BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

Zeit für Pressetext-Poesie. Diesmal der Forums-Beitrag LA HOJARASCA: „Drei Frauenleben ohne Versorger, körperlich erzählte Lebensstrategien, inszeniert-beobachtend-erinnernd. Ruhe stellt sich ein, im Hintergrund der Vulkan.“ Und weil’s so schön ist, hier noch RESONANCE SPIRAL: „Die Mediateca Onshore in Malafo, einem Dorf in Guinea-Bissau, ist Archiv und Klub agro-poetischer Praxen. Vom Tonband spricht Amílcar Cabral über Feminismus, das Regie-Duo in den Mangroven über die Widersprüche des Außenblicks auf die Gemeinschaft.“ Leider beide Filme verpasst…

Wettbewerb

Architecton

ARCHITECTON

Stein: der Mensch sprengt ihn, ver­ar­bei­tet ihn zu Be­ton, baut Häu­ser da­mit, die er bald dar­auf mit Bom­ben oder Bag­gern zer­stört. Die to­te, ka­put­te Bau­mas­se wird dann auf Schutt­hal­den der Na­tur zu­rück­ge­ge­ben. Über 40 Jah­re nach KOYAA­NIS­QAT­SI be­ein­dru­cken Slow-Mo­ti­on-Bil­der mit dra­ma­ti­scher Mu­sik noch im­mer. Da­zwi­schen lässt sich ein al­ter Zau­sel ei­nen Stein­kreis im Gar­ten le­gen. Am En­de wer­den die ganz gro­ßen Fra­gen ge­stellt: War­um hat die Mensch­heit vor tau­sen­den von Jah­ren Ge­bäu­de er­schaf­fen, die heu­te noch exis­tie­ren, wäh­rend wir in der Mo­der­ne Häu­ser bau­en, die nur 40 Jah­re hal­ten? Da er­hebt sich der Zei­ge­fin­ger: Un­se­re Res­sour­cen sind be­grenzt!

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Frank­reich / USA 2024
98 min
Re­gie Vic­tor Kos­sa­kovs­ky
Bild © 2024 Ma​.ja​.de. Film­pro­duk­ti­ons GmbH, Point du Jour, Les Films du Ba­li­ba­ri

Wettbewerb

A Traveler's Needs

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man ei­ne Be­triebs­an­lei­tung braucht. Wor­um geht‘s? IMDb fasst es per­fekt zu­sam­men: "Ei­ne Fran­zö­sin trinkt in Ko­rea Mak­geol­li, nach­dem sie ih­re Ein­kom­mens­quel­le ver­lo­ren hat, und un­ter­rich­tet dann zwei Ko­rea­ne­rin­nen in Fran­zö­sisch.“ Ge­nau. Die Fran­zö­sin wird von Isa­bel­le Hup­pert ge­spielt. Der in lan­gen, sta­ti­schen Vi­deo­bil­dern ge­dreh­te Film (ei­ne Spe­zia­li­tät des ko­rea­ni­schen Re­gis­seurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Si­tua­ti­ons­ko­mik, lässt aber den un­kun­di­gen Zu­schau­er kom­plett rat­los zu­rück (ei­ne wei­te­re Spe­zia­li­tät des Re­gis­seurs).

Die Ber­li­na­le bringt Hong Sang-soo Glück: Sei­ne letz­ten Fil­me „The Wo­man Who Ran“ (2020), „In­tro­duc­tion“ (2021) und "Die Schrift­stel­le­rin, ihr Film und ein glück­li­cher Zu­fall" wur­den al­le­samt mit dem Sil­ber­nen Bä­ren aus­ge­zeich­net.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Yeo­haeng­jaui Pi­lyo“
Süd­ko­rea 2024
90 min
Re­gie Hong Sang-soo
Bild © 2024 Je­on­won­sa Film Co.

Wettbewerb

LANGUE ÉTRANGÈRE

LANGUE ÉTRANGÈRE

Un­be­kann­te Krank­hei­ten, Teil 12: Fan­ny lei­det an Pseu­do­lo­gia Phan­ta­sti­ca, das heißt, sie ist ei­ne no­to­ri­sche Ge­schich­ten­er­fin­de­rin. Oder we­ni­ger eu­phe­mis­tisch: Das Mäd­chen lügt. In der Schu­le wird sie nur noch „Bla­bla­bla“ ge­nannt. Das ist Mob­bing und des­halb lei­det die 17-jäh­ri­ge Fran­zö­sin. Gut, dass sie als Aus­tausch­schü­le­rin für ein paar Wo­chen nach Leip­zig darf. Dort wohnt sie bei der gleich­alt­ri­gen, po­li­tisch en­ga­gier­ten Le­na. Um sie zu be­ein­dru­cken, er­fin­det die fa­de Fan­ny ei­ne Schwes­ter, die bei De­mos im schwar­zen Block mit­läuft. Na­tür­lich ver­lie­ben sich die Mäd­chen – Kei­ne Ju­gend­ge­schich­te oh­ne LGBTQ-Ele­ment. Au­ßer­dem sind die Teens für Um­welt­schutz, die An­ti­fa, ge­gen pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren usw. usf. Gähn.

Clai­re Bur­gers Co­ming-of-age-Sto­ry funk­tio­niert zwi­schen­durch als zar­te Lie­bes­ge­schich­te und so­gar in Ma­ßen als Ko­mö­die. An­sons­ten wä­re die ober­leh­rer­haf­te mdr-Ar­te-Co­pro­duk­ti­on bes­ser in der Sek­ti­on Ge­ne­ra­ti­on 14plus auf­ge­ho­ben. Die auf­re­gen­de­ren Stars sind in den Müt­ter­rol­len zu se­hen: Ni­na Hoss als leicht pa­ra­no­ide Deut­sche und Chia­ra Mastroi­an­ni als von der ei­ge­nen Toch­ter ge­nerv­te Fran­zö­sin. Ei­nen Film mit den bei­den in den Haupt­rol­len hät­te man sich lie­ber an­ge­schaut.

INFOS ZUM FILM

Frank­reich / Deutsch­land / Bel­gi­en 2024
105 min
Re­gie Clai­re Bur­ger
Bild © Les Films de Pierre

Panorama

BETWEEN THE TEMPLES

Ein Mann in der Kri­se: Chor­lei­ter Ben (Ja­son Schwartzman) kämpft mit dem Ver­lust sei­ner Stim­me und mög­li­cher­wei­se sei­nes jü­di­schen Glau­bens. Sei­ne Welt wird voll­ends auf den Kopf ge­stellt, als sei­ne Mu­sik­leh­re­rin aus Grund­schul­zei­ten (Ca­rol Ka­ne) auf­taucht, um sei­ne Bat-Miz­wa-Schü­le­rin zu wer­den.

Mit im­pro­vi­sier­ten Dia­lo­gen und ab­sur­dem Hu­mor er­in­nert BET­WEEN THE TEMP­LES stel­len­wei­se an Lar­ry San­ders’ CURB YOUR EN­THU­SI­ASM. Doch Sil­vers Ko­mö­die funk­tio­niert nicht durch­ge­hend und ver­stol­pert sich öf­ters in ei­nem Misch­masch aus Ideen und Stil­ex­pe­ri­men­ten. Char­mant wird es, wenn sich der Film auf die Be­zie­hung von Ben und Car­la kon­zen­triert, vor al­lem dank der Che­mie zwi­schen Schwartzman und Ka­ne.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
112 min
Re­gie Na­than Sil­ver
Bild © Sean Pri­ce Wil­liams

Generation 14plus

COMME LE FEU

COM­ME LE FEU läuft in der Rei­he Ge­ne­ra­ti­on 14plus und wen­det sich so­mit an ein ju­gend­li­ches Pu­bli­kum. Der Film be­ginnt mit ei­ner un­ge­fähr zehn­mi­nü­ti­gen Sze­ne, in der ein Au­to durch die Land­schaft fährt. Da­zu hört man ei­ne auf ei­nem Ton ge­hal­te­ne Mu­sik. Viel in­ter­es­san­ter wird es nicht. Die Ge­schich­te von zwei Fil­me­ma­chern, die sich mit ih­ren Fa­mi­li­en in ei­ner ab­ge­schie­de­nen Block­hüt­te tref­fen, hat viel Dia­log und we­nig Hand­lung. Das Gan­ze dau­ert 155 Mi­nu­ten und man fragt sich, wel­cher Teen­ager sich das frei­wil­lig an­schau­en soll.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Who by Fire“
Ka­na­da / Frank­reich 2024
155 min
Re­gie Phil­ip­pe Le­sa­ge
Bild © Balt­ha­zar Lab

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BERLINALE 2024 – TAG VIER

BERLINALE 2024 – TAG VIER

"Kunst kommt von Kopfschmerz" lautet auch in diesem Jahr das Berlinale-Motto. Selten war so viel Anstrengendes und Freudloses in den Sektionen vertreten. Da kann Panorama-Chef Michael Stütz bei der Vorstellung seines Programms noch so sehr betonen wie „großartig“ dieser Film, "großartig" diese Schauspielerin, "großartig" dieser Regisseur und "großartig" jenes Drehbuch seien – richtig großartig ist in diesem Jahr enttäuschend wenig. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Matthias Glasners STERBEN im Wettbewerb und das schräge Berlinale-Comeback von Kristen Stewart in LOVE LIES BLEEDING.

Wettbewerb

Sterben

STERBEN

Mat­thi­as Glas­ner kehrt zum ers­ten Mal seit 2006 in den Ber­li­na­le Wett­be­werb zu­rück. Sein gran­dio­ses Fa­mi­li­en­epos STER­BEN han­delt na­tür­lich ge­nau vom Ge­gen­teil, näm­lich dem Le­ben in all sei­nen furcht­ba­ren und furcht­bar schö­nen Fa­cet­ten. Die über drei­stün­di­ge Dra­ma-Ko­mö­die er­forscht die In­ten­si­tät des Le­bens an­ge­sichts des To­des mit ei­ner Mi­schung aus Zart­heit, Bru­ta­li­tät, ab­sur­der Ko­mik und trau­ri­ger Schön­heit, die die Gren­zen zwi­schen bit­ter und lus­tig ver­schwim­men lässt.

Im Fo­kus der Hand­lung steht Fa­mi­lie Lun­nies: Lis­sy (Co­rin­na Har­fouch) ist Mit­te 70 und froh, dass ihr de­men­ter Mann end­lich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Ei­din­ger), ein Di­ri­gent, ar­bei­tet zu­sam­men mit sei­nem de­pres­si­ven Freund Ber­nard an der Kom­po­si­ti­on "Ster­ben". Toms Schwes­ter El­len (Li­lith Stan­gen­berg) hat ein Al­ko­hol­pro­blem und be­ginnt ei­ne wil­de Lie­bes­ge­schich­te mit dem ver­hei­ra­te­ten Zahn­arzt Se­bas­ti­an (Ro­nald Zehr­feld).

