Ja­vier Bar­dem – was soll da schon schief ge­hen? Et­was mehr Leich­tig­keit hät­te das Wüs­ten­spek­ta­kel al­ler­dings ver­tra­gen, Ville­neuve nimmt den Kampf um den ga­lak­ti­schen Spi­ce sehr ernst. Hu­mor hat da nichts ver­lo­ren.

Dune: Part Two

DUNE: PART TWO ist ge­nau der Film, den Teil eins ver­spro­chen hat: Nicht bes­ser und nicht schlech­ter. Na­tür­lich soll­te man sich das im Ki­no an­schau­en, al­lein schon we­gen der ci­ne­ma­sco­pe­haf­ten Bil­der von Greig Fraser und Hans Zim­mers ge­wohnt bom­bas­ti­schen BRR­RAAAAMMM-Sound­tracks.

Dune: Part Two

Dass die kom­pli­zier­te Hand­lung (nicht um­sonst gilt Frank Her­berts Vor­la­ge als das un­ver­film­bars­te Buch al­ler Zei­ten) und die ver­schach­tel­ten Sto­ry­li­nes über ver­fein­de­te Herr­schafts­häu­ser nicht im Cha­os en­den, ist der sou­ve­rä­nen Re­gie von Ville­neuve zu ver­dan­ken. Der fran­zö­sisch-ka­na­di­sche Fil­me­ma­cher lie­fert er­neut ei­ne be­ein­dru­cken­de Me­lan­ge aus STAR WARS, Shake­speare-Tra­gö­die und GAME OF THRO­NES. Im Kern je­doch ist DUNE ei­ne auf bi­bli­sche Pro­por­tio­nen auf­ge­bla­se­ne Ju­gend­ro­man­ze, ver­packt in ei­ne vi­su­ell präch­ti­ge Space Ope­ra.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Dune: Part Two“
USA 2024
165 min
Re­gie De­nis Ville­neuve

al­le Bil­der © War­ner Bros. En­ter­tain­ment Inc.

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THE ZONE OF INTEREST

THE ZONE OF INTEREST

Sandra Hüller ist europäische Schauspielerin des Jahres 2023. Nach ANATOMIE EINES FALLS, dem Gewinner der Goldenen Palme, kommt nun ihr zweiter in Cannes preisgekrönter Film in die Kinos.

Ab 29. Februar 2024 im Kino

Das Haus lie­be­voll ein­ge­rich­tet, den Gar­ten sorg­fäl­tig ge­stal­tet – vom präch­ti­gen Blu­men­beet bis zum ak­ku­rat ge­schnit­te­nen Ra­sen. Fa­mi­lie Höss hat sich ein klein­bür­ger­li­ches Idyll wie aus dem Bil­der­buch er­schaf­fen. Ru­dolf geht pflicht­be­wusst sei­ner Ar­beit nach, Hed­wig schmeißt mit ei­ner Schar Be­diens­te­ter den Haus­halt, trifft sich mit Freun­din­nen zum Kaf­fee­klatsch. So weit, so nor­mal.

Banalität des Bösen

Doch „nor­mal“ ist an die­sem Set­ting gar nichts. Den Gar­ten Eden trennt nur ei­ne mit Sta­chel­draht be­wehr­te Mau­er von der größ­ten Ver­nich­tungs­ma­schi­ne der Na­zis, dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz. Die kon­stan­te Ge­räusch­ku­lis­se aus Schüs­sen und Schrei­en wird vom Ehe­paar Höss aus­ge­blen­det wie das fer­ne Rau­schen ei­ner Au­to­bahn. Ein­zig die Kin­der und die Schwie­ger­mut­ter schei­nen durch das Grau­en vor der Haus­tür ir­ri­tiert.

Die ers­ten Mi­nu­ten des Films sind pu­res Schwarz, un­ter­legt von Mu­sik. Ein Vor­ge­schmack auf die in­ne­re Lee­re der Fi­gu­ren. Eis­kalt und fast un­mensch­lich: San­dra Hül­ler spielt bra­vou­rös. Ekel­haft, wie sie vor dem Spie­gel in ei­nem Pelz­man­tel po­siert, der wahr­schein­lich aus dem Be­sitz ei­ner er­mor­de­ten Jü­din stammt. Als La­ger­kom­man­dant Ru­dolf Höss be­ein­druckt der aus BA­BY­LON BER­LIN be­kann­te Chris­ti­an Frie­del. Ein mus­ter­gül­ti­ger Na­zi, der sich von Hit­ler nach Ora­ni­en­burg ver­set­zen lässt, um dort das nächs­te La­ger auf Ef­fi­zi­enz zu trim­men. Der dro­hen­de Weg­zug der Fa­mi­lie ist ei­ner der we­ni­gen Mo­men­te, in de­nen sei­ne Frau emo­tio­nal re­agiert. Das schö­ne Haus und den Gar­ten zu­rück­las­sen? Nie­mals.

Jo­na­than Gla­zer in­sze­niert ei­ne schier un­vor­stell­ba­re Ge­schich­te des Ter­rors in kla­ren, nüch­ter­nen Bil­dern. Sein Film ist ei­ne teils im­pro­vi­sier­te, ex­pe­ri­men­tel­le An­ord­nung, in der das Grau­en all­ge­gen­wär­tig ist, aber nie ge­zeigt wird. Schmerz­haft und bril­lant.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Zo­ne of In­te­rest“
USA / GB / Po­len 2023
106 min
Re­gie Jo­na­than Gla­zer

al­le Bil­der © Leo­ni­ne

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BERLINALE 2024 – FINALE

BERLINALE 2024 – FINALE

Das waren die 74. Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Eine insgesamt schwache Berlinale und gleichzeitig die letzte der glücklosen Doppelspitze Rissenbeek und Chatrian. 2025 geht es unter der (hoffentlich, wahrscheinlich, bestimmt) kundigeren Leitung von Tricia Tuttle weiter. Vor den offiziellen Preisträgern, hier noch schnell die Framerate-Top 5:

Und das waren die Flops:

Goldener Bär für den Besten Film

DAHOMEY

DAHOMEY

Das The­ma ist hoch­ak­tu­ell: Im No­vem­ber 2021 ver­lie­ßen 26 Kunst­schät­ze Pa­ris und kehr­ten in ihr Her­kunfts­land Da­ho­mey, das heu­ti­ge Ben­in, zu­rück. 1892 wur­den sie dort von fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen ge­raubt. Doch wie geht man mit den Ob­jek­ten um in ei­nem Land, das sich wäh­rend ih­rer Ab­we­sen­heit stark ver­än­dert hat?

Als „Mes­me­ri­sie­ren” wird das in den Bann zie­hen bzw. Hyp­no­ti­sie­ren be­zeich­net. Ein Ar­chais­mus, der heu­te kaum noch An­wen­dung fin­det. Au­ßer in ei­ner Ber­li­na­le-Pres­se­kon­fe­renz 2024. „Thank you for this mes­me­ri­zing ex­pe­ri­ence“, be­dankt sich ein Jour­na­list bei Re­gis­seur Ma­ti Diop. Na gut, ins Deut­sche über­setzt heißt „mes­me­ri­zing“ schlicht „fas­zi­nie­rend“. Und als Kurz­film wä­re DA­HO­MEY das auch. Schein­bar muss­te aber auf Teu­fel komm raus die Mi­ni­mal­län­ge ei­nes Spiel­films er­reicht wer­den. Und so ar­bei­ten sich die Fil­me­ma­cher müh­sam mit vie­len lan­gen Auf- und Ab­blen­den auf knap­pe 67 Mi­nu­ten. Ein neu­er Trend scheint das Un­ter­le­gen von Din­gen (hier Sta­tu­en) und Tie­ren (bei PE­PE ein Nil­pferd) mit dröh­nen­den, tie­fen Stim­men zu sein. Der bes­te Film? Eher ein Ab­schieds­ge­schenk an Car­lo, denn der hat­te in sei­ner dies­jäh­ri­gen Film­aus­wahl den Fo­kus auf Afri­ka ge­legt.

Großer Preis der Jury

A Traveler's Needs

Hong Sang-soo

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man ei­ne Be­triebs­an­lei­tung braucht. Wor­um geht‘s? IMDb fasst es per­fekt zu­sam­men: "Ei­ne Fran­zö­sin trinkt in Ko­rea Mak­geol­li, nach­dem sie ih­re Ein­kom­mens­quel­le ver­lo­ren hat, und un­ter­rich­tet dann zwei Ko­rea­ne­rin­nen in Fran­zö­sisch.“ Ge­nau. Die Fran­zö­sin wird von Isa­bel­le Hup­pert ge­spielt. Der in lan­gen, sta­ti­schen Vi­deo­bil­dern ge­dreh­te Film (ei­ne Spe­zia­li­tät des ko­rea­ni­schen Re­gis­seurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Si­tua­ti­ons­ko­mik, lässt aber den un­kun­di­gen Zu­schau­er kom­plett rat­los zu­rück (ei­ne wei­te­re Spe­zia­li­tät des Re­gis­seurs).

Er­fri­schen­de Ehr­lich­keit. In sei­ner Dan­kes­re­de sagt Re­gis­seur Hong Sang-soo an die Ju­ry ge­wandt: "Thank you, I don't know what you saw in my film." Neither did I.

Preis der Jury

L'Empire

Bruno Dumont

L'EMPIRE

In ei­nem klei­nen fran­zö­si­schen Dorf ge­sche­hen selt­sa­me Din­ge. Die Men­schen ver­nei­gen sich vor ei­nem all­mäch­ti­gen Ba­by und Köp­fe wer­den mit La­ser­schwer­tern ab­ge­trennt. Kein Wun­der, ha­ben sich doch Au­ßer­ir­di­sche in die Kör­per der Dorf­be­woh­ner ein­ge­nis­tet. Die ul­ti­ma­ti­ve Schlacht zwi­schen zwei ver­fein­de­ten Ali­en-Spe­zi­es steht kurz be­vor.

Wie be­lie­ben? Na gut, es ist ei­ne Ber­li­na­le in der Car­lo-Cha­tri­an-Ära, aber trotz­dem. Der ob­sku­re Mix aus fran­zö­si­schem Art­house, STAR WARS und Pseu­do-Lars von Trier ist für un­ge­fähr 5 Mi­nu­ten un­ter­halt­sam. Bru­no Du­monts Sci­ence-Fic­tion-Par­odie ist schwer ver­dau­li­che Kost und selt­sam im un­gu­ten Sinn. Preis der Ju­ry? WTF.

Beste Regie

Pepe

Nelson Carlos De Los Santos Arias

PEPE

Noch so ein Film, den man lie­ber ver­passt hät­te. Nel­son Car­los De Los San­tos Ari­as’ ka­lei­do­sko­phaf­te Bild­col­la­ge (man könn­te es auch ei­ne un­struk­tu­rier­te Ma­te­ri­al­samm­lung nen­nen) er­zählt die Ge­schich­te von Pa­blo Es­co­bars Nil­pfer­den. Die Tie­re wur­den nach dem Tod des Dro­gen­ba­rons auf des­sen An­we­sen ge­fun­den. PE­PE (der bes­ser im künst­le­risch an­spruchs­vol­len Fo­rum auf­ge­ho­ben wä­re) ver­eint in­sze­nier­te Spiel­se­quen­zen mit Zei­chen­trick, Dok­film, viel Ex­pe­ri­men­tel­lem und sehr oft simp­lem Schwarz­bild – was sich bei den wei­chen Lie­ge­ses­seln im Ci­ne­ma­xX-Ki­no als gro­ßes Pro­blem er­weist 💤 Ir­gend­wie ori­gi­nell ist es ja trotz­dem – oder wann er­zählt ei­nem schon ein Nil­pferd auf Afri­kaans sei­ne phi­lo­so­phi­schen Ge­dan­ken zum Le­ben und Tod? Kein Film im Wett­be­werb hat den Preis für die bes­te Re­gie we­ni­ger ver­dient als die­ser.

Beste Hauptrolle

A DIFFERENT MAN

SEBASTIAN STAN

A DIFFERENT MAN

Schau­spie­ler Ed­ward lei­det un­ter ei­ner star­ken Ge­sichts­de­for­ma­ti­on. Dank ei­nes neu­en Me­di­ka­ments sieht er bald wie Hol­ly­wood­star Se­bas­ti­an Stan aus. Äu­ßer­lich än­dert sich ei­ni­ges in sei­nem Le­ben, und doch bleibt im Grun­de al­les gleich.

A DIF­FE­RENT MAN hat ein paar hüb­sche schrä­ge Ideen, mit Adam Pear­son ei­nen sehr char­man­ten sce­ne-stealer und ei­ne gan­ze Rei­he Pro­ble­me. Die plat­te Mes­sa­ge „Was nützt die schöns­te Fas­sa­de, wenn die in­ne­ren Wer­te nicht stim­men“ wird mit dem Holz­ham­mer trans­por­tiert. Da­zu führt das un­aus­ge­wo­ge­ne Tem­po zu lang­at­mi­gen Sze­nen, wäh­rend der Wech­sel zwi­schen Psycho-Dra­ma und Möch­te­gern-Thril­ler auf Dau­er an­strengt. Re­gis­seur Aa­ron Schim­berg prä­sen­tiert dem Zu­schau­er hau­fen­wei­se In­die-Kli­schees und we­nig Sub­ti­li­tät. Se­bas­ti­an Stan – bes­ter Haupt­dar­stel­ler? Ein schul­ter­zu­cken­des Hm.

Beste Nebenrolle

EMILY WATSON

SMALL THINGS LIKE THESE

Die ban­ge Fra­ge: Ist der Er­öff­nungs­film in die­sem Jahr wie­der be­son­ders schlecht? Ganz im Sin­ne Cha­tri­ans geht’s mit schwe­rer Kost los. Als Lie­fe­rant für ent­setz­li­che Ge­schich­ten ist die Kir­che stets ein ver­läss­li­cher Quell: In SMALL THINGS LI­KE THE­SE geht es nicht um He­xen­ver­bren­nung oder Kin­des­miss­brauch, son­dern um ein un­be­kann­te­res Ver­bre­chen. Das Dra­ma be­schäf­tigt sich mit den iri­schen „Mag­da­le­nen-Wä­sche­rei­en“. Das wa­ren Hei­me, die zwi­schen 1820 und Mit­te der 1990er-Jah­re von rö­misch-ka­tho­li­schen In­sti­tu­tio­nen be­trie­ben wur­den. Vor­geb­lich soll­ten dort „ge­fal­le­ne jun­ge Frau­en“ re­for­miert wer­den, in Wahr­heit wur­den sie miss­han­delt, aus­ge­beu­tet und ih­rer Kin­der be­raubt. Der Koh­le­händ­ler Bill Fur­long (Cil­li­an Mur­phy) kommt eher un­frei­wil­lig hin­ter die kor­rup­ten Ma­chen­schaf­ten des Klos­ters und weckt da­bei Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne trau­ma­ti­sche Kind­heit.

Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen fällt es schwer, sich auf den Film zu kon­zen­trie­ren, wenn ne­ben­dran ein dau­er­kau­gum­mi­kau­en­der, han­dy­brum­men­der, reiß­ver­schluß­au­f­und­zu­ma­chen­der Zu­schau­er sitzt. Da wünscht man sich den stil­len Brü­ter Cil­li­an Mur­phy als Platz­nach­barn, der weint so­gar laut­los. Ist es zu früh zu pro­phe­zei­en, dass er den Bä­ren als bes­ter Schau­spie­ler be­kom­men könn­te?

SMALL THINGS LI­KE THE­SE ist er­wach­se­nes, erns­tes Ki­no, mit leich­ter Ten­denz ins Zä­he. Düs­ter und oh­ne je­de Leich­tig­keit, aber her­aus­ra­gend ge­spielt und in­sze­niert.

Bestes Drehbuch

Sterben

MATTHIAS GLASNER

STERBEN

Mat­thi­as Glas­ner kehrt zum ers­ten Mal seit 2006 in den Ber­li­na­le Wett­be­werb zu­rück. Sein gran­dio­ses Fa­mi­li­en­epos STER­BEN han­delt na­tür­lich ge­nau vom Ge­gen­teil, näm­lich dem Le­ben in all sei­nen furcht­ba­ren und furcht­bar schö­nen Fa­cet­ten. Die über drei­stün­di­ge Dra­ma-Ko­mö­die er­forscht die In­ten­si­tät des Le­bens an­ge­sichts des To­des mit ei­ner Mi­schung aus Zart­heit, Bru­ta­li­tät, ab­sur­der Ko­mik und trau­ri­ger Schön­heit, die die Gren­zen zwi­schen bit­ter und lus­tig ver­schwim­men lässt.

Im Fo­kus der Hand­lung steht Fa­mi­lie Lun­nies: Lis­sy (Co­rin­na Har­fouch) ist Mit­te 70 und froh, dass ihr de­men­ter Mann end­lich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Ei­din­ger), ein Di­ri­gent, ar­bei­tet zu­sam­men mit sei­nem de­pres­si­ven Freund Ber­nard an der Kom­po­si­ti­on "Ster­ben". Toms Schwes­ter El­len (Li­lith Stan­gen­berg) hat ein Al­ko­hol­pro­blem und be­ginnt ei­ne wil­de Lie­bes­ge­schich­te mit dem ver­hei­ra­te­ten Zahn­arzt Se­bas­ti­an (Ro­nald Zehr­feld).

Die in Ka­pi­tel ge­glie­der­te Ge­schich­te hängt zwi­schen­drin ein biss­chen durch: Die Epi­so­de um Toch­ter El­len ist die schwächs­te und fühlt sich an, als sei sie aus ei­nem an­de­ren Film. An­sons­ten ist STER­BEN vol­ler gu­ter Sze­nen – die viel­leicht bes­te zeigt Lars Ei­din­ger und Co­rin­na Har­fouch im schmerz­haft wahrs­ten Mut­ter-Kind-Ge­spräch der Ki­no­ge­schich­te. Wahn­sin­nig ko­misch und tod­trau­rig zu­gleich. Al­lein da­für lohnt es sich.

Herausragende Künstlerische Leistung

DES TEUFELS BAD

MARTIN GSCHLACHT – KAMERA

DES TEUFELS BAD

Schlim­mer geht im­mer. Wenn man sich mal so rich­tig die gu­te Lau­ne ver­der­ben las­sen will, dann ist DES TEU­FELS BAD ei­ne ech­te Emp­feh­lung. Die auf his­to­ri­schen Ge­richts­pro­to­kol­len ba­sie­ren­de Ge­schich­te, an­ge­sie­delt in ei­nem Wald im Ober­ös­ter­reich des 18. Jahr­hun­derts, han­delt von Agnes. Die jun­ge Frau fühlt sich nach der Hoch­zeit mit Wolf fehl am Platz, kein Wun­der, steht ihr Mann doch eher auf Bur­schen. Die tief re­li­giö­se und hoch­sen­si­ble Frau zieht sich im­mer mehr zu­rück, ver­sinkt in Me­lan­cho­lie.

Kot­ze, Blut, Dreck – es war ein un­ap­pe­tit­li­ches Le­ben 1750. Der ös­ter­rei­chi­sche Wett­be­werbs­film ist ei­ne Sym­pho­nie in grau und beige, hat aber we­nigs­tens so et­was wie ei­ne Ge­schich­te. Man ist ja schon dank­bar für die klei­nen Din­ge bei die­ser Ber­li­na­le. Das Re­gie­duo Ve­ro­ni­ka Franz und Se­ve­rin Fia­la legt mit DES TEU­FELS BAD viel­leicht ei­nen au­then­ti­schen, aber in gro­ßen Tei­len drö­gen und schwer aus­zu­hal­ten­den Film vor, der trotz al­ler Freud­lo­sig­keit bis­wei­len hart an die folk­lo­ris­ti­sche Kitsch­gren­ze schrammt.

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BERLINALE 2024 – TAG NEUN

BERLINALE 2024 – TAG NEUN

Zum Abschluss noch ein wenig spirituelle Sinnsuche aus Nepal. Eine der Hauptfiguren im Film SHAMBHALA heißt "Karma". Will uns das scheidende Führungsduo damit zum Abschied etwas sagen? Wir freuen uns jedenfalls auf bessere Zeiten und wünschen Mariëtta und Carlo beruflich alles Gute für die Zukunft. Heute Abend gibt's die Preise, die Ergebnisse dann morgen hier zum Finale.

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SHAMBHALA

SHAMBHALA

In SHAMB­HA­LA macht sich die jun­ge Pe­ma auf die Su­che nach ei­nem ih­rer Ehe­män­ner. Ehe­män­ner? Plu­ral? Schlau­er wer­den mit Ber­li­na­le-Fil­men: Im Tsum-Tal im Hi­ma­la­ya dür­fen Frau­en mit meh­re­ren Män­nern gleich­zei­tig ver­hei­ra­tet sein. Pe­ma ist da­her nicht nur Tashis Ehe­frau, son­dern auch die sei­ner bei­den Brü­der Kar­ma und Da­wa.

Es ist ei­ne ech­te Pre­mie­re im dop­pel­ten Sinn: SHAMB­HA­LA fei­ert nicht nur sei­ne Welt­ur­auf­füh­rung bei der Ber­li­na­le, es ist zu­dem der ers­te ne­pa­le­si­sche Film je­mals im Wett­be­werb. Re­gis­seur Min Ba­ha­dur Bham hat in der höchst­ge­le­ge­nen Sied­lung der Welt ge­dreht, 6.000 Me­ter über dem Mee­res­spie­gel. In sol­chen Hö­hen ist die Luft dünn, der we­ni­ge Sau­er­stoff macht mü­de. Ge­nau wie die­ser Film. Trotz­dem ist SHAMB­HA­LA er­kennt­nis­reich: So ver­fü­gen Ne­pa­le­sen of­fen­bar über ei­nen schier un­be­grenz­ten Vor­rat an Schal­tü­chern, die sie zu je­der Ge­le­gen­heit her­vor­zau­bern, um sie dann um ir­gend­was oder ir­gend­wen zu le­gen. Die Be­set­zung be­steht haupt­säch­lich aus Lai­en­dar­stel­lern, ein gro­ßer Schau­spie­ler­film ist SHAMB­HA­LA da­her nicht. Un­ter nor­ma­len Um­stän­den viel­leicht ein me­di­ta­ti­ves, nach neun Ta­gen und vie­len zä­hen Fil­men ein eher ein­schlä­fern­des Er­leb­nis.

INFOS ZUM FILM

Ne­pal / Frank­reich / Nor­we­gen / Hong­kong, Chi­na / Tür­kei / Tai­wan / USA / Ka­tar 2024
150 min
Re­gie Min Ba­ha­dur Bham
Bild © Adi­tya Bas­net / Sho­o­ney Films

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BERLINALE 2024 – TAG ACHT

BERLINALE 2024 – TAG ACHT

Alarm! Laut einer Umfrage des Tagesspiegels interessieren sich 87% der Leser nicht für die Berlinale. Dabei gibt es zum Ende noch zwei gute Filme im Wettbewerb …

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VOGTER

VOGTER

Auf die Skan­di­na­vi­er ist eben Ver­lass. VOG­TER ist ein nor­disch-düs­te­rer Psy­cho­thril­ler, an­ge­sie­delt in ei­nem dä­ni­schen Ge­fäng­nis. Als der neue Häft­ling Mik­kel ein­ge­lie­fert wird, lässt sich Wär­te­rin Eva zur Ver­wun­de­rung ih­rer Kol­le­gen in den Hoch­si­cher­heits­trakt ver­set­zen, wo der Neue ein­sitzt. Was nie­mand weiß: Die bei­den ver­bin­det ein Ge­heim­nis aus der Ver­gan­gen­heit.