Die in Ka­pi­tel ge­glie­der­te Ge­schich­te hängt zwi­schen­drin ein biss­chen durch: Die Epi­so­de um Toch­ter El­len ist die schwächs­te und fühlt sich an, als sei sie aus ei­nem an­de­ren Film. An­sons­ten ist STER­BEN vol­ler gu­ter Sze­nen – die viel­leicht bes­te zeigt Lars Ei­din­ger und Co­rin­na Har­fouch im schmerz­haft wahrs­ten Mut­ter-Kind-Ge­spräch der Ki­no­ge­schich­te. Wahn­sin­nig ko­misch und tod­trau­rig zu­gleich. Al­lein da­für lohnt es sich. Ne­ben MY FA­VO­RI­TE CA­KE das bis­he­ri­ge Wett­be­werbs-High­light.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Dy­ing“
Deutsch­land 2024
183 min
Re­gie Mat­thi­as Glas­ner
Bild © Ja­kub Be­jn­a­rowicz / Port au Prin­ce, Schwarz­weiss, Se­na­tor

Wettbewerb

L'Empire

L'EMPIRE

In ei­nem klei­nen fran­zö­si­schen Dorf ge­sche­hen selt­sa­me Din­ge. Die Men­schen ver­nei­gen sich vor ei­nem all­mäch­ti­gen Ba­by und Köp­fe wer­den mit La­ser­schwer­tern ab­ge­trennt. Kein Wun­der, ha­ben sich doch Au­ßer­ir­di­sche in die Kör­per der Dorf­be­woh­ner ein­ge­nis­tet. Die ul­ti­ma­ti­ve Schlacht zwi­schen zwei ver­fein­de­ten Ali­en-Spe­zi­es steht kurz be­vor.

Wie be­lie­ben? Na gut, es ist ei­ne Ber­li­na­le in der Car­lo-Cha­tri­an-Ära, aber trotz­dem. Der ob­sku­re Mix aus fran­zö­si­schem Art­house, STAR WARS und Pseu­do-Lars von Trier ist für un­ge­fähr 5 Mi­nu­ten un­ter­halt­sam. Bru­no Du­monts Sci­ence-Fic­tion-Par­odie ist schwer ver­dau­li­che Kost und weird im un­gu­ten Sinn. Mehr WTF als das wird es hof­fent­lich nicht mehr.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Em­pire“
Frank­reich / Ita­li­en / Deutsch­land / Bel­gi­en / Por­tu­gal 2024
110 min
Re­gie Bru­no Du­mont
Bild © Tes­sa­lit Pro­duc­tions

Berlinale Special Gala

Love lies bleeding

LOVE LIES BLEEDING

Kris­ten Ste­wart is back wi­th a ven­ge­an­ce. Die Ber­li­na­le-Ju­ry­prä­si­den­tin 2023 prä­sen­tiert mit LOVE LIES BLEE­DING ih­ren sehr spe­zi­el­len Bei­trag zum The­ma Girl­power.

Die jun­ge Lie­be zwi­schen Fit­ness­stu­dio­lei­te­rin Lou und Bo­dy­buil­de­rin Ja­ckie steht un­ter kei­nem gu­ten Stern, denn Lous Fa­mi­lie ist ein Hau­fen ge­walt­tä­ti­ger Ver­bre­cher. LOVE LIES BLEE­DING hat von al­lem sehr viel: les­bi­schen Sex, Mus­keln, Blut und hef­ti­ge Che­mie zwi­schen Kris­ten Ste­wart und Ka­ty O’Brian. Re­gis­seu­rin Ro­se Glass pro­vo­ziert ihr Pu­bli­kum, wo sie nur kann – das ist zwar al­les an­de­re als sub­til, be­rei­tet aber bis zur letz­ten Sze­ne gro­ßen Spaß.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
104 min
Re­gie Ro­se Glass
Bild © An­na Ko­oris

Panorama

LES PARADIS DE DIANE

End­lich mal was Fröh­li­ches. Aus post­na­ta­ler De­pres­si­on wird bei Dia­ne ei­ne PNF, ei­ne post­na­ta­le Flucht. Kaum hat sie ihr Kind in Zü­rich zur Welt ge­bracht, macht sie sich vom Acker. Sie taucht in Spa­ni­en un­ter, trifft auf die äl­te­re Ro­se. Auch die hat ein Mut­ter-Kind-Pro­blem. „Wenn Du ei­ne Land­schaft wärst, was für ei­ne wä­re das?“ Ja, ge­nau, es ist ei­ner die­ser Fil­me. Da­zu ein Score, der klingt, als hät­te die Alarm­an­la­ge ei­nes Au­tos als In­spi­ra­ti­ons­quel­le ge­dient. Was kommt als nächs­tes? PBS – Post Ber­li­na­le De­pres­si­on?

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Pa­ra­di­ses of Dia­ne“
Schweiz 2024
97 min
Re­gie Car­men Ja­quier und Jan Gas­s­mann
Bild © 2:1 Film

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BERLINALE 2024 – TAG DREI

BERLINALE 2024 – TAG DREI

Das Gerücht geht um, dass Andreas Dresens neuer Film ursprünglich in der Sektion Panorama versteckt werden sollte. Sein letzter Berlinale-Film RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH gewann 2022 immerhin zwei Bären. Der Regisseur drohte daraufhin, IN LIEBE, EURE HILDE vom Festival zurückzuziehen. Nun läuft er doch im Wettbewerb. Verdient oder unverdient?

Wettbewerb

In Liebe, eure Hilde

IN LIEBE, EURE HILDE

An­dre­as Dre­sens IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE ist der ers­te deut­sche Wett­be­werbs­film in die­sem Jahr. Die be­reits ach­te ge­mein­sa­me Ar­beit des Re­gis­seurs und der Dreh­buch­au­to­rin Lai­la Stie­ler er­zählt ei­ne Lie­bes­ge­schich­te in­mit­ten der Kriegs­zeit 1942. Hil­de (Liv Li­sa Fries) und Hans (Jo­han­nes He­ge­mann) sind ein Paar. Die bei­den be­tei­li­gen sich an den eher harm­lo­sen Ak­tio­nen der Grup­pe, die spä­ter als "Ro­te Ka­pel­le“ be­kannt wur­de. Als Hil­de im ach­ten Mo­nat schwan­ger ist, wer­den sie und ihr Mann ver­haf­tet und zum To­de ver­ur­teilt.

IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE er­zählt fast nüch­tern und oh­ne Kitsch die wah­re Ge­schich­te der zwei jun­gen Kom­mu­nis­ten im Wi­der­stand, die vor al­lem in der ehe­ma­li­gen DDR zu Volks­hel­den sti­li­siert wur­den. Da­bei er­fin­det Dre­sen mit sei­nem Bio­pic das Rad nicht neu, fin­det aber ei­ne in­ter­es­san­te Struk­tur: Die Zeit im Ge­fäng­nis ver­knüpft er mit der rück­wärts er­zähl­ten Ge­schich­te der Be­zie­hung von Hans und Hil­de. Es be­ginnt mit dem En­de durch die Ver­haf­tung und schließt mit der ers­ten Be­geg­nung auf ei­nem Som­mer­fest. Viel­leicht ein biss­chen kon­ven­tio­nell ge­macht, aber um Klas­sen bes­ser als vie­les, was sich sonst noch im Wett­be­werb tum­melt – sie­he un­ten.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „From Hil­de, wi­th Love“
Deutsch­land 2024
124 min
Re­gie An­dre­as Dre­sen
Bild © Fre­de­ric Ba­tier / Pan­do­ra Film

Wettbewerb

Another End

ANOTHER END

Ein wei­te­rer Film aus der Rei­he "wä­re ei­ne gu­te 45-Mi­nu­ten-Black-Mir­ror-Epi­so­de" ge­wor­den. Die Idee ist nicht neu, aber in­ter­es­sant: In na­her Zu­kunft las­sen sich die Er­in­ne­run­gen und Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Ver­stor­be­nen in so­ge­nann­ten "Hosts" im­plan­tie­ren. Die las­sen sich ih­re Diens­te be­zah­len, ste­hen da­für ei­ne be­grenz­te Zeit lang als Wie­der­gän­ger zur Ver­fü­gung, um so den An­ge­hö­ri­gen ein lang­sa­mes Ab­schied­neh­men zu er­mög­li­chen.

Sal (Ga­el Gar­cía Ber­nal) hat die­se Diens­te bit­ter nö­tig, denn nach dem Ver­lust sei­ner Frau Zoe steckt er in sei­nen Er­in­ne­run­gen an ihr ge­mein­sa­mes Le­ben fest. Dank der neu­en Tech­no­lo­gie fin­det er Zoe auf die­se Wei­se im Kör­per ei­ner an­de­ren Frau wie­der.

Mut­ter oder Hu­re – die­ses Frau­en­bild hält sich auch sie­ben Jah­re nach #Me­Too noch. Und da dies ei­ne ita­lie­ni­sche Pro­duk­ti­on ist, muss na­tür­lich was mit Bun­ga Bun­ga rein. Aus Grün­den, die wahr­schein­lich we­der Re­gie noch Dreh­buch ver­ste­hen, streift Ga­el Gar­cía Ber­nal im Lau­fe der Ge­schich­te mit trau­ri­gem Blick durch Sex­clubs, vor­bei an halb­nack­ten Frau­en (und Män­nern) – Sinn macht das nicht. Aber im­mer noch bes­ser als die dr­ölf­te lang­at­mi­ge Er­klä­rung, wes­halb, wie­so und war­um die Zeit mit den aus dem To­ten­reich zu­rück­ge­kehr­ten Dop­pel­gän­gern be­grenzt ist. Man hat es schon nach dem zwei­ten Mal ka­piert.

INFOS ZUM FILM

Ita­li­en 2024
125 min
Re­gie Pie­ro Mes­si­na
Bild © In­di­go Film

Wettbewerb

Hors du temps

HORS DU TEMPS

Im April 2020 ver­brin­gen der Film­re­gis­seur Eti­en­ne und sein Bru­der Paul, ein Mu­sik­jour­na­list, zu­sam­men mit ih­ren neu­en Part­ne­rin­nen Mor­ga­ne und Ca­ro­le den Lock­down im Haus ih­rer El­tern. Bei dem un­frei­wil­li­gen Ge­mein­schafts­ur­laub wird viel ge­re­det und es pas­siert so gut wie nichts.

Ein Haus auf dem Land mit herr­li­chem Gar­ten? Wäh­rend der Co­ro­nahoch­zeit konn­te es ei­nen schlim­mer tref­fen. Die Be­zie­hungs- und All­tags­pro­blem­chen der Bo­hè­me las­sen dem­entspre­chend kalt. Zwei, drei net­te Sze­nen – das war’s. Oli­vi­er As­say­as' Na­bel­schau ist ein ge­schwät­zi­ges Stück Ki­no aus Frank­reich, bei dem man sich wie­der mal fragt, was das im Wett­be­werb ver­lo­ren hat. Car­lo Cha­tri­ans Ki­no at it’s best. Das Gan­ze wirkt, als hät­te es der spä­te Woo­dy Al­len an ei­nem schlech­ten Tag in­sze­niert. Aus­ge­spro­chen lang­wei­lig.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Sus­pen­ded Time“
Frank­reich 2024
105 min
Re­gie Oli­vi­er As­say­as
Bild © Ca­ro­le Be­thuel

Panorama

THE OUTRUN

No­ra Fing­scheidt bleibt mit ih­rem neu­en Film wei­ter am The­ma „Frau­en un­ter Druck“. Schrie und tob­te sich in SYS­TEM­SPREN­GER noch die neun­jäh­ri­ge Ben­ni durch ei­ne un­ge­rech­te Welt, steht dies­mal ei­ne jun­ge Frau im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te. Ro­na ist schwe­re Al­ko­ho­li­ke­rin und könn­te glatt als er­wach­se­ne Ver­si­on von Ben­ni durch­ge­hen. Wie so oft bei Trin­kern ist sie nüch­tern ein lie­bens­wer­tes We­sen, ver­liert aber be­sof­fen je­de Kon­trol­le. 