Gus­tav Möl­lers Film THE GUIL­TY wur­de 2021 mit Ja­ke Gyl­len­haal für den US-Markt neu ver­filmt. Es wä­re kei­ne Über­ra­schung, wenn es auch bald ein Re­make von VOG­TER gä­be – dann aber hof­fent­lich mit eben­so her­aus­ra­gen­der Be­set­zung: Die vor al­lem aus der Se­rie BOR­GEN be­kann­te Sid­se Ba­bett Knud­sen spielt den in sich ge­kehr­ten Ra­che­en­gel Eva zwi­schen selbst­zwei­felnd und eis­kalt. Ihr Wi­der­sa­cher ist ei­ne ech­te Ent­de­ckung: Se­bas­ti­an Bull als Häft­ling mit mil­li­me­ter­kur­zer Zünd­schnur strahlt phy­si­sche und psy­chi­sche Be­dro­hung aus, je­der Blick ist töd­lich. VOG­TER muss man we­ni­ger we­gen sei­ner teils kon­stru­iert wir­ken­den Hand­lung, son­dern vor al­lem we­gen sei­ner tol­len Schau­spie­ler ge­se­hen ha­ben.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Sons“
Dä­ne­mark / Schwe­den 2024
100 min
Re­gie Gus­tav Möl­ler
Bild © Ni­ko­laj Moel­ler

Wettbewerb

MÉ EL AïN

MÉ EL AÏN

Es ist Tag 8, die Mü­dig­keit groß, und als der We­cker klin­gelt, ist man schwer ver­sucht, ein­fach lie­gen zu blei­ben. Wei­che Dau­nen­kis­sen oder ein Film aus Tu­ne­si­en? Fast wä­re es pas­siert und man hät­te ein klei­nes High­light des Wett­be­werbs ver­passt. MÉ EL AÏN er­zählt auf be­ein­dru­cken­de Art ei­ne Ge­schich­te von Mut­ter­lie­be, Ver­lust und Angst. Aï­cha lebt auf ei­nem Hof im Nor­den Tu­ne­si­ens. Ih­re äl­tes­ten Söh­ne Meh­di und Ami­ne sind in den Krieg ge­zo­gen. Als Meh­di mit ei­ner ge­heim­nis­vol­len schwan­ge­ren Frau nach Hau­se zu­rück­kehrt, senkt sich ei­ne be­droh­li­che Dun­kel­heit über die Fa­mi­lie und bald das gan­ze Dorf.

Her­aus­ra­gen­de Ka­me­ra und Sound­de­sign ma­chen Me­ryam Joo­be­urs ein­dring­li­chen Film vor al­lem hand­werk­lich zu ei­nem ech­ten Bä­ren­kan­di­da­ten. „At­mo­sphä­risch dicht“, wenn ir­gend­wann die oft be­nutz­te Phra­se ge­passt hat, dann hier. Ein fie­ber­haf­ter Traum, poe­tisch und be­ängs­ti­gend zu­gleich.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Who Do I Be­long To“
Tu­ne­si­en / Frank­reich / Ka­na­da / Nor­we­gen / Ka­tar / Sau­di-Ara­bi­en 2024
117 min
Re­gie Me­ryam Joo­be­ur
Bild © Ta­nit Films, Midi La Nuit, In­stinct Bleu

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BERLINALE 2024 – TAG SIEBEN

BERLINALE 2024 – TAG SIEBEN

Siebter Berlinale-Tag. Der Kopf ist leer, der Körper geschwächt. Zeit für ein bisschen Sport: Mit Berlinale Meets Fußball nimmt das Filmfestival am Kulturprogramm zur Fußball-Europameisterschaft 2024 teil. „Fußball und Kino sind ein gutes Match, da an beiden Orten Menschen zusammen Spaß haben“, sagt Spaß-Experte Carlo Chatrian.

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GLORIA !

GLORIA!

Scu­sa­te, di nuo­vo so­lo due pun­ti. Non è col­pa mia se la Ber­li­na­le pre­sen­ta film così brut­ti. GLO­RIA! è una gran­de schmon­zet­ta. Oder um es auf Deutsch zu sa­gen: GLO­RIA! ist rie­sen­gro­ßer Schmalz. Es wür­de nie­man­den wun­dern, wenn so was am Sonn­tag­abend um 20.15 Uhr auf dem ZDF lau­fen wür­de – aber im Wett­be­werb ei­nes der re­nom­mier­tes­ten Film­fes­ti­vals der Welt? 

Den In­halt wie­der­zu­ge­ben ist un­ge­fähr so müs­sig, wie ei­ne Tie­fen­ana­ly­se des neus­ten Ro­sa­mun­de-Pilcher-Ro­mans zu ver­su­chen. In Kür­ze: Es geht um jun­ge Frau­en in ei­nem ita­lie­ni­schen Klos­ter im Jah­re 1800. Die mu­si­ka­lisch Hoch­be­gab­ten pla­nen, dem neu­en Papst ein un­ver­gess­li­ches Kon­zert zu ge­ben. Ein­zig ori­gi­nel­ler An­satz des Films: Die Frau­en­band spielt ganz un­zeit­ge­mäß mo­der­ne Mu­sik, die so auch auf dem Schla­ger­fes­ti­val von San Re­mon lau­fen könn­te. Da zü­cken die An­wäl­te von So­fia Cop­po­la die No­tiz­blö­cke, denn die hat „Histo­ry meets Pop­mu­sic“ schon 2006 um ei­ni­ges bes­ser in MA­RIE AN­TOI­NET­TE ge­macht. Am En­de der Pres­se­vor­füh­rung gab es ver­dien­ter­ma­ßen Buh-Ru­fe – über­ra­schen­der­wei­se zum ers­ten Mal in die­sem Jahr.

INFOS ZUM FILM

Ita­li­en / Schweiz 2024
100 min
Re­gie Mar­ghe­ri­ta Vica­rio
Bild © tem­pes­ta srl

Wettbewerb

Black Tea

BLACK TEA

Ein­fach mal „Nein“ sa­gen, zum Bei­spiel auch zu die­sem Film – oder zum Ver­lob­ten vor dem Trau­al­tar. Weil ihr Zu­künf­ti­ger ei­nen Tag vor der Hoch­zeit fremd­geht (Ori­gi­nal­dia­log: „So sind die Män­ner, da sind wir Frau­en macht­los“) be­ginnt die Afri­ka­ne­rin Aya (Ni­na Mé­lo) ein neu­es Le­ben in Guang­zhou, Chi­na. Dort wird sie von dem äl­te­ren Caï (Han Chang) in die zau­ber­haf­te Welt des Tees ein­ge­führt. Töp­fern oder Tee, Haupt­sa­che ir­gend­was, bei dem der Mann von hin­ten mit­grab­beln kann.
Halb Afri­ka ge­hört mitt­ler­wei­le den Chi­ne­sen, da ist es Zeit für ein biss­chen Wer­bung in ei­ge­ner Sa­che. Kein Smog, kein Dreck, kei­ne spu­cken­den Ein­hei­mi­schen. Sel­ten sah man Chi­na sau­be­rer. Es könn­te glatt ei­ne Traum­schiff-Epi­so­de sein, gleich biegt der Flo­ri um die Ecke. Schö­ne Bil­der von bes­tens ge­laun­ten, im­mer gut fri­sier­ten Men­schen in schö­ner Um­ge­bung, die Be­lang­lo­sig­kei­ten aus­tau­schen. Da­zu per­len Gi­tar­re und Kla­vier um die Wet­te. BLACK TEA ist pu­rer Edel­kitsch.

INFOS ZUM FILM

Frank­reich / Mau­re­ta­ni­en / Lu­xem­burg / Tai­wan / Côte d'Ivoire 2024
111 min
Re­gie Ab­der­rah­ma­ne Sis­sa­ko
Bild © Oli­vi­er Mar­ceny

Berlinale Special Gala

SPACEMAN

SPACEMAN

Die Er­war­tun­gen an die Net­flix-Pro­duk­ti­on SPA­CE­MAN sind hoch: Jo­han Renck ist Re­gis­seur der sen­sa­tio­nel­len HBO-Se­rie CHER­NO­BYL. Max Rich­ter hat die Mu­sik kom­po­niert. Und wenn es schon Adam Sand­ler sein muss, dann bit­te in ei­ner erns­ten Rol­le, so wie hier.

Ja­kub be­fin­det sich auf ei­ner mo­na­te­lan­gen Welt­raum­mis­si­on. Er ist ein­sam und spürt, dass sich sei­ne auf der Er­de zu­rück­ge­las­se­ne Frau von ihm ent­frem­det. Erst die phi­lo­so­phi­schen Ge­sprä­che mit der gro­ßen, haa­ri­gen Spin­ne Ha­nuš er­in­nern ihn dar­an, was wirk­lich wich­tig ist im Le­ben. Klingt nach Hor­ror, ist aber ei­ne nicht ganz ernst zu neh­men­de Mi­schung aus IN­TER­STEL­LAR, 2001: ODYS­SEE IM WELT­RAUM und SO­LA­RIS. Da das Gan­ze auf „Spa­ce­man of Bo­he­mia: Ei­ne kur­ze Ge­schich­te der böh­mi­schen Raum­fahrt“ von Ja­ros­lav Kal­far ba­siert, wird es am En­de so­gar noch mär­chen­haft: DREI HA­SEL­NÜS­SE FÜR ASCHEN­BRÖ­DEL IM WELT­RAUM so­zu­sa­gen. Adam Sand­ler als trau­ri­ger As­tro­naut geht in Ord­nung, auch wenn er mit den emo­tio­na­len Sze­nen et­was über­for­dert ist und man je­de Se­kun­de ei­nen zo­ti­gen Witz aus sei­nem Mund er­war­tet. Die simp­le Bot­schaft hat nach 106 Mi­nu­ten wirk­lich je­der ver­stan­den – das ha­ben Ro­sen­stolz sei­ner­zeit in nur 3 Mi­nu­ten kom­pak­ter zu­sam­men­ge­fasst: Lie­be ist al­les.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
106 min
Re­gie Jo­han Renck
Bild © 2023 Net­flix, Inc.

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BERLINALE 2024 – TAG SECHS

BERLINALE 2024 – TAG SECHS

„Super!“, „Naja“ und „Scheisse“. Diese drei Antwortmöglichkeiten gibt es auf die montagmorgens gestellte Frage, wie man gestern den TATORT fand. Warum in dieser Woche die gleiche Frage am Mittwoch gestellt wird, steht weiter unten in der Besprechung zum Panorama-Beitrag VERBRANNTE ERDE.

Wettbewerb

Des Teufels Bad

DES TEUFELS BAD

Schlim­mer geht im­mer. Wenn man sich mal so rich­tig die gu­te Lau­ne ver­der­ben las­sen will, dann ist DES TEU­FELS BAD ei­ne ech­te Emp­feh­lung. Die auf his­to­ri­schen Ge­richts­pro­to­kol­len ba­sie­ren­de Ge­schich­te, an­ge­sie­delt in ei­nem Wald im Ober­ös­ter­reich des 18. Jahr­hun­derts, han­delt von Agnes. Die jun­ge Frau fühlt sich nach der Hoch­zeit mit Wolf fehl am Platz, kein Wun­der, steht ihr Mann doch eher auf Bur­schen. Die tief re­li­giö­se und hoch­sen­si­ble Frau zieht sich im­mer mehr zu­rück, ver­sinkt in Me­lan­cho­lie.

Kot­ze, Blut, Dreck – es war ein un­ap­pe­tit­li­ches Le­ben 1750. Der ös­ter­rei­chi­sche Wett­be­werbs­film ist ei­ne Sym­pho­nie in grau und beige, hat aber we­nigs­tens so et­was wie ei­ne Ge­schich­te. Man ist ja schon dank­bar für die klei­nen Din­ge bei die­ser Ber­li­na­le. Das Re­gie­duo Ve­ro­ni­ka Franz und Se­ve­rin Fia­la legt mit DES TEU­FELS BAD viel­leicht ei­nen au­then­ti­schen, aber in gro­ßen Tei­len drö­gen und schwer aus­zu­hal­ten­den Film vor, der trotz al­ler Freud­lo­sig­keit bis­wei­len hart an die folk­lo­ris­ti­sche Kitsch­gren­ze schrammt.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Devil’s Bath“
Ös­ter­reich / Deutsch­land 2024
121 min
Re­gie Ve­ro­ni­ka Franz und Se­ve­rin Fia­la
Bild © Ul­rich Seidl Film­pro­duk­ti­on / Hei­mat­fil

Wettbewerb

Pepe

PEPE

Noch so ein Film, den man lie­ber ver­passt hät­te. Nel­son Car­los De Los San­tos Ari­as’ ka­lei­do­sko­phaf­te Bild­col­la­ge (man könn­te es auch ei­ne un­struk­tu­rier­te Ma­te­ri­al­samm­lung nen­nen) er­zählt die Ge­schich­te von Pa­blo Es­co­bars Nil­pfer­den. Die Tie­re wur­den nach dem Tod des Dro­gen­ba­rons auf des­sen An­we­sen ge­fun­den. PE­PE (der bes­ser im künst­le­risch an­spruchs­vol­len Fo­rum auf­ge­ho­ben wä­re) ver­eint in­sze­nier­te Spiel­se­quen­zen mit Zei­chen­trick, Dok­film, viel Ex­pe­ri­men­tel­lem und sehr oft simp­lem Schwarz­bild – was sich bei den wei­chen Lie­ge­ses­seln im Ci­ne­ma­xX-Ki­no als gro­ßes Pro­blem er­weist 💤 Ir­gend­wie ori­gi­nell ist es ja trotz­dem – oder wann er­zählt ei­nem schon ein Nil­pferd auf Afri­kaans sei­ne phi­lo­so­phi­schen Ge­dan­ken zum Le­ben und Tod?

INFOS ZUM FILM

Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik / Na­mi­bia / Deutsch­land / Frank­reich 2024
122 min
Re­gie Nel­son Car­los De Los San­tos Ari­as
Bild © Mon­te & Cu­le­bra

Panorama

VERBRANNTE ERDE

Dass Tho­mas Arslans so­li­der Film wie ein Sonn­tag­abend­kri­mi wirkt, der sich ins Ki­no ver­irrt hat, liegt vor al­lem am (neu­deutsch aus­ge­drückt) „Look and Feel“, be­zie­hungs­wei­se an der sehr kon­ven­tio­nel­len, eben TV-ge­rech­ten In­sze­nie­rung. Mišel Ma­tiče­vić spielt den wort­kar­gen Be­rufs­kri­mi­nel­len Tro­jan. Der soll ein wert­vol­les Cas­par-Da­vid-Fried­rich-Bild klau­en, doch der akri­bisch ge­plan­te Coup läuft aus dem Ru­der.

Ein paar Din­ge un­ter­schei­den VER­BRANN­TE ER­DE dann doch von ei­nem ech­ten Tat­ort: Der Film ist 11 Mi­nu­ten zu lang (ein Pro­blem, das sich durch Ent­fer­nen ei­ni­ger un­frei­wil­lig ko­mi­scher Dia­lo­ge be­he­ben lie­ße), es gibt kein Er­mitt­ler­team und am En­de fehlt der Schnitt auf die blaue Ta­fel mit wei­ßem Fa­den­kreuz. Da­aa da­aa da­aa da­aa ….

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Scor­ched Earth“
Deutsch­land 2024
101 min
Re­gie Tho­mas Ars­lan
Bild © Rein­hold Vor­schnei­der / Schramm Film

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BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

Zeit für Pressetext-Poesie. Diesmal der Forums-Beitrag LA HOJARASCA: „Drei Frauenleben ohne Versorger, körperlich erzählte Lebensstrategien, inszeniert-beobachtend-erinnernd. Ruhe stellt sich ein, im Hintergrund der Vulkan.“ Und weil’s so schön ist, hier noch RESONANCE SPIRAL: „Die Mediateca Onshore in Malafo, einem Dorf in Guinea-Bissau, ist Archiv und Klub agro-poetischer Praxen. Vom Tonband spricht Amílcar Cabral über Feminismus, das Regie-Duo in den Mangroven über die Widersprüche des Außenblicks auf die Gemeinschaft.“ Leider beide Filme verpasst…

Wettbewerb

Architecton

ARCHITECTON

Stein: der Mensch sprengt ihn, ver­ar­bei­tet ihn zu Be­ton, baut Häu­ser da­mit, die er bald dar­auf mit Bom­ben oder Bag­gern zer­stört. Die to­te, ka­put­te Bau­mas­se wird dann auf Schutt­hal­den der Na­tur zu­rück­ge­ge­ben. Über 40 Jah­re nach KOYAA­NIS­QAT­SI be­ein­dru­cken Slow-Mo­ti­on-Bil­der mit dra­ma­ti­scher Mu­sik noch im­mer. Da­zwi­schen lässt sich ein al­ter Zau­sel ei­nen Stein­kreis im Gar­ten le­gen. Am En­de wer­den die ganz gro­ßen Fra­gen ge­stellt: War­um hat die Mensch­heit vor tau­sen­den von Jah­ren Ge­bäu­de er­schaf­fen, die heu­te noch exis­tie­ren, wäh­rend wir in der Mo­der­ne Häu­ser bau­en, die nur 40 Jah­re hal­ten? Da er­hebt sich der Zei­ge­fin­ger: Un­se­re Res­sour­cen sind be­grenzt!

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Frank­reich / USA 2024
98 min
Re­gie Vic­tor Kos­sa­kovs­ky
Bild © 2024 Ma​.ja​.de. Film­pro­duk­ti­ons GmbH, Point du Jour, Les Films du Ba­li­ba­ri

Wettbewerb

A Traveler's Needs

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man ei­ne Be­triebs­an­lei­tung braucht. Wor­um geht‘s? IMDb fasst es per­fekt zu­sam­men: "Ei­ne Fran­zö­sin trinkt in Ko­rea Mak­geol­li, nach­dem sie ih­re Ein­kom­mens­quel­le ver­lo­ren hat, und un­ter­rich­tet dann zwei Ko­rea­ne­rin­nen in Fran­zö­sisch.“ Ge­nau. Die Fran­zö­sin wird von Isa­bel­le Hup­pert ge­spielt. Der in lan­gen, sta­ti­schen Vi­deo­bil­dern ge­dreh­te Film (ei­ne Spe­zia­li­tät des ko­rea­ni­schen Re­gis­seurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Si­tua­ti­ons­ko­mik, lässt aber den un­kun­di­gen Zu­schau­er kom­plett rat­los zu­rück (ei­ne wei­te­re Spe­zia­li­tät des Re­gis­seurs).

Die Ber­li­na­le bringt Hong Sang-soo Glück: Sei­ne letz­ten Fil­me „The Wo­man Who Ran“ (2020), „In­tro­duc­tion“ (2021) und "Die Schrift­stel­le­rin, ihr Film und ein glück­li­cher Zu­fall" wur­den al­le­samt mit dem Sil­ber­nen Bä­ren aus­ge­zeich­net.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Yeo­haeng­jaui Pi­lyo“
Süd­ko­rea 2024
90 min
Re­gie Hong Sang-soo
Bild © 2024 Je­on­won­sa Film Co.

Wettbewerb

LANGUE ÉTRANGÈRE

LANGUE ÉTRANGÈRE

Un­be­kann­te Krank­hei­ten, Teil 12: Fan­ny lei­det an Pseu­do­lo­gia Phan­ta­sti­ca, das heißt, sie ist ei­ne no­to­ri­sche Ge­schich­ten­er­fin­de­rin. Oder we­ni­ger eu­phe­mis­tisch: Das Mäd­chen lügt. In der Schu­le wird sie nur noch „Bla­bla­bla“ ge­nannt. Das ist Mob­bing und des­halb lei­det die 17-jäh­ri­ge Fran­zö­sin. Gut, dass sie als Aus­tausch­schü­le­rin für ein paar Wo­chen nach Leip­zig darf. Dort wohnt sie bei der gleich­alt­ri­gen, po­li­tisch en­ga­gier­ten Le­na. Um sie zu be­ein­dru­cken, er­fin­det die fa­de Fan­ny ei­ne Schwes­ter, die bei De­mos im schwar­zen Block mit­läuft. Na­tür­lich ver­lie­ben sich die Mäd­chen – Kei­ne Ju­gend­ge­schich­te oh­ne LGBTQ-Ele­ment. Au­ßer­dem sind die Teens für Um­welt­schutz, die An­ti­fa, ge­gen pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren usw. usf. Gähn.

Clai­re Bur­gers Co­ming-of-age-Sto­ry funk­tio­niert zwi­schen­durch als zar­te Lie­bes­ge­schich­te und so­gar in Ma­ßen als Ko­mö­die. An­sons­ten wä­re die ober­leh­rer­haf­te mdr-Ar­te-Co­pro­duk­ti­on bes­ser in der Sek­ti­on Ge­ne­ra­ti­on 14plus auf­ge­ho­ben. Die auf­re­gen­de­ren Stars sind in den Müt­ter­rol­len zu se­hen: Ni­na Hoss als leicht pa­ra­no­ide Deut­sche und Chia­ra Mastroi­an­ni als von der ei­ge­nen Toch­ter ge­nerv­te Fran­zö­sin. Ei­nen Film mit den bei­den in den Haupt­rol­len hät­te man sich lie­ber an­ge­schaut.

INFOS ZUM FILM

Frank­reich / Deutsch­land / Bel­gi­en 2024
105 min
Re­gie Clai­re Bur­ger
Bild © Les Films de Pierre

Panorama

BETWEEN THE TEMPLES

Ein Mann in der Kri­se: Chor­lei­ter Ben (Ja­son Schwartzman) kämpft mit dem Ver­lust sei­ner Stim­me und mög­li­cher­wei­se sei­nes jü­di­schen Glau­bens. Sei­ne Welt wird voll­ends auf den Kopf ge­stellt, als sei­ne Mu­sik­leh­re­rin aus Grund­schul­zei­ten (Ca­rol Ka­ne) auf­taucht, um sei­ne Bat-Miz­wa-Schü­le­rin zu wer­den.

Mit im­pro­vi­sier­ten Dia­lo­gen und ab­sur­dem Hu­mor er­in­nert BET­WEEN THE TEMP­LES stel­len­wei­se an Lar­ry San­ders’ CURB YOUR EN­THU­SI­ASM. Doch Sil­vers Ko­mö­die funk­tio­niert nicht durch­ge­hend und ver­stol­pert sich öf­ters in ei­nem Misch­masch aus Ideen und Stil­ex­pe­ri­men­ten. Char­mant wird es, wenn sich der Film auf die Be­zie­hung von Ben und Car­la kon­zen­triert, vor al­lem dank der Che­mie zwi­schen Schwartzman und Ka­ne.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
112 min
Re­gie Na­than Sil­ver
Bild © Sean Pri­ce Wil­liams

Generation 14plus

COMME LE FEU

COM­ME LE FEU läuft in der Rei­he Ge­ne­ra­ti­on 14plus und wen­det sich so­mit an ein ju­gend­li­ches Pu­bli­kum. Der Film be­ginnt mit ei­ner un­ge­fähr zehn­mi­nü­ti­gen Sze­ne, in der ein Au­to durch die Land­schaft fährt. Da­zu hört man ei­ne auf ei­nem Ton ge­hal­te­ne Mu­sik. Viel in­ter­es­san­ter wird es nicht. Die Ge­schich­te von zwei Fil­me­ma­chern, die sich mit ih­ren Fa­mi­li­en in ei­ner ab­ge­schie­de­nen Block­hüt­te tref­fen, hat viel Dia­log und we­nig Hand­lung. Das Gan­ze dau­ert 155 Mi­nu­ten und man fragt sich, wel­cher Teen­ager sich das frei­wil­lig an­schau­en soll.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Who by Fire“
Ka­na­da / Frank­reich 2024
155 min
Re­gie Phil­ip­pe Le­sa­ge
Bild © Balt­ha­zar Lab

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BERLINALE 2024 – TAG VIER

BERLINALE 2024 – TAG VIER

"Kunst kommt von Kopfschmerz" lautet auch in diesem Jahr das Berlinale-Motto. Selten war so viel Anstrengendes und Freudloses in den Sektionen vertreten. Da kann Panorama-Chef Michael Stütz bei der Vorstellung seines Programms noch so sehr betonen wie „großartig“ dieser Film, "großartig" diese Schauspielerin, "großartig" dieser Regisseur und "großartig" jenes Drehbuch seien – richtig großartig ist in diesem Jahr enttäuschend wenig. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Matthias Glasners STERBEN im Wettbewerb und das schräge Berlinale-Comeback von Kristen Stewart in LOVE LIES BLEEDING.

Wettbewerb

Sterben

STERBEN

Mat­thi­as Glas­ner kehrt zum ers­ten Mal seit 2006 in den Ber­li­na­le Wett­be­werb zu­rück. Sein gran­dio­ses Fa­mi­li­en­epos STER­BEN han­delt na­tür­lich ge­nau vom Ge­gen­teil, näm­lich dem Le­ben in all sei­nen furcht­ba­ren und furcht­bar schö­nen Fa­cet­ten. Die über drei­stün­di­ge Dra­ma-Ko­mö­die er­forscht die In­ten­si­tät des Le­bens an­ge­sichts des To­des mit ei­ner Mi­schung aus Zart­heit, Bru­ta­li­tät, ab­sur­der Ko­mik und trau­ri­ger Schön­heit, die die Gren­zen zwi­schen bit­ter und lus­tig ver­schwim­men lässt.