Die Ver­fil­mung von Amy Liptrots Me­moi­ren macht es den Zu­schau­ern nicht leicht, die Hand­lung springt wild in den Zei­ten zwi­schen Kind­heit, Sucht und Ent­zug. Sao­ir­se Ro­nan stürzt sich kopf­über in die dank­ba­re Rol­le, über­schrei­tet da­bei nie die Gren­ze des Über­spie­lens. No­ra Fing­scheidt ist fünf Jah­re nach SYS­TEM­SPREN­GER wie­der ein star­ker Film ge­lun­gen, der – hät­te er sei­ne Pre­mie­re nicht vor kur­zem beim Sun­dance Film Fes­ti­val ge­fei­ert – bes­ser im Wett­be­werb auf­ge­ho­ben wä­re.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Ou­trun“
Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich / Deutsch­land 2024
117 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt
Bild © The Ou­trun

Panorama

SEX

Klingt wie der An­fang von ei­nem schlech­ten Witz: Zwei Schorn­stein­fe­ger un­ter­hal­ten sich über Sex. Wenn es in ei­nem zwei­stün­di­gen Film nur zehn un­ter­halt­sa­me Mi­nu­ten gibt, dann kann man si­cher sein, dass es sich um ei­nen Ber­li­na­le-Bei­trag a.d. Koss­lick han­delt. Nichts ge­gen Ge­sprä­che über Ge­schlech­ter­rol­len und das In­fra­ge­stel­len von ge­lern­ter Se­xua­li­tät, doch Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Hau­ge­rud regt mit sei­nem Film nicht zum Nach­den­ken an, son­dern er­zeugt vor al­lem eins: ge­pfleg­te Lan­ge­wei­le.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Sex“
Nor­we­gen 2024
125 min
Re­gie Dag Jo­han Hau­ge­rud
Bild © Mot­lys

Panorama

JANET PLANET

Und noch ein Film aus der Sek­ti­on „Muss man nicht ge­se­hen ha­ben“. Der An­fang ist noch ganz lus­tig, weckt die Hoff­nung, es gin­ge um ein bö­ses klei­nes Mäd­chen, das sei­ne Um­welt ter­ro­ri­siert. Doch dann stellt sich her­aus, dass die elf­jäh­ri­ge Lu­cy nur ger­ne Lin­dor-Ku­geln isst (wer tut das nicht?) und aus dem Stan­ni­ol­pa­pier Hü­te für ih­re Pup­pen bas­telt. Ach ja, und ih­rer Mut­ter Ja­net und de­ren wech­seln­den Partner:innen macht sie hin und wie­der das Le­ben schwer. Da nicht ganz klar wird, was der Sinn da­hin­ter ist, soll das Pres­se­heft er­klä­ren: „In ih­rem Film­de­büt be­ob­ach­tet die mit dem Pu­lit­zer­preis aus­ge­zeich­ne­te Dra­ma­ti­ke­rin An­nie Bak­er, wie ein Kind das Ver­ge­hen der Zeit er­lebt, und zeigt den Pro­zess, mit dem ei­ne Toch­ter sich von ih­rer Mut­ter ent­liebt.“ Ach so.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
110 min
Re­gie An­nie Bak­er
Bild © A24

Generation Kplus

LOS TONOS MAYORES

Die 14-jäh­ri­ge Ana trägt seit ei­nem Un­fall ei­ne Me­tall­plat­te im Arm. Da­mit emp­fängt sie rät­sel­haf­te Mor­se­si­gna­le. Ih­re Su­che nach dem Ab­sen­der ist ge­nau­so lang­at­mig, wie die Auf­lö­sung lang­wei­lig. Wel­chen Ju­gend­li­chen soll das in ra­sen­den Tik­Tok-Zei­ten hin­ter dem Han­dy her­vor­lo­cken? Schnarch.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Ma­jor To­nes “
Ar­gen­ti­ni­en / Spa­ni­en 2023
101 min
Re­gie In­grid Po­kro­pek
Bild © Gong Ci­ne / 36 Ca­bal­los

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

Hat ein Wahnsinniger die Absperrungen am Potsdamer Platz aufgestellt? Nirgendwo geht’s rein, nirgendwo geht’s raus. Wenn schon nicht das Wegeleitsystem, dann doch zumindest das Design gelobt: Der hochelegante Bär, der mal mit lächelndem Gesicht, mal mit angehobener Tatze die Berlinale-Plakate ziert, ist eine riesige Verbesserung gegenüber der 80er-Jahre Frisörwerbung vom letzten Jahr. Fell ist nämlich immer ganz gut …

Wettbewerb

A DIFFERENT MAN

Schau­spie­ler Ed­ward lei­det un­ter ei­ner star­ken Ge­sichts­de­for­ma­ti­on. Dank ei­nes neu­en Me­di­ka­ments sieht er bald wie Hol­ly­wood­star Se­bas­ti­an Stan aus. Äu­ßer­lich än­dert sich ei­ni­ges in sei­nem Le­ben, und doch bleibt im Grun­de al­les gleich.

A DIF­FE­RENT MAN hat ein paar hüb­sche schrä­ge Ideen, mit Adam Pear­son ei­nen sehr char­man­ten sce­ne-stealer und ei­ne gan­ze Rei­he Pro­ble­me. Die plat­te Mes­sa­ge „Was nützt die schöns­te Fas­sa­de, wenn die in­ne­ren Wer­te nicht stim­men“ wird mit dem Holz­ham­mer trans­por­tiert. Da­zu führt das un­aus­ge­wo­ge­ne Tem­po zu lang­at­mi­gen Sze­nen, wäh­rend der Wech­sel zwi­schen Psycho-Dra­ma und Möch­te­gern-Thril­ler auf Dau­er an­strengt. Re­gis­seur Aa­ron Schim­berg prä­sen­tiert dem Zu­schau­er hau­fen­wei­se In­die-Kli­schees und we­nig Sub­ti­li­tät.

INFOS ZUM FILM

USA 2023
112 min
Re­gie Aa­ron Schim­berg
Bild © Faces Off LLC

Wettbewerb

LA COCINA

Wer beim Ti­tel LA CO­CI­NA ei­nen Film übers Ko­chen er­war­tet, liegt gründ­lich falsch. Der me­xi­ka­ni­sche Wett­be­werbs­bei­trag spielt zwar zu gro­ßen Tei­len in der Kü­che ei­nes New Yor­ker Re­stau­rants, doch ums Zu­be­rei­ten von Spei­sen geht es nur am Ran­de. Nein, LA CO­CI­NA ist ei­ne shake­spear­sche Tra­gö­die mit al­lem Drum und Dran: Lie­be, Ver­rat, das ganz gro­ße Dra­ma. Und wie es sich für ein Dra­ma ge­hört, wird über zwei Stun­den lang lei­den­schaft­lich ge­lit­ten und ge­strit­ten.

Die Ge­schich­te spielt hin­ter den Ku­lis­sen der Tou­ris­ten­fal­le „The Grill“ am Times Squa­re. Der me­xi­ka­ni­sche Koch Pe­dro (Raúl Brio­nes Car­mo­na), ein Il­le­ga­ler, ist schwer in die Kell­ne­rin Jui­lia (Ron­ney Ma­ra) ver­liebt. Als er er­fährt, dass sie von ihm schwan­ger ist und ab­trei­ben will, sieht er rot. Be­zie­hungs­wei­se grau, denn LA CO­CI­NA ist in stren­gem Schwarz-Weiß ge­dreht. Dass Dia­lo­ge, Rhyth­mus und In­sze­nie­rung thea­ter­haft wir­ken, kommt nicht von un­ge­fähr: Der Film ba­siert auf dem gleich­na­mi­gen Büh­nen­stück von Ar­nold Wes­ker. Kein Wun­der, dass man sich wie beim Ta­ble­read zu ei­nem Off-Broad­way-Stück fühlt.

Die Kü­che als Höl­le auf Er­den. All das Ge­schreie und Ge­flu­che mag zwar au­then­tisch sein, zerrt aber auf Dau­er nicht nur an den Ner­ven der Prot­ago­nis­ten. LA CO­CI­NA ist so an­stren­gend wie ei­ne Dop­pel­schicht in der Groß­raum­kü­che.

INFOS ZUM FILM

Me­xi­ko / USA 2024
139 min
Re­gie Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os
Bild © Ju­an Pa­blo Ramí­rez / Film­a­do­ra

Wettbewerb

My favorite cake

MY FAVORITE CAKE

Ma­hin (70) lebt al­lein, ih­re Kin­der sind ins Aus­land weg­ge­zo­gen. Ei­nes schö­nen Ta­ges be­schließt sie, dass es ge­nug mit der Ein­sam­keit ist und ihr Lie­bes­le­ben ei­nen Neu­start braucht. Die Spon­tan­ro­man­ze mit ei­nem Ta­xi­fah­rer ent­wi­ckelt sich rasch zu ei­nem in vie­ler­lei Hin­sicht un­ver­gess­li­chen Abend.

Schon Ma­ryam Mog­had­dams und Beh­tash Sanae­e­has vor­he­ri­ger Film BAL­LAD OF A WHITE COW wur­de nicht nur bei Frame­ra­te in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt und ent­wi­ckel­te sich schnell zum Pu­bli­kums­lieb­ling der Ber­li­na­le 2021. Auch KEY­KE MAH­BOO­BE MAN läuft im Wett­be­werb und es wä­re ein Wun­der, wenn es nicht ir­gend­ei­nen Bä­ren da­für gä­be. Die zar­te Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen zwei Rent­nern in Te­he­ran hat al­les, was Ki­no braucht: Tra­gik, ei­ne gu­te Sto­ry, zwei her­aus­ra­gen­de Dar­stel­ler (Li­ly Far­had­pour & Es­mail Mehrabi) und vor al­lem viel Hu­mor.

Gar nicht lus­ti­ger sad-fact: Ge­gen das ira­ni­sche Au­toren- und Re­gie-Duo Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha wur­de ein Rei­se­ver­bot ver­hängt. Ih­re Päs­se wur­den kon­fis­ziert und ih­nen droht in Be­zug auf ih­re Ar­beit als Fil­me­ma­cher ein Ge­richts­ver­fah­ren.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Key­ke Mah­boo­be Man“
Iran / Frank­reich / Schwe­den / Deutsch­land 2024
97 min
Re­gie Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha
Bild © Ha­mid Ja­ni­pour

Panorama

BRIEF HISTORY OF A FAMILY

Der 15-jäh­ri­ge Wai­sen­jun­ge Yan Shuo wanzt sich in die Fa­mi­lie sei­nes Mit­schü­lers Tu Wei. Die wohl­ha­ben­den El­tern neh­men ihn schnell als zwei­ten Sohn an. Ein Plä­doy­er für die Wie­der­ein­füh­rung der Ein-Kind-Po­li­tik? Man weiß es nicht. Der stil­vol­le, aber span­nungs­ar­me Thril­ler be­sticht im­mer­hin durch un­ter­schwel­lig be­droh­li­che At­mo­sphä­re, doch am En­de ist man so schlau wie zu Be­ginn.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Jia ting ji­an shi“
Volks­re­pu­blik Chi­na / Frank­reich / Dä­ne­mark / Ka­tar 2024
99 min
Re­gie Lin Jian­jie
Bild © First Light Films, Films du Mi­lieu, Tam­bo films