Im Fo­kus der Hand­lung steht Fa­mi­lie Lun­nies: Lis­sy (Co­rin­na Har­fouch) ist Mit­te 70 und froh, dass ihr de­men­ter Mann end­lich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Ei­din­ger), ein Di­ri­gent, ar­bei­tet zu­sam­men mit sei­nem de­pres­si­ven Freund Ber­nard an der Kom­po­si­ti­on "Ster­ben". Toms Schwes­ter El­len (Li­lith Stan­gen­berg) hat ein Al­ko­hol­pro­blem und be­ginnt ei­ne wil­de Lie­bes­ge­schich­te mit dem ver­hei­ra­te­ten Zahn­arzt Se­bas­ti­an (Ro­nald Zehr­feld).

Die in Ka­pi­tel ge­glie­der­te Ge­schich­te hängt zwi­schen­drin ein biss­chen durch: Die Epi­so­de um Toch­ter El­len ist die schwächs­te und fühlt sich an, als sei sie aus ei­nem an­de­ren Film. An­sons­ten ist STER­BEN vol­ler gu­ter Sze­nen – die viel­leicht bes­te zeigt Lars Ei­din­ger und Co­rin­na Har­fouch im schmerz­haft wahrs­ten Mut­ter-Kind-Ge­spräch der Ki­no­ge­schich­te. Wahn­sin­nig ko­misch und tod­trau­rig zu­gleich. Al­lein da­für lohnt es sich. Ne­ben MY FA­VO­RI­TE CA­KE das bis­he­ri­ge Wett­be­werbs-High­light.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Dy­ing“
Deutsch­land 2024
183 min
Re­gie Mat­thi­as Glas­ner
Bild © Ja­kub Be­jn­a­rowicz / Port au Prin­ce, Schwarz­weiss, Se­na­tor

Wettbewerb

L'Empire

L'EMPIRE

In ei­nem klei­nen fran­zö­si­schen Dorf ge­sche­hen selt­sa­me Din­ge. Die Men­schen ver­nei­gen sich vor ei­nem all­mäch­ti­gen Ba­by und Köp­fe wer­den mit La­ser­schwer­tern ab­ge­trennt. Kein Wun­der, ha­ben sich doch Au­ßer­ir­di­sche in die Kör­per der Dorf­be­woh­ner ein­ge­nis­tet. Die ul­ti­ma­ti­ve Schlacht zwi­schen zwei ver­fein­de­ten Ali­en-Spe­zi­es steht kurz be­vor.

Wie be­lie­ben? Na gut, es ist ei­ne Ber­li­na­le in der Car­lo-Cha­tri­an-Ära, aber trotz­dem. Der ob­sku­re Mix aus fran­zö­si­schem Art­house, STAR WARS und Pseu­do-Lars von Trier ist für un­ge­fähr 5 Mi­nu­ten un­ter­halt­sam. Bru­no Du­monts Sci­ence-Fic­tion-Par­odie ist schwer ver­dau­li­che Kost und weird im un­gu­ten Sinn. Mehr WTF als das wird es hof­fent­lich nicht mehr.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Em­pire“
Frank­reich / Ita­li­en / Deutsch­land / Bel­gi­en / Por­tu­gal 2024
110 min
Re­gie Bru­no Du­mont
Bild © Tes­sa­lit Pro­duc­tions

Wettbewerb

DAHOMEY

DAHOMEY

Das The­ma ist hoch­ak­tu­ell: Im No­vem­ber 2021 ver­lie­ßen 26 Kunst­schät­ze Pa­ris und kehr­ten in ihr Her­kunfts­land Da­ho­mey, das heu­ti­ge Ben­in, zu­rück. 1892 wur­den sie dort von fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen ge­raubt. Doch wie geht man mit den Ob­jek­ten um in ei­nem Land, das sich wäh­rend ih­rer Ab­we­sen­heit stark ver­än­dert hat?

Als „Mes­me­ri­sie­ren” wird das in den Bann zie­hen bzw. Hyp­no­ti­sie­ren be­zeich­net. Ein Ar­chais­mus, der heu­te kaum noch An­wen­dung fin­det. Au­ßer in ei­ner Ber­li­na­le-Pres­se­kon­fe­renz 2024. „Thank you for this mes­me­ri­zing ex­pe­ri­ence“, be­dankt sich ein Jour­na­list bei Re­gis­seur Ma­ti Diop. Na gut, ins Deut­sche über­setzt heißt „mes­me­ri­zing“ schlicht „fas­zi­nie­rend“. Und als Kurz­film wä­re DA­HO­MEY das auch. Schein­bar muss­te aber auf Teu­fel komm raus die Mi­ni­mal­län­ge ei­nes Spiel­films er­reicht wer­den. Und so ar­bei­ten sich die Fil­me­ma­cher müh­sam mit vie­len lan­gen Auf- und Ab­blen­den auf knap­pe 67 Mi­nu­ten. Ein wei­te­rer Trend ne­ben "die­ser Film soll­te bes­ser in ei­nem Mu­se­um ge­zeigt wer­den" scheint das Un­ter­le­gen von Din­gen (hier Sta­tu­en) und Tie­ren (bei PE­PE ein Nil­pferd) mit dröh­nen­den, tie­fen Stim­men zu sein. Wird ga­ran­tiert ir­gend­ei­nen Preis ge­win­nen.

INFOS ZUM FILM

Frank­reich / Se­ne­gal / Ben­in 2024
67 min
Re­gie Ma­ti Diop
Bild © Les Films du Bal – Fan­ta Sy

Berlinale Special Gala

Love lies bleeding

LOVE LIES BLEEDING

Kris­ten Ste­wart is back wi­th a ven­ge­an­ce. Die Ber­li­na­le-Ju­ry­prä­si­den­tin 2023 prä­sen­tiert mit LOVE LIES BLEE­DING ih­ren sehr spe­zi­el­len Bei­trag zum The­ma Girl­power.

Die jun­ge Lie­be zwi­schen Fit­ness­stu­dio­lei­te­rin Lou und Bo­dy­buil­de­rin Ja­ckie steht un­ter kei­nem gu­ten Stern, denn Lous Fa­mi­lie ist ein Hau­fen ge­walt­tä­ti­ger Ver­bre­cher. LOVE LIES BLEE­DING hat von al­lem sehr viel: les­bi­schen Sex, Mus­keln, Blut und hef­ti­ge Che­mie zwi­schen Kris­ten Ste­wart und Ka­ty O’Brian. Re­gis­seu­rin Ro­se Glass pro­vo­ziert ihr Pu­bli­kum, wo sie nur kann – das ist zwar al­les an­de­re als sub­til, be­rei­tet aber bis zur letz­ten Sze­ne gro­ßen Spaß.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
104 min
Re­gie Ro­se Glass
Bild © An­na Ko­oris

Panorama

LES PARADIS DE DIANE

End­lich mal was Fröh­li­ches. Aus post­na­ta­ler De­pres­si­on wird bei Dia­ne ei­ne PNF, ei­ne post­na­ta­le Flucht. Kaum hat sie ihr Kind in Zü­rich zur Welt ge­bracht, macht sie sich vom Acker. Sie taucht in Spa­ni­en un­ter, trifft auf die äl­te­re Ro­se. Auch die hat ein Mut­ter-Kind-Pro­blem. „Wenn Du ei­ne Land­schaft wärst, was für ei­ne wä­re das?“ Ja, ge­nau, es ist ei­ner die­ser Fil­me. Da­zu ein Score, der klingt, als hät­te die Alarm­an­la­ge ei­nes Au­tos als In­spi­ra­ti­ons­quel­le ge­dient. Was kommt als nächs­tes? PBS – Post Ber­li­na­le De­pres­si­on?

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Pa­ra­di­ses of Dia­ne“
Schweiz 2024
97 min
Re­gie Car­men Ja­quier und Jan Gas­s­mann
Bild © 2:1 Film

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BERLINALE 2024 – TAG DREI

BERLINALE 2024 – TAG DREI

Das Gerücht geht um, dass Andreas Dresens neuer Film ursprünglich in der Sektion Panorama versteckt werden sollte. Sein letzter Berlinale-Film RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH gewann 2022 immerhin zwei Bären. Der Regisseur drohte daraufhin, IN LIEBE, EURE HILDE vom Festival zurückzuziehen. Nun läuft er doch im Wettbewerb. Verdient oder unverdient?

Wettbewerb

In Liebe, eure Hilde

IN LIEBE, EURE HILDE

An­dre­as Dre­sens IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE ist der ers­te deut­sche Wett­be­werbs­film in die­sem Jahr. Die be­reits ach­te ge­mein­sa­me Ar­beit des Re­gis­seurs und der Dreh­buch­au­to­rin Lai­la Stie­ler er­zählt ei­ne Lie­bes­ge­schich­te in­mit­ten der Kriegs­zeit 1942. Hil­de (Liv Li­sa Fries) und Hans (Jo­han­nes He­ge­mann) sind ein Paar. Die bei­den be­tei­li­gen sich an den eher harm­lo­sen Ak­tio­nen der Grup­pe, die spä­ter als "Ro­te Ka­pel­le“ be­kannt wur­de. Als Hil­de im ach­ten Mo­nat schwan­ger ist, wer­den sie und ihr Mann ver­haf­tet und zum To­de ver­ur­teilt.

IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE er­zählt fast nüch­tern und oh­ne Kitsch die wah­re Ge­schich­te der zwei jun­gen Kom­mu­nis­ten im Wi­der­stand, die vor al­lem in der ehe­ma­li­gen DDR zu Volks­hel­den sti­li­siert wur­den. Da­bei er­fin­det Dre­sen mit sei­nem Bio­pic das Rad nicht neu, fin­det aber ei­ne in­ter­es­san­te Struk­tur: Die Zeit im Ge­fäng­nis ver­knüpft er mit der rück­wärts er­zähl­ten Ge­schich­te der Be­zie­hung von Hans und Hil­de. Es be­ginnt mit dem En­de durch die Ver­haf­tung und schließt mit der ers­ten Be­geg­nung auf ei­nem Som­mer­fest. Viel­leicht ein biss­chen kon­ven­tio­nell ge­macht, aber um Klas­sen bes­ser als vie­les, was sich sonst noch im Wett­be­werb tum­melt – sie­he un­ten.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „From Hil­de, wi­th Love“
Deutsch­land 2024
124 min
Re­gie An­dre­as Dre­sen
Bild © Fre­de­ric Ba­tier / Pan­do­ra Film

Wettbewerb

Another End

ANOTHER END

Ein wei­te­rer Film aus der Rei­he "wä­re ei­ne gu­te 45-Mi­nu­ten-Black-Mir­ror-Epi­so­de" ge­wor­den. Die Idee ist nicht neu, aber in­ter­es­sant: In na­her Zu­kunft las­sen sich die Er­in­ne­run­gen und Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Ver­stor­be­nen in so­ge­nann­ten "Hosts" im­plan­tie­ren. Die las­sen sich ih­re Diens­te be­zah­len, ste­hen da­für ei­ne be­grenz­te Zeit lang als Wie­der­gän­ger zur Ver­fü­gung, um so den An­ge­hö­ri­gen ein lang­sa­mes Ab­schied­neh­men zu er­mög­li­chen.

Sal (Ga­el Gar­cía Ber­nal) hat die­se Diens­te bit­ter nö­tig, denn nach dem Ver­lust sei­ner Frau Zoe steckt er in sei­nen Er­in­ne­run­gen an ihr ge­mein­sa­mes Le­ben fest. Dank der neu­en Tech­no­lo­gie fin­det er Zoe auf die­se Wei­se im Kör­per ei­ner an­de­ren Frau wie­der.

Mut­ter oder Hu­re – die­ses Frau­en­bild hält sich auch sie­ben Jah­re nach #Me­Too noch. Und da dies ei­ne ita­lie­ni­sche Pro­duk­ti­on ist, muss na­tür­lich was mit Bun­ga Bun­ga rein. Aus Grün­den, die wahr­schein­lich we­der Re­gie noch Dreh­buch ver­ste­hen, streift Ga­el Gar­cía Ber­nal im Lau­fe der Ge­schich­te mit trau­ri­gem Blick durch Sex­clubs, vor­bei an halb­nack­ten Frau­en (und Män­nern) – Sinn macht das nicht. Aber im­mer noch bes­ser als die dr­ölf­te lang­at­mi­ge Er­klä­rung, wes­halb, wie­so und war­um die Zeit mit den aus dem To­ten­reich zu­rück­ge­kehr­ten Dop­pel­gän­gern be­grenzt ist. Man hat es schon nach dem zwei­ten Mal ka­piert.

INFOS ZUM FILM

Ita­li­en 2024
125 min
Re­gie Pie­ro Mes­si­na
Bild © In­di­go Film

Wettbewerb

Hors du temps

HORS DU TEMPS

Im April 2020 ver­brin­gen der Film­re­gis­seur Eti­en­ne und sein Bru­der Paul, ein Mu­sik­jour­na­list, zu­sam­men mit ih­ren neu­en Part­ne­rin­nen Mor­ga­ne und Ca­ro­le den Lock­down im Haus ih­rer El­tern. Bei dem un­frei­wil­li­gen Ge­mein­schafts­ur­laub wird viel ge­re­det und es pas­siert so gut wie nichts.

Ein Haus auf dem Land mit herr­li­chem Gar­ten? Wäh­rend der Co­ro­nahoch­zeit konn­te es ei­nen schlim­mer tref­fen. Die Be­zie­hungs- und All­tags­pro­blem­chen der Bo­hè­me las­sen dem­entspre­chend kalt. Zwei, drei net­te Sze­nen – das war’s. Oli­vi­er As­say­as' Na­bel­schau ist ein ge­schwät­zi­ges Stück Ki­no aus Frank­reich, bei dem man sich wie­der mal fragt, was das im Wett­be­werb ver­lo­ren hat. Car­lo Cha­tri­ans Ki­no at it’s best. Das Gan­ze wirkt, als hät­te es der spä­te Woo­dy Al­len an ei­nem schlech­ten Tag in­sze­niert. Aus­ge­spro­chen lang­wei­lig.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Sus­pen­ded Time“
Frank­reich 2024
105 min
Re­gie Oli­vi­er As­say­as
Bild © Ca­ro­le Be­thuel

Panorama

THE OUTRUN

No­ra Fing­scheidt bleibt mit ih­rem neu­en Film wei­ter am The­ma „Frau­en un­ter Druck“. Schrie und tob­te sich in SYS­TEM­SPREN­GER noch die neun­jäh­ri­ge Ben­ni durch ei­ne un­ge­rech­te Welt, steht dies­mal ei­ne jun­ge Frau im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te. Ro­na ist schwe­re Al­ko­ho­li­ke­rin und könn­te glatt als er­wach­se­ne Ver­si­on von Ben­ni durch­ge­hen. Wie so oft bei Trin­kern ist sie nüch­tern ein lie­bens­wer­tes We­sen, ver­liert aber be­sof­fen je­de Kon­trol­le. 

Die Ver­fil­mung von Amy Liptrots Me­moi­ren macht es den Zu­schau­ern nicht leicht, die Hand­lung springt wild in den Zei­ten zwi­schen Kind­heit, Sucht und Ent­zug. Sao­ir­se Ro­nan stürzt sich kopf­über in die dank­ba­re Rol­le, über­schrei­tet da­bei nie die Gren­ze des Über­spie­lens. No­ra Fing­scheidt ist fünf Jah­re nach SYS­TEM­SPREN­GER wie­der ein star­ker Film ge­lun­gen, der – hät­te er sei­ne Pre­mie­re nicht vor kur­zem beim Sun­dance Film Fes­ti­val ge­fei­ert – bes­ser im Wett­be­werb auf­ge­ho­ben wä­re.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Ou­trun“
Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich / Deutsch­land 2024
117 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt
Bild © The Ou­trun

Panorama

SEX

Klingt wie der An­fang von ei­nem schlech­ten Witz: Zwei Schorn­stein­fe­ger un­ter­hal­ten sich über Sex. Wenn es in ei­nem zwei­stün­di­gen Film nur zehn un­ter­halt­sa­me Mi­nu­ten gibt, dann kann man si­cher sein, dass es sich um ei­nen Ber­li­na­le-Bei­trag a.d. Koss­lick han­delt. Nichts ge­gen Ge­sprä­che über Ge­schlech­ter­rol­len und das In­fra­ge­stel­len von ge­lern­ter Se­xua­li­tät, doch Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Hau­ge­rud regt mit sei­nem Film nicht zum Nach­den­ken an, son­dern er­zeugt vor al­lem eins: ge­pfleg­te Lan­ge­wei­le.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Sex“
Nor­we­gen 2024
125 min
Re­gie Dag Jo­han Hau­ge­rud
Bild © Mot­lys

Panorama

JANET PLANET

Und noch ein Film aus der Sek­ti­on „Muss man nicht ge­se­hen ha­ben“. Der An­fang ist noch ganz lus­tig, weckt die Hoff­nung, es gin­ge um ein bö­ses klei­nes Mäd­chen, das sei­ne Um­welt ter­ro­ri­siert. Doch dann stellt sich her­aus, dass die elf­jäh­ri­ge Lu­cy nur ger­ne Lin­dor-Ku­geln isst (wer tut das nicht?) und aus dem Stan­ni­ol­pa­pier Hü­te für ih­re Pup­pen bas­telt. Ach ja, und ih­rer Mut­ter Ja­net und de­ren wech­seln­den Partner:innen macht sie hin und wie­der das Le­ben schwer. Da nicht ganz klar wird, was der Sinn da­hin­ter ist, soll das Pres­se­heft er­klä­ren: „In ih­rem Film­de­büt be­ob­ach­tet die mit dem Pu­lit­zer­preis aus­ge­zeich­ne­te Dra­ma­ti­ke­rin An­nie Bak­er, wie ein Kind das Ver­ge­hen der Zeit er­lebt, und zeigt den Pro­zess, mit dem ei­ne Toch­ter sich von ih­rer Mut­ter ent­liebt.“ Ach so.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
110 min
Re­gie An­nie Bak­er
Bild © A24

Generation Kplus

LOS TONOS MAYORES

Die 14-jäh­ri­ge Ana trägt seit ei­nem Un­fall ei­ne Me­tall­plat­te im Arm. Da­mit emp­fängt sie rät­sel­haf­te Mor­se­si­gna­le. Ih­re Su­che nach dem Ab­sen­der ist ge­nau­so lang­at­mig, wie die Auf­lö­sung lang­wei­lig. Wel­chen Ju­gend­li­chen soll das in ra­sen­den Tik­Tok-Zei­ten hin­ter dem Han­dy her­vor­lo­cken? Schnarch.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Ma­jor To­nes “
Ar­gen­ti­ni­en / Spa­ni­en 2023
101 min
Re­gie In­grid Po­kro­pek
Bild © Gong Ci­ne / 36 Ca­bal­los

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BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

Hat ein Wahnsinniger die Absperrungen am Potsdamer Platz aufgestellt? Nirgendwo geht’s rein, nirgendwo geht’s raus. Wenn schon nicht das Wegeleitsystem, dann doch zumindest das Design gelobt: Der hochelegante Bär, der mal mit lächelndem Gesicht, mal mit angehobener Tatze die Berlinale-Plakate ziert, ist eine riesige Verbesserung gegenüber der 80er-Jahre Frisörwerbung vom letzten Jahr. Fell ist nämlich immer ganz gut …

Wettbewerb

A DIFFERENT MAN

A DIFFERENT MAN

Schau­spie­ler Ed­ward lei­det un­ter ei­ner star­ken Ge­sichts­de­for­ma­ti­on. Dank ei­nes neu­en Me­di­ka­ments sieht er bald wie Hol­ly­wood­star Se­bas­ti­an Stan aus. Äu­ßer­lich än­dert sich ei­ni­ges in sei­nem Le­ben, und doch bleibt im Grun­de al­les gleich.

A DIF­FE­RENT MAN hat ein paar hüb­sche schrä­ge Ideen, mit Adam Pear­son ei­nen sehr char­man­ten sce­ne-stealer und ei­ne gan­ze Rei­he Pro­ble­me. Die plat­te Mes­sa­ge „Was nützt die schöns­te Fas­sa­de, wenn die in­ne­ren Wer­te nicht stim­men“ wird mit dem Holz­ham­mer trans­por­tiert. Da­zu führt das un­aus­ge­wo­ge­ne Tem­po zu lang­at­mi­gen Sze­nen, wäh­rend der Wech­sel zwi­schen Psycho-Dra­ma und Möch­te­gern-Thril­ler auf Dau­er an­strengt. Re­gis­seur Aa­ron Schim­berg prä­sen­tiert dem Zu­schau­er hau­fen­wei­se In­die-Kli­schees und we­nig Sub­ti­li­tät.

INFOS ZUM FILM

USA 2023
112 min
Re­gie Aa­ron Schim­berg
Bild © Faces Off LLC

Wettbewerb

LA COCINA

Wer beim Ti­tel LA CO­CI­NA ei­nen Film übers Ko­chen er­war­tet, liegt gründ­lich falsch. Der me­xi­ka­ni­sche Wett­be­werbs­bei­trag spielt zwar zu gro­ßen Tei­len in der Kü­che ei­nes New Yor­ker Re­stau­rants, doch ums Zu­be­rei­ten von Spei­sen geht es nur am Ran­de. Nein, LA CO­CI­NA ist ei­ne shake­spear­sche Tra­gö­die mit al­lem Drum und Dran: Lie­be, Ver­rat, das ganz gro­ße Dra­ma. Und wie es sich für ein Dra­ma ge­hört, wird über zwei Stun­den lang lei­den­schaft­lich ge­lit­ten und ge­strit­ten.

Die Ge­schich­te spielt hin­ter den Ku­lis­sen der Tou­ris­ten­fal­le „The Grill“ am Times Squa­re. Der me­xi­ka­ni­sche Koch Pe­dro (Raúl Brio­nes Car­mo­na), ein Il­le­ga­ler, ist schwer in die Kell­ne­rin Jui­lia (Ron­ney Ma­ra) ver­liebt. Als er er­fährt, dass sie von ihm schwan­ger ist und ab­trei­ben will, sieht er rot. Be­zie­hungs­wei­se grau, denn LA CO­CI­NA ist in stren­gem Schwarz-Weiß ge­dreht. Dass Dia­lo­ge, Rhyth­mus und In­sze­nie­rung thea­ter­haft wir­ken, kommt nicht von un­ge­fähr: Der Film ba­siert auf dem gleich­na­mi­gen Büh­nen­stück von Ar­nold Wes­ker. Kein Wun­der, dass man sich wie beim Ta­ble­read zu ei­nem Off-Broad­way-Stück fühlt.

Die Kü­che als Höl­le auf Er­den. All das Ge­schreie und Ge­flu­che mag zwar au­then­tisch sein, zerrt aber auf Dau­er nicht nur an den Ner­ven der Prot­ago­nis­ten. LA CO­CI­NA ist so an­stren­gend wie ei­ne Dop­pel­schicht in der Groß­raum­kü­che.

INFOS ZUM FILM

Me­xi­ko / USA 2024
139 min
Re­gie Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os
Bild © Ju­an Pa­blo Ramí­rez / Film­a­do­ra

Wettbewerb

My favorite cake

MY FAVORITE CAKE

Ma­hin (70) lebt al­lein, ih­re Kin­der sind ins Aus­land weg­ge­zo­gen. Ei­nes schö­nen Ta­ges be­schließt sie, dass es ge­nug mit der Ein­sam­keit ist und ihr Lie­bes­le­ben ei­nen Neu­start braucht. Die Spon­tan­ro­man­ze mit ei­nem Ta­xi­fah­rer ent­wi­ckelt sich rasch zu ei­nem in vie­ler­lei Hin­sicht un­ver­gess­li­chen Abend.