Panorama

PENDANT CE TEMPS SUR TERRE

Ei­nes Ta­ges wird El­sa von ei­ner au­ßer­ir­di­schen Le­bens­form kon­tak­tiert, die be­haup­tet, sie kön­ne den im Welt­raum ver­schol­le­nen Bru­der der jun­gen Frau zur Er­de zu­rück­brin­gen. Doch der Preis da­für ist hoch. Re­gis­seur Jé­ré­my Cla­pin will uns mit PEN­DANT CE TEMPS SUR TERRE wahr­schein­lich et­was über Trau­er und Ver­lust er­zäh­len. Da­zu nutzt er ei­ne Mi­schung aus Bo­dy-Hor­ror, Sci­ence Fic­tion, Zei­chen­trick und fran­zö­si­schem Art­house-Ki­no. Kunst halt. Se­hens­wert nur we­gen der tol­len Haupt­dar­stel­le­rin Me­gan Nort­ham.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Me­an­while on Earth“
Frank­reich 2024
88 min
Re­gie Jé­ré­my Cla­pin
Bild © Ma­nu­el Mou­tier

Generation Kplus

SIEGER SEIN

Mo­na ist mit ih­rer kur­di­schen Fa­mi­lie aus Sy­ri­en ge­flüch­tet und lan­det im Ber­li­ner Wed­ding, dem Be­zirk, der seit 30 Jah­ren kommt. In ih­rer neu­en Schu­le ist sie „voll das Op­fer“, bis sie beim Fuss­ball­spie­len be­wei­sen kann, was in ihr steckt. Ganz er­staun­lich, dass es sich bei SIE­GER SEIN um ei­nen De­büt­film han­delt. Denn es wim­melt nur so von Kli­schees. Re­gis­seu­rin So­leen Yu­sef will es al­len recht ma­chen: Der jun­gen Ziel­grup­pe eben­so, wie den ver­eul­ten Re­dak­teu­ren der Öf­fent­lich-Recht­li­chen. Be­son­ders ner­vig sind da­bei die di­dak­ti­schen An­sät­ze. Ein biss­chen Zu­wen­dung und schon hebt der ge­ra­de noch re­spekt­lo­se Rotz­löf­fel im Un­ter­richt brav die Hand und fragt mit gro­ßen Au­gen „Was ist Dik­ta­tur?“ Er­klä­rung folgt, wie­der was ge­lernt – Bru­da, isch schwö­re!

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Win­ners“
Deutsch­land 2024
119 min
Re­gie So­leen Yu­sef
Bild © Ste­phan Bur­chardt / DCM

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BERLINALE 2024 – TAG EINS

BERLINALE 2024 – TAG EINS

„Menschen, die in metaphorischen Käfigen gefangen sind“ – unter diesem Gute-Laune-Motto steht laut künstlerischem Leiter Carlo Chatrian die diesjährige Auswahl der Wettbewerbsfilme. Und damit welcome, bienvenue und herzlich willkommen zu einer neuen Runde Berlinale. Für das glücklose Führungsduo Mariëtte & Carlo ist es die vorläufig letzte. Ab 2025 übernimmt Tricia Tuttle (keine name-jokes) und weckt schon bei ihrem ersten Auftritt die leise Hoffnung, dass das größte Publikumsfestival in Zukunft wieder etwas zugänglicher wird und weniger sperriges Kopfkino präsentiert. Aber jetzt erst mal Kaffee in den Körper und los geht’s mit dem Eröffnungsfilm:

Wettbewerb

SMALL THINGS LIKE THESE

Die ban­ge Fra­ge: Ist der Er­öff­nungs­film in die­sem Jahr wie­der be­son­ders schlecht? Ganz im Sin­ne Cha­tri­ans geht’s mit schwe­rer Kost los. Als Lie­fe­rant für ent­setz­li­che Ge­schich­ten ist die Kir­che stets ein ver­läss­li­cher Quell: In SMALL THINGS LI­KE THE­SE geht es nicht um He­xen­ver­bren­nung oder Kin­des­miss­brauch, son­dern um ein un­be­kann­te­res Ver­bre­chen. Das Dra­ma be­schäf­tigt sich mit den iri­schen „Mag­da­le­nen-Wä­sche­rei­en“. Das wa­ren Hei­me, die zwi­schen 1820 und Mit­te der 1990er-Jah­re von rö­misch-ka­tho­li­schen In­sti­tu­tio­nen be­trie­ben wur­den. Vor­geb­lich soll­ten dort „ge­fal­le­ne jun­ge Frau­en“ re­for­miert wer­den, in Wahr­heit wur­den sie miss­han­delt, aus­ge­beu­tet und ih­rer Kin­der be­raubt. Der Koh­le­händ­ler Bill Fur­long (Cil­li­an Mur­phy) kommt eher un­frei­wil­lig hin­ter die kor­rup­ten Ma­chen­schaf­ten des Klos­ters und weckt da­bei Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne trau­ma­ti­sche Kind­heit.

Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen fällt es schwer, sich auf den Film zu kon­zen­trie­ren, wenn ne­ben­dran ein dau­er­kau­gum­mi­kau­en­der, han­dy­brum­men­der, reiß­ver­schluß­au­f­und­zu­ma­chen­der Zu­schau­er sitzt. Da wünscht man sich den stil­len Brü­ter Cil­li­an Mur­phy als Platz­nach­barn, der weint so­gar laut­los. Ist es zu früh zu pro­phe­zei­en, dass er den Bä­ren als bes­ter Schau­spie­ler be­kom­men könn­te?

SMALL THINGS LI­KE THE­SE ist er­wach­se­nes, erns­tes Ki­no, mit leich­ter Ten­denz ins Zä­he. Düs­ter und oh­ne je­de Leich­tig­keit, aber her­aus­ra­gend ge­spielt und in­sze­niert. Es gab bei Gott schon schlech­te­re Ber­li­nal­estarts.

INFOS ZUM FILM

Deut­scher Ti­tel „Klei­ne Din­ge wie die­se“
Ir­land / Bel­gi­en 2024
96 min
Re­gie Tim Mie­lants
Bild © Shane O’Connor

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

SCHOCK

SCHOCK

Und es geht ja doch: Ein richtig guter Gangsterfilm aus Deutschland, ganz ohne Digger-Dialoge.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

„Bru­da, Du bist Eh­ren­mann!“ Man hat sich mitt­ler­wei­le dar­an ge­wöhnt, dass in deut­schen Gangs­ter­fil­men ge­spro­chen wird, wie sonst nur an Ber­li­ner Schu­len. Selbst Kin­der er­set­zen das gu­te al­te „ch“ durch „sch“. Dig­ger, krass und „Isch schwö­re beim Le­ben mei­ner Mut­ta“ ge­hö­ren zur All­tags­spra­che 10-Jäh­ri­ger. Des­halb gro­ßes Lob an Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to: In ih­rer ge­mein­sa­men Re­gie­ar­beit spre­chen die Ga­no­ven ge­schlif­fe­nes Hoch­deutsch.

Für einen deutschen Thriller ungewöhnlich cool

Bru­no (aus­ge­zeich­net: De­nis Mo­s­chit­to) ist ein Arzt, der we­gen Dro­gen­miss­brauchs sei­ne Ap­pro­ba­ti­on ver­lo­ren hat. Nun küm­mert er sich um Pa­ti­en­ten au­ßer­halb des Sys­tems: Il­le­ga­le oder Kri­mi­nel­le, die aus di­ver­sen Grün­den nicht ins Kran­ken­haus kön­nen. Die Pro­ble­me be­gin­nen, als ihm sei­ne An­wäl­tin (An­ke En­gel­ke in ei­ner Gast­rol­le) 50.000 € für ei­nen schein­bar simp­len Job bie­tet: Er soll ei­nem ita­lie­ni­schen Ma­fio­so ei­ne An­ti­kör­per­the­ra­pie ver­ab­rei­chen. Doch nicht nur das Be­schaf­fen des Me­di­ka­ments löst ei­ne Ket­te von Ka­ta­stro­phen aus, Bru­nos Schwa­ger Giu­li (durch Halb­glat­ze und Wam­pe schön ver­un­stal­tet: Fah­ri Yar­dim) ist zu­dem als Kil­ler auf den kran­ken Ita­lie­ner an­ge­setzt.

Bild­ge­stal­tung, Schau­spiel und At­mo­sphä­re sind für ei­nen deut­schen Thril­ler un­ge­wöhn­lich cool. Aus der Not des be­grenz­ten Bud­gets ha­ben die bei­den Re­gis­seu­re ei­ne Tu­gend ge­macht. Die Hand­lung spielt zu gro­ßen Tei­len in ver­reg­ne­ten Näch­ten – das ist stim­mungs­voll und sieht auch noch gut aus. Es gibt kei­ne un­nö­tig aus­ge­walz­ten Back­storys, kein over­ac­ting und kei­ne lach­haf­te Möch­te­gern-Hol­ly­wood-Ac­tion. SCHOCK ist ein at­mo­sphä­risch dich­ter Gen­re­film aus Deutsch­land, an dem sich der gu­te al­te TAT­ORT ein Bei­spiel neh­men könn­te. So geht span­nen­de Kri­mi­un­ter­hal­tung.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
104 min
Re­gie Da­ni­el Ra­ke­te Sie­gel und De­nis Mo­s­chit­to

al­le Bil­der © Film­welt Ver­lei­hagen­tur

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BOB MARLEY: ONE LOVE

BOB MARLEY: ONE LOVE

Ja, Mann! Bob Marley hätte einen besseren Film verdient als dieses flache Malen-nach-Zahlen-Biopic.

Ab 15. Februar 2024 im Kino

Rei­nal­do Mar­cus Greens Film wen­det sich an ein Pu­bli­kum, das ent­we­der gar nichts über Bob Mar­ley weiß (Bob wer?) oder Fans, die ein­fach noch mal die Grea­test Hits des Reg­gae­mu­si­kers hö­ren wol­len. Schon der An­fang ist ent­spre­chend plump: Schrift­ta­feln in­for­mie­ren den Zu­schau­er ge­fühlt mi­nu­ten­lang, wer der Mann über­haupt war und in wel­cher Zeit er leb­te.

Mit dem Holzhammer erzählt

Wer es noch nicht wuss­te: Bob Mar­ley war ein ja­mai­ka­ni­scher Mu­si­ker und Ak­ti­vist, der als be­deu­tends­ter Ver­tre­ter und Mit­be­grün­der der Reg­gae-Mu­sik gilt. Ge­mein­sam mit sei­ner Band The Wai­lers hat­te er zahl­lo­se Hits. Mit nur 36 Jah­ren starb er am 11. Mai 1981 an Haut­krebs.

Ei­ne Ge­schich­te wie mit dem Holz­ham­mer er­zählt. Bei­spiels­wei­se so: Kaum hört Mar­ley (King­s­ley Ben-Adir) ein paar Tak­te des Sound­tracks zum Paul-New­man-Film EX­ODUS, schon greift er nach der Gi­tar­re und per­formt aus dem Stand den Welt­hit „Ex­odus“. Ja, so ge­ni­al war er wohl. Oder: Mar­ley und sei­ne Frau Ri­ta (Lasha­na Lynch) strei­ten sich, sie läuft wei­nend weg und – rich­tig – in der nächs­ten Sze­ne ist „No Wo­man, No Cry“ zu hö­ren. Wel­cher Song läuft wohl vor ei­ner Schie­ße­rei?

Re­gie und Dreh­buch mö­gen es oh­ne­hin sim­pel, ha­ken mehr ab, als ei­ne dra­ma­tur­gisch in­ter­es­san­te Sto­ry zu er­zäh­len. Kei­ne Sze­ne, in der nicht ir­gend­was Maß­geb­li­ches be­spro­chen oder Ge­nia­les kom­po­niert wird. Das mag zwar al­les so ge­we­sen sein, ei­ne tie­fer­ge­hen­de Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re bleibt bei die­sem "Best of ei­nes Le­bens" aus. Tech­nisch ist das gut ge­macht und auch schau­spie­le­risch gibt es nichts zu me­ckern, nur das Dreh­buch hat die Ele­ganz ei­nes Wi­ki­pe­dia­ein­trags.

Mu­si­ker-Bio­pics sind ein hit-or-miss-Spiel: Ver­klei­de­te Schau­spie­ler, die zum Play­back per­for­men, er­rei­chen nie die Kraft und den Zau­ber des Ori­gi­nals. Für je­de BO­HE­MI­AN RA­HAP­SO­DY gibt es ei­nen RO­CKET­MAN, für je­den EL­VIS ei­nen MA­ES­TRO. In die­sem Fall ist nicht nur haar­tech­nisch ge­se­hen GIRL YOU KNOW IT’S TRUE der bes­se­re Ras­ta­zopf-Film.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Bob Mar­ley: One Love“
USA 2024
105 min
Re­gie Rei­nal­do Mar­cus Green

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

ARISTOTELES UND DANTE ENTDECKEN DIE GEHEIMNISSE DES UNIVERSUMS

Die Bestsellerverfilmung über zwei ungleiche Freunde will zu viel und scheitert daran.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

ChatGPT, fas­se die fol­gen­den 300 Sei­ten zu­sam­men, un­ter Bei­be­hal­tung der Kern­aus­sa­gen. Was mit Tex­ten per KI halb­wegs funk­tio­niert, ist bei Buch­ver­fil­mun­gen im­mer noch ein Pro­blem. Ent­schei­den­des fehlt oder ans Herz ge­wach­se­ne Cha­rak­te­re wer­den ge­stri­chen. Der Le­ser ist ge­nervt. Bei ARIS­TO­TE­LES UND DAN­TE ENT­DE­CKEN DIE GE­HEIM­NIS­SE DES UNI­VER­SUMS ist das Ge­gen­teil der Fall – und nun, was soll man sa­gen? Das macht es auch nicht bes­ser.

Reichlich uninteressante Nebenhandlungen

Der ein­zel­gän­ge­ri­sche Aris­to­te­les und der flam­boy­an­te Dan­te könn­ten un­ter­schied­li­cher nicht sein. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb wer­den sie bes­te Freun­de. Die „viel­leicht“ oder „viel­leicht nicht“-Liebesgeschichte zwi­schen den Jungs, an­ge­sie­delt im Te­xas der 1980er-Jah­re, hät­te als Co­ming-of-Age-Film ge­nü­gend Po­ten­zi­al. Lei­der wur­den noch reich­lich un­in­ter­es­san­te Ne­ben­hand­lun­gen über Aris im Knast sit­zen­den Bru­der, den Tod ei­ner les­bi­schen Tan­te, die AIDS-Epi­de­mie, Pro­ble­me mit den El­tern, Tren­nungs­schmerz, Ho­mo­pho­bie und vie­les mehr ins Dreh­buch ge­packt. All die Ne­ben­kriegs­schau­plät­ze rau­ben der ei­gent­li­chen Ge­schich­te die Luft zum At­men. Dra­ma­tur­gisch be­son­ders un­ge­schickt: Dan­te zieht für ein Jahr nach Chi­ca­go und ver­schwin­det da­mit für gut die Hälf­te des Films. Kein Wun­der, dass man spä­tes­tens dann das In­ter­es­se an der oh­ne­hin nicht be­son­ders knis­tern­den jun­gen Lie­be ver­lo­ren hat.

Kramp­fi­ge oder ins Nichts lau­fen­de Dia­lo­ge, Cha­rak­te­re, die ein­ge­führt wer­den und wie­der ver­schwin­den, be­lie­bi­ge Aus­stat­tung und Kos­tü­me. Der Film könn­te 1985 oder ge­nau­so gut 2024 spie­len. Die Be­set­zung geht in Ord­nung (Eva Lon­go­ria bleibt als ver­ständ­nis­vol­le Mut­ter fast un­ge­nutzt), doch die gu­ten Schau­spie­ler kön­nen das über­frach­te­te Dreh­buch nicht ret­ten.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Aris­tot­le and Dan­te Dis­co­ver the Se­crets of the Uni­ver­se“
USA 2023
96 min
Re­gie Aitch Al­ber­to

al­le Bil­der © ca­pe­light pic­tures

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

ALL OF US STRANGERS

ALL OF US STRANGERS

Zeitreise mal anders. Nicht im DeLorean auf brennenden Reifen zurück in die Zukunft, sondern als melancholischer Traum auf den Spuren der eigenen Kindheit.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Adam ist ein­sam. Sei­ne El­tern ver­lor er bei ei­nem Au­to­un­fall, als er ge­ra­de mal zwölf Jah­re alt war. Nun lebt der Dreh­buch­au­tor in ei­nem ge­sichts­lo­sen Hoch­haus am Ran­de Lon­dons. Auf dem Plat­ten­spie­ler die gro­ßen Que­er-Pop-Hits der 1980er-Jah­re. Ei­nes Abends klin­gelt sein Nach­bar Har­ry an der Tür. Zwi­schen den bei­den Män­nern ent­wi­ckelt sich rasch ei­ne Be­zie­hung, doch gleich­zei­tig wird Adam von Er­in­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit heim­ge­sucht. Im­mer wie­der fin­det er sich in der Vor­stadt wie­der, in der er auf­ge­wach­sen ist. Im Haus sei­ner Kind­heit le­ben sei­ne El­tern noch ge­nau­so, wie vor 30 Jah­ren, nichts hat sich hier ver­än­dert. Das Wie­der­se­hen jen­seits von Zeit und Raum löst nicht nur bei Adam schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen aus.

Der irreale Zustand zwischen Traum und Aufwachen

ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne me­lan­cho­li­sche Me­di­ta­ti­on über Ver­lust und Ein­sam­keit, die sich wie der ir­rea­le Zu­stand zwi­schen Traum und Auf­wa­chen an­fühlt. Wun­der­bar un­kit­schig und herz­zer­rei­ßend trau­rig, da­zu mit um­wer­fen­den Leis­tun­gen von al­len Schau­spie­lern. Ne­ben An­drew Scott (dem Pfar­rer aus FLE­A­BAG) und Paul Mes­cal glän­zen Ja­mie Bell und Clai­re Foy als (un)-tote El­tern. Wer bei den Ge­sprä­chen zwi­schen Va­ter und Sohn nicht mit den Trä­nen kämpft, hat kein Herz.

Für sei­ne Stu­die über Ver­ge­bung und die Macht der Lie­be fin­det der Film ei­ne un­ge­wöhn­li­che Er­zähl­form, Ka­me­ra und Sound­track sind her­aus­ra­gend. ALL OF US STRAN­GERS ist ei­ne der schöns­ten Le­bens- und Lie­bes­ge­schich­ten des Jah­res.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „All of us Stran­gers“
GB 2023
105 min
Re­gie An­drew Haigh

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­dio Mo­ti­on Pic­tures GmbH

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

DIE FARBE LILA

DIE FARBE LILA

Aus Buch wird Film wird Broadwaymusical wird Film. THE COLOR PURPLE erzählt vom Triumph einer schwarzen Frau über ihren brutalen Ehemann. 1985 wurde der Stoff unter der Regie von Steven Spielberg verfilmt, 2005 kam eine mit Tony-Awards ausgezeichnete Broadway-Produktion auf die Bühne. Aus der hat Regisseur Blitz Bazawule nun wieder einen Kinofilm gemacht.

Ab 08. Februar 2024 im Kino

Mu­si­cals: Die ei­nen lie­ben sie, die an­de­ren has­sen sie. Dar­an wird auch die von Op­rah Win­frey und Ste­ven Spiel­berg pro­du­zier­te Ver­fil­mung des Broad­way-Stücks DIE FAR­BE LI­LA nichts än­dern. Die Ge­schich­te von der miss­han­del­ten Ce­lie, die un­glück­lich mit ei­nem bru­ta­len Dreck­sack ver­hei­ra­tet ist und de­ren ge­lieb­te Schwes­ter von eben die­sem ver­trie­ben wird, ist be­kannt. Neu ist, dass die Hand­lung dies­mal sin­gend er­zählt wird.

Überbordende Gesangs- und Tanznummern

Re­gis­seur Blitz Ba­za­wu­le hat mit der Ad­ap­ti­on des Pu­lit­zer­preis-aus­ge­zeich­ne­ten Ro­mans von Ali­ce Wal­ker ei­nen zeit­lo­sen Film ge­macht. Hier stört nichts un­pas­send Mo­der­nes, al­les ist hoch­pro­fes­sio­nell in­sze­niert, per­fekt aus­ge­stat­tet und na­tür­lich top ge­spielt und ge­sun­gen. Die Ka­me­ra von Dan Laust­sen glei­tet durch son­nen­durch­flu­te­te oder dra­ma­tisch ver­reg­ne­te Süd­staa­ten-Land­schaf­ten, um­kreist und fliegt über die Dar­stel­ler in feist aus­ge­stat­te­ten Mu­si­cal­num­mern.

Dass es da­bei nicht dis­ney­haft sep­tisch wird, ist vor al­lem den gran­dio­sen Schau­spie­le­rin­nen zu ver­dan­ken, al­len vor­an Fan­ta­sia Bar­ri­no in der Haupt­rol­le, Ta­ra­ji P. Hen­son als Shug Avery und Sce­ne-Stealer Da­ni­elle Brooks, de­ren So­fia sich in der von Män­nern do­mi­nier­ten Welt nicht die But­ter vom Brot neh­men lässt.

Die ers­ten zwei Stun­den sind gro­ßes Ki­no: über­bor­den­de Ge­sangs- und Tanz­num­mern und tol­le Dar­bie­tun­gen von al­len Be­tei­lig­ten ma­chen den Film zu ei­nem Er­leb­nis. Doch am En­de ist es die letz­te hal­be Stun­de, die zu viel ist. Je mehr die Bö­sen ge­läu­tert sind, des­to kit­schi­ger wird es. Ein Pro­blem, das schon Spiel­bergs Ver­si­on hat­te. Wie in je­der ech­ten Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on ist auch hier das Hap­py End un­ver­meid­lich, nur be­son­ders glaub­haft ist es nicht.

Blitz Ba­za­wu­le ist ein gha­nai­scher Mul­ti­me­dia­künst­ler, der vor al­lem als Co-Re­gis­seur bei Bey­on­cés „Black is King“ be­kannt wur­de. Sei­ne Neu­ver­fil­mung von THE CO­LOR PUR­PLE ist ein vi­su­el­les Fest, hand­werk­lich un­glaub­lich gut ge­macht, nur bei der Cha­rak­ter­ent­wick­lung ha­pert es manch­mal et­was. Wer Sinn für Mu­si­cals hat, soll­te sich DIE FAR­BE LI­LA trotz­dem auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Co­lor Pur­ple“
USA 2023
145 min
Re­gie Blitz Ba­za­wu­le

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

ARGYLLE

ARGYLLE

Eine globale Spionageorganisation. Ein Agent mit Katzenallergie. Und eine Schriftstellerin, die eigentlich nur ihre Ruhe haben will. Regisseur Matthew Vaughn schickt eine ganze Schar von Top-Stars auf eine knallbunte Jagd rund um die Welt.

Ab 01. Februar 2024 im Kino

Der nächs­te Ja­mes Bond-Film lässt auf sich war­ten – bis­lang ist noch nicht mal ein neu­er Dar­stel­ler ge­fun­den, ge­schwei­ge denn ein Start für die Dreh­ar­bei­ten be­kannt. In der spio­na­ge­frei­en Zeit al­so Ge­le­gen­heit, das Agen­ten­film­gen­re neu zu de­fi­nie­ren.