Schon Ma­ryam Mog­had­dams und Beh­tash Sanae­e­has vor­he­ri­ger Film BAL­LAD OF A WHITE COW wur­de nicht nur bei Frame­ra­te in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt und ent­wi­ckel­te sich schnell zum Pu­bli­kums­lieb­ling der Ber­li­na­le 2021. Auch KEY­KE MAH­BOO­BE MAN läuft im Wett­be­werb und es wä­re ein Wun­der, wenn es nicht ir­gend­ei­nen Bä­ren da­für gä­be. Die zar­te Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen zwei Rent­nern in Te­he­ran hat al­les, was Ki­no braucht: Tra­gik, ei­ne gu­te Sto­ry, zwei her­aus­ra­gen­de Dar­stel­ler (Li­ly Far­had­pour & Es­mail Mehrabi) und vor al­lem viel Hu­mor.

Gar nicht lus­ti­ger sad-fact: Ge­gen das ira­ni­sche Au­toren- und Re­gie-Duo Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha wur­de ein Rei­se­ver­bot ver­hängt. Ih­re Päs­se wur­den kon­fis­ziert und ih­nen droht in Be­zug auf ih­re Ar­beit als Fil­me­ma­cher ein Ge­richts­ver­fah­ren.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Key­ke Mah­boo­be Man“
Iran / Frank­reich / Schwe­den / Deutsch­land 2024
97 min
Re­gie Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha
Bild © Ha­mid Ja­ni­pour

Panorama

BRIEF HISTORY OF A FAMILY

Der 15-jäh­ri­ge Wai­sen­jun­ge Yan Shuo wanzt sich in die Fa­mi­lie sei­nes Mit­schü­lers Tu Wei. Die wohl­ha­ben­den El­tern neh­men ihn schnell als zwei­ten Sohn an. Ein Plä­doy­er für die Wie­der­ein­füh­rung der Ein-Kind-Po­li­tik? Man weiß es nicht. Der stil­vol­le, aber span­nungs­ar­me Thril­ler be­sticht im­mer­hin durch un­ter­schwel­lig be­droh­li­che At­mo­sphä­re, doch am En­de ist man so schlau wie zu Be­ginn.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Jia ting ji­an shi“
Volks­re­pu­blik Chi­na / Frank­reich / Dä­ne­mark / Ka­tar 2024
99 min
Re­gie Lin Jian­jie
Bild © First Light Films, Films du Mi­lieu, Tam­bo films

Panorama

PENDANT CE TEMPS SUR TERRE

Ei­nes Ta­ges wird El­sa von ei­ner au­ßer­ir­di­schen Le­bens­form kon­tak­tiert, die be­haup­tet, sie kön­ne den im Welt­raum ver­schol­le­nen Bru­der der jun­gen Frau zur Er­de zu­rück­brin­gen. Doch der Preis da­für ist hoch. Re­gis­seur Jé­ré­my Cla­pin will uns mit PEN­DANT CE TEMPS SUR TERRE wahr­schein­lich et­was über Trau­er und Ver­lust er­zäh­len. Da­zu nutzt er ei­ne Mi­schung aus Bo­dy-Hor­ror, Sci­ence Fic­tion, Zei­chen­trick und fran­zö­si­schem Art­house-Ki­no. Kunst halt. Se­hens­wert nur we­gen der tol­len Haupt­dar­stel­le­rin Me­gan Nort­ham.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Me­an­while on Earth“
Frank­reich 2024
88 min
Re­gie Jé­ré­my Cla­pin
Bild © Ma­nu­el Mou­tier

Generation Kplus

SIEGER SEIN

Mo­na ist mit ih­rer kur­di­schen Fa­mi­lie aus Sy­ri­en ge­flüch­tet und lan­det im Ber­li­ner Wed­ding, dem Be­zirk, der seit 30 Jah­ren kommt. In ih­rer neu­en Schu­le ist sie „voll das Op­fer“, bis sie beim Fuss­ball­spie­len be­wei­sen kann, was in ihr steckt. Ganz er­staun­lich, dass es sich bei SIE­GER SEIN um ei­nen De­büt­film han­delt. Denn es wim­melt nur so von Kli­schees. Re­gis­seu­rin So­leen Yu­sef will es al­len recht ma­chen: Der jun­gen Ziel­grup­pe eben­so, wie den ver­eul­ten Re­dak­teu­ren der Öf­fent­lich-Recht­li­chen. Be­son­ders ner­vig sind da­bei die di­dak­ti­schen An­sät­ze. Ein biss­chen Zu­wen­dung und schon hebt der ge­ra­de noch re­spekt­lo­se Rotz­löf­fel im Un­ter­richt brav die Hand und fragt mit gro­ßen Au­gen „Was ist Dik­ta­tur?“ Er­klä­rung folgt, wie­der was ge­lernt – Bru­da, isch schwö­re!

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Win­ners“
Deutsch­land 2024
119 min
Re­gie So­leen Yu­sef
Bild © Ste­phan Bur­chardt / DCM

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BERLINALE 2024 – TAG EINS

BERLINALE 2024 – TAG EINS

„Menschen, die in metaphorischen Käfigen gefangen sind“ – unter diesem Gute-Laune-Motto steht laut künstlerischem Leiter Carlo Chatrian die diesjährige Auswahl der Wettbewerbsfilme. Und damit welcome, bienvenue und herzlich willkommen zu einer neuen Runde Berlinale. Für das glücklose Führungsduo Mariëtte & Carlo ist es die vorläufig letzte. Ab 2025 übernimmt Tricia Tuttle (keine name-jokes) und weckt schon bei ihrem ersten Auftritt die leise Hoffnung, dass das größte Publikumsfestival in Zukunft wieder etwas zugänglicher wird und weniger sperriges Kopfkino präsentiert. Aber jetzt erst mal Kaffee in den Körper und los geht’s mit dem Eröffnungsfilm:

Wettbewerb

SMALL THINGS LIKE THESE

Die ban­ge Fra­ge: Ist der Er­öff­nungs­film in die­sem Jahr wie­der be­son­ders schlecht? Ganz im Sin­ne Cha­tri­ans geht’s mit schwe­rer Kost los. Als Lie­fe­rant für ent­setz­li­che Ge­schich­ten ist die Kir­che stets ein ver­läss­li­cher Quell: In SMALL THINGS LI­KE THE­SE geht es nicht um He­xen­ver­bren­nung oder Kin­des­miss­brauch, son­dern um ein un­be­kann­te­res Ver­bre­chen. Das Dra­ma be­schäf­tigt sich mit den iri­schen „Mag­da­le­nen-Wä­sche­rei­en“. Das wa­ren Hei­me, die zwi­schen 1820 und Mit­te der 1990er-Jah­re von rö­misch-ka­tho­li­schen In­sti­tu­tio­nen be­trie­ben wur­den. Vor­geb­lich soll­ten dort „ge­fal­le­ne jun­ge Frau­en“ re­for­miert wer­den, in Wahr­heit wur­den sie miss­han­delt, aus­ge­beu­tet und ih­rer Kin­der be­raubt. Der Koh­le­händ­ler Bill Fur­long (Cil­li­an Mur­phy) kommt eher un­frei­wil­lig hin­ter die kor­rup­ten Ma­chen­schaf­ten des Klos­ters und weckt da­bei Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne trau­ma­ti­sche Kind­heit.

Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen fällt es schwer, sich auf den Film zu kon­zen­trie­ren, wenn ne­ben­dran ein dau­er­kau­gum­mi­kau­en­der, han­dy­brum­men­der, reiß­ver­schluß­au­f­und­zu­ma­chen­der Zu­schau­er sitzt. Da wünscht man sich den stil­len Brü­ter Cil­li­an Mur­phy als Platz­nach­barn, der weint so­gar laut­los. Ist es zu früh zu pro­phe­zei­en, dass er den Bä­ren als bes­ter Schau­spie­ler be­kom­men könn­te?

SMALL THINGS LI­KE THE­SE ist er­wach­se­nes, erns­tes Ki­no, mit leich­ter Ten­denz ins Zä­he. Düs­ter und oh­ne je­de Leich­tig­keit, aber her­aus­ra­gend ge­spielt und in­sze­niert. Es gab bei Gott schon schlech­te­re Ber­li­nal­estarts.

INFOS ZUM FILM

Deut­scher Ti­tel „Klei­ne Din­ge wie die­se“
Ir­land / Bel­gi­en 2024
96 min
Re­gie Tim Mie­lants
Bild © Shane O’Connor

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SCHOCK

SCHOCK

Und es geht ja doch: Ein richtig guter Gangsterfilm aus Deutschland, ganz ohne Digger-Dialoge.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

„Bru­da, Du bist Eh­ren­mann!“ Man hat sich mitt­ler­wei­le dar­an ge­wöhnt, dass in deut­schen Gangs­ter­fil­men ge­spro­chen wird, wie sonst nur an Ber­li­ner Schu­len. Selbst Kin­der er­set­zen das gu­te al­te „ch“ durch „sch“. Dig­ger, krass und „Isch schwö­re beim Le­ben mei­ner Mut­ta“ ge­hö­ren zur All­tags­spra­che 10-Jäh­ri­ger. Des­halb gro­ßes Lob an Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to: In ih­rer ge­mein­sa­men Re­gie­ar­beit spre­chen die Ga­no­ven ge­schlif­fe­nes Hoch­deutsch.

Für einen deutschen Thriller ungewöhnlich cool

Bru­no (aus­ge­zeich­net: De­nis Mo­s­chit­to) ist ein Arzt, der we­gen Dro­gen­miss­brauchs sei­ne Ap­pro­ba­ti­on ver­lo­ren hat. Nun küm­mert er sich um Pa­ti­en­ten au­ßer­halb des Sys­tems: Il­le­ga­le oder Kri­mi­nel­le, die aus di­ver­sen Grün­den nicht ins Kran­ken­haus kön­nen. Die Pro­ble­me be­gin­nen, als ihm sei­ne An­wäl­tin (An­ke En­gel­ke in ei­ner Gast­rol­le) 50.000 € für ei­nen schein­bar simp­len Job bie­tet: Er soll ei­nem ita­lie­ni­schen Ma­fio­so ei­ne An­ti­kör­per­the­ra­pie ver­ab­rei­chen. Doch nicht nur das Be­schaf­fen des Me­di­ka­ments löst ei­ne Ket­te von Ka­ta­stro­phen aus, Bru­nos Schwa­ger Giu­li (durch Halb­glat­ze und Wam­pe schön ver­un­stal­tet: Fah­ri Yar­dim) ist zu­dem als Kil­ler auf den kran­ken Ita­lie­ner an­ge­setzt.

Bild­ge­stal­tung, Schau­spiel und At­mo­sphä­re sind für ei­nen deut­schen Thril­ler un­ge­wöhn­lich cool. Aus der Not des be­grenz­ten Bud­gets ha­ben die bei­den Re­gis­seu­re ei­ne Tu­gend ge­macht. Die Hand­lung spielt zu gro­ßen Tei­len in ver­reg­ne­ten Näch­ten – das ist stim­mungs­voll und sieht auch noch gut aus. Es gibt kei­ne un­nö­tig aus­ge­walz­ten Back­storys, kein over­ac­ting und kei­ne lach­haf­te Möch­te­gern-Hol­ly­wood-Ac­tion. SCHOCK ist ein at­mo­sphä­risch dich­ter Gen­re­film aus Deutsch­land, an dem sich der gu­te al­te TAT­ORT ein Bei­spiel neh­men könn­te. So geht span­nen­de Kri­mi­un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
104 min
Re­gie Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to

al­le Bil­der © Film­welt Ver­lei­hagen­tur

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BOB MARLEY: ONE LOVE

BOB MARLEY: ONE LOVE

Ja, Mann! Bob Marley hätte einen besseren Film verdient als dieses flache Malen-nach-Zahlen-Biopic.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

Rei­nal­do Mar­cus Greens Film wen­det sich an ein Pu­bli­kum, das ent­we­der gar nichts über Bob Mar­ley weiß (Bob wer?) oder Fans, die ein­fach noch mal die Grea­test Hits des Reg­gae­mu­si­kers hö­ren wol­len. Schon der An­fang ist ent­spre­chend plump: Schrift­ta­feln in­for­mie­ren den Zu­schau­er ge­fühlt mi­nu­ten­lang, wer der Mann über­haupt war und in wel­cher Zeit er leb­te.