ARGYLLE ist keine Konkurrenz für Bond

Bryce Dal­las Ho­ward spielt die Au­torin El­ly Con­way, die es sich am liebs­ten zu Hau­se ge­müt­lich macht. Abends schreibt sie in Ge­sell­schaft ih­res Ka­ters Al­fie Spio­na­ge-Ro­ma­ne. De­ren Haupt­fi­gur ist Ar­gyl­le (Hen­ry Ca­vill), ein smoot­her Ja­mes-Bond-Ver­schnitt mit Maß­an­zü­gen und furcht­ba­rer Fri­sur. Doch ei­nes Ta­ges be­gin­nen sich Fik­ti­on und Rea­li­tät zu über­schnei­den. El­ly trifft schein­bar zu­fäl­lig auf den ech­ten Spi­on Ai­dan (Sam Rock­well). Bald fin­det sie sich in­mit­ten ei­ner le­bens­ge­fähr­li­chen Mis­si­on wie­der.

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: AR­GYL­LE ist kei­ne Kon­kur­renz für 007. Ge­gen Matthew Vaughns Ac­tion­gro­tes­ke sind die Bond-Fil­me der Ro­ger-Moo­re-Ära phi­lo­so­phi­sches Art­house-Ki­no. Es ist wie bei ei­nem aus dem Ru­der ge­lau­fe­nen Kin­der­ge­burts­tag: Mehr und mehr und dann noch zehn­mal mehr. Am En­de fühlt man sich wie nach ei­ner Ka­rus­sell­fahrt mit fünf kan­dier­ten Äp­feln im Bauch.

AR­GYL­LE ist zu chee­sy, die Ac­tion zu al­bern und die CGI-Ef­fek­te zu schlecht. Es gibt so vie­le Wen­dun­gen und Über­ra­schun­gen, dass man kaum hin­ter­her­kommt. Der Un­ter­ti­tel könn­te auch TWIST – DER FILM lau­ten. Auf et­was an­stren­gen­de Wei­se macht das ei­ne zeit­lang Spaß, aber mit 139 Mi­nu­ten ist das Gan­ze ent­schie­den zu lang.

Zum Cast ge­hö­ren ne­ben Ho­ward, Rock­well und Ca­vill un­ter an­de­rem John Ce­na, Sän­ge­rin Dua Li­pa, Bryan Cran­s­ton, Ca­the­ri­ne O’Hara, Sa­mu­el L. Jack­son. Die­se ge­ball­te Star­power lässt Ka­ter Al­fie al­ler­dings kalt – Be­rühmt­hei­ten kennt er von zu Hau­se. Denn im wah­ren Le­ben hört er auf den Na­men Chip und ge­hört Re­gis­seur Matthew Vaughns Frau, Su­per­mo­del Clau­dia Schif­fer.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ar­gyl­le“
GB / USA 2024
139 min
Re­gie Matthew Vaughn

Argylle

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

EINE MILLION MINUTEN

EINE MILLION MINUTEN

Zufall oder Absicht? EINE MILLION MINUTEN zeigt auffallende Parallelen zu WOCHENENDREBELLEN – ist aber der bessere Film.

Ab 01. Februar 2024 im Kino

Die Ge­schich­te kommt ei­nem be­kannt vor: Va­ter ist viel un­ter­wegs, macht Kar­rie­re. Mut­ter küm­mert sich um Kin­der und Haus­halt, ist frus­triert. Opa wird von Joa­chim Król ge­spielt. Ei­nes der Kin­der hat ei­ne leich­te Be­hin­de­rung. Nix Gars­ti­ges, ir­gend­was, was man fast nicht sieht. ADHS oder so. Und weil kei­ne The­ra­pie an­schlägt und das Kind es sich abends beim Zu­bett­ge­hen so sehr wünscht, fasst die Fa­mi­lie ei­nen ver­rück­ten Plan: Sie fah­ren ge­mein­sam durch sämt­li­che Fuß­ball­sta­di­en Deutsch­lands. Nein, das war der an­de­re Film. Sie ma­chen ei­ne Welt­rei­se für 1.000.000 Mi­nu­ten (ent­spricht knapp zwei Jah­ren). Und weil Kin­der nicht nur im Prenz­l­berg an der Macht sind, dür­fen sie den Ver­lauf der Tour be­stim­men. Kurz mit dem klei­nen Fin­ger auf den Glo­bus ge­tippt – und los geht’s. Doch dass man, egal wo­hin man reist, sei­ne Pro­ble­me im­mer wie ei­nen schwe­ren Kof­fer mit sich trägt, ist ei­ne Bin­sen­weis­heit.

Das Leben ist der beste Autor

Oh­ne je­den Zy­nis­mus kann man sa­gen, dass hier die Pro­ble­me von ex­trem pri­vi­le­gier­ten Men­schen the­ma­ti­siert wer­den. So hält sich das Mit­leid in Gren­zen, wenn die Fa­mi­lie bei ih­rem Selbst­fin­dungs­trip in fan­tas­ti­schen Häu­sern mit di­rek­tem Meer­zu­gang re­si­diert und das größ­te Pro­blem ei­ne in­sta­bi­le In­ter­net­ver­bin­dung ist. Dar­auf ein küh­les Bier am Strand.

Dass EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN um Klas­sen bes­ser als sein Dop­pel­gän­ger WO­CHEN­EN­D­RE­BEL­LEN ist, hat meh­re­re Grün­de: Zum ei­nen sieht er bes­ser aus. Ka­me­ra­mann An­dre­as Ber­ger hat den Film fürs Ki­no ge­dreht und ver­mei­det klein­li­ches TV-For­mat. Zum an­de­ren be­weist Re­gis­seur Chris­to­pher Doll bei der Be­set­zung der Haupt­rol­len mit Ka­ro­li­ne Her­furth und Tom Schil­ling ein glück­li­ches Händ­chen. Den bei­den ist es zu ver­dan­ken, dass EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN kei­ne ba­na­le deut­sche Ko­mö­die mit Herz-Schmerz-Ele­men­ten ge­wor­den ist. Ganz im Ge­gen­teil. Ab­ge­se­hen von den et­was ner­vi­gen "Bil­der ei­ner glück­li­chen Fa­mi­lie mit ge­fäl­li­ger Pop­mu­sik unterlegt"-Sequenzen hat der Film vie­le er­staun­lich erns­te und be­rüh­ren­de Mo­men­te.

Das Le­ben ist eben doch der bes­te Au­tor: Wie WO­CHEN­EN­D­RE­BEL­LEN ba­siert auch EI­NE MIL­LI­ON MI­NU­TEN auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te. Die Buch­vor­la­ge stammt von Wolf Kü­per, der mit sei­ner Fa­mi­lie nach Sta­tio­nen in Aus­tra­li­en, Neu­see­land und Asi­en in­zwi­schen in Kap­stadt lebt. Chris­to­pher Doll lie­fert mit der Ver­fil­mung ei­ne emo­tio­na­le und wohl­tu­end un­ty­pisch deut­sche Tra­gi­ko­mö­die ab – se­hens­wert.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2024
123 min
Re­gie Chris­to­pher Doll

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

HOME SWEET HOME – WO DAS BÖSE WOHNT

HOME SWEET HOME – WO DAS BÖSE WOHNT

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Können Deutsche Horror? Regisseur Thomas Sieben hat’s versucht und scheitert mit seinem ROSEMARIES BABY für Arme kläglich.

Trotz­dem erst mal Lob: HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT ist ein Hor­ror­film aus Deutsch­land. Al­lein das macht ihn schon zu et­was Be­son­de­rem. Gen­re­ki­no hat es jen­seits von Kri­mi, Co­me­dy und Lie­bes­schnul­ze hier­zu­lan­de im­mer noch schwer. Und die ers­ten 30 Mi­nu­ten des Films sind so­gar ganz gut. Kind­heits­ängs­te wie Strom­aus­fall, pfei­fen­der Wind und dunk­le Kel­ler wer­den ge­konnt in Sze­ne ge­setzt. Da­zu kann HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT tech­nisch be­ein­dru­cken. Re­gis­seur Sie­ben hat mit sei­nem Ka­me­ra­mann ei­nen so­ge­nann­ten „One Shot“ ge­dreht, das heißt, es gibt kei­nen sicht­ba­ren Schnitt, die kom­plet­te Sto­ry ent­fal­tet sich in ei­ner ein­zi­gen, lan­gen Ein­stel­lung. Nor­ma­ler­wei­se wird so­was mit schnel­len Reiß­schwenks oder an­de­ren op­ti­schen Trick­se­rei­en ka­schiert, hier hin­ge­gen merkt man nichts, die Ge­schich­te scheint tat­säch­lich in Echt­zeit statt­zu­fin­den.

Rich­tig schlecht

Die hoch­schwan­ge­re Ma­ria (Nil­am Farooq) will im ent­le­ge­nen Land­haus ih­res Schwie­ger­va­ters (Jus­tus von Dohná­nyi) noch ein biss­chen räu­men. Zu­sam­men mit ih­rem Ver­lob­ten Vik­tor (Da­vid Kross) plant sie hier dem­nächst ein Bed & Break­fast zu er­öff­nen. Als die bei­den Abends te­le­fo­nie­ren, ge­hen im Haus plötz­lich die Lich­ter aus. Wäh­rend Ma­ria im Kel­ler ei­ne neue Si­che­rung ein­dreht, hört sie un­heim­li­che Ge­räu­sche. Sie geht der Sa­che nach und ent­deckt da­bei ei­nen ge­hei­men Raum, in dem sich ein schreck­li­ches Fa­mi­li­en­ge­heim­nis ver­birgt. 

Nun die bit­te­re Wahr­heit: HOME SWEET HOME – WO DAS BÖ­SE WOHNT ist rich­tig schlecht. Und das liegt vor al­lem am Dreh­buch. Das hat sich Re­gis­seur Tho­mas Sie­ben selbst aus­ge­dacht, es könn­te aber auch aus der Fe­der ei­nes min­der­be­gab­ten 10-Jäh­ri­gen stam­men, der sich in sei­ner Frei­zeit für Ge­spens­ter-Gro­schen­ro­ma­ne be­geis­tert. Ne­ben un­frei­wil­lig ko­mi­schen Dia­lo­gen kommt je­de Wen­dung der Ge­schich­te mit An­sa­ge. Nil­am Farooq gibt al­les, ver­sucht aber er­folg­los ge­gen das ha­ne­bü­che­ne Dreh­buch an­zu­spie­len. Auch Da­vid Kross kann nichts mehr ret­ten und stößt viel­leicht zum ers­ten Mal in sei­ner Kar­rie­re an die Gren­zen sei­ner Mög­lich­kei­ten. Scha­de drum.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
84 min
Re­gie Tho­mas Sie­ben

al­le Bil­der © Con­stan­tin Film

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

THE HOLDOVERS

THE HOLDOVERS

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Ein schlecht gelaunter Professor, ein rebellischer Teenager und eine trauernde Köchin bilden eine Zwangsgemeinschaft zu Weihnachten. Alexander Payns neuer Film kommt auf den Tag genau einen Monat zu spät in die Kinos. Aber weil THE HOLDOVERS ein moderner Klassiker ist, kann man sich den auch im Januar noch gut anschauen.

Schnee rie­selt, der Baum ist ge­schmückt, es weih­nach­tet sehr. Doch im Eli­te-In­ter­nat Bar­ton Aca­de­my ist zum Jah­res­en­de 1970 die Stim­mung al­les an­de­re als fest­lich. Der bös­ar­ti­ge, von Schü­lern wie Kol­le­gen ge­hass­te Leh­rer Paul Hun­ham (Paul Gi­a­mat­ti) hat die un­dank­ba­re Auf­ga­be, sich über die Fei­er­ta­ge um die „Über­bleib­sel“ (The Hol­do­vers) zu küm­mern, al­so je­ne Schü­ler, die nicht zu ih­ren Fa­mi­li­en fah­ren konn­ten oder durf­ten. In die­sem Jahr bleibt am En­de nur der hoch­in­tel­li­gen­te Ein­zel­gän­ger An­gus (Do­mi­nic Ses­sa) in sei­ner Ob­hut. Zu­sam­men mit Kan­ti­nen­kö­chin Ma­ry (Da’Vine Joy Ran­dolph) bil­det die Zwangs­ge­mein­schaft ei­ne Art Er­satz-Fa­mi­lie, wenn auch auf be­grenz­te Zeit.

Das Le­ben ist hart

THE HOL­DO­VERS könn­te eben­so gut aus der HA­ROLD AND MAU­DE-Zeit stam­men. Re­gis­seur Alex­an­der Payn er­zeugt ein per­fek­tes 70er-Jah­re-Fee­ling oh­ne Kli­schees oder ei­nen auf­dring­li­chen Zeit­geist-Sound­track. Es fängt schon beim alt­mo­di­schen Uni­ver­sal-Lo­go an, geht über die häss­li­chen, aber sehr au­then­ti­schen Ti­tel-Ein­blen­dun­gen, bis hin zur per­fek­ten Aus­stat­tung samt Kos­tü­me. Ei­nen Glücks­griff hat Pay­ne mit sei­nem bis­lang un­be­kann­ten Haupt­dar­stel­ler Do­mi­nic Ses­sa ge­tan. Der steht hier zum al­ler­ers­ten Mal vor ei­ner Ka­me­ra. Un­glaub­lich. Dass er ne­ben­bei auch noch wie die ju­gend­li­che Ver­si­on von Do­nald Su­t­her­land aus­sieht, macht die Rei­se in die 70er noch über­zeu­gen­der. (Fragt sich, wie­so die Ma­cher vom TRI­BU­TE VON PA­NEM-Pre­quel den nicht auf dem Schirm hat­ten). Da­ne­ben der im­mer her­vor­ra­gen­de, hier os­car­reif spie­len­de Paul Gi­a­mat­ti. Re­gis­seur und Schau­spie­ler ver­bin­det ei­ne lan­ge Ge­schich­te. Schon vor 20 Jah­ren stand Gi­a­mat­ti in SI­DE­WAYS für Payn vor der Ka­me­ra. Die in die­sem Jahr mit dem Gol­den Glo­be für die bes­te Ne­ben­rol­le aus­ge­zeich­ne­te Da’Vine Joy Ran­dolph ver­voll­stän­digt das Trio als pa­ten­te und groß­her­zi­ge Kö­chin, die mehr Tra­gik in sich trägt, als es auf den ers­ten Blick scheint.

Das Le­ben ist hart und THE HOL­DO­VERS macht dar­aus kei­nen Hehl. Die Weih­nachts­ge­schich­te vom mür­ri­schen Gift­zwerg, der sich zum em­pha­ti­schen Men­schen wan­delt, ist oft rüh­rend, aber nie rühr­se­lig. Pay­ne ist ein mo­der­ner Klas­si­ker ge­glückt – be­we­gend, toll ge­spielt und mit viel au­then­ti­scher 70er-Jah­re-At­mo­sphä­re. Un­be­dingt an­se­hen. 

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Hol­do­vers“
USA 2023
133 min
Re­gie Alex­an­der Payn

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

MEAN GIRLS – DER GIRLS CLUB

MEAN GIRLS – DER GIRLS CLUB

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Zweimal Musical, zweimal pink: Kann die Neuverfilmung von MEAN GIRLS dem Blockbuster BARBIE das Wasser reichen?

Klingt kom­pli­zier­ter als es ist: ME­AN GIRLS war vor gut zwan­zig Jah­ren DER Kult­film zum The­ma High-School-Ter­ror. Die Dy­na­mi­ken von po­pu­lä­ren Schü­lern, Mob­bern und Au­ßen­sei­tern wur­de zur Blau­pau­se für ei­ne gan­ze Rei­he von Fil­men und Fern­seh­se­ri­en rund um die Hier­ar­chien an US-Schu­len. 2017 fei­er­te ei­ne Mu­si­cal-Ver­si­on des auf dem Rat­ge­ber­buch „Queen Bees and Wan­n­a­bes“ ba­sie­ren­den Films ih­re Pre­mie­re am Broad­way. Buch, Film, Mu­si­cal – al­les gro­ße Er­fol­ge. Mit ME­AN GIRLS – DER GIRLS CLUB kommt nun die Ver­fil­mung des Broad­way­mu­si­cals in die Ki­nos.

Bunt, lus­tig und wild

Die neue Schü­le­rin Ca­dy freun­det sich mit den eli­tä­ren "Pla­s­tics" an, ei­ner Grup­pe ein­ge­bil­de­ter rich girls, an­ge­führt von der hin­ter­häl­ti­gen Re­gi­na. Als sich Ca­dy in Re­gi­nas Ex-Freund Aa­ron ver­liebt, ge­rät sie ins Fa­den­kreuz der selbst­er­nann­ten High­school-Queen.

Der von Sa­man­tha Pay­ne und Ar­turo Pe­rez Jr. in­sze­nier­te Film hat sei­ne bes­ten Mo­men­te, wenn er sich mit vol­ler Wucht in die über­dreh­te Mu­si­cal­welt stürzt: dann wird es bunt, lus­tig und wild. Das Kom­po­nis­ten- und Tex­terteam, be­stehend aus Jeff Rich­mond und Nell Ben­ja­min, hat da­zu je­de Men­ge cat­chy Songs ge­schrie­ben, die über ein paar in­halt­li­che Schwä­chen hin­weg­trös­ten.

Glaubt man Tei­len der US-Pres­se, stinkt der neue Film ge­gen das Ori­gi­nal und die Broad­way-Ver­si­on ab. Als un­be­darf­ter Zu­schau­er, der we­der das ei­ne noch das an­de­re kennt, kann man da­ge­gen gro­ßen Spaß ha­ben. Das vor al­lem in den Ne­ben­rol­len pro­mi­nent be­setz­te Mu­si­cal (u.a. Ti­na Fey, John Hamm) ist schön bö­se, hat Dri­ve und bie­tet je­de Men­ge Ohr­wür­mer. Man kann sich das Gan­ze als ei­ne Art GLEE mit bes­se­ren Gags vor­stel­len. Wem Mu­si­cals per se auf die Ner­ven ge­hen: Ach­tung, hier wird sehr viel ge­sun­gen. Ob ME­AN GIRLS al­ler­dings trotz glei­chen Farb­sche­mas den Er­folg von BAR­BIE wie­der­ho­len kann, ist zu be­zwei­feln. Spa­ßig-char­man­te Un­ter­hal­tung ist es al­le­mal.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Me­an Girls“
USA 2024
105 min
Re­gie Sa­man­tha Pay­ne und Ar­turo Pe­rez Jr.

al­le Bil­der © Pa­ra­mount Pic­tures Ger­ma­ny

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

STELLA. EIN LEBEN.

STELLA. EIN LEBEN.

Ab 25. Januar 2024 im Kino

Blondiert, elegant und skrupellos – Stella Goldschlag verrät während des Zweiten Weltkriegs jüdische Mitbürger, um ihre eigene Haut zu retten.

Ber­lin 1940: Sie lebt und liebt Jazz. Der gro­ße Traum vom En­ga­ge­ment in New York wird sich nicht er­fül­len, denn Stel­la und ih­re Freun­de sind Ju­den. Sie kann zwar zu­nächst un­ter­tau­chen, doch 1943 wird sie ver­haf­tet. Um sich und ih­re El­tern zu ret­ten, ar­bei­tet sie im Auf­trag der Ge­sta­po, sucht nach jü­di­schen Mit­bür­gern und de­nun­ziert sie. 

War Stel­la Gold­schlag ein Mons­ter?

Zwi­schen 600 und 3.000 Ju­den ver­rät Stel­la Gold­schlag und stürzt sie da­mit ins Ver­der­ben. Nach Kriegs­en­de will sie sich als „Op­fer des Fa­schis­mus“ an­er­ken­nen las­sen, spä­ter kon­ver­tiert sie zum Chris­ten­tum und wird be­ken­nen­de An­ti­se­mi­tin. Pau­la Beer spielt die am­bi­va­len­te Fi­gur ge­wohnt fa­cet­ten­reich, doch als Zu­schau­er bleibt man di­stan­ziert. Es fällt schwer, ir­gend­ei­ne Form von Sym­pa­thie oder Mit­ge­fühl (trotz bru­ta­ler Fol­ter durch die Ge­sta­po) für ei­ne Kol­la­bo­ra­teu­rin zu ent­wi­ckeln, die sich der­art skru­pel­los ver­hält. Wie sie ge­mein­sam mit ih­rem Freund, dem Pass­fäl­scher Rolf Isaak­sohn, nicht nur über­teu­er­te Aus­weis­pa­pie­re an Ju­den ver­kauft, son­dern sich bald ei­nen ge­nuss­vol­len Sport dar­aus macht, so­gar en­ge Freun­de zu ver­ra­ten – das ist schon ganz und gar wi­der­lich.

Den Ku­damm der 40er-Jah­re hat Set-De­si­gner Al­brecht Kon­rad kur­zer­hand an der Frank­fur­ter Al­lee nach­ge­baut. Das sieht täu­schend echt aus und ist ei­ne Wohl­tat ge­gen­über den sonst üb­li­chen, im Com­pu­ter ge­ne­rier­ten Ku­lis­sen. STEL­LA. EIN LE­BEN. be­sticht im­mer­hin durch tol­le Aus­stat­tung. Doch so­wohl in der Be­set­zung als auch in der Bild­spra­che ist der Film ei­gen­ar­tig mo­dern. Zu kei­nem Mo­ment glaubt man ernst­haft, Jan­nis Nie­wöh­ner oder Da­mi­an Har­dung sei­en Men­schen aus der da­ma­li­gen Zeit. Ka­me­ra­mann Be­ne­dict Neu­en­fels zoomt und wa­ckelt da­zu durch die Ge­schich­te, als wür­de er ei­nen Ja­son-Bourne-Film in den 2000er-Jah­ren dre­hen – auch das wirkt an­ge­strengt und fehl am Platz.

Ein zwie­späl­ti­ger Film über ei­ne (mehr als) zwie­späl­ti­ge Frau. War Stel­la Gold­schlag ein Mons­ter? Dar­über zu ur­tei­len, fällt schwer. Über al­lem steht die ewi­ge Fra­ge: „Was hät­te man selbst ge­tan?“ Stel­la Gold­schlag war Tä­te­rin und Op­fer zu­gleich. STEL­LA. EIN LE­BEN. hat in­sze­na­to­ri­sche Schwä­chen, er­zählt aber ei­ne hoch­in­ter­es­san­te und gleich­zei­tig ver­stö­ren­de wah­re Ge­schich­te.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
115 min
Re­gie Ki­li­an Ried­hof

al­le Bil­der © MA­JE­S­TIC

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

BECOMING GIULIA

BECOMING GIULIA

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Dokumentarfilm über die Solotänzerin Giulia Tonelli, die nach ihrer Mutterschaftspause darum kämpft, Beruf und Familie zu vereinbaren.