Mit dem Holzhammer erzählt

Wer es noch nicht wuss­te: Bob Mar­ley war ein ja­mai­ka­ni­scher Mu­si­ker und Ak­ti­vist, der als be­deu­tends­ter Ver­tre­ter und Mit­be­grün­der der Reg­gae-Mu­sik gilt. Ge­mein­sam mit sei­ner Band The Wai­lers hat­te er zahl­lo­se Hits. Mit nur 36 Jah­ren starb er am 11. Mai 1981 an Haut­krebs.

Ei­ne Ge­schich­te wie mit dem Holz­ham­mer er­zählt. Bei­spiels­wei­se so: Kaum hört Mar­ley (King­s­ley Ben-Adir) ein paar Tak­te des Sound­tracks zum Paul-New­man-Film EX­ODUS, schon greift er nach der Gi­tar­re und per­formt aus dem Stand den Welt­hit „Ex­odus“. Ja, so ge­ni­al war er wohl. Oder: Mar­ley und sei­ne Frau Ri­ta (Lasha­na Lynch) strei­ten sich, sie läuft wei­nend weg und – rich­tig – in der nächs­ten Sze­ne ist „No Wo­man, No Cry“ zu hö­ren. Wel­cher Song läuft wohl vor ei­ner Schie­ße­rei?

Re­gie und Dreh­buch mö­gen es oh­ne­hin sim­pel, ha­ken mehr ab, als ei­ne dra­ma­tur­gisch in­ter­es­san­te Sto­ry zu er­zäh­len. Kei­ne Sze­ne, in der nicht ir­gend­was Maß­geb­li­ches be­spro­chen oder Ge­nia­les kom­po­niert wird. Das mag zwar al­les so ge­we­sen sein, ei­ne tie­fer­ge­hen­de Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re bleibt bei die­sem "Best of ei­nes Le­bens" aus. Tech­nisch ist das gut ge­macht und auch schau­spie­le­risch gibt es nichts zu me­ckern, nur das Dreh­buch hat die Ele­ganz ei­nes Wi­ki­pe­dia­ein­trags.

Mu­si­ker-Bio­pics sind ein hit-or-miss-Spiel: Ver­klei­de­te Schau­spie­ler, die zum Play­back per­for­men, er­rei­chen nie die Kraft und den Zau­ber des Ori­gi­nals. Für je­de BO­HE­MI­AN RA­HAP­SO­DY gibt es ei­nen RO­CKET­MAN, für je­den EL­VIS ei­nen MA­ES­TRO. In die­sem Fall ist nicht nur haar­tech­nisch ge­se­hen GIRL YOU KNOW IT’S TRUE der bes­se­re Ras­ta­zopf-Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Bob Mar­ley: One Love“
USA 2024
105 min
Re­gie Rei­nal­do Mar­cus Green

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

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ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

Die Bestsellerverfilmung über zwei ungleiche Freunde will zu viel und scheitert daran.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

ChatGPT, fas­se die fol­gen­den 300 Sei­ten zu­sam­men, un­ter Bei­be­hal­tung der Kern­aus­sa­gen. Was mit Tex­ten per KI halb­wegs funk­tio­niert, ist bei Buch­ver­fil­mun­gen im­mer noch ein Pro­blem. Ent­schei­den­des fehlt oder ans Herz ge­wach­se­ne Cha­rak­te­re wer­den ge­stri­chen. Der Le­ser ist ge­nervt. Bei ARIS­TO­TE­LES UND DAN­TE ENT­DE­CKEN DIE GE­HEIM­NIS­SE DES UNI­VER­SUMS ist das Ge­gen­teil der Fall – und nun, was soll man sa­gen? Das macht es auch nicht bes­ser.

Reichlich uninteressante Nebenhandlungen

Der ein­zel­gän­ge­ri­sche Aris­to­te­les und der flam­boy­an­te Dan­te könn­ten un­ter­schied­li­cher nicht sein. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb wer­den sie bes­te Freun­de. Die „viel­leicht“ oder „viel­leicht nicht“-Liebesgeschichte zwi­schen den Jungs, an­ge­sie­delt im Te­xas der 1980er-Jah­re, hät­te als Co­ming-of-Age-Film ge­nü­gend Po­ten­zi­al. Lei­der wur­den noch reich­lich un­in­ter­es­san­te Ne­ben­hand­lun­gen über Aris im Knast sit­zen­den Bru­der, den Tod ei­ner les­bi­schen Tan­te, die AIDS-Epi­de­mie, Pro­ble­me mit den El­tern, Tren­nungs­schmerz, Ho­mo­pho­bie und vie­les mehr ins Dreh­buch ge­packt. All die Ne­ben­kriegs­schau­plät­ze rau­ben der ei­gent­li­chen Ge­schich­te die Luft zum At­men. Dra­ma­tur­gisch be­son­ders un­ge­schickt: Dan­te zieht für ein Jahr nach Chi­ca­go und ver­schwin­det da­mit für gut die Hälf­te des Films. Kein Wun­der, dass man spä­tes­tens dann das In­ter­es­se an der oh­ne­hin nicht be­son­ders knis­tern­den jun­gen Lie­be ver­lo­ren hat.

Kramp­fi­ge oder ins Nichts lau­fen­de Dia­lo­ge, Cha­rak­te­re, die ein­ge­führt wer­den und wie­der ver­schwin­den, be­lie­bi­ge Aus­stat­tung und Kos­tü­me. Der Film könn­te 1985 oder ge­nau­so gut 2024 spie­len. Die Be­set­zung geht in Ord­nung (Eva Lon­go­ria bleibt als ver­ständ­nis­vol­le Mut­ter fast un­ge­nutzt), doch die gu­ten Schau­spie­ler kön­nen das über­frach­te­te Dreh­buch nicht ret­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Aris­tot­le and Dan­te Dis­co­ver the Se­crets of the Uni­ver­se“
USA 2023
96 min
Re­gie Aitch Al­ber­to

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

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ALL OF US STRANGERS

ALL OF US STRANGERS

Zeitreise mal anders. Nicht im DeLorean auf brennenden Reifen zurück in die Zukunft, sondern als melancholischer Traum auf den Spuren der eigenen Kindheit.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Adam ist ein­sam. Sei­ne El­tern ver­lor er bei ei­nem Au­to­un­fall, als er ge­ra­de mal zwölf Jah­re alt war. Nun lebt der Dreh­buch­au­tor in ei­nem ge­sichts­lo­sen Hoch­haus am Ran­de Lon­dons. Auf dem Plat­ten­spie­ler die gro­ßen Que­er-Pop-Hits der 1980er-Jah­re. Ei­nes Abends klin­gelt sein Nach­bar Har­ry an der Tür. Zwi­schen den bei­den Män­nern ent­wi­ckelt sich rasch ei­ne Be­zie­hung, doch gleich­zei­tig wird Adam von Er­in­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit heim­ge­sucht. Im­mer wie­der fin­det er sich in der Vor­stadt wie­der, in der er auf­ge­wach­sen ist. Im Haus sei­ner Kind­heit le­ben sei­ne El­tern noch ge­nau­so, wie vor 30 Jah­ren, nichts hat sich hier ver­än­dert. Das Wie­der­se­hen jen­seits von Zeit und Raum löst nicht nur bei Adam schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen aus.

Der irreale Zustand zwischen Traum und Aufwachen

ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne me­lan­cho­li­sche Me­di­ta­ti­on über Ver­lust und Ein­sam­keit, die sich wie der ir­rea­le Zu­stand zwi­schen Traum und Auf­wa­chen an­fühlt. Wun­der­bar un­kit­schig und herz­zer­rei­ßend trau­rig, da­zu mit um­wer­fen­den Leis­tun­gen von al­len Schau­spie­lern. Ne­ben An­drew Scott (dem Pfar­rer aus FLE­A­BAG) und Paul Mes­cal glän­zen Ja­mie Bell und Clai­re Foy als (un)-tote El­tern. Wer bei den Ge­sprä­chen zwi­schen Va­ter und Sohn nicht mit den Trä­nen kämpft, hat kein Herz.

Für sei­ne Stu­die über Ver­ge­bung und die Macht der Lie­be fin­det der Film ei­ne un­ge­wöhn­li­che Er­zähl­form, Ka­me­ra und Sound­track sind her­aus­ra­gend. ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne der schöns­ten Le­bens- und Lie­bes­ge­schich­ten des Jah­res.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „All of us Stran­gers“
GB 2023
105 min
Re­gie An­drew Haigh

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­dio Mo­ti­on Pic­tures GmbH

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DIE FARBE LILA

DIE FARBE LILA

Aus Buch wird Film wird Broadwaymusical wird Film. THE COLOR PURPLE erzählt vom Triumph einer schwarzen Frau über ihren brutalen Ehemann. 1985 wurde der Stoff unter der Regie von Steven Spielberg verfilmt, 2005 kam eine mit Tony-Awards ausgezeichnete Broadway-Produktion auf die Bühne. Aus der hat Regisseur Blitz Bazawule nun wieder einen Kinofilm gemacht.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Mu­si­cals: Die ei­nen lie­ben sie, die an­de­ren has­sen sie. Dar­an wird auch die von Op­rah Win­frey und Ste­ven Spiel­berg pro­du­zier­te Ver­fil­mung des Broad­way-Stücks DIE FAR­BE LI­LA nichts än­dern. Die Ge­schich­te von der miss­han­del­ten Ce­lie, die un­glück­lich mit ei­nem bru­ta­len Dreck­sack ver­hei­ra­tet ist und de­ren ge­lieb­te Schwes­ter von eben die­sem ver­trie­ben wird, ist be­kannt. Neu ist, dass die Hand­lung dies­mal sin­gend er­zählt wird.

Überbordende Gesangs- und Tanznummern

Re­gis­seur Blitz Ba­za­wu­le hat mit der Ad­ap­ti­on des Pu­lit­zer­preis-aus­ge­zeich­ne­ten Ro­mans von Ali­ce Wal­ker ei­nen zeit­lo­sen Film ge­macht. Hier stört nichts un­pas­send Mo­der­nes, al­les ist hoch­pro­fes­sio­nell in­sze­niert, per­fekt aus­ge­stat­tet und na­tür­lich top ge­spielt und ge­sun­gen. Die Ka­me­ra von Dan Laust­sen glei­tet durch son­nen­durch­flu­te­te oder dra­ma­tisch ver­reg­ne­te Süd­staa­ten-Land­schaf­ten, um­kreist und fliegt über die Dar­stel­ler in feist aus­ge­stat­te­ten Mu­si­cal­num­mern.

Dass es da­bei nicht dis­ney­haft sep­tisch wird, ist vor al­lem den gran­dio­sen Schau­spie­le­rin­nen zu ver­dan­ken, al­len vor­an Fan­ta­sia Bar­ri­no in der Haupt­rol­le, Ta­ra­ji P. Hen­son als Shug Avery und Sce­ne-Stealer Da­ni­elle Brooks, de­ren So­fia sich in der von Män­nern do­mi­nier­ten Welt nicht die But­ter vom Brot neh­men lässt.

Die ers­ten zwei Stun­den sind gro­ßes Ki­no: über­bor­den­de Ge­sangs- und Tanz­num­mern und tol­le Dar­bie­tun­gen von al­len Be­tei­lig­ten ma­chen den Film zu ei­nem Er­leb­nis. Doch am En­de ist es die letz­te hal­be Stun­de, die zu viel ist. Je mehr die Bö­sen ge­läu­tert sind, des­to kit­schi­ger wird es. Ein Pro­blem, das schon Spiel­bergs Ver­si­on hat­te. Wie in je­der ech­ten Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on ist auch hier das Hap­py End un­ver­meid­lich, nur be­son­ders glaub­haft ist es nicht.

Blitz Ba­za­wu­le ist ein gha­nai­scher Mul­ti­me­dia­künst­ler, der vor al­lem als Co-Re­gis­seur bei Bey­on­cés „Black is King“ be­kannt wur­de. Sei­ne Neu­ver­fil­mung von THE CO­LOR PUR­PLE ist ein vi­su­el­les Fest, hand­werk­lich un­glaub­lich gut ge­macht, nur bei der Cha­rak­ter­ent­wick­lung ha­pert es manch­mal et­was. Wer Sinn für Mu­si­cals hat, soll­te sich DIE FAR­BE LI­LA trotz­dem auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Co­lor Pur­ple“
USA 2023
145 min
Re­gie Blitz Ba­za­wu­le

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

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