„Reicht ihr die Mut­ter­rol­le nicht aus? Muss sie auch noch so ver­dammt ehr­gei­zig sein?“ Nur zwei von vie­len dum­men Fra­gen, die sich be­rufs­tä­ti­ge Müt­ter im­mer wie­der an­hö­ren müs­sen. Für vie­le Frau­en ist es oh­ne­hin schwer ge­nug, nach der Ge­burt ei­nes Kin­des in den al­ten Be­ruf zu­rück­zu­keh­ren. Stil­len, Wi­ckeln, we­nig Schlaf, da bleibt kaum Zeit (und Kraft) für an­de­res. Noch schwie­ri­ger ist das Gan­ze für ei­ne pro­fes­sio­nel­le Bal­lett­tän­ze­rin.

Wi­ckel­tisch und Grand-plié schlie­ßen sich nicht aus

Mit Lei­den­schaft für ih­ren Be­ruf und Lie­be zum Kind steht Giu­lia To­nel­li vor der schwie­ri­gen Her­aus­for­de­rung, nur drei Mo­na­te nach der Ent­bin­dung wie­der auf der Büh­ne am Opern­haus Zü­rich zu ste­hen. Sie kämpft ge­gen fest­ge­fah­re­ne Rol­len­bil­der und ver­sucht, ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen der wett­be­werbs­ori­en­tier­ten und ex­trem an­spruchs­vol­len Welt ei­ner Eli­te-Bal­lett­kom­pa­nie und ih­rem neu­en Fa­mi­li­en­le­ben zu fin­den.

„Ich hof­fe, ich tan­ze noch, wenn er sich an mich er­in­nern kann.“, sagt Giu­lia über ih­ren klei­nen Sohn. Denn meist en­det für Pro­fi­tän­ze­rin­nen die Kar­rie­re mit ei­ner Schwan­ger­schaft – doch Giu­lia denkt nicht dar­an, ih­re be­ruf­li­chen Träu­me auf­zu­ge­ben. Wi­ckel­tisch und Grand-plié schlie­ßen sich nicht aus. Der Film be­glei­tet die jun­ge Mut­ter in den Jah­ren 2019 bis 2021 und wirft da­bei ei­nen ein­fühl­sa­men Blick auf ei­ne Künst­le­rin auf dem Hö­he­punkt ih­res Kön­nens. Re­gis­seu­rin Lau­ra Kaehr, selbst ehe­ma­li­ge Tän­ze­rin, ver­bringt mit ih­rem Ka­me­ra­team viel Zeit in den Pro­be­räu­men des gro­ßen Opern­hau­se, zeigt da­bei die Schön­heit des Bal­letts, aber auch die enorm har­te Ar­beit, die da­hin­ter steckt.

BE­CO­MING GIU­LIA ist das un­auf­ge­reg­te, in­ti­me Por­trät der au­ßer­ge­wöhn­li­chen Frau To­nel­li, die in­zwi­schen zwei­fa­che Mut­ter ist. Beim Zür­cher Film­fes­ti­val gab's da­für den Pu­bli­kums­preis.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Be­co­ming Giu­lia“
Schweiz 2022
103 min
Re­gie Lau­ra Kaehr

al­le Bil­der © W‑FILM Dis­tri­bu­ti­on

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

THE PALACE

THE PALACE

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Selten waren sich die Kritiker so einig: THE PALACE ist Roman Polanskis schlechtester Film. Ein filmisches Desaster im Schatten der Alpen.

Wie es THE PA­LACE ge­schafft hat, sei­ne Welt­pre­mie­re auf den dies­jäh­ri­gen In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len von Ve­ne­dig zu fei­ern, ist das größ­te Rät­sel. Hat sich das vor­her nie­mand an­ge­schaut? Die Möch­te­gern-Sa­ti­re wä­re ger­ne so bis­sig wie Ru­ben Öst­lunds TRI­ANG­LE OF SAD­NESS, ist aber kom­plett zahn­los und dumm. Die Sze­nen wir­ken wie ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von schlecht im­pro­vi­sier­ten Sket­chen, oft un­ap­pe­tit­lich und oh­ne ro­ten Fa­den oder Sinn.

Nichts dar­an ist lus­tig

Die Hand­lung des Films könn­te kaum be­lang­lo­ser sein. Schau­platz ist „The Pa­lace“, ein plü­schi­ges Lu­xus­ho­tel in den Schwei­zer Al­pen. Hier ver­sam­melt sich im De­zem­ber 1999 der Jet­set, um ge­mein­sam ins Jahr 2000 zu fei­ern. Die Angst geht um, dass das Mill­en­ni­um-Pro­blem die Welt zer­stö­ren wird, aber der un­er­schüt­ter­li­che Ho­tel­ma­na­ger Han­sue­li Kopf (Oli­ver Ma­suc­ci) be­steht dar­auf, dass al­les gut wird. Sein ein­zi­ges Ziel: Die prot­zi­gen Gäs­te mö­gen sich "nach Her­zens­lust mit Ka­vi­ar voll­stop­fen" und Cham­pa­gner trin­ken, "bis es ih­nen aus den Oh­ren spru­delt.“

Man fragt sich, ob Ma­suc­ci die Rol­le aus Be­wun­de­rung für die Le­gen­de Pol­an­ski oder we­gen ei­ner ver­lo­re­nen Wet­te an­ge­nom­men hat. Die vul­gä­re Kli­en­tel wird von Fan­ny Ar­dant, John Clee­se, ei­nem mons­trös aus­se­hen­den Mi­ckey Rour­ke und dem Deut­schen Mi­lan Pe­schel „ge­spielt“. Wer sich für klei­ne Hun­de mit Durch­fall, be­trun­ke­ne Rus­sen, kot­zen­de Frau­en und gro­tesk ge­lif­te­te Alt­stars be­geis­tert, kommt hier voll auf sei­ne Kos­ten.

Nichts dar­an ist lus­tig: Wirk­lich im Ernst – gar nichts. Vom fla­chen In­halt und der er­bärm­li­chen In­sze­nie­rung ab­ge­se­hen, sieht der Film auch noch schä­big aus. Ro­man Pol­an­ski, einst ge­fei­er­ter Re­gis­seur von Meis­ter­wer­ken wie CHI­NA­TOWN und DER PIA­NIST, hat nun das wohl dun­kels­te Ka­pi­tel sei­ner Kar­rie­re ge­schrie­ben. Dass man Kunst und Künst­ler tren­nen soll, er­weist sich hier als hoh­le Phra­se, denn im Al­ter von 90 Jah­ren hat sich Pol­an­ski mit sei­nem viel­leicht letz­ten Film end­gül­tig selbst ins Aus ge­schos­sen.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Pa­lace“
Ita­li­en / Po­len / Schweiz / Frank­reich 2023
97 min
Re­gie Ro­man Pol­an­ski

al­le Bil­der © Welt­ki­no Film­ver­leih

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN

POOR THINGS

POOR THINGS

Ab 18. Januar 2024 im Kino

Was passiert, wenn man einer Selbstmörderin das Gehirn ihres ungeborenen Kindes einpflanzt? Auf diese komplexe Frage findet der neue Film von Yorgos Lanthimos (THE LOBSTER und THE FAVOURITE) überraschende Antworten.

Fran­ken­stein 2.0: Der bril­lan­te Wis­sen­schaft­ler Dr. Gor­don Bax­ter (Wil­lem Da­foe) fischt die Lei­che ei­ner Schwan­ge­ren aus dem Fluss. In sei­nem La­bor ver­pflanzt er das Ge­hirn des un­ge­bo­re­nen Ba­bys in den Kopf der jun­gen Frau. Mit viel Blitz und Strom er­weckt er sie an­schlie­ßend zum Le­ben. Bel­la Bax­ter (Em­ma Stone), so nennt er sein Ge­schöpf, macht sich mit kind­li­cher Neu­gier dar­an, die Welt des 19. Jahr­hun­derts zu er­kun­den.

Min­des­tens die weib­li­che Eman­zi­pa­ti­on in Zeit­raf­fer

Vom Prenz­l­pan­ther zum nor­ma­len Men­schen: Bel­la lernt lau­fen, es­sen, sich zu be­neh­men, ent­deckt ih­re Se­xua­li­tät, die Lie­be, die Kul­tur und die Po­li­tik. Was so ein Le­ben eben al­les be­reit­hält. Em­ma Stone spielt sich da­bei in Rich­tung nächs­te Os­car­no­mi­nie­rung. Fas­zi­nie­rend, wie sie sich von ei­nem brab­beln­den, ka­put­ten Spiel­zeug auf zwei Bei­nen vor den Au­gen der Zu­schau­er in ei­ne frei­heits­lie­ben­de, selbst­be­stimm­te Frau ver­wan­delt. Man­che in­ter­pre­tie­ren schon wie­der ei­ne zwei­te BAR­BIE und min­des­tens die weib­li­che Eman­zi­pa­ti­on in Zeit­raf­fer in den Film. Doch PO­OR THINGS ist vor al­lem ein in­tel­li­gen­ter Au­gen­schmaus.

Wil­lem Da­foe sieht un­ter ei­ner di­cken Schicht La­tex selbst wie ei­ne Krea­ti­on Fran­ken­steins aus. Hin­ter der ver­narb­ten Mas­ke ver­birgt sich ei­ne ge­schun­de­ne See­le, sei­nem mons­trö­sen Va­ter sei Dank. Den ge­nia­len Wis­sen­schaft­ler spielt Da­foe zu­rück­ge­nom­men, die Rol­le hät­te leicht in scham­lo­ses over­ac­ting kip­pen kön­nen. „Dumm fickt gut“ müss­te im Fal­le von Mark Ruf­fa­los Fi­gur eher „ei­tel fickt gut“ hei­ßen. Groß­ar­tig, wie er den er­bärm­li­chen Lieb­ha­ber Bel­las der Lä­cher­lich­keit preis­gibt und ne­ben­bei für ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on Män­ner steht, die glaubt, nur durch ih­re Vi­ri­li­tät, könn­ten Frau­en Er­fül­lung fin­den.

Die mit Fisch­au­gen­ob­jek­tiv teils in schwarz-weiß, teils in knall­bun­ten Far­ben ge­dreh­ten Bil­der we­cken dank sur­rea­lis­ti­scher Ku­lis­sen­bau­ten Er­in­ne­run­gen an Ter­ry Gil­liam und Wes An­der­son. Ähn­lich wie die bei­den gro­ßen Ki­no­ma­gi­er er­schafft Yor­gos Lan­t­hi­mos ein­zig­ar­ti­ge, hand­ge­mach­te Fan­ta­sie­wel­ten und lässt sei­ne Fi­gu­ren jen­seits al­ler gän­gi­gen Hol­ly­wood­for­meln agie­ren. Da­bei ist Lan­t­hi­mos noch nicht im Ma­nie­ris­mus fest­ge­fah­ren (im Ge­gen­satz zu An­der­son, der sich seit Jah­ren um sich selbst zu dre­hen scheint), wirkt frisch und auf­re­gend.

Noch bes­ser wä­re PO­OR THINGS wohl nur, wenn man ihm in der Mit­te ei­ne hal­be Stun­de raus­schnei­den wür­de. Es zieht sich zwi­schen­durch ein we­nig. Aber das wird lo­cker durch gran­dio­se Bil­der, tol­le Schau­spie­ler und die bes­ten Tier­fa­bel­we­sen (ein Hund mit Gän­se­kopf!) wett­ge­macht, die seit lan­gem im Ki­no zu be­stau­nen wa­ren. Das Fes­ti­val­pu­bli­kum in Ve­ne­dig war be­geis­tert, am Schluss gab es den Gol­de­nen Lö­wen für den Bes­ten Film. Ver­dient.

INFOS ZUM FILM